Von Kornelia Wulf
Anton hört die feste Hand auf seine Schulter knallen. Mein Gott, da ist es wieder, denkt er, dieses elende Knacken. Bestimmt wird Jens sich morgen ins Fäustchen lachen. „Alles hart“, wird er sagen, Jens, sein Leib-und-Magen-Osteopath, „da hat wohl wieder der Abzug geklemmt.“ Vorsichtig dreht Anton den Kopf zur Seite, schaut in ein verwaschenes Augenpaar, aus dem die Promille im zähen Fluss tropfen. Jeden Freitag treffen sie sich im „Hirschen“ zur gleichen Stunde, zum Stammtisch der Aufbruch-Philosophen. Genau – nur Hochgeistiges wird hier gesoffen, denkt Anton grinsend, während er an dem Meisterdrink nippt, der wie Zuckersirup an seinem Gaumen klebt, bevor es ihm auf die Geschmacksknospen schlägt. Igitt, wie grässlich, denkt er, als hätte ich in eine bittere Wurzel gebissen. „Hey, da geht noch einer“, kräht neben ihm Jost und Anton spürt in der Schulter ein nervöses Zucken. Stumm ächzend bestellt er die dritte Runde. „Ich hätte da mal eine delikate Frage“, hört er von schräg gegenüber. „Hat es schon geklappt mit dem Date?“ Leicht verschämt schlägt Anton die Lider nieder. Der Ralf hatte ihm den Link dieser App geschickt. Noch alles echte Frauen, in seine Nachricht getippt, die kennen ihren Platz. Garantiert. Nicht die mit den kalten Emanzenleibern, bei denen das Bett zum Eisblock gefriert. Ein Strudel aus Lachen saugt ihn ein, in dem sein Nicken gurgelnd versinkt, als er den letzten Schluck vom Jägerschnaps trinkt.
***
Anton atmet die kühle Abendluft ein. Vielleicht wird sie die Wellen im Kopf vertreiben. Ha – Ausnahme wagen! hatte er gedacht, während er ein feines Kribbeln in den unteren Bereichen wahrnahm. Mich heute mal nicht an der Rhabarberschorle festhalten. Mich endlich eins fühlen mit den Brüdern im Geiste. Doch zwischen den Schläfen pocht noch das Lachen, das mit Pressluft in seinen Ohren geknallt hatte, bevor sie sich mit einem Waidmannsruh umarmten. Mittlerweile stürmen die Wogen in seinem Magen. Gleich wird er sich seinen Kräutertee kochen, die spezielle Mischung. Anton könnte es schwören: die riecht noch nach Mutter. Jeden Abend pustete er den Dampf von der Tasse, die sie ihm ans Bett gebracht hatte. Manchmal hört er noch ihre Stimme, verwaschene Silben, die etwas von ach, armer Junge murmelten. Und irgendetwas von Konstitution. Mit traurigem Blick, tiefernst im Unterton. Entspannt lehnte er den Kopf an die weichen Kissen, spürte sein Hupferl hinab in den Magenraum rinnen, bis der sich wie eine warme Höhle anfühlte. Dann ließ er den Theo am Tassenrand nippen, kraulte ganz sanft sein Teddybauchfell. Auch Lizzy durfte trinken. Und sofort begann ihr rotbraunes Schwänzchen zu zittern. Vorsicht, heiß! hatte er geflüstert, nicht wieder kippen, spielerisch an den Ohrspitzen des Eichhörnchens ziehend.
Mit einem Seufzer wiegt er sich aus den Gedanken heraus und schließt leicht schwankend die Haustür auf. Auf dem Weg zur Küche hebt er den Kopf, ruft ein joviales „Hi, Eddie“ hinauf. Und Anton schaut in zwei schwarze Mandelaugen. Die scheinen ihm zuzuzwinkern aus dem imposanten Keilerhaupt, das wie ein Wächter hängt über dem Eingang ins Hobbyzimmer. Auch das Kind im Mann braucht seinen Raum, sagt Anton immer.
Einen Moment lang verharrt er unter den mächtigen Hauern.
Ja – es war Eddie, der ihn ihm was bewegte.
Sein erstes Stück Wild, das er erlegte und nach dem Aufbrechen selbst präparierte. Vater hatte ihm diesen Kurs spendiert, kurz bevor er die Schule verließ. Taxidermie für den innovativen Jägernachwuchs (oder so ähnlich).
Und wieder holen ihn die Gedanken ein. Anton lässt sich auf den harten Boden der Erinnerung fallen.
… abends kam er in sein Zimmer gerannt – nein, nicht mit duftendem Tee in der Hand, sondern mit einem Zipfel zwischen den Fingern – mein Gott, wie hatte die Tüte aus Plastik geknistert. Und Anton spürte kleine Eisspitzen in seinem Rücken, als Vater Theo und Lizzy am Schopfe packte, so roh und völlig unempathisch, und sie in das Dunkel des Beutels verfrachtete. Auch die zehn anderen, die noch friedlich ruhten auf dem Dauneneiland. Vater hatte etwas von „verwöhnt“ und „wachsweich“ gebrummelt, etwas von „wo ist der Mann ein Mann“ genuschelt, ihn um fünf in der Früh aus den Kissen gerissen und Anton mit auf die Jagd genommen.
Ja – die alten Zeiten, die möchte er nicht missen. Anton überfällt ein gerührtes Schlucken. Doch jetzt weg mit den Gedanken, rasch den Tee aufgießen. Dann ab ins Bett. In wenigen Stunden kommt sein Date.
