Von Daniela Seitz
Individuen sind zielorientiert, fehlerfrei und effizient zu erziehen. Sonst passen diese Menschen nicht in die Leistungsgesellschaft. Und wer nicht passt, ist eine Zeitverschwendung und weckt die Ungeduld seines Umfeldes. Wie kann ich es als Mädchen nur wagen, nach der Schule keinen Traum zu haben?
„Wie, du hast den Studienplatz nicht bekommen? Und was machst du jetzt?“, fragt mich meine Freundin Mia.
„Keine Ahnung. Ich kann nur an David denken.“
„David macht seine Ausbildung zum Informatiker. Und er zieht dafür nach Nordrhein-Westfalen. Deshalb habt ihr euch getrennt. Wie willst du so deine Zukunft planen?“
Solche Fragen sind hart. Ist es denn kein anerkennenswerter Traum, mit dem Menschen, den man liebt, glücklich werden zu wollen? Muss mein Traum besitzbar sein, weil ich ihn alleine erreichen kann, indem ich meine Leidenschaft für was auch immer entdecke und deshalb sagen kann:
„Ich werde Schriftstellerin!“
„Ich werde Justizfachangestellte!“
„Ich werde Industriekauffrau!“
Vielleicht ist es zu hoch gegriffen, zu sagen, dass ich einen anderen Menschen zum Sinn meines Lebens machen möchte. Denn ich bin ja auch noch da. Und ein „Wir“ funktioniert nur mit einem „Ich“ und einem „Du“. Mein „Ich“ darf sich natürlich nicht in dem „Wir“ verlieren.
Aber ich sehe keinen Wert darin, einen Broterwerb zu meinem höchsten Gut zu machen. Wenn ich Hilfe brauche, werde ich nicht durch meine Arbeit versorgt werden, sondern von Menschen. Warum darf dann mein Traum keinen anderen Menschen miteinschließen?
Weil ich diesen Traum dann nicht effizient im Alleingang erreichen kann? Sondern davon abhängig bin, dass David ebenfalls sein „Du“ nicht in unserem „Wir“ verliert? Und er hat sich verloren, hat Angst gehabt und ist davongelaufen.
„David hat dich belogen. Wie kannst du darüber hinwegsehen?“, versucht Mia eine Antwort von mir zu erhalten.
Gute Frage! Aber muss ich denn über etwas wegsehen, wie über einen Berg? Übersehe ich David dann nicht? Sollte ich nicht gerade genau hinschauen? David sagte, dass er glaubt, nicht wertvoll zu sein. Egal was und wie viel er tut.
Für mich muss er nichts tun. Ich brauche keine romantischen Sterne, die er mir am Anfang unserer Beziehung mit Gedichten vom Himmel stahl. Auch die Sichtbarkeit unserer Liebe durch öffentliche Gesangsständchen in den Pausen war nicht notwendig. Seine Hilfe bei Computer und Handy war fürsorglich, aber auch danach habe ich nie gefragt.
Jetzt erkenne ich, dass er mit all diesen Gesten auf allen Ebenen bei mir unentbehrlich werden wollte. Denn er ist die von der Leistungsgesellschaft perfekt geformte Arbeitsbiene. Er fühlt sich nur wertvoll, wenn er etwas leistet!
Aber auf die Art wird Liebe zur Funktion. Und ich war kurz davor, ihm diese Funktionsmaske herunterzureißen. Weil ich ihm nahe bin. So nah, dass ich sie genau jetzt in dem Moment meiner Erkenntnis heruntergerissen habe. Ihn so sehe, wie er ist. Ein Mensch mit Fehlern. Ein instabiler Mensch, der Stabilität benötigt.
Und nein, diese Stabilität werde ich ihm nicht geben können. Denn vor mir kann er weglaufen. Aber ich kann ihn begleiten, wenn er entdeckt, dass er sich selbst heilen kann.
Aber was habe ich davon?
„Ignorier mich nicht! Ich sehe, dass du dir gerade Gedanken machst. Denk halt laut! Aber antworte mir!“, fordert Mia.
Ich lasse mir Zeit mit der Antwort. Ich frustriere Mia damit. Irgendwie passe ich einfach nicht in dieses Konstrukt der Leistungsgesellschaft. Ich bin langsam, habe keine Ziele und lege viel Wert darauf, mich täglich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, so als würde ich täglich Hände waschen. Was absolut ineffizient ist, denn ich produziere ja dabei nichts. Jedenfalls nichts, was man präsentieren könnte.
„Weil ich ihn bedingungslos mit all seinen Schwächen und seinen Stärken liebe!“
„Also willst du ihm folgen und von Luft und Liebe leben?“, fragt Mia sarkastisch.
Mein Handy klingelt. David schickt mir eine Stellenanzeige als Erzieherin ganz bei ihm in der Nähe. Aufgeregt scrolle ich auf meinem Handy herum und informiere Mia, dass David und ich uns wieder annähern. Diese Nachricht ist ausschlaggebend, denn David signalisiert mir Bereitschaft. Das hatte ich nicht erwartet.
„Und trotzdem hat er sich doch nicht geändert. Was hast du davon? Außer einer Vorgabe, welchen Beruf du ergreifen sollst!“, echauffiert sich Mia.
Mia sorgt sich, weil sie fürchtet, dass ich mich selbst aufgebe. Für David. Das habe ich nicht vor. Aber warum also sollte ich mit Kindern arbeiten? Bisher habe ich kein Stück in diese Richtung gedacht. Wie kommt David darauf, dass dies passen könnte?
„Du bist echt nervig!“
Jetzt schreit Mia ihre Frustration heraus. Und mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Ich funktioniere nicht so, wie Mia, David und schlussendlich die ganze Gesellschaft es gerne hätten. Also hat sich David wohl gedacht, dass Kinder ja ebenfalls nicht so funktionieren und ich daher bei Kindern gut aufgehoben bin.
„Danke, Mia, ich weiß, du meinst es gut. Aber es ist mein Traum!“
„Was ist dein Traum?“
„Gemeinsam zu wachsen!“
„Also setzt du alles auf eine Karte? Wenn ihr beide wegzieht, dann hast du nur ihn. Was, wenn er dich wieder hängen lässt?“
„Dann bin ich Erzieherin. „Die braucht man doch überall!“, lache ich.
Ich habe mich entschieden. Ob er mich hängen lässt oder nicht, wird sich zeigen. Wachstum geschieht nicht über Nacht. Wachstum braucht Zeit. Ich habe Zeit, weil ich anders funktioniere als die gehetzte Leistungsgesellschaft. Ich betrachte es nicht als Zeitverschwendung, Davids Instabilität aufzufangen.
Seine Startlinie liegt halt weiter hinten, als die Startlinie der anderen. Warum das so ist, muss er selber herausfinden.
Und da bin ich.
Er holt mich aus meiner eigenen Komfortzone heraus.
Die Arbeit mit Kindern wird aufregend. Der Umzug wird spannend.
Die Bewerbung ein Drahtseilakt!
Ich wachse!
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