Von Christian Günther

»Hey, Mike!«

Ich schloss die Haustür ab und drehte mich zur Stimme um. »Ja, grüß di, Vivian! Wos is, wirkst g’stresst?«

»Wecker überhört«, erklärte die Tochter der Kollegin Monika. »Mama hat Spät, schläft noch. Ist doch mein erster Tag heut! Den Bus nach Ruhpolding schaff ich nich mehr, der nächste kommt erst in einer Stunde.«

»Da solltest ned zu spät kimma. Bist aufg’regt?«

»Ein wenig schon.«

»Hast dir oan richtigen und wichtigen Beruf ausg’sucht als Sanitäterin.« Ich entriegelte den fast zwanzigjährigen Mitsubishi Lancer, der zu Zivilfahndungszeiten der Dienstwagen war. Inzwischen ging ich wieder mit Uniform auf Streife und nutzte ihn bei Kilometerstand 250000 zuverlässig privat weiter. Rückgebaut ohne mobiles Blaulicht oder Funk.

»Setzt du mich am Krankenhaus ab? Ist nich weit weg von deinem Revier.«

»Freilich! Wo’n sonst? Bei dem Wetter werdet’s ihr sicher oft g’rufa heit.« Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten die Felsen des Rauschberges. Zwei Schwalben flog über uns hinweg und landeten auf der Regenrinne.

»Ja, das befürchte ich!« Sie öffnete die Autotür. »Vielleicht laufen wir uns sogar über den Weg. Fährst du wieder mit der Miri?«

»Na, ned wieder, immer! Is jetzt mei feste Partnerin auf Streife und ned bloß Krankheitsvertretung. Seit gestern is amtlich: ’s Revier derf oane mehr hom. Ihr tut des guad, dass des amoi klappt hod.«

 

*

 

War es morgens nach klarer Nacht noch erträglich gewesen, stiegen die Temperaturen schon im Laufe des Vormittages in unangenehme Höhen. Selbst Miriam, die schlanke achtundzwanzigjährige Blondine mit langem Zopf, kam ins Schwitzen. Die Schutzwesten lagen auf dem Rücksitz. Sie löste die Krawatte, um den obersten Hemdknopf zu öffnen.

»Wechseljohr können’s bei dir ned sei, Miri«, meinte ich augenzwinkernd.

»I geb dir glei, Mike!« Sie tippte lachend an ihr Holster. »Denk dran, i hob a Waffen. Wenn’s den Abend erleben wuist, sei artig!«

»Jo, ’s Wetter is mörderisch heit! Aber ’s is oan Grad koider als gestern: Nua fünfunddreißige!«

Der 3er-BMW Touring der bayerischen Polizei stand zum Mittag im Schatten auf einem Parkplatz nahe dem Taubensee. Einen Kühlschrank besaß er leider nicht, dementsprechend warm war das Wasser in unseren Plastikflaschen. Wer nicht arbeiten musste, war in einem der Bäder oder Seen der Umgebung. Auf der B305, der deutschen Alpenstraße, brausten nur selten Autos durch die langgezogene Kurve zwischen den Wiesen. Ein weißes Käfer-Cabriolet nahm, typisch knatternd mit seinem Boxermotor, die Steigung Richtung Inzell hinauf.

»Wagen TS-89, für Zentrale?«, hörten wir über Funk.

Miriam griff durch das geöffnete Fenster auf der Beifahrerseite in den Innenraum. »Wagen TS-89, Homberg hört«, bestätigte sie. »Zentrale, fahren Sie fort!«

»Einsatzort Laubau, erste Brücke links nach langer Gerade im Wandergebiet. Bei Zufahrt über Holzknechtmuseum. Wissen Sie, welche ich meine?«

»Brücke bekannt, ja!«

»Männliche Person liegt im ausgetrockneten Bachbett. Ansprechbar, aber kann sich nicht bewegen. RTW auf dem Weg. Sichern Sie die Stelle bitte vor Interessierten ab?«

»Wagen TS-89, verstanden, Homberg und Steiner fahren hin!«

 

*

 

Blaulicht und Sirene waren bei dem geringen Verkehr und den wenigen Kilometern Entfernung verzichtbar. Auf der langen Geraden vor der Brücke schlossen wir zum vor dem Einsatzort haltenden Rettungswagen auf.

