Von Marianne Apfelstedt

1982

Im Golf vor Sankt-Lorenz, trotzte nahe Neufundland ein 80 Tonner der rauen kanadischen See. Die Crew des kleinen Trawlers war kurz nach Sonnenaufgang in See gestochen und stärkte sich beim Frühstück im Unterdeck. Stille Stunde, der Kapitän hörte auf der Brücke nur das Tuckern des Motors und das Surren der Seilwinde, Dylan füllte den Emailbecher mit Kaffee aus der Thermoskanne und trank das schwarze Gebräu in großen Schlucken. Die wettergegerbten Hände justierten das Schiffsruder neu. Vom Heck aus wurde Meile um Meile das Schleppnetz ausgefahren.  

 

Stunden später verwandelte sich das Schiffsdeck in einen Bienenschwarm. Das Netz wurde über die Mitte des Decks ausgerichtet und spie einen Strom silbriger, glitschiger Fischleiber aus. Seebären brüllten sich Anweisungen zu, das Transportband ratterte und die Möwen umkreisten den Kutter kreischend auf der Suche nach Leckerbissen. Mitten in diesem Orkan schaufelten die Männer die Meerestiere in Wannen mit Eis und das Band transportierte sie in den Bauch des Schiffes. Viele Hände sortierten den Fang, die restliche Crew überprüften das Netz und rollten es wieder auf. 

 

Bei der Ankunft am Hafen wartete sein Sohn Liam mit dem Transporter, um die Fische umzuladen. Dylan nahm sich eine Kiste Beifang, legte einen Kabeljau obenauf und fuhr nach Hause. Das Putzen und Aussortieren überließ er den Jüngeren, mit fünfundsechzig spürte er das Meer in den Knochen. Megan, seine Schwiegertochter wartete schon auf die Fische. Sie briet ihm vom gestrigen Fang ein großes Filet in Butter an. 

 

„Donnerwetter uns ist ein Seeteufel ins Netz geschlüpft! Was für ein kräftiger Bursche,“ freute sich Dylan.

 

„Ich kenne keinen Fisch, der hässlicher ist, aber für das Fischragout ist er perfekt. Bitte nimm ihn mir gleich aus, du bist da geschickter,“ bat Megan.

 

Mit sicherer Hand und scharfem Messer öffnete er den Fischbauch. Das Messer verkantet sich im Inneren, er drehte und ruckelte, jetzt ließ sich die lange Klinge herausziehen Etwas hing an der Spitze, erst unterm Wasserstrahl, erkannte er den glänzenden Fund. Am Messer baumelte ein kurzes Stück filigrane Goldkette. Mit raschem Schnitt öffnete er den Bauch weiter. Ein schwerer Gegenstand landete im Becken. Dylan trocknete und polierte den Fund mit einem Tuch. Ein goldenes Medaillon in zarter Blütenform kam zum Vorschein. Als er es aufklappte, stand auf der einen Seite, In Liebe George, New York 1911, auf der anderen nur Für Lucy.

 

September 1911

George stand vor einem Schaufenster in der Fleet Street und sah Lucy vor sich. Glänzende blaue Augen mit zarten Sommersprossen auf der Nase. Die kaum zu bändigenden Locken verweigerten den strengen Dutt und kringeln sich sanft an Schläfen und Nacken. Dieses Medaillon würde sich makellos in die kleine Kuhle am Schlüsselbein schmiegen, die Wärme von Lucys Haut an sich ziehen und ein Denkmal seiner grenzenlosen Liebe werden. Ein perfektes Geschenk zum 19. Geburtstag für seine Verlobte. Zusammen mit dem Passierschein würde er es nach England schicken. Lucy wieder in die Arme zu schließen, war sein sehnlichster Wunsch. 

 

„Guten Tag! Könnt ihr das Schmuckstück im Schaufenster gravieren?“, fragte er beim Eintreten den Gentleman hinter dem Verkaufstresen.

 

„Selbstverständlich Sir! An welche Worte dachtet ihr?“ 

 

In Liebe George, New York 1911“, und „Für Lucy“ auf die andere Seite.

