Von Agnes Decker
„Wir sollten uns mal wieder auf ein Bier treffen, Henny“, ruft Marga. Ich bin gerade dabei, die Akte mit den Protokollen in meinem Rucksack zu verstauen, um sie am Wochenende in Ruhe durchzulesen. Zu Hause kann ich mich besser konzentrieren als in dem bescheuerten Großraumbüro.
„Entschuldige, ich war ganz in Gedanken. Ja, natürlich. Das sollten wir. Unbedingt.“ Ich winke Marga zu. „Ich muss dringend los. Hab noch einen Termin. Und mit dem Fahrrad bei dem Verkehr…du, weißt ja.“
„Wenn du willst, kannst du meinen Wagen haben. Ich bin heute noch länger hier.“
„Danke, Marga, du bist ein Schatz.“ Der Schlüssel, den sie mir zuwirft, fällt genau in meine Hand.
Ich steuere auf das hintere Ende des Mitarbeiterparkplatzes zu, wo der Kangoo auf mich wartet. Die Papiere liegen wie immer im Handschuhfach. Wenn alles gut geht, bin ich in spätestens anderthalb Stunden wieder zurück. Zum bestimmt zehnten Mal wähle ich Kalles Nummer, aber er geht einfach nicht ran. Ich schicke ihm eine private WhatsApp-Nachricht. Hoffentlich meldet er sich bald, denn der Streetworker ist nur noch heute zu erreichen.
Ich lenke den Wagen durch den dichten Großstadtverkehr. Es dauert eine Weile, bis ich das Zentrum hinter mir gelassen und die Brücke überquert habe. Ab hier geht es zügig voran. Schon bald taucht der gewaltige gläserne Komplex der Versicherung auf. Wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff, alleine zwischen Brachland, Bundesstraße und Autobahn. In der gewaltigen Fensterflucht spiegelt sich der Vorplatz mit den drei kümmerlichen Bäumen, die so aussehen, als würden sie nicht noch einen Sommer überleben.
Kalle meldet sich immer noch nicht. Ich fahre weiter. Zurück kann ich immer noch. „Der nächste Alleingang kostet dich den Kopf“, hatte Meister, unser aller Chef, beim letzten Vieraugengespräch gedroht. Was also soll ich tun?
Langsam fahre ich um das Gebäude herum. Der hintere Parkplatz wird durch eine hohe Hecke zur Autobahn hin begrenzt. Alles ist genauso, wie der Streetworker es beschrieben hat. Wie hieß der noch mal? Hermann? Hartmut? Irgendwo habe ich mir den Namen notiert.
Vor mir taucht die Lücke auf, die vom Gartenbaubetrieb zum Abtransport genutzt wird. Die Zweige der Hecke kratzen an den Fenstern, als würden sie Einlass begehren. Als ich durch bin, liegt eine verdorrte Wiese vor mir, so groß wie ein Fußballfeld. Dahinter ein dichtes Gebüsch und gleich dahinter die Autobahn.
Im Wagen staut sich die Wärme. Ich kurbele das Fenster herunter. Das gleichmäßige Geräusch der Autobahn dringt ins Wageninnere. Ich habe plötzlich das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Schnell wähle ich noch einmal Kalles Nummer. Nichts. Was jetzt? Zurück und auf Kalle warten? Andererseits: Was soll passieren? Immerhin ist der Streetworker dabei. Ich ziehe den Zettel aus dem Geldbeutel. Hannes heißt er: Hannes Kluger. Ich atme tief durch, dann wähle ich seine Nummer.
„Kluger.“
„Ich bin da.“ Meine Stimme ist laut und hoch, wie die eines kleinen Mädchens.
„Alles klar, wir kommen raus. Fahren Sie einfach geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht.“
Als ich losfahre, wirbelt Staub auf. Es müsste bald mal regnen. Angestrengt starre ich auf das undurchdringliche Gebüsch, das Kluger das „kleine Wäldchen“ genannt hat.
Noch immer keine Antwort von Kalle.
Das Gebüsch teilt sich und zwei Männer kommen auf mich zu. Der jüngere ist groß und schlaksig, Jeans, kariertes Hemd. Helle Locken schauen unter seiner Mütze hervor. Der andere ist wesentlich kleiner, gedrungen, hat schwarze Haare und dunkle Haut. Er trägt einen schlammfarbenen Anzug und ein rosa Hemd.
