Von Ingo Pietsch

 

Viktor und Leonie schlenderten die Promenade von Brighton Beach an der Südküste von England entlang.
Mit ihrem alten VW-Bus wollten sie Europa unsicher machen, bevor sie nach ihrem Studium ins Berufsleben starten würden.
Von Köln aus waren sie über Österreich, Italien, die Schweiz und durch den Süden Frankreichs gefahren. Hatten einen kurzen Abstecher nach Spanien gemacht und waren dann wieder quer durch Frankreich nach England gefahren.
Die Ferien waren fast zu Ende und sie befanden sich quasi auf dem Rückweg.
So sauber und aufgeräumt es hier am Strand von Brighton Beach war, schüttelte es Viktor bei dem Gedanken an so manchen Zeltplatz.
Hand in Hand gingen sie zwischen den Strandkörben hindurch bis sie am Wasser angekommen waren. Dort zogen sie ihre Schuhe aus, genossen das kühle Nass und die sanften Wellen an ihren Füßen.
Die Sonne brannte schonungslos vom Himmel und trotzdem sie Sonnenbrillen, Hüte und luftige Kleidung trugen, war die Luft kaum erträglich.
Gerade am Meer unterschätzte man leicht die Hitze, da fast immer eine Brise wehte und es einem kälter vorkam, als es tatsächlich war.
Kinder bauten Burgen, Leute sonnten sich, Möwen kreischten, ein Hund sprang in die Fluten.
Es war herrlich idyllisch.
Nachdem Viktor und Leonie eine Weile spaziert waren, entdeckten sie einen Eisstand am Uferweg und gingen darauf zu.
Sie kauften ein Eis und setzten sich auf eine der vielen Bänke.
Die Pärchen musste sich mit dem Schlecken beeilen, da es bestimmt über dreißig Grad waren und das Eis ruckzuck flüssig wurde.
Sie lehnten sich zurück und beobachteten völlig entspannt noch eine Weile das Treiben am Strand, als Leonie Victor anstupste und sagte: „Guck mal darüber!“
Victor beugte sich vor und sah nach links.
Dort saß, auf der nächsten Bank, eine Gestalt, eingehüllt in einen dicken Mantel, mit Schal und Mütze.
Immer wieder setzten sich Touristen, wie Victor erkannte, auf die Bank und machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse, ohne sich aber über die Person lustig zu machen.
Wahrscheinlich war es ein Straßenkünstler, der sich nur alle paar Minuten bewegte und dann die Leute erschreckte.
Ab und zu wehte der Wind die Mütze vom Kopf des Künstlers.
Wenn dies geschah, sammelte, egal wer gerade vorbeikam, die Mütze ein und setzte sie ihm wieder richtig auf. Manche tippten sich auch an die Stirn und grüßten ihn.
Victor und Leonie fanden das Interessant und nach einer Viertelstunde standen sie auf und gingen zu der anderen Bank und setzten sich zu der Gestalt.
Sie verharrte weiter in ihrer Position.
Leonie tippte sie mit dem Finger an. Sie fühlte sich hart an, nicht wie ein Mensch. Und sie hatte sich auch nicht ein Stück bewegt.
Jetzt erkannten sie auch, dass die Beine und Schuhe nicht echt waren. Aus Metall, möglicherweise Bronze.
Es war eine Statue, die in winterliche Kleidung gehüllt war.
Eine kleine Tafel war auf der Rückenlehne Bank angebracht. Darauf eingraviert stand: Charlie – The blitz.
Victor und Leonie konnten damit nichts anfangen.
Dieser Charlie musste etwas besonders gewesen sein, dass man ihm zu Ehren diese Statue aufgestellt hatte.
Das Pärchen wollte schon Googlen, als ihnen der Eisverkäufer wieder einfiel, der sich unweit von ihnen befand. Einheimische hatten immer ein paar mehr Infos, als die öffentlichen Internetseiten.
Zum Glück stellte sich heraus, dass der junge Mann eine Zeit lang in Deutschland studiert hatte und besser Deutsch sprach, als sie Englisch und so erklärte er ihnen: „Das ist Charles, auch Charlie genannt. Ein Waisenjunge. Obdachlos. Zu jeder Jahreszeit lümmelte er am Strand herum, auf der Suche etwas zu essen, was die Touristen weggeworfen hatten. Manchmal schlief er auch unter einem der Bootshäuser. Er war hier nicht gerne gesehen mit seiner schäbigen Kleidung und so scheuchten ihn die Ladenbesitzer der Promenade immer fort.
Abends, wenn es dunkel wurde, saß er genau auf dieser Bank.
Seine besondere Fähigkeit war, dass er besser sehen und hören konnte, als alle anderen.
Als die deutsche Wehrmacht im zweiten Weltkrieg ihre Angriffe auf England flog, war Charlie stets der Erste, der die Flugzeuge hörte oder sah. Sogar bei Sturm, Nebel oder bei Nacht. Seine Sinne waren so fein, dass er es besser als jede Technik verstand war, Flugzeuge Orten zu können. Beim ersten Mal, als er die Anwohner warnen wollte und wild mit den Armen wirbelnd und schreiend umherlief, prügelten ihn die Leute vom Strand, doch als tatsächlich ein Angriff stattfand, ließen sie ihn gewähren.
Von nun an saß Charlie den ganzen Tag auf dieser Bank und starrte auf das Meer. Die Anwohner brachten ihm Essen und Kleidung und die Kinder respektierten ihn, indem sie vor ihm salutierten und dann weiterliefen.
An einem Wintermorgen, als ihm jemand ein heißes Getränk geben wollte, stellte man fest, dass er über Nacht erfroren war.
Wahrscheinlich hat er tausenden Menschen das Leben gerettet.
Und deshalb wird diese Statue regelmäßig eingekleidet und gepflegt.“
Victor und Leonie überkam trotz der Hitze ein Schauer, als sie die Geschichte gehört hatten und die sie wohl nie vergessen würden.