Von Harald Hachenburg

Hier liege ich, in verschlissenen Jeans und weißem T-Shirt, auf meiner Snap-Couch, und sehe Licht hinter‘m Schlafzimmerfenster meiner Eltern angehen … darauf warte ich seit ‘ner halben Stunde.

 

Es ist 21.30 Uhr und damit Zeit, etwas einzunehmen. – Im Dunkeln ziehe ich aus einer Zigarettenschachtel ein Stück Alu-Folie, entfalte es, und greife nach einem winzigen Würfel. Den lege ich auf die Zunge und spüle ihn mit zwei, drei Schluck aus der Selters-Flasche runter … und noch immer brennt das Licht hinterm Fenster!

 

„Mist!“ Doch Sekunden später verlischt es … 

 

Vorsichtig öffne ich nun die Tür des Gartenhäuschens, peile die Lage und trete barfuß hinaus.

 

Auch beim Türschließen muß ich höllisch aufpassen, nicht das geringste Geräusch zu verursachen, das unsere immerwache Hündin anschlagen lassen könnte.

 

Aber alles bleibt still.

 

Mit einem spielerischen Satz flanke ich über den niedrigen Zaun, wische den Sand von den Füßen und ziehe die Turnschuhe an.

 

Vorwärts nun, in der lauen Nacht gehe und laufe ich den schmalen Trampelpfad hinunter zum Weinmeisterhornweg. Entlang des Kornfelds sind’s zwar nur noch dreihundert Meter, trotzdem beschleunige ich den Schritt, um den Bus nicht auf den letzten Drücker zu verpassen.

 

Kurz nachdem ich die Haltestelle erreicht habe, blenden die Scheinwerfer des 94ers am Grenzkontrollpunkt Staaken auch schon auf, Glück gehabt!

 

Drei Minuten später spring‘ ich auf die offne Plattform, turne die Treppe hinauf und strecke mich auf der breiten Bank entspannt in die Ecke zwischen Rückenlehne und Seitenwand.

 

Der Busschaffner kommt und lächelt freundlich, als er mir den Fahrschein samt Rückgeld reicht, dreht sich dann um und geht wieder nach unten.

 

Draußen nimmt’s Nachtleben zu, und nach ein, zwei Stops in der Neuen Kantstraße sehe ich bei Annäherung ans Amtsgericht meinen nächsten Bus dort bereits anhalten. Dank olympiareifen Sprints schaffe ich es, gerade noch auf den wiederanfahrenden 21er aufzuspringen.

 

Am Ku-Damm ist das Fahrtziel erreicht, jetzt sind nur noch wenige Meter bis zur Johann-Sigismund-Straße zurückzulegen. Dort liegt mein Sehnsuchtsort dieser Nacht: Das Park!

 

1969 – LSD ist noch nicht verboten – und ich entdecke ‹die› Diskothek, mit ihrem einzigartigen Publikum:

 

David Bowie und der hagere Udo Lindenberg, beide sind noch nicht sehr bekannt, tragen aber ziemlich lange Haare, und stehen während der ganzen Nacht rauchend an der Bar.

 

Doch eine echte Weide für Männeraugen tut sich auf, wenn freizügig bekleidete Damen des Ku-Damm-Strichs nach Feierabend, so gegen zwei Uhr nachts, auf ein wenig Plaudern, Tanzen und Kiffen ins Park einkehren. Wie andere Gäste, eilen sie auf die Tanzfläche, sobald Led Zeppelin oder Deep Purple rocken, und schleudern ihr langes Haar im Rhythmus der Musik.

 

Aber ich stehe vor dem Eingang und hoffe, daß mir der Kassierer 18 Jahre ohne Ausweis abnimmt … dann geht auf einmal alles ganz schnell und ich halte die Eintrittskarte in der Hand,

 

„Hurra, freie Fahrt dem Vergnügen“!

Auf dem Weg hinunter tauche ich ein, in die von Haschischaroma überlagerte Wolke aus Musik, Parfüm und Lachen.

