Von Franck Sezelli
Dezember 1808 im Salon der Caroline Bonaparte, Élysée-Palast, Paris
Das Auftragen des Hauptganges überwachten der Chef de Cuisine und sein Sous Chef persönlich. Erlesener Hirschbraten, in Blätterteig gehülltes Rinderfilet, am Spieß gebratener und mit einer feinen Farce gefüllter Kapaun wurden hereingetragen. Truite au Bleu aus fangfrischen Forellen ergänzten diesen Gang. Nachdem alles zu ihrer Zufriedenheit auf der großen Tafel angerichtet war, zogen sich die beiden stolz in die Küche zurück.
»Hast du das bemerkt?«, fragte der Koch seinen Stellvertreter, »der Talleyrand und Fouché saßen nebeneinander und schwatzten recht vertraut miteinander.«
»Ja, ich habe mich auch gewundert, das sind doch Erzrivalen«, antwortete der Sous Chef.
»Das weiß Paris seit vielen Jahren. Einerseits haben sie zusammen gewirkt und großen Anteil am Aufstieg Napoléons, andererseits sind sie harte Konkurrenten um seine Gunst. Fouché ist mächtig in der Innenpolitik, Talleyrand als langjähriger Außenminister ein Fuchs in der Diplomatie. Ich glaube, der hochadelige Talleyrand ist voll tiefer Verachtung für den von unten gekommenen Polizeiminister, der ihn wiederum von seinen Spionen überwachen lässt.«
»Von guten Bekannten habe ich gehört, dass die beiden in verschiedenen Pariser Salons schon Arm in Arm flaniert sind, so bei Madame Récamier und bei der Vicomtesse de Laval«, setzte der zweite Chefkoch nach.
- Januar 1809: Palacio Real Valladolid, temporäre Residenz Napoléons, Spanien
Gut gelaunt verließ der Kaiser sein Arbeitszimmer nach der Besprechnung mit seinen Marschällen und Generälen über die weitere Strategie im Kampf gegen die Briten. Am Vortag war deren Anführer General Moore in der Schlacht bei La Coruña gefallen. Die britische Armee war auf der Flucht aus Spanien.
Da übergab ihm der Staatssekretär Hugues-Bernard Maret einige Briefe. »Sire, diese Nachrichten sind soeben eingetroffen. Auch ein Schreiben Ihrer Schwester, Majestät, und des Erzkanzlers sind darunter.«
Noch im Flur, im Beisein seines Vertrauten, brach er das Siegel von Cambacérès, seines loyalen Stellvertreters im Staatsrat. Beim Lesen entschlüpften ihm Ausrufe wie »Das kann doch nicht wahr sein!« oder »Doch nicht diese beiden …«. Nachdem er auch den Brief von Caroline gesichtet hatte, befahl er, die Marschälle und Generäle wieder ins Arbeitszimmer zu rufen. Zu seinem treuen Mamelucken Roustam Raza, der unauffällig hinter ihm wartete, sagte er: »Überbringe den Leuten von General Savary und General Duroc meine Order und lauf dann in den Stall, um alles vorbereiten zu lassen. In einer Stunde brechen wir gemeinsam auf. Ich werde in Paris gebraucht.«
Zurück bei den Marschällen setzte der Kaiser Marschall Soult als Befehlshaber des II. Korps ein mit dem Auftrag, die Reste der britischen Truppen zu zerschlagen. Auch die anderen Marschälle erhielten neue Aufgaben.
- Januar 1809, Palais des Tuileries, Paris
Jean-Jacques-Régis de Cambacérès, der Erzkanzler, war äußerst verblüfft, als er an diesem Tag in den Tuilerien-Palast gerufen wurde. Niemand hatte ihm gemeldet, dass Napoléon aus Spanien zurück war.
»Was haben Sie mir da geschrieben von einer geheimen Verschwörung von Talleyrand und Fouché gegen mich? Mein Schwager Murat soll Kaiser werden nach meinem Sturz? Oder unser Bruder Joseph, schreibt Caroline. Das stinkt alles nach Verrat! Was wissen Sie darüber?«
»Sire, entschuldigen Sie bitte, ich musste Sie warnen. Es gibt viele Gerüchte, und ganz Genaues weiß ich nicht. Aber das Seltsame ist, dass es so aussieht, als hätten die beiden sich verbündet, obwohl sie sich doch nicht ausstehen können. Ziemlich sicher ist, dass der Polizeiminister Fouché und der Großkammerherr Talleyrand über Ihre Nachfolge, Sire, nachgedacht haben. Es kann sein, dass sie dabei nicht an Ihren Sturz gedacht haben, sondern sich Gedanken gemacht haben, was passieren würde, wenn Ihnen auf dem Feldzug in Spanien etwas zustößt. Unser Frankreich soll dann nicht führerlos ins Chaos stürzen. Deswegen haben die beiden wohl Seine Majestät, Ihren Bruder Joseph, und auch Joachim Murat, den Gatten Ihrer Schwester, im Sinn gehabt. Aber ohne Sie, Sire, darf man doch nicht über Ihre Nachfolge entscheiden wollen. Das ist in meinen Augen Verrat.«
»Danke, Cambacérès, dass Sie so umsichtig waren und mich informiert haben. Halten Sie weiter Ihre Augen offen. Ich werde sehen, wie ich reagiere. Zu niemandem ein Wort über unser Gespräch!«
- Januar 1809, in den Fluren des Tuilerien-Palast, Paris
Der Comte de Ségur begegnete Talleyrand unweit des kaiserlichen Arbeitszimmers. Der Großkammerherr und enge außenpolitische Berater Napoléons wirkte auf ihn seltsamerweise ein wenig derangiert. Er, der doch für seine stets äußerst gepflegte Erscheinung, die sorgfältig gewählte elegante Kleidung, für den aufrechten Gang trotz seiner Behinderung, kurz für sein stolzes Auftreten, bekannt war. Der Comte wusste, dass der Kaiser einen Kronrat einberufen hatte, aus dessen Beratung Talleyrand gerade gekommen sein musste. »Bonjour, Monsieur, die Zusammenkunft bei seiner Majestät hat heute wohl ungewöhnlich lange gedauert?«, erlaubte sich Sègur ihn anzusprechen.
