Von Winfried Dittrich

Nur mit einem Badeanzug bekleidet, schlüpft sie in diese mächtige Gummiflosse hinein. Oder zwängt sich – das wäre der passendere Ausdruck. Und sie strahlt über beide Ohren. Ich halte das Video kurz an, um genauer hinsehen zu können. Unglaublich…

Zum ersten Mal traf ich dieses weibliche Wesen vor ein paar Jahren, hier in diesen Räumlichkeiten, als Teilnehmerin einer Bildungsmaßnahme des Jobcenters. Nach dem Studium der Germanistik und der Psychologie, einer abgeschlossenen Promotion und einer oben drauf gesetzten Coachingausbildung versuchte ich mich als Dozent in der Erwachsenenbildung.

Im Klartext, ich erklärte Menschen, die mit Anfang zwanzig schon langzeitarbeitslos waren, wie man eine Bewerbung schreiben sollte. Zum Großteil erklärte ich aber auch, wie man überhaupt an einem Computer schreiben kann. Und ich begleitete sie bei ihren Recherchen, bei Überlegungen, welche Tätigkeiten am besten zu ihnen passen und gleichzeitig noch realistische Chancen darstellen würden.

Zu Beginn einer solchen Maßnahme hatte jeder Teilnehmer so eine Art Erfassungsbogen auszufüllen mit einer Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Talente. 

Da gab es diejenigen Teilnehmer, die sich maßlos überschätzten. Solche, die glaubten, ohne Schulabschluss oder Ausbildung als IT-Berater oder in der Pflege arbeiten zu können. Da gab es auch diejenigen Teilnehmer, die anscheinend nichts von sich wussten und das Formular in weiten Teilen leer ließen. Und da gab es diejenigen Teilnehmer, die gezwungenermaßen, nur aus Furcht vor einer Leistungskürzung, in der Maßnahme anwesend waren. Diese Leute stahlen einem Dozenten und Coach wie mir aber fast immer nur Zeit. 

Und dort traf ich sie, diese kleine, dunkelhaarige Frau. Mit fettigen Haaren und gemachten Fingernägeln, die mir entweder wegen der schrill bunten Farben oder der vielen Glitzerelemente als Erstes ins Auge stachen. Diese Frau war eine Erscheinung, die immer einen grauen Nicki-Anzug mit rosafarbenen Querstreifen trug, welche ihre kräftigen Beine und ihre Speckrollen besonders betonten.

Diese kleine, gedrungene Frau übergab mir also am ersten Tag der Maßnahme ihren Erfassungsbogen, der lediglich mit ihrem Namen versehen war. Und mit den obligatorischen Kreuzen bei »kein Schulabschluss«, »keine Ausbildung«, »kein Studium«, »keine Berufserfahrung«. Allerdings fand sich ein Eintrag in der Rubrik »Berufswunsch«.

Trotz ihrer wie gemalt aussehenden Handschrift glaubte ich, nicht richtig zu verstehen, was ich dort las. Ich fragte nach, um Missverständnisse zu vermeiden.

„Meerjungfrau“, antwortete sie. Ich glaubte, sie akustisch nicht richtig verstanden zu haben und fragte noch einmal nach. „Meerjungfrau“, lautete erneut ihre Antwort. Ich erinnere mich, wie ich länger in ihr Gesicht blickte und versuchte, daran irgendetwas ablesen zu können. Doch weder konnte ich einen Funken Ironie erkennen noch eine ausdrückliche Ernsthaftigkeit. Sie sagte einfach „Meerjungfrau.“

OK, dachte ich, entweder ist sie total dumm oder es ist so eine Teilnehmerin aus der letzten Kategorie. Hat eigentlich keine Lust, hier teilzunehmen. Und nun macht sie sich einen Spaß daraus, mich auf den Arm zu nehmen. Auch eine Form von Boykott, von passivem Widerstand. Ein hoffnungsloser Fall. Deshalb plante ich das Einzelcoaching, das jedem Teilnehmer zustand, mit einer entsprechenden Priorität für sie ein, nämlich nach allen anderen Teilnehmern. Irgendwie hoffte ich, sie würde vorher von selbst verschwinden.