 

10.4.1912

Lucys Herz flatterte wie der Wind im Haar. Mit beiden Händen trug sie ihr Hab und Gut in der braunen Tasche und reihte sich in die Schlange der Passagiere ein. Majestätisch ragten die vier Schornsteine empor und entließen ihren Dampf in den klaren Himmel über Southampton. In der Manteltasche steckte der Passagierschein, zusammen mit dem Brief von George. Sein zweites Geschenk, das Medaillon, lag verborgen unter ihrem Kleid, direkt auf der Haut. Gemächlich zog die Schlange der Menschen weiter. Vor der Gangway wurde der Passierschein geprüft. Sie alle waren Passagiere für das Zwischendeck. 

 

„Meine Liebe! Ist das ihre erste Seereise?“, sprach sie eine Stimme von hinten an.

Lucy blieb stehen, worauf die Sprecherin sich energisch bei ihr einhakte und sie vorwärts zog.

 

„Ich bin Moira Hays aus Liverpool. Das ist schon meine dritte Überfahrt.“

 

Überrupelt ließ sich Lucy mitziehen. Die Dame war fast einen Kopf größer und sie eilte sich, um Schritt zu halten. Achtsam hastete Lucy weiter, ohne auf den Wortschwall ihrer Begleiterin zu hören, damit sie nicht stolperte. Am Ende der Gangway wurden die Scheine erneut kontrolliert, nun nahm sie ihre neue Bekannte genauer in Augenschein. Graue Strähnen durchzogen das einstmals blonde Haar, das kunstvoll festgesteckt war. Ein blaues Wollkleid mit passendem Mantel verhüllte die Rubensfrau. Ihr einziges Gepäckstück war eine schwarze Handtasche.

 

Sie hörte gerade noch: „Natürlich gehören wir zusammen! Meine junge Freundin benötigt mütterlichen Rat, da dies ihre erste Schiffsreise ist. Sie wird in meiner Kabine wohnen, es ist nicht schicklich im großen Schlafsaal für eine allein reisende Frau. Mein Koffer wurde von meinem Kutscher in Kabine 87 gebracht.“ Der Stuart mit den rötlichen Haaren, sah suchend seine Papiere durch. 

 

„Sie haben Glück Mrs. Hays, dass in ihrer Kabine Bett Nr. 8 unbesetzt ist.“ 

 

„Besten Dank junger Mann“, bedankte sich ihre Begleiterin und Lucy sah im Vorbeigehen, wie der Stuart einen Geldschein in seiner Uniformjacke verschwinden ließ. Mrs. Hays schien genau zu wissen, wo es zu besagter Kabine ging und zog Lucy hinter sich her. Bevor sie vom Schiffsbauch verschluckt wurden, nutzten sie den Stau der Menschenmenge am Abgang zum Zwischendeck für einen kurzen Rückblick.

 

„Schaut, wie weit wir von hier sehen können“, rief Lucy freudig. 

 

„Grandios! Dieses Schiff ist riesig, die Menschen im Hafen erscheinen wie Ameisen. Meine Liebe, wollt ihr mir nicht euren Namen verraten?“, fragte Mrs. Hays freundlich.

 

„Verzeiht Mrs. Hays. Mein Name ist Lucy Wilkins. Ich reise zu meinem Verlobten nach New York, wir werden bald heiraten. Mein Zukünftiger, George Taylor, arbeitet bei der New York Times als Schriftsetzer.“ Der Gedanke an George und das Wiedersehen verliehen ihren Wangen einen Hauch Farbe. 

 

„Wie wunderbar! Dann werden wir uns in New York öfters über den Weg laufen. Mr. Hays ist ein tüchtiger Geschäftsmann und hat sich in der neuen Heimat einen Kolonialwarenladen aufgebaut“, erzählte sie stolz. 

