Von Franck Sezelli
Alexander Nusser stand am Fenster und schaute zufrieden auf die grünen, kegelförmigen Wipfel der stattlichen Bäume, die schon fast bis in die Höhe seiner dritten Etage hochreichten, in der sich das Arbeitszimmer des Direktors befand. Er erinnerte sich an einen viele Jahre zurückliegenden Besuch hier in Nüsslingen wegen einer pädagogischen Schulung. Der Eingangsbereich zu dem imposanten Gebäude des Helene-Lange-Internats hatte auf ihn trotz der sauber angelegten Kieswege und des gut gepflegten Rasens irgendwie trist und langweilig gewirkt. Er hatte sich hier schwerlich fröhlich spielende Kinder vorstellen können. Nun ja, es waren Ferien und sowieso keine Kinder da. Und es gab auch noch den großen Garten- und Spielbereich hinter dem ehemaligen Gutshaus.
Direktor Nusser war froh, dass sein Vorgänger den kleinen Park mit Haselbäumen angelegt hatte. Wenn man heute durch das Eingangstor kam, begrüßten den Besucher einige inzwischen hochgewachsene Baum-Haseln, die guten Schatten spendeten. Der vormalige Internatsleiter war offenbar gut beraten worden beim Anlegen dieses parkähnlichen Bereichs. Denn diese Bäume sind bekannt für ihre Robustheit gegenüber Hitze und Trockenheit, aber auch gegen Frost. So sind sie für die Zukunft mit dem fortschreitenden Klimawandel gut geeignet.
In Gedanken versunken, bemerkte Alexander Nusser gar nicht, dass hinter ihm die Tür geöffnet wurde.
»Hilfe, hilfe, Herr Nusser!«, schluchzte der kleine Junge, den er sogleich als den liebenswürdigen Marcel erkannte.
»Was ist denn passiert, Marcel?«, fragte er und reichte dem Jungen ein Taschentuch. »Beruhige dich erst einmal und erzähle dann.«
»Meine Goldie bewegt sich nicht mehr. Sie liegt einfach so auf dem Rasen unter dem Baum.« Mit Mühe und unter Schluchzern bekommt Marcel diese Worte heraus. »Ich habe sie auch schon angestupst, aber sie reagiert nicht.«
»Goldie? Goldie … wer ist denn das?«
»Das ist doch mein Eichhörnchen!«, entgegnete fast empört der Schüler, weil der Direktor seine Goldie nicht kannte.
»Ach so, das ist das süße Eichhörnchen, das immer zu dir kommt, wenn du unten im Park bist und das sich von dir füttern lässt.«
»Ja, das ist meine Freundin Goldie.«
»Warum nennst du das Eichhörnchen Freundin und nicht Freund und sprichst von ihr? Es heißt doch das Eichhörnchen.«
»Das ist doch eine Eichhörnchenfrau, ein Eichkätzchen! Ein Weibchen. Die Eichkater sind doch größer – wie Julias Harry!«
Alexander dachte jetzt nicht weiter darüber nach, wunderte sich nur ein bisschen, was seine kleinen Schüler so alles wussten.
»Komm mit, da schauen wir uns deine Goldie mal an.« Als die beiden unten im Park waren, bestätigte sich der Verdacht des Direktors: Da war nichts mehr zu machen. Das Eichhörnchen war tot.
Der Internatsleiter rief den Gärtner herbei und wies ihn an, den Kadaver diskret in den Schuppen zu bringen und zu verwahren. Den untröstlichen Marcel nahm er in den Arm und versprach, eine würdige Beerdigung für seine Goldie zu organisieren.