Dann war der Tag für das Einzelcoaching gekommen, an dem ich ganze neunzig Minuten nur dieser komischen, kleinen Frau widmen konnte, widmen sollte. Ihren Lebenslauf hatte ich vor mir. Der wurde vorher schon im Rahmen des Gruppenunterrichtes erstellt. Und trotz der großen Schrift, mindestens Schriftgröße zwölf muss es gewesen sein, passten alle Informationen auf eine halbe Seite.

In den zwei bereits hinter uns liegenden Wochen war ich mit den Teilnehmern intensiv darauf eingegangen, dass man in deren misslicher Lage, mit derart ungünstigen Grundvoraussetzungen, flexibel zu sein hat. Wenn man eine Arbeit finden will. Viele der Teilnehmer schafften es auch, über den eigenen Tellerrand zu blicken und mögliche Tätigkeiten für sich zu entdecken, die bisher außerhalb ihrer Vorstellungskraft lagen. 

Doch direkt zu Beginn unseres Gespräches äußerte diese kleine Frau, diesmal voller Ernst, erneut ihren Wunsch, als »Meerjungfrau« zu arbeiten. Und sie betonte nicht nur, sie insistierte förmlich, dass eine andere Tätigkeit für sie nicht in Frage käme.

Zwei Wochen lang hatte ich ihr immer wieder dabei zugesehen, wie sie nach offenen Stellen als »Meerjungfrau« suchte. Und trotz all meiner Impulse, einmal in eine andere Richtung zu denken, blieb sie bei ihrem Berufswunsch. Also erstellte ich mit ihr zusammen vorzeigbare Bewerbungsunterlagen, das Minimalprogramm.

Ich konnte mir zwar überhaupt nicht vorstellen, was in dem Kopf dieser kleinen Frau vor sich ging, was man als Meerjungfrau beruflich so machen würde. Sie konnte es mir auch nicht erklären. Aber mit fertigen Bewerbungsunterlagen konnte ich, trotz der unausweichlich erfolglosen Vermittlungsversuche, ein relativ ruhiges Gewissen haben und ihr anstehendes Scheitern mit ihrem kuriosen Berufswunsch gegenüber meinen Vorgesetzten verargumentieren. 

Das Problem mit diesen Maßnahmen ist nämlich, dass man als Bildungsträger, als Dozent und auch als Coach gewisse Erfolgsquoten vorweisen muss, um neue Ausschreibungen zu gewinnen. So ganz überraschend kam es auch nicht, dass dies meinem Arbeitgeber nach jener Bildungsmaßnahme nicht gelang. Denn es gab in dem Kurs noch einige andere hoffnungslose Fälle. Ich nannte den Kurs »Das Traumtänzerballett«.

Ohne gewonnene Ausschreibung stand nun ich selbst auf einmal ohne Job da. So kann das Leben manchmal spielen. Hier und da habe ich eine Zeit lang noch angemessene Stellen finden können, um mich über Wasser zu halten. Aber dann kam der Punkt in meinem Leben, an dem ich aus unterschiedlichsten Gründen selbst zum Leistungsempfänger wurde. Geld zum Leben braucht jeder. 

Die freundliche Mitarbeiterin des Jobcenters, mit der ich nun regelmäßig zu tun habe, steckte mich jetzt tatsächlich in diese Bildungsmaßnahme hier, in der ich mich beruflich orientieren soll, lernen soll, einen Lebenslauf und Bewerbungsunterlagen zu erstellen. Das klang natürlich irgendwie absurd, mich ich so eine Maßnahme zu stecken. Aber das sei, wie sie es so schön sagte, »leitlinienkonform«.

