Von Bergthora Eldey

(Tröllaskagi/Nordisland, 2035)

Gut gemacht, Drífa! Kein Hund kann besser Schafe hüten. Hier ist dein Abendessen – ich muss erst den Wetterbericht schauen. Hoffentlich verregnet es uns nicht wieder das Heu!
…angespannte Wirtschaftslage. Aufgrund der Kälte der letzten Jahre, verursacht durch Verschiebungen in Meeresströmungen, kamen nur wenig Touristen nach Island und die Fischereierträge waren rückläufig. Viele Bauern bekamen staatliche Unterstützung –
Pah! Keine króna habe ich bekommen! Mein Hof ist zu klein und ich zu alt – keine gute Investition. Aber klagen hilft nicht. Das hat Großvater Bjarni gesagt und der muss es wissen. Der musste mit zehn Jahren als Hirtenknabe arbeiten, als seine Mutter gestorben war und sein Vater die acht Kinder nicht durchbringen konnte. Sein Dienstherr ließ ihn hungern, bis Bjarni ausriss, bei Nebel und Nieselregen über den Bergkamm – dagegen sind unsere Schwierigkeiten ein Klacks! Oder, Drífa?
Der amerikanische Multimilliardär Eric Jefferson erwägt, in Nordisland ein privates Luxusresort bauen zu lassen und dafür ein Stück Land zu erwerben. Der Wirtschaftsminister sprach von einem „guten Deal“. Es handelt sich um die gesamte Halbinsel Tröllaskagi nördlich der Ringstraße Varmahlið-Akureyri, bis auf die Dörfer Siglufjörður und Ólafsfjörður. Das Ministerium erstellt einen Plan, nach dem die Bauern ausgekauft –
Verdammt noch mal!
Wollen sie mir den Hof wegnehmen?

„Hast du das gehört, Katrína?“, rufe ich ins Telefon.
„Ja, Vater. Ich verstehe, dass es ein Schock für dich ist.“ Dieser mitfühlende Ton! „Aber vielleicht hat es seine guten Seiten. Das ist deine Chance, den Hof zu verkaufen. Du kannst doch nicht für alle Ewigkeit allein – als Witwer von fünfundsiebzig Jahren –“
„Vierundsiebzig! Aber darum geht es nicht. Kannst du nachschauen, ob noch mehr in den Nachrichten steht?“
„Nicht viel. ‚Mr. Eric Jefferson und seine Verlobte Melanie Proctor weilen heute Nacht in Hofsós. Morgen Abend will das Paar die Erkundung Tröllaskagis in seinem legendären Thunderbolt Superjeep fortsetzen und wird gegen 21:00 in Siglufjörður erwartet. Landstraße 76 ist für den Tag gesperrt.‘“
„Dieser Eric Schlammsocke meint wohl, nur weil ihm das halbe Internet gehört, weil er mehr Geld hat als unsereiner Heu –“
„Komm schon, Vater. Denk wenigstens darüber nach. Du könntest zu uns nach Reykjavík ziehen, deine Enkel würden sich freuen, Opa Nonni in der Nähe zu haben. Und du hättest wieder jemanden zum Reden, nicht nur den Hund und die Schafe und deine tote Frau –“
„Ich weiß, dass du es gut meinst. Aber mein Platz ist hier.“

Die Sommerabendsonne erhellt mein enges Tal. Die Weiden, prall grün, mit den Gräben, die mein Schwiegervater noch angelegt hat. Die plätschernde Máná in ihrem Kiesbett, die Geröllhänge, von denen ihre Zuflüsse niederrauschen, die zerklüfteten Felsen des Schlechtwettergipfels. Wie oft habe ich bei Sturm und Schneeregen ein verirrtes Lamm vom Abgrund geholt?
Davon verstehst du nichts, Eric. Willst trotzdem eine Halbinsel für dich selbst – Bergland, Gletscher, drei Fjorde, ein paar Dutzend Höfe. Und das alles für ein Luxusresort mit Blick aufs Eismeer. Warum badest du nicht einfach in der Blauen Lagune wie normale Touristen?
Das hier ist mein Land. Großvater war so stolz, als ich den Hof meines Schwiegervaters übernahm. Ihm selbst war es nicht vergönnt, Bauer zu werden. Mit sechsundzwanzig Jahren bekam er Tuberkulose und war seither zu schwach fürs Bauernhandwerk, musste sich als Hilfsarbeiter in Akureyri durchschlagen. In seinen letzten Lebensjahren wohnte er hier auf dem Hof.
Ich lasse mich nicht verjagen. Warte nur, Eric…
Lieber Himmel, so viele Kisten! Ich wollte schon seit zehn Jahren den Keller aufräumen. Warum gibt sich der Minister für diesen „Deal“ her? Hat Eric ihn bestochen? – Da ist sie ja. Meine gute alte Flinte. Lange her, dass wir zusammen Rentiere gejagt haben!

