Von Agnes Decker
„Wir sollten uns mal wieder auf ein Bier treffen, Henny“, rief Marga ihr zu. Kriminalkommissarin Henrieke Hermanns war gerade dabei, ihre Unterlagen in der Arbeitstasche zu verstauen. Sie wollte die Protokolle der Zeugen zuhause noch einmal in Ruhe durchlesen. Da konnte sie sich besser konzentrieren als in dem bescheuerten Großraumbüro.
„Entschuldige, ich war ganz in Gedanken. Ja natürlich. Das sollten wir. Unbedingt.“ Sie winkte Marga zu. „Ich muss dringend los. Hab noch einen Termin. Und mit dem Fahrrad, in dem Verkehr… Du, weißt ja.?“
„Wenn du willst, kannst du meinen Wagen haben. Ich bin heute noch länger hier.“
„Danke, Marga, du bist ein Schatz.“ Der Schlüssel, den Marga ihr zuwarf, fiel genau in Hennys Hand.
Auf dem Parkplatz stieg sie in Margas alten Kangoo. Die Papiere lagen, wie immer, im Handschuhfach. Wenn alles gut ging, wäre sie in einer spätestens eineinhalb Stunden zurück. Der nächste Alleingang würde sie den Kopf kosten, so hatte es ihr Chef beim letzten Vieraugengespräch ausgedrückt. Aber, was sollte sie tun. Verdammt. Kalle war nicht zu erreichen. Und der Streetworker hatte gesagt, er wäre ab morgen für zwei Wochen in Urlaub.
Henny lenkte den Wagen durch den dichten Großstadtverkehr. Es dauerte eine Weile, bis sie das Zentrum hinter sich gelassen, und die Brücke überquert hatte. Ab hier ging es zügig voran. Schon bald tauchte der gewaltige gläserne Komplex der Versicherung auf. Wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff, alleine zwischen Brachland, Bundesstraße und Autobahn. In der gewaltigen Fensterflucht spiegelte sich der Vorplatz mit den drei kümmerlichen Bäumen, die so aussahen, als würden sie nicht noch einen Sommer überleben.
Henny fuhr um das Gebäude herum zu dem hinteren Parkplatz, den eine hohe Hecke zur Autobahn hin begrenzte. Alles war genauso, wie der Streetworker es beschrieben hatte. Wie hieß der noch mal? Hermann? Hartmut? Irgendwo hatte sie sich den Namen notiert.
Jetzt hatte sie die Lücke erreicht, die vom Gartenbaubetrieb zum Abtransport genutzt wurde. Die Zweige der Hecke kratzten an den Fenstern, als würden sie Einlass begehren. Auf der anderen Seite verdorrte Wiese – so groß wie ein Fußballfeld, von Gebüsch und hohen Bäumen begrenzt. Wie einsam es hier war. Am liebsten hätte sie umgedreht.
Im Wagen staute sich die Wärme. Henny kurbelte das Fenster herunter. Das gleichmäßige Geräusch der Autobahn drang ins Wageninnere und verstärkte ihr Gefühl der Einsamkeit. Sie zog ihr Handy heraus und tippte Kalles Nummer ein. Nichts. Ok., sie würde es alleine durchziehen. Es würde schon nichts… Henny tippte eine weitere Nummer ein und sofort meldete sich eine männliche Stimme.
„Kluger.“
Hannes hieß er, Hannes Kluger, jetzt fiel es ihr wieder ein „Ich bin gleich da.“ Ihre Stimme klang fremd, viel zu laut und hoch wie die eines kleinen Mädchens.
„Ok., wir kommen raus. Fahren Sie einfach geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht.“
Henny trat aufs Gas. Staub wirbelte auf. Es müsste bald mal regnen. Angestrengt starrte sie auf das undurchdringliche Gebüsch, das Kluger das „kleine Wäldchen“ genannt hatte.
Ob sie doch besser warten sollte? Irgendwann würde Kalle ja wieder an sein Handy gehen. Henny griff ins Lenkrad und wollte gerade wenden, als zwei Männer aus dem Gebüsch traten. Der jüngere war groß und schlaksig, Jeans, kariertes Hemd und Mütze auf dem Kopf, unter der helle Locken hervorschauen. Der andere war klein und gedrungen mit schwarzen Haaren und dunkler Haut. Er trug einen schlammfarbenen Anzug mit einem rosa Hemd darunter.