Zaghaft steige ich aus.
„Das ist Petru Baciu, der Dolmetscher, ich bin Hannes Kluger.“
„Henrieke Hermanns, Kripo Köln.“
„Sind Sie alleine?“
„Ja“, sage ich und füge schnell hinzu: „Aber mein Kollege kommt gleich.“
Kluger dreht sich um. „Sie sind dahinten. Kommen Sie. Ich habe nicht so viel Zeit. Muss noch packen. Morgen geht’s nach La Gomera.“ Er grinst und klopft dem anderen Mann auf die Schulter. „La Gomera“, wiederholt er, und der andere lacht zurück. „Urlaub, du hast gut.“
„Überlassen Sie uns das Reden. Stellen Sie Ihre Fragen. Petru gibt sie dann weiter. Die Leute mögen die Polizei nicht. Wir haben ihnen klar gemacht, dass sie nur wegen Esra hier sind, und nichts mit dem Zoll oder der Einwanderungsbehörde zu tun haben. Kommen Sie jetzt, bitte.“
Ich muss genau hinschauen, um den ausgetretenen Pfad zu erkennen, der sich durch das Gebüsch schlängelt. Die Luft ist stickig, und es riecht unangenehm nach Exkrementen und Abgasen.
Schon nach kurzer Zeit tut sich eine Lichtung auf. Zelte stehen dort, Campingtische und Stühle. Eine Wäscheleine ist gespannt, an der bunte Röcke, T-Shirts und Jeans hängen.
Ob die hier wohl trocken werden, wo doch kaum Sonne hinkommt?
„Ungefähr 40 Menschen leben hier oder besser gesagt, sind hier gestrandet. Opfer von Schleppern. Sie arbeiten ohne Papiere und schicken das Geld zu ihren Familien in Rumänien. Das hier ist Zlati.“ Kluger zeigt auf einen etwa 30-jährigen Mann, der auf einem Campingstuhl sitzt und eine Zigarette raucht. „Er ist so eine Art Anführer.“
Ich trete näher. Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich mehrere Frauen und Männer auf. Die Frauen stellen sich dicht an dicht hinter Zlati, der in einer harten Sprache auf sie einredet. Sie tragen Kopftücher und lange bunte Röcke, darunter Pluderhosen und ebenso farbige Blusen oder Jacken. Einige Männer in dunklen Hosen und bunten Hemden bauen sich mit verschränkten Armen vor dem Campingtisch auf. Eine menschliche Mauer. Sie schauen mich an.
Ich versuche, mit Kluger in Blickkontakt zu treten. Aber der lauscht konzentriert dem Dolmetscher, der in seinem schlammfarbenen Anzug mit den Knitterfalten wie ein Vorstadtdetektiv wirkt. Unverständliche Wortfetzen dringen durch das Dröhnen der naheliegenden Autobahn zu mir herüber. Mein Nacken schmerzt. Als ich mit der Hand darüberstreiche, spüre ich die Anspannung.
Die Männer sind jetzt zur Seite getreten. Der Anführer redet immer noch. Er ist aufgestanden und gestikuliert wild mit beiden Armen, eine beeindruckende Gestalt. Dunkle Locken hängen ihm ins Gesicht, seine weißen Zähne blitzen durch den Bart und die schwarzen Augen funkeln. Er hat etwas Verwegenes. Abwechselnd zeigt er mal auf den einen, mal auf einen anderen der Männer. Dabei rutscht der Ärmel hoch und zeigt eine goldene Uhr.
„Kommen Sie“, ruft Kluger mir zu. Ich gehe ein paar Schritte auf sie zu. Zlati lächelt mich spöttisch an. Die Männer und Frauen rücken näher, als wollten sie ihn vor mir schützen.