Vier Uhr. Komm, Drífa! Wir müssen die Schafe heimtreiben. Unsere Hilfstruppen für heute Abend! Nicht so schnell. Du weißt doch, mein Knie…
Eric wird doch kommen? Landstraße 76 gesperrt. 21 Uhr in Siglufjörður. Dann muss er gegen halb neun hier vorbeikommen, aber lass uns auf Nummer sicher gehen. Ich weiß auch schon die richtige Stelle, um ihn zu empfangen, kein Kilometer südlich von hier: rechts die Felswand, links eine Leitplanke und gleich darauf die Klippen, die sich ins Nordmeer stürzen. Da kann er nicht ausweichen. Und Handyempfang gibt es auch nicht.

Hier auf dem Grasstück können wir abwarten. Aber die richtige Stelle finden war nur der einfache Teil. Ja, gut so, Schäfchen, knabbert noch ein bisschen, während ich mir den Kopf zerbreche…
Wie schön der Abend ist. Der Himmel so blau, die Sonne steht im Westen auf ihrer flachen Bahn und bringt selbst die grünen Moospolster zum Leuchten. Küstenseeschwalben kreisen über der blaugrünen See, stoßen im Sturzflug ins Wasser und steigen wieder empor, mit oder ohne Fisch im Schnabel. Großvater Bjarni hätte jetzt ein Gedicht gemacht.
Dummes Knie. Ich muss mich einen Augenblick setzen, Drífa. Halt solange die Straße im Blick… Vielleicht bin ich zu alt für wilde Geschichten. Das hier kann doch nicht gutgehen. Sollte ich nicht besser aufgeben? Was denkst du, Großvater?
Ich höre noch deine Stimme:

 

Reiche Menschen taugen nicht, Nonni.
1907, als ich fünf war, wohnten wir in einer winzigen Kate bei Akureyri, die Eltern, acht Kinder und zehn Schafe. Jeden Morgen wanderte Vater in die Stadt, um Arbeit zu suchen: am Hafen, im Schlachthaus, was immer er ergattern konnte. Wenn er nichts fand, ruderte er in einem wackligen Kahn auf den Fjord hinaus, um ein paar grätige Fische zu angeln. Im Winter schlugen sie zum Fischen ein Loch ins Eis. Mutter hütete Schafe und Kinder, kochte, wusch, strickte Handschuhe für den Handel – immer mit einem Lied auf den Lippen. Dank ihres Frohsinns waren wir Kinder oft fröhlich, so mager wir auch waren. Und es sollte bald besser werden: Vater hatte eine junge Kuh gekauft, Búkolla mit Namen, die im Sommer zum ersten Mal gedeckt werden sollte. Nächsten Frühling würden wir endlich genug Milch haben! Voller Vorfreude sammelten wir für Búkolla das saftigste Gras, selbst die Kleinsten helfen mit.
Dann wurde Vater krank. Schleppte sich trotzdem zur Arbeit, mit schmerzender Brust, bis er nicht mehr konnte. Er musste das Bett hüten, versuchte mitunter zu stricken, aber damit kann man keine Familie ernähren. Mutter musste anschreiben lassen beim Kaufmann. Nach zwei Wochen verlangte er ein Pfand. Schweren Herzens verpfändete Mutter die Kuh. Die Schulden wuchsen, so sehr Mutter auch sparte. Nach vier Wochen drang der Kaufherr auf Bezahlung – sonst müsse er das Pfand einfordern.

