Von Friederike Freund
„Ach, das klappt schon.“
Tim grinste, während er den Schlufanzug über seine Kleidung zog. Der Tourführer, Gerard, hatte erklärt, dass der Anzug die normale Kleidung vor dem feuchten Ton in der Höhle schützen sollte.
„Da unten ist es eng und nass“, hatte er gesagt. „So fühlst du dich wohler.“
Tim setzte den Helm auf und schaltete die Stirnlampe ein. An seiner Ausrüstung klirrten Karabinerhaken. Ein kleiner Hammer und ein Meißel stießen gegeneinander, als er sich einmal im Kreis drehte.
„Na? Wie sehe ich aus?“
Gelächter umgab ihn.
„Wie ein echter Höhlenforscher!“
Mit sechsundzwanzig Jahren besaß Timothy Wayne Smith noch jene unbekümmerte Zuversicht, die Gefahren für etwas hielt, das anderen zustieß. Vielleicht war es genau diese Leichtigkeit gewesen, die seine Frau Marylynn an ihm liebte. Sie waren seit fünf Jahren verheiratet, hatten eine dreijährige Tochter und erwarteten bald ihr zweites Kind. Tim hoffte auf einen Sohn.
Vorher wollte er noch ein Abenteuer erleben: mit seinem Bruder Fred und mehreren Cousins ihrer großen Familie die Nutty Putty Cave besuchen, eine Kalksteinhöhle nahe dem Utah Lake. Tim hatte sich vorgenommen, durch den „Geburtskanal“ zu kriechen, einen der engsten Durchgänge der Höhle.
„Ich werde heute noch einmal geboren“, scherzte er. „Vielleicht erinnere ich mich dann daran, wie ich es beim ersten Mal geschafft habe.“
Gerard hob die Hand.
„Nehmen Sie die Tour nicht auf die leichte Schulter. Hier sind schon Besucher steckengeblieben. Wir konnten sie bisher alle befreien, aber das ist kein Grund, Risiken einzugehen. Bleiben Sie auf den markierten Wegen und zusammen. Verlassen Sie die Route nicht.“
„Wo bleibt denn da das Abenteuer?“, fragte einer der Cousins.
Gerard sah ihn ernst an. „In einer Höhle wollen Sie keine Abenteuer erleben. Sie wollen heil wieder herauskommen. Wenn Sie mir nicht versprechen können, sich an meine Anweisungen zu halten, gehen Sie nicht mit.“
Die Gruppe nickte. Einer murmelte: „Schon klar. Können wir jetzt?“
Einer nach dem anderen verschwand durch das enge Loch im Boden. Gerard stieg zuerst hinab, die anderen folgten. Tim ging als Letzter. Ein weiterer Führer blieb oben zurück.
Die Höhle wechselte zwischen hohen Kammern und niedrigen Gängen, in denen man nur auf Händen und Knien vorankam. Kalter, zäher Ton klebte an Tims Handschuhen. Seine Stirnlampe schnitt einen schmalen Lichtkegel in die Dunkelheit. Vor ihm kroch Fred. Im Licht sah Tim das breite Hinterteil seines Bruders.
Ob der damit überall durchkommt?
Er grinste. Sein Herz schlug schneller, und tief im Bauch regte sich dieses vertraute Warngefühl, das Marylynn gern als seinen inneren Wächter bezeichnete.
„Ach was“, murmelte er. „Wenn es gefährlich wäre, hätten sie die Höhle nicht wieder geöffnet.“
Die Nutty Putty Cave war für ihre engen Durchgänge bekannt. Einige trugen Namen, die wenig einladend klangen: „Helmet Eater“, „Scout Eater“ und „Birth Canal“. Tim wusste, dass Besucher sich dort schon festgesetzt hatten. Trotzdem machte er sich keine Sorgen. Er war schlank; Fred hatte ihn als Kind oft damit aufgezogen, dass er sich hinter einem Fahnenmast verstecken könne, ohne dass man ihn sah.
Der Geburtskanal musste bald kommen. Gerard hatte gesagt, der Eingang sei markiert. Tim sah eine kleine Öffnung vor sich. Vielleicht war sie es. Dahinter, erinnerte er sich, sollte ein weiterer Gang zurück auf die Hauptroute führen. Wenn er dort durchkam, konnte er Fred überholen.
„Na, dicker Arsch“, flüsterte er und kicherte.
Schon seine Eltern und Fred hatten seinen Hang zu unpassenden Witzen missbilligt. Miss Billigend, dachte er. Ein passender Name für seine ältere Schwester Sarah.
