Von Marielle Lemmer
So bizarr! So weit außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass es nur ein Traum sein kann. Doch als ich aus dem Schlaf hochschrecke und meine Augen aufreiße, wird mir klar, dass hier Vieles passiert.
Und nichts davon ist ein Traum.
*
Ein bunte Menge, lachende Menschen. Die strahlende Sonne über einer Bühne voll leidenschaftlicher Musiker. Laute Bässe, die die Leute zum Tanzen animieren, die Menge zum Springen bringt. Momente purer Lebensfreude. Ein Festival mit alten und neuen Freunden; und einem witzigen Dinokostüm. Mit Erinnerungen, die mir bis heute ein Lächeln auf die Lippen zaubern – und der Anfang einer zutiefst verstörenden Begegnung.
*
Stille am Telefon. Stille gefüllt mit Schock und Ratlosigkeit. Ich wünschte, ich könnte das Gesicht meiner Freundin sehen. Ihre Reaktion. Während sich meine Stimme beim Erzählen überschlägt; in einer Mischung aus unterdrückten Tränen und Wut.
„Glaubst du mir?“, frage ich schließlich.
„Natürlich“, antwortet Hannah. Gefolgt von erneuter Stille.
*
Manchmal ist es leichter, die Schuld bei sich zu suchen, als die Realität zu verstehen. Ich entschuldige mich sogar per Sprachnachricht, dass ich keinen Kontakt mehr will – bevor ich seine Handynummer blockiere und lösche. In dem verzweifelten Wunsch, ihn nie wieder sehen zu müssen.
*
„Ernsthaft? Das hätte ich niemals von ihm gedacht!“
Ich zucke zusammen; ein Satz, den jeder schon mal gehört hat. Und dieses Mal betrifft es mich.
*
„Am Samstag gehen wir alle zusammen ins Kino. Bist du dabei?“ Ich zögere, unsicher wie ich meine Antwort formulieren soll. „Keine Sorge, David wird nicht kommen.“
Ich atme erleichtert auf und sage zu. Erfüllt von Dankbarkeit, dass meine Freunde zu mir halten, obwohl sie David schon so viele Jahre kennen.
*
„Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir denken können, dass er was von mir will“, erzähle ich einer Freundin. Eine, die David nicht kennt.
„Ja und?!“ Sie klingt wütend. „Das rechtfertigt gar nichts! Hör auf, Dinge zu relativieren!“
Ich nicke. „Er wusste von Anfang an, dass ich einen Freund habe.“
Meine Freundin seufzt. „Du tust es schon wieder.“
*
Nach dem Festival schreiben wir per Whatsapp.
Ich habe nie zwischen männlichen und weiblichen Freunden unterschieden – warum sollte ich auch? Freundschaft passiert einfach.
*
Als ich den Campus betrete, dröhnt mir laute Musik entgegen; ich lächle. Eine Feier der Technik-Fakultät. Ich entdecke Bierpong-Tische unter einem orangenrotem Himmel. Gut gelaunte Studenten und sorgloses Lachen. Es wird ein Abend, der viel zu schnell vergeht, gefolgt von meiner letzten verpassten Bahn – und meiner gedankenlosen Frage, ob ich auf seinem Sofa übernachten kann. Wir sind ja Freunde.
*
Ein Trugschluss. Mein Trugschluss.
„Sowas passiert nur mit zwielichtigen Gestalten. Mit Fremden.“
*
„Gute Nacht, schlaf gut.“ David gibt mir Kissen und Decke und verlässt sein Zimmer, um weiterzufeiern. Er sei noch nicht müde.
*
„Ich verstehe es nicht. Er studiert Biologie, gibt freiwillig Nachhilfe und engagiert sich ehrenamtlich! Und Hannah ist schon seit vielen Jahren mit ihm befreundet!“, sage ich atemlos, während ich an meiner Menschenkenntnis zweifle. „Und auf dem Festival hatten wir alle zusammen so viel Spaß!“
Lautes Schweigen, in dem uns allen die Worte fehlen.
*
Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Blockade meiner Zunge – bestehend aus Scham und der irrationalen Furcht vor den Blicken der Leute.
*
Er behauptet, dass er sich an nichts erinnern kann; er hätte zu viel getrunken. Ein Teil von mir wünscht sich, dass er lügt. Ein anderer Teil hofft auf die Wahrheit.
Und ich nicht weiß, was ich schlimmer fände.
*
Ich reiße die Augen auf; merke, dass es kein Traum ist. Im Dunkeln sehe ich einen Körper, dessen Umrisse schwach von den Straßenlaternen beleuchtet werden. Ein Körper, der vollkommen nackt über mir steht. Ein Bild, dass sich für immer in mein Gedächtnis einbrennt.
*
Es fühlt sich an, als wäre ich verraten worden – obwohl mir nie jemand etwas versprochen hat.
*
Ich trete ihm in den Bauch, schnappe meine Sachen. Dankbar dafür, dass ich nicht erstarrt bin. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er hinfällt, sich seine Boxershorts anzieht, während ich aus dem Wohnheim fliehe. Mitten in der Nacht hetze ich über den Campus und rufe das Taxi, das ich von Anfang an hätte nehmen sollen.
*
Das schlimmste Gefühl. Zu wissen, dass die eigenen Wünsche egal sind. Reduziert zu werden auf das, was man in dem Moment ist. Nur ein Körper.
*
Im Taxi halte ich meine Tränen zurück und versuche, das Bild von David aus meinem Kopf zu kriegen. Starre verzweifelt auf die Nähte der Sitzpolster vor mir; dennoch sehe ich es. Eingebrannt in meine Pupillen. Wie er nackt über mir steht und mir beim Schlafen zusieht – während er sich wie selbstverständlich auf mich einen runterholt.
*
Nein, das hier ist Vieles. Aber ganz bestimmt kein Traum.
V1 / 4.773 Zeichen