Ich weiß nicht, warum Mutter mich mitnahm. Hand in Hand, ich mit löchrigen Schuhen, sie mit schwangerem Bauch, stapften wir am nächsten Morgen in die Stadt. An wen sollte sie sich wenden? Der Pfarrer ließ uns zwei Stunden warten. Der eisige Nordwind pfiff durch dunkle Gassen, Mutter musste mich auf den Arm nehmen und mit in ihren Mantel hüllen. Als man uns endlich einließ, deckte die Magd gerade einen reichen Frühstückstisch ab. „Ich kann dir nicht helfen“, sagte der Pfarrer zu Mutter. „Versuch es beim Armenvogt.“ Wieder warteten wir, diesmal in der Kammer einer verhärmten alten Frau, die Mitleid mit uns hatte. Drinnen war es so kalt wie draußen. Der Besuch beim Armenvogt währte nicht lang: „Verpfändet ist verpfändet“, sagte der feiste Mann. „Was müsst ihr Hungerleider auch so viele Kinder in die Welt setzen!“
Am Abend hämmerten sie an die Tür, der Kaufmannsgehilfe, zwei Knechte und der Gerichtsvollzieher. Wir Kinder drängten uns furchtsam zusammen. Als draußen ein angstvolles Muhen erklang, weinten wir. Bald stand Búkolla im Stall des Kaufherrn, der schon sechs Kühe hatte. Wozu brauchte er noch mehr Milch?

„Reiche Menschen taugen nicht.“ Wie oft hast du mir das gesagt, Großvater? Mitunter habe ich dich belächelt. Die Zeiten, da eine Handvoll reicher Herren das Volk ausmelken konnte, waren doch vorbei – dachte ich. Aber Eric Jefferson ist wie der Kaufherr von Akureyri: Sie nehmen uns weg, was wir zum Leben brauchen, gedankenlos, gleichgültig. Und darum werde ich mich wehren, Großvater, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.
Wenn ich nur wüsste, was ich sagen soll. Ich kann ihn doch nicht einfach abschießen!

Motorengeheul. Los, Drífa! Treib die Schafe auf die Straße! Auf, auf! Ho! Ho!
Das schwarzgoldene Gefährt kommt mit unwürdigem Quietschen zum Stehen. Ich schlängele mich zwischen den Schafen zum Wagen, die Flinte unauffällig wie einen Spazierstock in der Rechten.
Das Fenster öffnet sich. Am Steuer sitzt ein schlacksiger Kerl mit Sonnenbrille, die in allen Regenbogenfarben schillert, neben ihm eine schwarzhaarige Dame in einem roten Kleid, in dem sie in den Bergen keine drei Schritte weit käme. Lächerlich!
„Hör zu, Eric Jefferson“, sage ich in meinem besten Englisch. „Du hast kein Recht, Tröllaskagi zu kaufen. Das Land gehört den Bauern, die es bearbeiten.“
Die Frau kichert unterdrückt. Eric sagt keinen Ton.
Ich versuche es noch einmal im Guten: „Komm schon. Wir leben hier. Für dich ist es nur Spielzeug.“
Langsam nimmt Eric die alberne Sonnenbrille ab: „Hau ab, alter Trottel!“
Mit dem Kerl ist nicht zu reden! Ich richte die Flinte auf den linken Vorderreifen. „Hau selber ab, wenn dir dein schickes Auto lieb ist!“
Eric reißt die Hände hoch. Ein Knall. Finsternis.

Morgenblatt, 26.7.2035: Vorgestern Abend wurden auf der Landstraße 76 der amerikanische Geschäftsmann Eric Jefferson und seine Verlobte Melanie Proctor von Bauern Jón (Nonni) Tryggvason mit einer Schusswaffe angegriffen. Sein Motiv ist noch unklar. Jón zerschoss den Reifen von Jeffersons Auto, ehe Jefferson seinerseits mit einer Pistole auf ihn schoss. Die Polizei spricht von Selbstverteidigung. Mangels Handyempfang musste das Paar im kaputten Auto ausharren, bis der Hotelier von Siglufjörður einen Suchtrupp ausschickte. Der Präsident drückte Jefferson und Proctor seine Anteilnahme aus.
Jón erlag am Tatort seinen Verletzungen. 

V2 – 9999 Zeichen

 

Blick von der Küstenstraße (Nr 76) über das Mánártal mit dem Schlechtwettergipfel (Illviðrishnúkur) im Hintergrund. Nonnis Hof liegt rechts der Straße jenseits des Baches.
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