Von Eva Fischer

Die Regentropfen fallen leichtfüßig aus dem grauen Himmel und geben Hoffnung, dass sich das gelbe Stroh wieder in grünes Gras verwandelt, dass die Waldbrände endlich gelöscht werden können. Die Menschen verstecken sich nicht länger in ihren Häusern, sondern tanzen auf den Straßen. „Regen, Regen!“ rufen sie glückselig und strecken ihre Zungen heraus, um etwas von dem wertvollen Nass zu erhaschen, das köstlicher als Champagner die Geschmacksnerven kitzelt.  Die Lebensgeister sind neu erwacht. Auch ich würde gerne eine Geschichte schreiben, doch es ist fünf vor zwölf. 

Was soll ich schreiben, was nicht schon geschrieben wurde? Wie soll ich in der Eile mir ein Konzept machen? Einfach so ins Blaue schreiben ohne Netz und doppelten Boden? Die Leserinnen und Leser sind verwöhnt. Sie wollen eine spannende, unterhaltsame Geschichte. Kriege ich das hin? 

Am besten erzähle ich von Diana, der Göttin der Jagd, einer Mischlingshündin mit rehbrauen Augen und rötlichem, seidigem Fell. 

Eines Tages sah ich sie in der Auslage eines Tiergeschäftes, wie sie ihre ersten tapsigen Gehversuche machte. „Guck mal, wie süß!“, riefen die Leute. Ich dachte das auch, ging in den Laden und erstand den Welpen für 50 DM. Ich hatte noch nie einen Hund gehabt, wollte jemanden, der mich beim Spaziergang begleitet, doch dafür war das Tier zu jung. Ich packte es in einen Korb, auch wenn die Hündin das Geschaukel nicht gut vertrug, es zum Kotzen fand.

Anders verhielt es sich beim Auto. Sie verteidigte laut bellend jeden Zentimeter vor Eindringlingen. My home is my car. Der Rücksitz gehörte ihr, so viel war klar. Ich konnte losfahren. Sie würde mein treuer Beschützer sein. Ich besaß damals einen froschgrünen R4, der leicht zu knacken war. Furchterregend sah Diana nicht aus, eher wie eine Diva, die ein Auto und eine Herrin ihr eigen nannte. Unsere erste Fahrt sollte in den Schwarzwald gehen, wo eine Tante von mir wohnte, die sich sicherlich über meinen Besuch freute. Da ich sie nicht so oft besuchte, hatte ich ganz vergessen, dass sie eine Katze besaß, die von unserem Besuch keineswegs erfreut war. Der Klügere gibt nach. Das war eindeutig die Katze unter der Voraussetzung, dass ich Diana während der Fütterungszeit im Auto ließ.

Aber eigentlich wollte ich mit Diana durch die Wälder streifen. Unser Nachbar hatte ihr das Einmaleins des Umgangs mit Menschen beigebracht, so dass sie auch ganz ohne Leine an meiner Seite blieb.  Ich wohnte in der Stadt und nun erlebte meine Hündin einen Mix nie da gewesener Gerüche. Man spürte schon, dass sie mit sich kämpfte, aber dann siegte die Neugier und weg war sie. 

Ich rief und rief, aber meine Stimme verhallte ungehört, zumindest erreichte sie nicht Dianas Ohren. Was sollte ich tun in diesem fremden Wald? Ich kannte mich nicht aus und mein Orientierungssinn ohne städtische Gebäude war gleich null. Was blieb mir anderes übrig als zu warten, bis die Göttin ihr Reh gefunden hatte. 

Ich wartete und wartete. Die Wut kroch in mir hoch. Wie konnte dieses blöde Vieh einfach abhauen? Na wehe dir, wenn du wiederkommst, da gibt es eins mit der Leine auf den Popo. Ich schlenkerte sie kampfbereit vor mir auf und ab. 

Diana kam nicht. Dafür breitete sich Trauer in mir aus. Ich wollte doch meinen geliebten Hund nicht verlieren. Wie konnte ich nur so dumm sein, ohne Leine mit ihr durch den Wald zu gehen. Sie war die Göttin der Jagd. Es war doch klar, dass sie nichts und niemand aufhalten konnte. Tränen kullerten über mein Gesicht,  wurden zu einem Sturzbach und ich schluchzte laut, als mich plötzlich eine Hand an der Schulter antippte. Ich schaute mich erschrocken um und sah einen jungen, gutaussehenden Mann, neben dem brav ein Dobermann stand, natürlich angeleint. „Was ist los mein Fräulein?“- Diese Anrede wäre heute nicht mehr möglich und zeigt neben der Abwesenheit des Handys, dass es sich hier um eine Geschichte älteren Datums handelt.-

„Ist Ihnen ihr Hund durchgegangen?“ Er schaute auf die Hundeleine in meiner Hand. Ich nickte. Zum Glück traute er mir nicht so viel Dummheit zu, dass ich mit einem Hunde unangeleint durch den Wald ging.

„Und was machen wir jetzt?“

Als Antwort schluchzte ich erneut.

„Geben Sie mir mal Ihre Leine?“

Ich stutze, tat aber wie mir gesagt. Der junge Mann gab seinem Hund die Leine zum Schnüffeln.

„Bodo, such!“

Und wusch, weg war er. Der junge Mann stellte sich als Klaus vor. Er war des Försters Sohn und hieß tatsächlich wie mein Kindheitsidol aus den Puckiromanen.

Wir beäugten uns gegenseitig. Ich diskret, er weniger. Beiden gefiel wohl, was sie sahen. Er erzählte von seiner Arbeit und ich Großstadtpflanze bewunderte ihn grenzenlos.

Irgendwann kam Bodo mit Diana, die ich glücklich in Empfang nahm und selbstverständlich gleich anleinte. Diana führte einen Freudentanz auf, als hätte ich sie verlassen und sie mich nach langem Suchen wiedergefunden.

Ich blickte dankbar zu meinem Helden. Leider traute ich mich nicht zu fragen: „Wie wäre es mit einem Finderlohn. Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?“

Er ging mir dann mit einem Händedruck und „alles Gute für Sie“ von der Leine. Zurück blieb die Erinnerung an meinen Traummann mit strohblondem Haar, Kornblumenblauen Augen und einem perfekten Körper wie ein antiker Olympionike.

 

„Am Tag, als der Regen kam

Lang ersehnt, heiß erfleht

Auf die glühenden Felder

Auf die durstigen Wälder

Da erblühten die Bäume

Da erwachten die Träume

Da kamst DU“

Dalida trällert noch immer.  

Ich werde den Ohrwurm einfach nicht los, der nur auf den Regen gewartet hat.