„Ich bin Henrieke Hermanns, Kripo Köln. Ich interessiere mich nur für die verschwundene Frau. Esra Radu. Der Supermarktleiter hat sie als vermisst gemeldet.“ Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein paar Männer Richtung Autobahn laufen. „Bleiben Sie, ich habe nicht vor, das Ordnungsamt einzuschalten. Aber, wenn Sie nicht kooperieren, hole ich Verstärkung und wir nehmen alle hier mit aufs Revier. Können Sie das bitte übersetzen?“ Ich weiß, dass ich hoch pokere. Um vierzig Leute mitzunehmen, bräuchte ich die halbe Kölner Hundertschaft und drei Gefangenenbusse. Aber das müssen sie ja nicht wissen.
„Okay“, fahre ich fort. „Wer hat etwas zu sagen, gesehen, wem ist etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Wer weiß etwas über Esra?“ Der Dolmetscher übersetzt. Ich schaue mich um. Niemand sagt ein Wort. „Also, dann rufe ich jetzt an.“ Ich ziehe mein Diensthandy aus der Tasche und halte es hoch, damit alle es sehen können. Niemand reagiert. Was jetzt? Ich schaue auf die Uhr. „Ich gebe Ihnen fünf Minuten.“
Der Dolmetscher spricht eindringlich, hält fünf Finger hoch.
Nichts. Nur das Rauschen der Autobahn durchbricht die Stille.
Kluger wippt nervös mit den Knien.
Ich nehme mein Handy und tippe wild darauf herum.
„Stopp.“ Eine Frau löst sich aus der Gruppe. Sie trägt ein kleines Mädchen auf dem Arm, das sein Gesicht in ihre Halsbeuge drückt. Die Frau trägt einen langen geblümten Rock mit einer schmuddeligen Spitze am Saum und ein dunkles Sweatshirt. Ihre schwarzen Haare hat sie in einem langen Zopf gebändigt. Sie ist jung, Anfang zwanzig, schätze ich.
„Sie sagt, sie ist die Frau von Esras Bruder“, übersetzt der Dolmetscher. „Esra habe sich verändert. Plötzlich viel Geld und teure Kleidung. Sie hat nicht mehr mit den anderen geredet, hat auf sie herabgesehen. Ein Mann hat sie abgeholt. Mit einem großen Auto. Spätabends, wenn es schon dunkel war. Sie sagte, sie hätte es nicht mehr nötig, den Dreck für andere zu putzen. Trotzdem ging sie jeden Morgen zu dem Supermarkt. Fünf bis sieben Uhr. Ja, und an einem Abend, da hatte sie ihre Reisetasche dabei, als sie ins Auto stieg. Hat sich dann nicht mehr gemeldet, auch nicht bei der Familie in Rumänien.“
„Frag sie, ob jemand die Automarke erkannt hat.“
Zlati fährt herum. Er zischt der jungen Frau ein paar harte Worte zu. Die Frau weicht zurück und presst das kleine Mädchen noch enger an sich.
Petru legt eine Hand an seinen Kragen und raunt mir zu: „Er hat ihr gerade gedroht. Wir müssen gehen. Sofort.“
Kluger packt mich am Ellbogen und schiebt mich Richtung Pfad.: „Alles klar, das war’s. Danke für das Gespräch!“, ruft er hastig in die Runde.
Ich renne zurück zum Kangoo, schmeiße die Fahrertür zu und verriegele sie von innen. Staub wirbelt auf, als ich an dem gläsernen Versicherungskomplex vorbei zurück auf die Bundesstraße rase.
An der ersten roten Ampel betätige ich die Freisprechanlage. Auf dem Display blinkt ein verpasster Anruf. Kalle. Ich wähle den Rückruf. Diesmal hebt er ab.
„Henny? Ich wollte dich auch gerade anrufen.“
„Ich bin auf dem Rückweg von Esras Leuten“, schnauze ich ihn an. „Wo warst du? Ich konnte dich nicht erreichen.“
„Du bist was, Henny? Wie bekloppt kann man nur sein? Ich halte ständig für dich den Arsch hin und du…“
„Kalle“, grätsche ich dazwischen. „ Esra wurde nachts von einem Kerl mit einem fetten Auto abgeholt. Sie hatte plötzlich Geld. Ich bin auf dem Weg ins Präsidium – wir haben verdammt noch mal eine Spur.“
„Ich habe übrigens auch was, Henny. Sie haben Esra gefunden. Sie ist tot.“
Version 3
9971 Zeichen
