Von Ingo Pietsch
Das Smartphone spielte eine leichte Melodie von Chopin.
Gustav streckte sich unter der Bettdecke, genoss die schwingenden Töne und lauschte der angenehmen Musik.
Es war Montagmorgen, und die Sonnenstrahlen kitzelten den Vierzehnjährigen im Gesicht.
Eigentlich ein wunderschöner Wochenstart – doch nicht für Gustav. Für ihn begann, sobald er das Elternhaus verlassen hatte, ein täglicher Spießroutenlauf.
Er war hochbegabt, hatte jedoch körperliche Defizite. Er sah aus, wie man sich den typischen Nerd vorstellte: übergewichtig, eine Brille mit dicken Gläsern, dazu noch schusselig. Und genau dafür wurde er ständig ausgelacht.
Sein Selbstbewusstsein litt enorm darunter. Soziale Kontakte zu knüpfen fiel ihm schwer, beinahe unmöglich. Seine angeblichen Freunde nutzten ihn aus, wenn es ums Abschreiben oder um Hausaufgaben ging.
Dafür war er ein Genie in Echtzeitberechnungen. Gustav machte keine überflüssige Bewegung, keinen unnötigen Schritt. Das verlieh ihm etwas roboterhaftes, jede Geste wirkte kalkuliert. Doch das nahm er in Kauf. Es gab ihm Kontrolle und schützte sein inneres Gleichgewicht.
Seine Mutter öffnete sanft die Tür. „Schatz, du kommst zu spät zur Schule!“
Gustav sprang so schnell es ihm möglich war aus dem Bett, zog sich an und hastete ohne gefrühstückt zu haben zur Haustür hinaus.
Auf keinen Fall wollte er einen weiteren Eintrag in seine beinahe makellose Schulakte riskieren. Beim letzten Mal hatte ihm das fast ein ganzes Schuljahr lang den Spott seiner Mitschüler eingebracht.
Die nächste Bushaltestelle lag zwei Straßen entfernt. Er lag gut in der Zeit, beschleunigte dennoch.
Wer wusste schon, was dazwischen kommen konnte.
Ein paar Gleichaltrige und eine Seniorin mit Hund warteten bereits.
Normalerweise hänselten sie ihn mit seinem Spitznamen „Dicker Gustav“. Aber wenn Erwachsene in der Nähe waren, unterließen sie es.
Völlig außer Atem stellte er sich dazu.
Unwillkürlich rückten die Jugendlichen ein Stück von ihm ab – angeblich roch er streng. Obwohl er sehr auf seine Körperhygiene achtete, geriet er schnell ins Schwitzen, was ihm selbst unangenehm war.
Der Bus kam. Alle stiegen nacheinander ein.
Bisher hatte es immer einen Sitzplatz für ihn gegeben, doch diesmal war ein neues Mädchen dabei. Sie war bestimmt erst vor Kurzem dazugezogen.
Niemand machte ihm Platz. Einige stellten demonstrativ ihren Schulranzen auf den Nebensitz, sodass Gustav stehen musste.
Gustav mochte das Mädchen sofort. Sie wirkte sympathisch und lächelte ihn sogar an.
Er wurde rot. Bevor es jemand bemerkte und sich darüber lustig machte, senkte er den Blick und spannte seine Armmuskeln an. Den Haltegriff umklammerte er so fest, dass er ihn fast von der Stange riss.
Das ging die ganze Woche so.
Gustav verließ nun jeden Morgen das Haus so spät, dass er der Letzte an der Haltestelle war. Und jedes Mal wurde er von der Unbekannten angelächelt. Das gab seinem Selbstbewusstsein einen enormen Schub.
Das Stehen im Bus und die heimlichen Armübungen zeigten nach einigen Wochen Wirkung.
Gustav fühlte sich fitter, lebendiger.
Die Mobber in der Schule ärgerten ihn zunehmend weniger, und im Sportunterricht stellte selbst der Lehrer fest, dass Gustav beim Laufen länger durchhielt.
Seine Eltern machten sich immer weniger Sorgen, er könne den Anschluss verlieren.
Er verließ das Haus inzwischen mit einem Lächeln.
Dem Busfahrer war allerdings nicht entgangen, dass Haltegriffe ausgeleiert oder sogar angerissen waren.
Er beobachtete genau, wer im Gang stand und das Inventar seines Busses malträtierte.