 

Gerade setzt Keith Richards verhaltenes Gitarrenspiel zu „Gimmie Shelter“ ein, und nichts hält mich jetzt noch auf! Nach wenigen Schritten werde ich Teil der wogenden Menge und das LSD entfaltet seine volle Wirkung, ein mächtiges Hochgefühl ergreift mich … 

 

Während die letzten Gitarrenriffs der Stones verklingen, trommelt sich Santanas Intro zu „Evil Ways“ in den Vordergrund. Carlos‘ federleichtes Gitarrenspiel und die unzähligen bunten Lichtfinger, unter der Decke kreuz und quer den Qualm durchbohrend, einen gigantischen regenbogenfarbenen Teppich webend, beschwören heut‘ Nacht erstmalig ein Gefühl des vollkommen geistigen Losgelöstseins vom Körper.

 

Nach langem Tanz steuere ich einen spärlich beleuchteten Nebenraum an, in dem Leute auf bestellte Getränke warten. Wenig später rinnt auch mir kaltes Bier durch die Kehle – welch Genuß!

 

Vor der Getränkeausgabe entscheide ich, einen ersten Rundgang rechtsherum zu starten – und pralle nach nur zwei Metern um ein Haar mit Jürgen zusammen.

 

„Ey, Alter, haste dir ‘n Bier geholt“,

 

„ja, willst ‘n Schluck“?

 

„Nö, ick hol‘ mir selbst eins … bis später“, und weg isser.

 

„Weiter geht’s“, doch schon nach wenigen Schritten bleibe ich an einer der Säulen neben der Tanzfläche stehen – ich habe ‹Sie› entdeckt!

 

„Is ja geil, sie hier … “?

Seit meinem ersten Park-Besuch kenne ich sie: Ungefähr anderthalb Meter groß, gewelltes, schwarzglänzendes Haar … im selben Moment strahlt orangefarbenes Licht auf und verleiht ihrem Gesicht den Anschein einer Apfelsine mit einem knallrot lackierten Mund,

 

„das gibt‘s doch gar nicht“, ich bemühe mich, den Blick schärfer zu stellen – vergeblich! Vielleicht ist ihre Gesichtshaut aber auch wirklich so großporig wie’s Äußere einer Orange?

 

„Hm, war mir bisher nicht aufgefallen – is aber auch egal“!

 

Ihr leidenschaftlicher Tanz nimmt mich wieder völlig ein, nur wir beide sind im Augenblick da, unbewußt starre ich sie gebannt an … und sie sieht so niedlich und so geil aus, im schulterfreien Minikleidchen, schwarzen Strümpfen und halbhohen Riemchenschuhen.

 

Nun tritt sie besonders inbrünstig auf plötzlich tanzt vor meinen Augen eine glutäugige spanische Ballerina, mit riesigen Ohrringen, unfaßbar, einfach unfaßbar! Und das LSD verwandelt sie abermals … zum zierlichen Porzellanpüppchen, auf dem messingfarbenen Deckel einer antiken Spieldose drehend – und ich suche den Schlüssel zum Aufziehen?

 

Nach endlosen Sekunden bemerkt sie meine unverwandten Blicke … mein unhöfliches Verhalten wird mir schlagartig bewußt und ich suche beschämt das Weite.

 

An einem der Stehtische finde ich Platz und betrachte das quirlige Treiben rundherum. Das Pärchen mir gegenüber verleibt sich gerade die soeben gekauften Trips ein und spült mit reichlich Cola nach.

 

„Na dann, gute Reise“,

 

augenzwinkernd lächle ich beiden zu.

 

Zuerst schiebt sich ein qualmender Joint ins Blickfeld – dann Kuttes Gesicht. Einige Male ziehe ich an der Tüte und reiche sie zurück – doch deutet er auf das Pärchen, und ich gebe ihnen den Joint. 

Die Frau nimmt ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger, macht eine Faust und inhaliert kräftig daraus.

 

„Und, seit wann bist du hier“?

 

„Mann, Kuddel, ich bin schon wieder so fett, ich weiß nicht mal, ob‘s überhaupt noch ‘ne Uhrzeit gibt, ich … “,

 

bevor er etwas erwidern kann, jodelt die Frau,

 

„halb Ei-heins rruft die Uhrr“!

 

„Danke für die lustige Ansage, aber … “, erst jetzt fällt mir auf, daß die Frau viel jünger ist, als ich beim ersten Hinsehen wahrgenommen hatte – und sie ist eine ausgesprochene Schönheit, 

 

„an wen erinnert sie bloß … “? Dann sehe ich sie, Sharon Tate, nur Tage zuvor in den USA von durchgeknallten Sektenmitgliedern ermordet,

 

„könnte glatt ihre bayrische Zwillingsschwester sein“!

