Von Kornelia Wulf

 

Leska nagt am Apfel herum. Zuckt zusammen, als sie ein Knacken hört. Ihre Zunge fährt an den Beißflächen entlang. Gottseidank ein Kern, denkt sie und nicht der Zahn, den Butzen in die Türtasche stopfend. Einen Moment liegen die Hände im Schoß gefaltet, bevor ihr Finger dem Scheitel folgend an den Strähnen des Zopfes zupft. Mit Ruck schiebt sie das Gummi hoch, bis sie am empfindlichen Ziepen spürt, dass das Haar wieder stramm anliegt. Und wieder landen die Hände auf den Schenkeln. Dass ihre Knie nie stillhalten können. Wen wunderts, brummt Leska, schon geschlagene zwei Stunden. Gestern hatte Beuchert sie und Chris ins Büro zitiert. „Auf keinen Fall eingreifen“, gesagt, „nur observieren.“ Dann spielte er Ping Pong mit ihrem Blick. „Und – dass wir uns recht verstehen. Falls nötig auf Verstärkung warten.“

Leska dreht den Kopf zu Chris herüber. Wie der da so ruhig sitzen kann. Peng, sie sieht den Knopf abplatzen, grüne Schuppen auf weißem Sixpack wachsen. Genau, denkt sie stumm lachend, wie der Alligator-Buddha auf dem Balkon meines Nachbarn.

Leska drängt die Gedanken zur Seite. Jetzt. Sofort. Zurück zur Sache, pfeift sie sich an.

„Ich gehe kurz rüber und peile die Lage.“

Neben ihr ein gequältes Schnaufen.

„Oh Mann,“ seufzt Chris, „was hast du an Beucherts Worten nicht verstanden?“ Aha, Leska grient, der Alligator lässt endlich Dampf ab.

Sich aus den Wagen schälend schüttelt Leska die Worte ab und hört die Autotür sanft ins Schloss fallen.

Fast lautlos schleicht sie durch das Gras. Milchiges Licht fließt auf Disteln und Halme. Der Mond bricht das dichte Dunkel des Himmels. Gottseidank hell genug, denkt sie, als ihr Kopf Richtung Geräusche fliegt. Raues Lachen, zischende Laute, in denen Leska ein José und Belgium wahrnimmt. Sie hastet über Wildwuchs, den Rücken geduckt. Sucht Deckung hinter einer verdorrten Ligusterhecke, ganz nahe dem Objekt, einem alten Haus. In ihrem Ohr ein feines Rascheln. Ein braunes Blatt bleibt im Pulli hängen, während sie den Kopf nach rechts geneigt auf fünf Männer starrt. Verteilt stehen die da um einen dunklen Fleck im Gras. Im Mondlicht sieht sie Nässe schimmern. So viel Starkregen in diesem Sommer, denkt sie. Vielleicht ein Tümpel aus Stauwasser. In ihrem Blickfeld ein bauchiger Schatten. Der Mann in der Mitte schwenkt ihn in der Hand. Verdammt. Was ist das? Leska kneift die Augen zusammen, als sein Körper den Halt verliert, das Bein wie ein kaputter Propeller zu rudern beginnt, bevor sein Stiefel im Fleck versinkt.

„Shit”, schallt herüber. Dröhnendes Prusten.

„Hey Jay, watch your step. Why so much drinking? Deine Leber kann keine Klimmzüge machen.“

„Huh?“

„Oh what, forget it und leg endlich Flasche weg. Gleich kommt José. Wenn der das sieht,“ Leska glaubt, eine geballte Faust im Nachthimmel zu sehen, „you know what happens then.“

Hastig streift sie das Blatt von der Schulter ab, tastet sich Richtung Objekt an der Hecke entlang. Du darfst dich jetzt nicht mehr ablenken lassen. Dann. Ein Knall, leidvolles Quaken, das ihr bis ins Mark fährt. Leska biegt die Zweige auseinander. Stählerner Glanz spiegelt sich im Mondlicht. Der Mann in der Mitte schwenkt nun den Revolver. Mit der anderen Hand bewegt er einen Schatten vor seinem Gesicht.

„Yo Dieter, these frog legs are killer!“

“Yeah Jay, but only with a bit of garlic butter.”

