Von Franck Sezelli

»50 mal 35 cm, das müsste es sein«. Franck kam mit dem Brett aus der Küche, wo er es gefunden hatte. Beim Auspacken des schweren Möbelpakets hatten sie einfach die vielen verschiedenen Bretter ringsum an die freien Wände der Wohnung gestellt, um leichter wieder heranzukommen.

»Ja, das sollte es sein, dort die drei kleinen Löcher und an der anderen Seite die zwei größeren«, bestätigte Elisabeth. »Das ist E2 und kommt links hin.«

Die beiden waren nun schon den zweiten Nachmittag damit beschäftigt, den Schreibtisch zusammenzusetzen. Der sollte in das Arbeitszimmer der neuen Wohnung kommen, aber vorher als provisorischer Esstisch dienen.

Völlig unerwartet und daher auch unvorbereitet mussten sich Elisabeth und Franck um eine neue Bleibe für ihre regelmäßigen Besuchsaufenthalte in Deutschland kümmern. Es war plötzlich nicht mehr möglich, wie in den letzten zwölf Jahren in der seinerzeit auch von ihnen eingerichteten Gästewohnung im Haus von Tochter und Schwiegersohn unterzukommen. Stichwort Scheidung sollte zur Erklärung genügen.

Für künftige Aufenthalte musste eine Alternative her. Das Paar hatte sich daraufhin entschlossen, gleich eine solche Wohnung zu suchen, die es weiter nutzen könnte, wenn es aus Alters- oder Gesundheitsgründen wieder nach Deutschland zurück übersiedeln müsste. Und die beiden hatten Glück! Innerhalb kürzester Zeit hatten sie mehrere Wohnungen besichtigen und schließlich eine fast sofort anmieten können.

Nun waren sie in ihrem fortgeschrittenen Alter dabei, wie ein jung verheiratetes Paar diese Wohnung von Grund auf einzurichten. Sie durchstreiften Möbelhäuser und Baumärkte, suchten im Internet nach Kühlschrank, Waschmaschine, Kochgelegenheiten, Gardinenzubehör usw. Ab und zu warteten sie in der neuen Wohnung, auf dem Fußboden sitzend und gekaufte Möbel zusammenbauend, auf Lieferungen von Bett, Couch, Kleiderschrank …

Trotzdem besuchten sie wie bei allen früheren Aufenthalten Bekannte und Verwandte in und außerhalb der Stadt – und natürlich die Ärzte. Die arthritischen Schmerzen im Knie von Franck konnten auch die wöchentlichen Spritzen der Orthopädin nicht beheben. Kein Wunder bei der Dauerbelastung, die durch das tägliche Treppauf und Treppab beim Transport von Kisten und Taschen mit Büchern, Geschirr und anderem Krimskrams aus der ehemaligen Bleibe in die neue Wohnung entstand.

Verzweifelt mussten die beiden einsehen, dass auch die Kunst der Ärzte ihre Grenzen hat. Trotz Magen- und Darmspiegelungen schon in den ersten Tagen des Deutschland-Aufenthalts, die Elisabeth zuteil geworden waren, gefolgt von einer Computertomografie des Bauchraums, konnten die Ursachen ihrer schon länger bestehenden Magen- und allgemeinen Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit bis häufiger Übelkeit nicht geklärt werden. Wegen des durch den erzwungenen Umzug anhaltenden Stress bekam die chronische Gastritis offenbar neue Nahrung. Elisabeth nahm immer mehr ab und wurde zunehmend schwächer.

Nach dem endgültigen, eigentlich ergebnislosen medizinischen Befund und der Planung der neuen Küche, die im Herbst geliefert werden würde, brachen die Gestressten nach sieben Wochen den Aufenthalt, der eigentlich nur drei Wochen dauern sollte, ab und reisten zurück nach Frankreich in ihr Zuhause.

Am letzten Abend, den sie in der neuen, halb eingerichteten Wohnung verbrachten, meinte Franck: »Ich bin stolz darauf, was wir in der kurzen Zeit hier im Wesentlichen ohne Hilfe geschafft haben, aber bin auch froh, dass wir morgen fahren.

Denn ich kann nicht mehr …«

 

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