***
Punkt zehn. Ein langes Klingeln. Anton stolpert durch den Flur. Rasch ein schmerzender Kniff in die Rippen, kurz bevor er die Haustür öffnet. Nein, kein Traum. Sie steht tatsächlich vor ihm. Sein Blick fliegt über die schlanke Silhouette, über rotbraune Strähnen, glattgekämmt, bevor er in dunklen Kugelaugen festhängt. Im Schwung ihrer Lippen ein feines Lächeln.
„Guten Morgen, Antoscha. Hier bin ich!“
Kein Laut klackert auf den Terracottafliesen. Sein Date scheint fast über den Flur zur Garderobe zu fliegen, vor der Anton ihr den Mantel abnimmt, in den er sich heimlich mental versenkt.
Oh – wie herrlich weich ist dieses Fell!
Den Pelz habe sie von ihrer Oma geerbt, sagt Ljudmila, und lässt sich auf dem Sofa im Wohnzimmer nieder. Bei ihren Großeltern sei sie aufgewachsen, in einer Kleinstadt, nahe der Taiga. Ihre Mutter habe sich aus dem sibirischen Staub gemacht, als Ljudmila noch in den Milchträumen lag.
„Ach, ich vermisse meine Babulja und den Dedjulja Fjodor.“ Ljudmilla beißt sich auf die zuckenden Lippen, während die Kugeln sich formen zu dunklen Tropfen, in denen Anton ein verdächtiges Glitzern wahrnimmt, als sie von Opa Fjodors Bartspitzen erzählt. Ach, wie hätten die in den Halskuhlen gekitzelt. Jahrelang habe er kleine Fehs gejagt – Ljudmilla deutet auf ihren Mantel – bis seine Firma pleite gegangen sei. Nein – kein Mensch wolle mehr das Echte, nur noch verdammtes Fake Fur an seinem Körper. Aber sie wolle an ihm die wahre Wärme spüren, und ihr Finger folgt der ausladenden Kurvenspur, entlang der Brüste, verharrt auf der Hüfte. Statt Tropfen sieht Anton nun Kugeln blitzen und fühlt ein dezentes Schwitzen, als er in den unteren Bereichen ein gewaltiges Kribbeln wahrnimmt. Aus dem trockenen Hals dringt nur ein Krächzen, als Anton etwas von Teekochen murmelt.
„Ach Antoscha, bleib sitzen. Wo ist die Küche? Ich mach das für Dich.“
Minuten später nippt Anton am Glas. Vielleicht ein bisschen bitter? Der schmeckt heute irgendwie nach fremder Mutter, sinnt er. Anton starrt auf die langen Nagelspitzen, die bis auf den Grund der Nussschüssel sinken, die er als Snack auf den Tisch gestellt hatte, hört die kräftigen Zähne krachen, gründlich Kern für Kern zermalmend. Mühelos könnten die die harte Schale knacken, denkt er noch, bevor die Konturen vor ihm zu schwimmen beginnen, die Kugelaugen ihn an Gondeln erinnern, die sich in schwindelnden Riesenradhöhen drehen. Alle Gedanken zerfasern, während sein Kopf auf das Sofa kippt. Schwach spürt er Nagelspitzen in seine Achseln ritzen, hört sie von schlechter Rendite schimpfen, als sie an der Brieftasche im Sakko zieht. Und etwas von herrje, wieder nur VW, während irgendwo der Smart Key klimpert. Durch einen Lidspalt erspäht er Lujdmillas Lippen. Gefangen in einer Übelkeitswelle vernimmt er Worte, verzerrte Silben, die nach armer Antoscha und schwächlicher Konstitution klingen, die seinen Arm lähmt und alle Sinne, als Anton nach ihrem Hals greifen will.
Nach Stunden, die wie Sekunden erscheinen, stemmt Anton sich hoch auf wackligen Beinen. Er schwankt hinüber ins Hobbyzimmer. Holt seine Büchse aus dem Schrank, sammelt die letzten Reserven zusammen. Er spürt einen seltsamen Druck im Bauch. Eine Welle aus Wut spuckt heißen Schaum, bevor hinter ihm die Haustür zu knallt.
***
Den Kolben fest in die Schulter gedrückt, spürt Anton kalten Schweiß über den Brustkorb fließen. Gerade hat er die drei Kilometer geschafft – die Straße entlang, links in den Stadtwald. Sein Atem hört sich pfeifend an, fast, als ob die Lunge entweiche.
Entspann dich endlich! herrscht er sich an.
Den Körper leicht nach vorn gebeugt, hält er den Lauf Richtung Haselstrauch. In dem hocken zwei rotbraune Fellknäuel auf einem Ast. Anton starrt in die dunklen Kugelaugen, in denen er Spott zu lesen glaubt. Er spürt in seinem Finger ein feines Zittern, als dieser Gondelspuk wieder anfängt. Verflucht, denkt Anton, kurz bevor er den Abzug durchzieht.
Der Schaum nun zu lauer Brühe zerflossen, reibt Anton sich über die müden Augen. Und greift nach dem schlaffen Eichhörnchenkörper, der vor ihm auf dem Waldboden liegt. Das andere hat panisch Reißaus genommen.
***
Er greift mit der Pinzette nach den zwei kleinen Kugeln, drückt sie behutsam in die passende Öffnung. Perfekt, Anton nickt zufrieden, was für ein Glanz. Wie schwarze Jade strahlen die Augen ihn an. Sachte zupft er an der Spitze des Eichhörnchenöhrchens. „Du wirst viel Spaß haben in unserer Runde.“ Und seine Hand zieht einen Bogen um Dachs und Marder, die sich mit den zehn anderen auf Tisch und Regal verteilt haben. Anton greift nach dem Haselzweig in seiner Tasche, an dem noch die kernigen Früchte hängen, schiebt ihn ganz langsam unter die Pfötchen.
Wie putzig, denkt Anton, eben wollte es noch nach der dicksten Nuss greifen …
V2 9194 Z.