Zaghaft stieg Henny aus.
„Das ist Petru Baciu, der Dolmetscher, ich bin Hannes Kluger.“
„Henrieke Hermanns, Kripo Köln.“
„Sind sie alleine?“
„Ja“, sagte Henny und fügte schnell hinzu: „Aber mein Kollege kommt gleich.“
Kluger drehte sich um. „Sie sind dahinten. Kommen Sie. Ich habe nicht so viel Zeit. Muss noch packen. Morgen geht’s nach la Gomera.“ Er grinste und klopfte dem anderen Mann auf die Schulter. „La Gomera“, wiederholte er, und der andere lachte zurück. „Urlaub, du hast gut.“
„Und, überlassen uns das Reden. Stellen Sie Ihre Fragen. Petru gibt sie dann weiter. Die Leute mögen die Polizei nicht. Wir haben ihnen klar gemacht, dass sie nichts mit dem Zoll oder der Einwanderungsbehörde zu tun haben. Kommen Sie jetzt, bitte.“
Die Männer verschwanden zwischen den Bäumen. Zögernd folgte Henny ihnen. Bei genauem Hinschauen sah sie einen ausgetretenen Pfad, der sich durch das Gebüsch schlängelte. Die Luft war stickig und es roch unangenehm nach Exkrementen und Abgasen.
Schon nach kurzer Zeit tat sich eine Lichtung auf. Zelte standen dort, Campingtische und Stühle. Eine Wäscheleine war gespannt, an der bunte Röcke, T-Shirts und Jeans hingen.
Ob die hier wohl trocken werden, ging es Henny durch den Kopf, wo doch kaum Sonne hinkommt.
„Circa vierzig Menschen leben hier. Sie suchen sich Gelegenheitsjobs und schicken das Geld nach Hause zu ihren Familien in Rumänien. Die meisten sind illegal hier. Das hier ist Zlati.“ Kluger zeigte auf einen etwa 30jährigen Mann, der auf einem Campingstuhl saß und eine Zigarette rauchte. „Er ist so eine Art Anführer.“
Henny trat näher. Wie aus dem Nichts tauchten mehrere Frauen und Männer auf. Die Frauen stellten sich dicht an dicht hinter den Mann an dem Campingtisch, der in seiner harten Sprache auf sie einredete. Sie trugen Kopftücher und lange bunte Röcke , darunter Pluderhosen und ebenso farbige Blusen oder Jacken. Einige Männer in dunklen Hosen und bunten Hemden bauten sich mit vor der Brust gekreuzten Armen vor dem Campingtisch auf.
Henny versuchte, mit Kluger in Blickkontakt zu treten. Aber der nahm sie nicht wahr. Unverständliche Wortfetzen drangen durch das Dröhnen der naheliegenden Autobahn zu ihr herüber. Ihr Nacken schmerzte. Als sie mit der Hand darüberstrich, spürte sie die Anspannung.
Der drehte er sich um und zwinkerte ihr zu. Sollte wohl beruhigend wirken. Henny verdrehte die Augen. Sie hob die Hand, um ihn heranzuwinken. Da hatte er sich schon wieder abgewandt und lauschte jetzt konzentriert dem Dolmetscher, der in seinem schlammfarbenen Anzug mit den Knitterfalten wie ein Vorstadtdetektiv wirkte.
Henny starrte wie gebannt auf die Szene, die sich vor ihr abspielte.
Der Mann an dem Campingtisch redete immer noch. Er war eine beeindruckende Gestalt. Dunkle Locken hingen ihm ins Gesicht, seine weißen Zähne blitzten durch den Bart und die schwarzen Augen blitzten. Er stand von seinem Klappstuhl auf und gestikulierte eindringlich mit beiden Armen. Abwechselnd wies er, mal auf den einen, mal auf einen anderen der Männer.
Kluger winkte ihr zu. Zögernd ging Henny näher. „Sprechen Sie“, forderte er sie auf.