»Na, was hab ich dir gesagt, Mike«, rief Vivian, die mit der Notärztin unterwegs war, mir zu: »Wir sehn uns!«

»Wie viel hast scho g’habt?«

»Das ist der dritte Einsatz.«

»Sie mocht des guad«, lobte die Ärztin und sah über das Brückengeländer aus Holz. Das Bauwerk als solches war aus Beton und asphaltiert. »Kimma obi zu Eahna«, rief sie zum Mann, der gut zwei Meter tiefer lag.

»Is scho recht«, antwortete dieser.

»Mir kümmern uns um die Leut«, teilte Miriam den Retterinnen mit. Gut ein Dutzend mutmaßlich wasserscheue Menschen standen auf der fünfzehn Meter langen, einspurig befahrbaren Brücke. Einer filmte mit dem Handy den Verletzten.

Vivian und die Ärztin stiegen die Böschung herunter, suchten sich einen Weg durch das Gestrüpp. Die Leute auf der Brücke setzten ihre Wanderungen nach unserer Aufforderung dazu fort. Zum Parkplatz beim Museum, Richtung Taubensee oder Biathlonzentrum. Nur der Typ mit dem Handy filmte weiter. Sein neuer Kumpel Charly habe das erlaubt. In solch einer Notsituation sei man selten.

»Dennoch is des pietätlos«, fand Miriam, einige Meter vom Filmer abseits stehend. »Meinst neda, Mike?«

»Wenn der des erlaubt hat, Miri«, erwiderte ich. »Versteh’n müss mir des ned. Drehn heut halt alle durch.«

Die Versorgung sahen wir uns nicht an. Miriam wandte dem Geländer den Rücken zu. Ich scheuchte eine Fliege weg, die auf einem meiner drei Sterne landen wollte.

»Ah gä, hau ab«, schimpfte ich: »Geh auf dei’n Kuhfladen z’ruck!«

Trotz der Entfernung konnten wir die Worte leise hören, die unten gesprochen wurden.

»Vivian«, stellte sie sich dem Verletzten vor. »Ich bin die Sanitäterin, und das ist Dr. Bögler, die Notärztin.«

»Hobe die Ehre«, erwiderte dieser.

»Is Eahna ned z’warm?«, fragte die Ärztin. »Wo tuat’s denn weh bei Eahna?«

»Na, grod neda warm. War über d’ Nacht droben bei den Schwarzachen Almen, dort hom’s mir mei Kleidung g’stohl’n. Do war nur dieser bleede Mantel, sonst wär i nackert g’wesen. Hier auf der Brücken is mia dann schworz vor Aug’n wor’n mit dem dicken Ding. Der Rücken, do bin voll auffig’foll’n.«

»Da können Sie gleich bei der Polizei Anzeige erstatten«, schlug Vivian vor.

»Besser als bleed rumzusteha, gä?«, kommentierte Miriam leise in die Stille.

»Oan Kleiderdieb sucha«, stöhnte ich. »Bist narrisch, Miri! Ned dei Ernst?«

»Ah gä, der Dieb is do bestimmt scho über alle Berg«, nahm uns der Patient nach Überlegung die Entscheidung ab.

Miriam zwinkerte mir zu. »Glück g’hobt, Wechseljähriger!«

»Den Mantel müssen wir zur Untersuchung aufmachen«, fuhr Vivian unten fort. »Ist das okay für Sie? Darf ich?«

»Freilich dürfen’s des!«

»Okay. Aaah …!«

Ein lauter Knall unterbrach Vivians panischen Schrei. Die Brücke begann zu zittern, es bildeten sich Risse. Geistesgegenwärtig packte ich Miriam. Im Fallen hob sich das Teilstück, auf dem wir standen, an. Nur Zentimeter, gefühlt waren es Meter. Während ich hart auf dem Asphalt landete, fiel sie vergleichsweise weich – nämlich auf mir. Allerdings war der Sturz nicht beendet, es ging weitere zwei Meter herunter ins Bachbett. Miriams Nase machte beim Aufprall mit meinem Kinn Bekanntschaft. Brocken schlugen um uns herum auf die Steine, Staub wurde aufgewirbelt und wir verhüllt.