Tim schob sich in die Öffnung, die Arme nach vorn gestreckt, wie Gerard es geraten hatte. Das Licht seiner Stirnlampe verlor sich im engen Gang. Vor ihm schien es weiterzugehen. Er zog sich mit den Fingern vorwärts. Ein Stück weit kam er noch, dann lagen seine Arme eng an den Seiten.
Er drückte mit den Fußballen gegen den Fels. Nichts.
Shit. Shit. Shit. Sitze ich hier fest?
Er rief. Seine Stimme klang dumpf und blieb irgendwo vor ihm hängen. Niemand würde ihn hören. Nur seine Füße ragten noch aus der Öffnung. Er strampelte, so kräftig er konnte.
Inzwischen war sein Fehlen aufgefallen. Fred und Gerard machten sich auf die Suche.
„Er wollte durch den Geburtskanal“, sagte Fred.
Doch als sie die enge Passage erreichten, war sie leer. Auch zwei weitere Höhlenführer kamen hinzu. Die übrigen Besucher wurden zum Eingang zurückgebracht; niemand sollte sich unnötig in Gefahr bringen.
Die Männer durchsuchten die Gänge, riefen Tims Namen und schwenkten ihre Lampen. Dann bemerkte einer von ihnen Bewegung in einem Tunnel. Er kroch vor, mit einem Seil gesichert. Im Licht sah er Tims Stiefel aus einer Öffnung ragen.
Der Führer rüttelte an den Sohlen. Sie bewegten sich.
„Tim?“
„Ich stecke hier wie ein Korken in einer Flasche“, kam Tims gedämpfte Stimme. „Holt mich raus, ja?“
Der Führer bewegte Tims Stiefel auf und ab, als würde er damit nicken.
Zurück bei den anderen erklärte er, was er gesehen hatte. Tim schien in einer Sackgasse festzustecken. Sie brauchten Flaschenzüge, Seilwinden und etwas, womit sie ihn aus seiner Lage befreien konnten.
An der Oberfläche waren bereits Rettungsmannschaften alarmiert worden. Fred stand wie erstarrt.
„Tim, du Idiot“, murmelte er immer wieder.
Im engen Gang versuchte Tim, ruhig zu bleiben. Der Korkenvergleich kam ihm noch immer passend vor. Nur ein guter Schluck Wein fehlte.
Dann pochte das Blut in seinem Kopf. Er hing kopfüber, und die Kopfschmerzen wurden stärker. Etwas legte sich um seine Fußknöchel. Ein Zug folgte. Tim rührte sich nicht.
Der Rucksack saß fest wie ein Dübel in der Wand. Je stärker man zog, desto mehr schien er sich zu verkeilen.
Hinter ihm schob jemand etwas unter seinen Körper, vielleicht eine Platte. Wie ein Tortenheber unter einem Stück Torte, dachte Tim. Selbst jetzt konnte er sich den Scherz nicht verkneifen. Marylynn würde lachen, wenn er es ihr später erzählte.
Dann dachte er zum ersten Mal bewusst an sie.
Sie hatte schon oft versucht, ihn vor sich selbst zu retten. Im Yellowstone-Nationalpark hatte er einmal unbedingt in einer heißen Quelle baden wollen. Marylynn hatte das Warnschild gesehen und ihn gerade noch davon abgehalten, halbnackt ins säurehaltige Wasser zu steigen.
Und jetzt das hier.
Hinter ihm bewegte sich wieder etwas.
„Wir richten ein System ein, damit wir dich mit Wasser und Sauerstoff versorgen können“, rief eine Stimme.
Dann hörte Tim: „Marylynn ist auch hier.“
Erleichterung und Sorge kamen zugleich. Was würde diese Geschichte seiner schwangeren Frau antun?
„Tim, halte durch“, sagte sie. „Die ganze Gemeinde ist hier. Alle beten für dich.“
Tim wollte antworten. Doch die Enge presste ihm die Stimme aus der Kehle.
Mehr als 24 Stunden war er nun in dem Gang gefangen. Rund 130 Männer arbeiteten an seiner Rettung. Immer wieder versuchten sie, ihn herauszuziehen. Nichts bewegte ihn auch nur einen Zentimeter.
Tim starb 27 Stunden nach seinem Einstieg in die Höhle an Herzversagen. Sein Leichnam konnte nicht geborgen werden. Um zu verhindern, dass Neugierige nach ihm suchten, sprengte man den Abschnitt, in dem er lag. Später wurde die Höhle dauerhaft versiegelt. Am Eingang erinnert heute eine Plakette an den tragischen Vorfall.
Bald darauf kam Tims Sohn zur Welt.
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