 Ein donnernder Rülpser.

„Okay“, tönt die prustende Stimme, „ich höre, es schmeckt.“

Ein letztes Mal schnellt ihr Kopf nach rechts, kurz bevor Leska die Deckung verlässt. Ihr Herz scheint hinter der Stirn zu klopfen. Ab zum Objekt! flüstert sie keuchend. Nur ein winziges Stück Weg noch. Vor ihr das Gebäude, kastig und kahl. Direkt neben einem Waldstück an der A8. Zuvor eine Pension, in der Monteure ihre kurzen Nächte verbracht hatten, bis die Schlepperbande ihre Tentakel weit danach ausgestreckte und es für ihr Klientel komplett übernahm. Ganz nah klingt das Rauschen der Autobahn. Leska lässt ihren Atem treiben. Nach jedem Zug nimmt sie es klarer wahr. Den Körper eng an die Fassade gedrängt, erreicht sie hinter dem Fallrohr die Rückfront des Hauses. Ihr Blick streift über die fahlgraue Wand. An der Ecke gegenüber ein Müllcontainer, aus dem aufgeplatzte Tüten quellen. Vor den Rollen im Gras weiße Gummigebilde, die engelsrein im Mondlicht schimmern. Kein Wunder bei der Klientel dieses Hauses, brummt Leska. Eigentlich eine Beleidigung für das Tier, es Schweine zu nennen. Die Augen gleiten über die Stahltür, versenken sich in dem müden Fensterschein neben ihr. Sie presst die Stirnfalten an die Scheibe, taxiert ein karges Zimmer, verbeulte Spind Schränke, in denen die Türen an nur einem Scharnier noch festhängen. Vermutlich die Personalumkleide der Pension, denkt Leska, vor dem windigen Mietabschluss. Sie richtet den Blick auf die Mitte des Raumes. Er bleibt in den Gesichtern der fünf Frauen hängen, die sie an ein Vexierbild erinnern. Jung. Nein – verlebt. Kommt darauf an, wie man es sieht, sinnt Leska. Sie lümmeln sich im Halbdunkel auf Matratzen, über die eine LED-Birne unmotiviert flackert. Ganz vorn liegt eine Blonde auf beflecktem Bezug. Wie ein auf Junkfood programmierter Roboter stopft sie Chips in den Mund. Ihren Kopf gelehnt an einen fleischarmen Schenkel, fast wie im Lotussitz angewinkelt. Leska versucht, den Blick elastisch zu halten, spürt einen Stich Neid, während sie ihn Richtung Schultern leitet in dies Gesicht, klar und hauchfein, das ihr wie ein Glass Skin erscheint. Einen Moment schonungslose Helle im LED-Licht. Es enttarnt die blauen Flecke, flüchtig von einer Schicht Rouge verdeckt. Kurz kreuzen sich ihre Augen. In den Blick der Lotusdame schießt nackte Panik. Nur für einen Wimpernschlag. Genauso rasch entleert er sich wieder. „Ich hol euch daraus“, will Leska schreien, als sie die Hand auf der Schulter spürt. Sie wirbelt herum, ballt ihre Faust. Atmet laut auf. Nur Chris´ Gesicht, in das sie schaut.

„Mensch, Les…“.

„Los, hol aus dem Wagen die Hebelklaue“, schneidet sie ihm das Wort ab.

„Hey, bleib cool! Verstärkung naht. Ich habe sofort den roten Knopf gedrückt, als du …“

„Nein, wir dürfen nicht warten. José Pérez soll hier gleich persönlich aufschlagen. Die wollen die Frauen nach Belgien schleppen!“

Im Mondschein wirft Chris´ Körper seltsame Schatten. Wie ein skoliotischer Salamander, denkt Leska, sich ein Lachen verkneifend.

„Aber Beuchert wird uns zur Schne …“

„Hast du das Foto von der Kleinen vergessen, die aus dem Sex-Knast ausbrechen wollte? Kein Wunder, dass sie Pérez el Dolor nennen.“ Tief im Magen ein brennendes Stechen. Warum muss ich jetzt an zarte Schenkelchen denken? fragt sich Leska.

„Okay, überredet, ich hole die Klaue.“, hört sie Chris schnaufen, einen Moment dem Geräusch seiner Schritte folgend.