Leistungskürzungen konnte ich mir in diesem Moment nicht erlauben, und deshalb versuchte ich, die Maßnahme ernst zu nehmen. Na ja, so gut es bisher ging.

Nur seit ich dem Dozenten erklärte, dass ich im Prinzip auf der Suche nach seinem aktuellen Job bin, ordnete er mich wohl in dieselbe Teilnehmerkategorie ein, in die ich kleine Frau mit dem Meerjungfrauen-Berufswunsch einsortiert hatte.

Meine Recherchen nach adäquaten Stellen sind ja schon seit Jahren zuverlässig erfolglos, und der Kursleiter sagte mir regelmäßig, ich solle flexibel sein und mal über meinen eigenen Tellerrand hinausblicken.

Na ja, dachte ich, dann gebe dem Coach mal das Gefühl, dass ich es wirklich versuche – das mit dem »über den Tellerrand blicken«. Und so surfte ich erst einige Tage fleißig im Internet. Dann ließ ich mich dort ein paar Tage lang treiben. Ich wollte sehen, wo es mich anspülen würde. »Sich treiben lassen«, das könne ich angeblich gut, meint der Coach. 

Aus irgendeinem Grund suchte ich mir Fernsehreportagen über ausgefallene Berufe als Inspirationsquelle aus. Und man glaubt nicht, wie viele solcher Reportagen online verfügbar sind – jedenfalls genug Material, um täglich acht Stunden lang zu recherchieren. 

Wie einer Strömung folgend klickte ich nun einen Link nach dem anderen, immer den verwandten Themen nach. So begann ich bei dem Beruf des Hufschmieds und kam über einige Umwege zu einer Reportage, die unterschiedliche Tätigkeiten in einem Freizeitpark vorstellte.  Fahrkartenabreißer an der Achterbahn, In-die-Bahn-Schießer bei der Teppichrutsche, Indianerdarsteller im Westernpark und so weiter. Der Freizeitpark hatte auch eine maritime Märchenattraktion. 

Nach einem Drittel des Videos hatte ich schon fast das Interesse verloren, als ich plötzlich ein Gesicht, gemachte Fingernägel und einen grauen Nicki-Anzug mit rosa Querstreifen wiedererkannte. Die Kamera begleitete eine kleine, rundliche Frau in eine Umkleidekabine, in der sie einen Badeanzug und eine riesige Schwanzflosse anlegte.

Pause.

Hier blicke ich nun auf das Standbild. Und da ist sie, diese komische, dicke, kleine Frau. Der Nicki-Anzug hängt am Haken in der Umkleidekabine. Die fettigen Haare sind weg – sie duscht jetzt wohl täglich. Aber sie ist es – meine Meerjungfrau. Also, bei ihr bin ich angespült worden.

Ich drücke erneut den Wiedergabebutton. Sie erzählt, wie glücklich und zufrieden sie schon seit zwei Jahren mit ihrem Job sei – lächerlich.

Da baut sich hinter mir mein Kursleiter auf und teilt mir irgendetwas nach dem Motto mit, ich würde „hier die Veranstaltung boykottieren“ und ihn „wohl auf den Arm nehmen“ wollen. Das würde ihm „nur die Zeit stehlen“, und er würde sich „mit meiner Sachbearbeiterin im Jobcenter in Verbindung setzen“, um mich „aus der Maßnahme zu entfernen, was natürlich Sanktionen nach sich ziehen würde.“ Diese Worte ziehen an mir vorbei wie lose zusammenhängendes Treibgut. 

Dann wird mir plötzlich heiß und ein wenig schwindelig; eine riesige Welle der Erkenntnis bricht über mich herein. Die Meerjungfrau war damals mit Sicherheit nicht das Zünglein an der Waage, das mir die Erfolgsquote des Traumtänzerballetts zerstörte. Da hatte ich mich wohl ziemlich in ihr getäuscht.

In meinem Kopf bleibt nur ein Gedanke:

Träume muss man haben im Leben. Man muss Träume haben.

 

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