Von Helga Rougui

Hessen. Anno Domini ca. 1260.

 

Ganz Deutschland ist von Wald bedeckt, im Waldeck besonders. Baumbedeckte Hügel und Hänge, auf einem Bergvorsprung ein Dorf, eine kleine Stadt, immerhin wurden ihr ca 1254 die Stadtrechte verliehen. Also muss eine Stadtmauer her, Schutz gegen Feinde an der Südgrenze der Grafschaft. Ein Haupttor gibt es, eine Hauptstraße, die schnurgerade durch die kleine Ansammlung von Katen und Häusern führt und die Stadt in zwei Hälften teilt. Sie endet vor der hinteren Mauer, hinter der nach ein paar Metern Gestrüpp und niedrigem Buschwerk  das Gelände steil abfällt, nicht zu erklettern, für keinen Feind.

 

Allerlei Lebendiges wohnt in dem grünen Blattwerk, das den kurzen Streifen Erde vor dem Abgrund bedeckt, Mäuse, Käfer, Igel, jede Menge kleines Getier.

Die großen Tiere äsen im Wald. Rehböcke, Ricken, Kitze, Hirsche, Hirschkühe, Kälber.

Im Sommer wird das Leben für sie gefährlich, es ist die Zeit der großen Jagden, und wenn der Jagdaufseher dem Fürsten meldet, ein prächtiger Vierundzwanzigender sei in der Gegend um Burg Lichtenfels gesichtet worden, dan heißt es das Jagdhorn geblasen und Aufbruch zur Hatz.

 

Der Hirsch wird aufgescheucht, die Jagdgesellschaft folgt ihm von Versteck zu Versteck, allen voran der Fürst auf seinem Rappen, das Jagdschwert schwingend, der Hirsch flieht und flieht, die Bracken immer hinter ihm, keine Zuflucht ist sicher, langsam bricht die Dunkelheit herein, aber die schützt das Tier nicht, der Fürst bleibt ihm auf den Fersen, Panik ergreift das Tier, gibt es keinen Ausweg, da, ein Platz, ein offenes Tor, eine Straße, es rast mit donnernden Hufen bis ans Ende, der Weg ist versperrt durch eine düster umschattete Mauer – und der Fürst, immer dicht, allzu dicht hinter ihm – beide nähern sich dem Steinwall in rasendem Galopp, und der Hirsch setzt an zum Sprung, erhebt sich in die Luft, steht einen Moment fast still, um auf der anderen Seite schwungvoll aufzuschlagen und in vollem Lauf über den Hang hinauszuschießen und in der Tiefe zu verschwinden. Und der Fürst immer hinterher, auch ihm gelingt der Sprung, auch er galoppiert auf den Abgrund zu, stürzt hinab

– nein! –

sein Ross bäumt sich auf, schreckt zurück vor etwas direkt vor seinen Hufen – und wirft den Fürsten ab, der sich und das Etwas vor dem wilden Getänzel des schaumbedeckten Tieres in Sicherheit bringt.

Der Fürst fühlt ein Stechen in den Handflächen, schaut genauer hin, er  sinkt auf die Knie und dankt Gott für die Rettung, für das Stacheltier – zur rechten Zeit am rechten Ort.

 

Der kleine Retter, ausgestattet mit einer reichlich bemessenen Apanage, bekommt einen lebenslänglichen Unterschlupf beim Bürgermeister, Fürst Heinrich ehrt ihn mit einer goldenen Kette und einem Triumphzug durch die Stadt und verfügt, dass zum Gedenken an seine wundersame Rettung jährlich ein Fest gefeiert werde: das Igelfest am Montag vor Pfingsten in Fürstenberg, der Igelstadt, bis heute.

 

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