 

Ihr Freund, oder Mann, gibt mir den Joint zurück,

 

„schieb das Dingi rüber, sonst nogger ich dir einen“,

 

„guter Spruch, wo haste den denn her, hier … “, die Tüte landet wieder bei Kutte, und nach einem letzten Zug zerknuddelt er sie im Aschenbecher. 

 

„Dann bin ich seit ungefähr zwei Stunden hier … und du“?

 

„Zuerst war ich in der Soorstraße, danach inner Bulettenschmiede … und seit zehn Minuten hier – aber sag‘ mal, warum bist’n du so zugedröhnt, hast du ‘n Trip geschmissen“?

 

„Ja, ‘n Purple … ich setz‘ mich jetzt da drüben hin … “

 

Etwa fünf Meter entfernt steht ein Mädchen von einer Balustrade auf und ich kapere den Platz. Von hier aus läßt sich der Trubel genauso gut genießen – nur wesentlich entspannter!

 

Kutte schleicht langsam näher, „kommste mit, ‘n Eis essen … “,

 

auf Süßes springe ich natürlich sofort an.

 

Die Luft über dem Ku-Damm scheint elektrisiert, es flirrt und zwitschelt, und im Geäst der Bäume blitzen winzig weiße und bunte Lichter auf.

 

Wir überqueren die Straße, passieren ein taghell beleuchtetes Schaufenster, und erreichen die Villa Borghese. Ich fühle mich meterdick in Watte eingehüllt und fürchte, in der Pizzeria erkennen alle Leute sofort meinen Zustand!

 

„Kutte, da geh‘ ich auf keinen Fall rein, bring‘ mir bitte eins mit, dafür lad‘ ich dich auch ein … “,

 

„drei Kugeln mit irgendwas … bloß keine Schokolade“, rufe ich noch.

 

Scheinbar Stunden später schwebt Kutte schaukelnd aus dem Laden, und trotz der müden Straßenbeleuchtung erkenne ich sein schräges Grinsen – ein Blick auf die Becher offenbart die Bescherung:

 

„Kuddel, spinnst du“, 

 

die Inhalte beider Becher sehen auf den ersten Blick aus wie Hundekacke!

 

„Hier, nimm … “,

 

Auf dem Rückweg gestehe ich aber ein,

 

„Schoko schmeckt doch besser, als ich dachte“.

 

Gleich hinter der Eingangstür kontrolliert der Body-Builder in merkwürdig verrenkter Haltung Eintrittskarten und Stempelaufdrucke an den Handgelenken. Dazu läßt er eine Taschenlampe aus Überkopfhöhe strahlen und hält jeden vorgezeigten Unterarm so lange fest, bis er die Echtheit im Lichtkegel erkannt hat.

 

„Endlich wieder zu Haus“, und auch jetzt finde ich Platz an einem der Stehtische. 

 

Gedankenverloren schaue ich auf die Szenerie vor mir – bis plötzlich das bunte Lichtermeer verlischt! In der selben Sekunde setzt Harvey Mandels Instrumentalstück ‹Wade in the water› mit dem beeindruckenden Intro ein. Synchron startet die Strobo-Kanone und feuert im Takt der Musik Weißlichtblitze auf die Tänzer. Die wirken in ihren Bewegungen eingefroren – und zucken zugleich im wahn-witzigen Comic-Tempo. 

 

Selig schlüpfe ich in dies schwarzweiße Gewirr aus fliegenden Haaren und entrückten Gesichtern und zerrinne selbst im berauschten Tanz … 

 

Ganz allmählich komme ich wieder zur Besinnung … und staune, wie leer es geworden ist, „wie lange magst du getanzt haben“?

 

Jürgen steht nicht weit entfernt, „weißt du, wie spät … “,

 

„nach Vier … ich dachte schon, du hörst nicht mehr auf zu tanzen“!

 

Wir fühlen uns beide matt und trotten in Richtung Heimat – doch ist mein Weg viel viel länger, weil die verflixten Nachtbusse nicht bis Staaken fahren.

 

Was war noch wichtig? – Ach so, mein kleiner Ausflug blieb unbemerkt – nur wunderten sich die Eltern über meinen außergewöhnlich langen Schlaf an diesem Sonntag …