Schließlich fiel ihm Gustav auf und er beschloss ihm einen Denkzettel zu verpassen.
Eines Morgens, kurz bevor Gustav einsteigen wollte, schloss der Fahrer die Tür und fuhr los.
Gustav hämmerte empört gegen die Tür. Das Mädchen blickte erschrocken zu ihm, als der Bus an ihm vorbeifuhr.
Ohne lange zu überlegen, rannte Gustav los. Die nächste Haltestelle war drei Straßen entfernt. Mit einer Abkürzung über eine Grünfläche, geschnittenen Kurven und exakt kalkulierten Schritten konnte er es vielleicht schaffen.
Doch er war nicht schnell genug. Kraftlos sank er auf seine Knie, als der Bus erneut davonfuhr.
An diesem Tag kam er nur knapp zu spät.
Von da an wiederholte der Busfahrer dieses Spiel jeden Morgen. Die Fahrgäste protestierten und feuerten ihn schließlich an: „Lauf, Gustav! Lauf!“
„Gustav, Gustav!“
Was als Schikane begann, wurde zu seinem Training. Der Busfahrer verlor allmählich die Lust, denn Gustav gab einfach nicht auf.
Nach einer weiteren Woche wuchs Gustav über sich selbst hinaus. Keuchend erreichte er den Bus noch vor der nächsten Haltestelle.
Sein Herz hämmerte – nicht nur vom Laufen, sondern auch, weil das Mädchen ihm erleichtert entgegenwinkte.
Der Busfahrer saß mit offenem Mund da, als Gustav einstieg. Applaus und Jubel brandeten auf. Gustav tippte sich nur an die Stirn und stellte sich an seinen Stammplatz.
Ein Jahr später und etliche Kilos leichter, traute sich Gustav das Mädchen anzusprechen. Er schwamm regelmäßig und stemmte Gewichte. Zwar war er immer noch kräftig gebaut, doch deutlich fitter.
„Hi! Ich bin Gustav. Hast du mal Lust mit mir ein Eis essen zu gehen?“, fragte er mit klopfendem Herzen.
„Ich bin Iralena. Das ist echt nett, aber …“. Weiter kam sie nicht. Ein Junge aus einer höheren Klasse, schob Gustav grob zur Seite: „Finger weg von meiner Freundin, Dicker!“
Gustav wich zurück. So hatte ihn schon lange niemand mehr genannt. Alles in ihm verkrampfte sich.
Der Bus kam. Der Fahrer – inzwischen voller Respekt – winkte ihn einladend herein. Doch Gustav blieb einfach traurig stehen.
Iralena war sein Antrieb gewesen. Und jetzt schien sie unerreichbar.
War das Herzschmerz, was Gustav da fühlte?
Plötzlich machte es Klick.
Er rannte.
Jeder Schritt wohl überlegt, keine Bewegung zu viel.
Schweißüberströmt, mit brennenden Beinen, furchtbaren Seitenstichen erreichte er als Erster das Klassenzimmer.
Seine Mitschüler starrten ihn an, als sie nach und nach eintrafen.
Iralena kam auf ihn zu: „Es tut mir leid.“
„Schon gut, ich bin das gewohnt.“
Ihr Freund hielt Abstand. Einige der Jungen, die ihn früher verspottet hatten, gaben ihm anerkennend einen Faustgruß.
Trotz seiner Niederlage fühlte sich Gustav stark.
Ein weiteres Jahr später war Gustav so fit, dass er den Bus nicht mehr brauchte. Er lief die Strecke mühelos.
Dank seines analytischen Verstandes berücksichtigte er Wind, Regen, jede Unebenheit des Weges.
Im Sportunterricht lief er allen davon und wurde Teil der Schulmannschaft.
Seine schulischen Leistungen litten nicht darunter. Und wenn Iralena und er kein Paar wurden, blieben sie doch beste Freunde.
Gustav lief von nun an überall hin. Sein Körper war muskulös und durchtrainiert. Die Brille trug er weiterhin – allerdings als Sportbrille mit Gummiband. Sein neuer Spitzname lautete „Flash“.
Als Gustav bei den Olympischen Sommerspielen 2036 als Nummer Vier aufgestellt wurde und der Startschuss fiel, dachte er nur an Eines: Iralenas Lächeln.
Und er lief.
V2