Die Kollegin wirkte benommen. »Erst Jobretter, dann Lebensretter. Du machst di, Mike! Wos is’n passiert, wos wor des?«

»Mir brauchen Verstärkung, sehr viel Verstärkung«, antwortete ich hustend.

 

*

 

Für die schöne Landschaft mit den dichten Wäldern und den diversen Gipfeln vor dem blauen Himmel hatte ich kein Auge. Konsterniert sah ich in das Bachbett. Unzählige Planen deckten Stellen ab, schützten Körper sowie Körperteile vor Blicken. Spuren wurden gesichert. Feuerwehr und THW waren neben einem großen Polizeiaufgebot vor Ort.

Vor mir lag ein zersplittertes Handy. Dessen Besitzer, sich direkt über dem Schauplatz aufhaltend, hatte es ebenso erwischt. Unter einem kniehohen Betonstück sickerte kontinuierlich Blut hervor und sammelte sich in einer Mulde des Bachbetts.

Ich ballte meine Hände zur Faust. Wer rechnete mit so etwas? Hier auf dem Land und in der Idylle? Die hatte Risse bekommen, das würde lange vorhalten! Konnte das überhaupt jemals vergessen werden?

Irgendjemand würde es Monika sagen müssen. Sie war so stolz gewesen auf Vivians Berufswahl. Es war ihr erster Tag voller Elan und zugleich der letzte. So unnötig! Nie die beste Schülerin, aber dafür hatte sie sich richtig auf den Hintern gesetzt und mit der Note Eins die Ausbildung abgeschlossen. Monikas einzige Tochter, der Vater und Ehemann vor vier Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Die Ärztin Bögler war vor Kurzem zum wiederholten Mal Mutter geworden. Ihr Mann, der den Haushalt schmiss, nun mit drei Kindern allein, das älteste neun.

Miriam wandte sich von einem Seelsorger ab und trat mit Tränen in den Augen zu mir. Ich nahm die junge Kollegin in den Arm und drückte sie ganz fest. Sie begann zu schluchzen und ihre Schultern bebten.

 

*

 

Spätnachmittags saßen wir apathisch bei Maximilian im Büro. In der Hand hielt der Chef ein Portemonnaie. »Ein Stück entfernt an einem Busch abgelegt«, berichtete er mit leiser Stimme. »Karl Wiesenbrunner. Er hat vor einem Jahr Sohn und Frau durch einen selbstverschuldeten Unfall verloren. Beide verstarben im Krankenhaus, ihnen konnte nicht geholfen werden. Das hat er nie akzeptiert, meinte, die Ärzte hätten versagt. Zudem wurde bei ihm letzte Woche Krebs diagnostiziert.«

 

*

 

In ziviler Kleidung verließen wir das Revier.

»Vier Tote«, meinte Miriam nachdenklich. »I kann des immer no ned realisier’n.«

»I a ned.« Mehr fiel mir nicht ein. Ich hatte in einem Vierteljahrhundert Polizeidienst – zivil und uniformiert – schon viel erlebt, aber das …

»Zum Glück hat der ned schon vorher … die vielen Leut dort …« Miriam stockte.

»Er hat bewusst auf d’ Rettung g’wartet.«

»Könn mir no wos trinken gehn, Mike? I moan, auf di wartet eh niemand, seit dei Freundin und ihr Bua aus’zog’n san. I mecht grad ned aloa sei.«

»Jemand andres eventuell a ned. Aber nua, wenn sie’s zulasst! Seelsorge hod’s ned in Anspruch nehma woll’n. Vorhin, als sie ’s ihr mitgeteilt hom.«

»I hoff, sie is ned bös mit uns …?«

 

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