 

14.4.1912

Die dunklen Holzvertäfelungen des Speisesaals, rahmten die vielen Tische ein. An der Tafel hatten 12 Personen Platz. Eine Seite des Saals war für die allein reisenden Männer reserviert, auf der anderen fanden Familien, Frauen und Kinder ihren Platz. Zum High Tea gab es heute Gemüsesuppe, Brot, Irish Stew und Plum Pudding. Alle ließen sich die Speisen schmecken. Zu Lucys Rechter saß Mrs. Hays, die ihr in den letzten Tagen mit ihrer mütterlichen Art schon ans Herz gewachsen war. Auf ihrer linken Seite saß die Familie McAlister aus Edinburgh, Angus, Caitlin und die Kinder Roy, Ewan, Little Angus und Brianna. Die kleine Brianna kletterte wie selbstverständlich auf Lucy Schoß und bediente sich von ihrem Teller.

 

„Wenn es dir zu viel wird Lucy, gib sie mir“, bot Caitlin mit einem Schmunzeln an.

 

„Ich habe mich schon an Brianna gewöhnt. Ich werde sie nach der Reise vermissen. Leider hatte ich keine Geschwister, darum genieße ich eure Rasselbande,“ grinste Lucy. Wie um Lucys Worte zu bestätigen, entbrannte ein Streit um die letzten Essensreste an ihrer Tafel, zwischen Roy und Little Angus.

 

„Ay, ihr Satansbraten, benehmt euch, wenn Ladys am Tisch sitzen. Sonst müsst ihr in der Kombüse Kartoffeln schälen“, drohte Angus.

 

„Pah, das ist doch Weiber Arbeit! Dann helfe ich lieber den Matrosen im Ausguck,“ prahlte klein Angus. „Ich habe Augen wie ein Lolair!“ Alle Erwachsenen am Tisch schmunzelten und nannten ihn an diesem Abend nur noch Adlerauge. Die älteren Kinder überboten sich, ihr Anekdoten von Verwandten zu erzählen, dabei lernte Lucy einige schottische Wörter. Sie versuchte, die fremd klingenden Namen in Gälisch nachzusprechen, was meist mit Spott und Lachsalven der Schotten endete. In der Zwischenzeit war Brianna mit dem Daumen im Mund auf ihrem Schoß eingeschlafen. Als Einzelkind fand Lucy Gefallen an der fröhlichen Runde bei den Mahlzeiten, mit den Menschen, die sie inzwischen zu ihren Freunden zählte.

 

In dieser Nacht träumte Lucy vom Wiedersehen mit George und der Ankunft in New York in zwei Tagen.

 

Kurz vor Mitternacht.

Die Nacht ist sternenklar, der Tag neigt sich dem Ende. Ein Ruck lässt mich erwachen, klingt nach in den Gängen der Decks. Den Horizont einnehmend ragt eine graue Wand vor mir auf, greift nach mir, hält mich fest. Menschenhände werfen mit Eisstücken, freuen sich der Pracht. Eisdolche reisen im Vorüberziehen an meiner Hülle, ich ziehe aufgebrochen weiter. Auf dem Bootsdeck spielt die Kapelle, mit Geigen so zart. Gekränkt neige ich mich zur Seite. Das Wasser drückt und drängt, Metallplatten verweigern den Zusammenhalt, ich richte mich nochmals auf. Die Quartiere sind gefüllt, die Passagen werden verbarrikadiert, ein Vorwärtskommen erschwert. Aus unbeschwertem Spiel wird tödlicher Ernst und immer noch erklingt die Geige. Menschenströme fluten die Aufgänge empor, ein Drängeln und Schieben. Wasser strömt herein, füllt die Ladeluken und Lüftungsschächte, quillt durch Schiffsdecks. Kleinen Walnussschalen gleich werden Boote besetzt, Menschen strömen aufs Deck. Stunde um Stunde zieht es mich tiefer hinab ins bodenlose Schwarz. Halte dem Druck nicht mehr stand, breche entzwei. Ein letzter Blick auf den Horizont. Die See verschlingt mich. 

 

Zurück bleibt im unbarmherzigen Licht der Sterne, fragiles Leben in Beibooten und an Trümmern geklammert. Tanzende Korken auf dem Wasser, ausgeliefert dem Meer und der kalten Nacht. 

 

 V 1

 

Lolair schottisch für Adler