»Da haben Sie recht, Monsieur le comte.«
Und im Davongehen hörte der Comte noch: »Es gibt Dinge, die man nie verzeiht.«
- Januar 1809 abends, Salon der Vicomtesse de Laval, Rue Roquépine, Paris
Auch am Abend dieses schicksalhaften Tages suchte Talleyrand, wie so oft, den kleinen exklusiven Salon seiner ehemaligen Geliebten Laval auf. Selbstbewusst betrat er die Räume, in denen er wie viele andere Vertreter des alten Adels, Intellektuelle und Diplomaten regelmäßig verkehrte. Obwohl man seinem bekannt undurchdringlichen Gesichtsausdruck nichts ansah, bemerkte die aufmerksame Vicomtesse doch eine dunkle Gefühlsregung bei ihrem Stammgast. Außerdem waren ihr schon Gerüchte zu Ohren gekommen.
»Mon ami, kann ich Sie aufheitern? Bedrückt Sie etwas? Was gibt es Neues aus der Umgebung Napoléons?«
»Ma chère amie, das muss ich berichten. Die heutige Zusammenkunft bei Napoléon schien ihm wohl nur dazu zu dienen, mich vor den versammelten Größen des Landes abzukanzeln. Zunächst sprach er lang und breit davon, dass alle Würdenträger nichts weiter wären als die ausführenden Organe seiner Gedanken. Später wandte er sich an mich, baute sich direkt vor mir auf, dabei auf den Füßen wippend wie es kleine Männer so an sich haben, lief vor mir auf und ab und redete sich immer mehr in Rage. Er verstieg sich dazu, mir Verrat vorzuwerfen, aber ohne den Umstand zu benennen, auf den er sich bezog. Er beschimpfte mich in geradezu unflätiger Weise und drückte mir seine abgrundtiefe Verachtung aus. Weil ich seinen Spanienfeldzug nicht gutheiße, meinte er, ich würde seine dortigen Angelegenheiten vor allen Leuten in schamloser Weise schlecht reden. Schließlich charakterisierte er mich ehemaligen Bischof als einen gottlosen Mann, dem nichts heilig wäre, der seine Pflichten verletzt und so weiter et cetera. Ich kann das gar nicht alles wiederholen.«
Die Vicomtesse de Laval empörte sich: »Wie, das hat er Ihnen alles ins Gesicht gesagt?«
»Oh ja, es war beschämend – wohl mehr für ihn als für mich. Er entblödete sich nicht, sogar die Untreue meiner Frau anzuführen. Ich glaube, er war nahe daran, mich zu ohrfeigen. Jedenfalls sah ich den Anwesenden an, dass sie mich schon hängen sahen. Aber ich bin ruhig geblieben, habe alles an mir abprallen lassen, was Napoléon wohl noch wütender gemacht hat. Er schäumte, er könne mich wie ein Glas zerbrechen, aber er würde mich zu sehr verachten, um sich diese Mühe zu machen.«
»Und Sie, mon ami, sind ruhig geblieben? Sie haben sich nicht auf ihn gestürzt?«
»Aber nicht doch, ma chére amie, er ist der Kaiser! Auch wenn ich ihn dazu gemacht habe und er mich immer brauchen wird. Wenn er wüsste, dass ich zum Wohl unseres geliebten Frankreichs auf dem Fürstenkongress in Erfurt im vergangenen Oktober dem Zaren davon abgeraten habe, sich mit Napoléon gegen Österreich zu verbünden, dann hätte er Grund, mich des Hochverrats anzuklagen. Aber das weiß er nicht!«
»Warum haben Sie das gemacht?«
»Sie wissen doch, ma chère amie, und das habe ich Zar Alexander auf seine verwunderte Frage auch gesagt, dass ich nie einem Herrscher diene, sondern immer nur meinem Land, und dabei auch immer das Gleichgewicht in Europa im Auge habe.«
»Sie sind immer ein sehr guter Diplomat gewesen«, bemerkte die Laval voller Bewunderung.
»Die schlimmste Beleidigung, die ich wohl nie vergessen werde, die ich aber trotzdem tief in mir vergrabe, habe ich Ihnen noch gar nicht erzählt. Der große Feldherr von Austerlitz rutschte auf etwas aus, das er nicht hätte aussprechen sollen. Sie werden diese Unflätigkeit nicht glauben. Wörtlich hat er zu mir gesagt: Sie sind nichts weiter als Scheiße in einem Seidenstrumpf!«
»Das kann doch nicht sein! Wo er Ihnen so viel zu verdanken hat.«
Talleyrand beendete seinen Bericht, den alle Anwesenden mit Empörung angehört hatten, mit den Worten: »Es ist wirklich schade, dass ein so großer Mann so schlecht erzogen ist.«
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Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.
(Charles Maurice de Talleyrand)
V1: 9158 Z.