Den Kopf Richtung Scheibe gedreht, spürt sie wieder das kühle Glas an der Stirn. Konzentriert formen ihre Lippen die Silben. „Keine Angst, ihr kommt daraus.“ Die Lotusdame schaut auf, weitet den Blick und wie von einem unsichtbaren Faden gezogen, setzt sie Fuß vor Fuß, hebt zögernd den Arm, öffnet den Griff. Ungläubig tasten Leskas Augen den Rahmen ab. Schon längst hätten sie aus dem Fenster herausklettern können. Aber in ihnen quillt die Angst. Die bei mir wohl in einem Strom aus Wut versank, spinnt Leska den zittrigen Faden weiter.

… den Blick hinauf zur Gaube gerichtet, sieht sie sich festgeklammert am Fallrohr hängen, wie ein Äffchen an einer eiserstarrten Liane. Gerade hatte sie aus der den Abflug gemacht. Vater wollte sie einfach nicht gehen lassen, zu Ivys Hausparty, weil sie sich gestern ein paar Minuten verspätet hatte. Voll ätzend, daraus eine Prinzipien-Affäre zu machen.

Leska durchfährt ein Frösteln und Zähneklappern.

… als sie zurückkam, hatte er die Tür verschlossen. Fast zwei Stunden musste sie in der Frostluft hocken. Bis Mutter ihm das Ultimatum stellte.

Was sie sich hätte sparen können. Leska pustet sich eine imaginäre Strähne von ihrer Stirn. Wochen später nur hatte sie sie mit diesem Yeti sitzen lassen, der ihr als Kind stets wie eine Statue vorkam, von deren Podest man nur abrutschen kann. Im Revier ist er bestens bekannt. Als der Herr Richter, für den nur Recht vor Gnade gilt. Steinbeißer wird er dort genannt.

In ihre Gedanken dringt ein Wimmern. Die Frauen vor ihr drängen sich aneinander, als könnten sie so die Glieder am Zittern hindern. Ein letzter Chip verschwindet im Mund, die anderen trudeln aus dem Fenster. Leska schwingt ihren Arm, spürt ein reißendes Knacken.

„Los“, stöhnt sie keuchend.

Die Beine suchen Halt vor der Hauswand.

„Kommt, nur ein kurzes Stück durch den Wald.“

Die fünf folgen ihr aneinandergeklammert. Der Pfad führt nach links. Die Böschung hinab. Zwischen den Bäumen blitzt Schotter im Mondschein auf.

„Seht ihr dahinten die Tankstellenlichter?“ Ein braves Nicken. „Ich bring euch über den Betriebsweg zur Raststätte.“

Leska spannt ihre Muskeln an – jetzt bloß nicht abgleiten auf dem Abhang! – als sie ein „Schnell, versteckt Euch!“ hört – echt blechern klingt Chris´ Stimme -, dem folgt ein „Oh damn!“, – Nein oh nein. Nicht der Froschmann! – In Leska gehen alle Sirenen an. Auch hinter ihr fängt das Geheule an. Endlich. Die Kollegen. Gottseidank. Gerade fühlt sie den Atem fließen, als ein wuchtiger Stoß die Mitte trifft, die sich wurmgleich zusammenkrümmt und sie den Luftzug nicht mehr spüren lässt. Und Leska fällt zurück ins tückische Nichts, das sie nicht schützt vor der dunklen Decke, die sie wie ein Bündel einschnürt. Bis ein fahler Strahl den Stoff durchdringt.

Ein lästiges Kratzen streift ihre Wange. Träge gleiten die Augen zur Seite. Herrje, Beucherts Sakko. „Wenigstens hast du die Schutzweste nicht vergessen.“ Von irgendwoher wellt die Stimme. Vergebens versucht sie ein Wort zu hauchen. Der stechende Schmerz zerschneidet den Atem. „Hey, nicht schlappmachen. Ich sehe schon die Lichter des Rettungswagens.“ Leska spürt seine warme Hand auf ihrer Schulter. Einen Moment lang vertreibt sie die innere Kälte. Tief beugt der Chef den Kopf hinab. „Steinbeißer hätte die Traute nicht gehabt“, hört sie ihn flüstern.