„Ich bin Henrieke Hermanns, von der Kriminalpolizei. Noch interessieren wir uns nur für die verschwundene Frau und haben nicht vor, das Ausländeramt einzuschalten. Aber wenn sie nicht kooperieren, hole ich Verstärkung und wir nehmen alle hier mit aufs Revier. Können Sie das bitte übersetzen?“ Henny wusste, dass sie hoch pokerte. Sie hatte sich vor dem Campingtisch aufgebaut und schaute auf den Anführer herab, der sie spöttisch anlächelte.
„Ok, wer hat jetzt etwas zu sagen, gesehen, wem ist etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Wer kannte Esra, so heißt sie doch?“ Der Dolmetscher übersetzte und Henny schaute sich in der Runde um. Niemand sagte ein Wort. „Also dann rufe ich jetzt die Verstärkung an.“ Sie zog ihr Diensthandy aus der Hosentasche und hielt es hoch, damit alle es sehen konnten. Dann tippte sie darauf herum.
„Stopp“, eine Frau löste sich aus der Gruppe. Sie trug ein kleines Mädchen auf dem Arm, das sein Gesicht in die Halsbeuge der Mutter drückte. Die Frau trug einen langen geblümten Rock mit einer schmuddeligen Spitze am Saum und ein dunkles Sweatshirt. Ihre dunklen Haare hatte sie in einem langen Zopf gebändigt. Sie war jung, Anfang zwanzig, schätzte Henny.
„Sie ist die Frau von Esras Bruder“, übersetzte der Dolmetscher. „Sie hätte sich sehr verändert in der letzten Zeit, die Esra, hatte plötzlich Geld, neue Kleidung und schaute auf die anderen Frauen herab. Das Geld bekam sie bestimmt von dem Mann, der sie häufig abholte, spät am Abend. Mit einem großen schwarzen Auto mit getönten Scheiben. Esra kam oft erst am nächsten Morgen zurück, ging dann sofort in ihr Zelt und schlief bis zum Mittag. Immer wieder sagte sie, dass sie es eigentlich nicht mehr nötig hätte, den Dreck für andere zu putzen. Trotzdem ging sie Morgen für Morgen zu dem Supermarkt, von fünf bis sieben Uhr. Ja, und an dem einen Abend, da hatte sie ihre Reisetasche dabei, als sie ins Auto stieg. Auf die Fragen der Schwägerin, wohin sie wolle, gab sie keine Antwort. Seitdem war sie verschwunden. Auch bei der Familie in Rumänien hat sie sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht wollte sie mit dem Mann ein neues Leben anfangen. Niemand wusste es, und zur Polizei gehen konnte man ja nicht.“
„Frag sie, ob jemand die Automarke erkannt hat.“
Der Dolmetscher wendete sich an die vor ihm stehenden Menschen. Einige riefen ihm etwas zu, zeigten auf einen der Männer, die hinter den Zelten standen.
„Es war ein SUV, ein Toyota RAV4, sagt er. Er hat sich das Kennzeichen notiert.“ Der Mann verschwand in einem der Zelte und kam kurze Zeit später mit einem Stück Papier wieder „Bitte, Frau.“ .
Bingo, dachte Henny und sagte: „Danke, das wärs dann erstmal. Halten Sie sich zu unserer Verfügung. Falls noch jemand etwas…“ Da brummte ihr Handy. „Moment“, murmelte sie, und trat ein paar Schritte zur Seite.
„Mann, Henny, wo bist du?“ Kalle klang genervt.
„Bei den Rumänen in dem Lager“, flüsterte Henny und hätte vor Erleichterung am liebsten gekichert.
„Du bist ja wohl total bekloppt.“ Kalle brüllte so laut, dass Henny Angst bekam, man könne es hören. „Ich bin in der Nähe, in ein paar Minuten da. Soll ich Verstärkung mitbringen?“
„Nein, ich glaube das ist nicht nötig“, murmelte Henny und drückte das Gespräch weg.
Sie stieg in Margas Wagen und ließ sich auf den Sitz sinken. Dann telefonierte sie mit der Dienststelle und gab das Kennzeichen durch.
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