Marcel hockte tieftraurig auf der großen Treppe vor dem Gebäude. Plötzlich saß seine Freundin Julia neben ihm und sprach tröstend auf ihn ein. Er hatte sie gar nicht kommen hören. »Ich weiß, was passiert ist. Möchtest du Tomi in den Arm nehmen?« Julia war jünger als Marcel, den sie wie einen großen Bruder mochte. Sie hatte zwar einen einige Jahre älteren Bruder, aber Luca wollte sich nicht mit kleinen Mädchen abgeben. Tomi war der Kuchelteddy von Julia, den sie fast überall mit hinnahm. »Sei nicht traurig, Marcel, du darfst auch meinen Harry füttern. Ich habe extra Erdnüsse mitgebracht, die mag er so gern. Komm mit, wir suchen ihn.«
Marcel schluckte, seine Tränen wollten wiederkommen. Er erinnerte sich daran, wie auch Goldie ihm so gern die Erdnüsse aus der Hand nahm und direkt vor ihm mit ihren Pfötchen und den Zähnen die trockene Schale entfernte und die enthaltenen Nüsse knabberte.
»Komm!«, sagte Julia noch einmal und zog ihn an der Hand in den Park. Sie liefen zu den zwei dicht nebeneinanderstehenden Bäumen, wo Goldie und Harry meistens herumgehüpft sind. Aber egal, wie Julia rief und beide sich hinhockten und auf ihren ausgestreckten Handflächen die Nüsse zeigten, kein Eichhörnchen ließ sich sehen.
Die beiden Kinder liefen auch zu den anderen Haselbäumen, schauten aufmerksam nach oben, von weiter weg in die Wipfel und auch von unten am Stamm nach oben durch die dichten Zweige. Außer ein paar Vögeln, die zwischen den Zweigen herumhuschten, entdeckten sie nichts.
Als Julia ganz behutsam und ringsum schauend dicht an einem dunklen Busch entlangschlich, der wie andere auch am Rand des Parks stand, schrie sie auf einmal auf. Marcel bekam einen riesigen Schreck und rannte sofort zu ihr. Julia hatte so laut und angsterfüllt geschrien, dass auch viele andere Kinder, die hinter dem Gebäude gespielt hatten, um das Haus herumgelaufen kamen. Nun standen alle um Julia herum, die mit schreckgeweiteten Augen unter den Busch zeigte. Alle sahen das rötliche Fell und den buschigen Schwanz. Dort lag Julias Liebling, der Eichkater Harry – tot!
Herr Nusser hatte große Mühe, die aufgeregten Kinder zu beruhigen und vor allem zu versuchen, Julia zu trösten. Gemeinsam mit den Schülern durchsuchte der Internatsdirektor den kleinen Park und blickte auch in alle Baumkronen. Es war kein Eichhörnchen mehr zu finden. Zum Glück kein totes mehr, aber auch keines, das in den Ästen und Zweigen herumsprang. Dabei waren es sonst einige, die die Haselbäume belebten. Manche ließen sich auch von den Kindern füttern. Nicht alle Kinder trauten sich das, denn einige hatten auch Angst vor den scharfen Zähnchen der Tiere.
Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein, dass jetzt kein Eichhörnchen mehr da war. Alexander Nusser war ratlos, ließ sich aber vor den Kindern nicht viel anmerken, sondern versprach ihnen zum schwachen Trost in zwei Tagen ein feierliches Begräbnis für Goldie und Harry.
Später telefonierte der Direktor mit dem Tierarzt in Nüsslingen, der sich etwas verwundert und dann im Laufe des Gesprächs als sehr entgegenkommend zeigte. Im Anschluss beriet er sich mit den Erziehern und Erzieherinnen, um die Trauerfeier vorzubereiten.
Bewusst hatte sich das kleine Vorbereitungskomitee auf eine fröhlich-optimistische Feierrunde geeinigt. In den Schulklassen, Arbeitsgemeinschaften und vor allem im Internatschor wurde zwei Tage lang fleißig geübt.
Nun hatten sich alle im Haselbaumpark versammelt, neben allen Schülern und Pädagogen war auch das Küchenpersonal, der Gärtner und der Hausmeister gekommen. In schön geschmückten Pappkartons lagen die verstorbenen Tierchen auf Haselzweigen, rings um sie Hasel- und andere Nüsse. Der Kinderchor sang „Hallo, kleines Eichhörnchen, was hast du entdeckt …“, das Eichhörnchenlied von Alexas Kinerliedern, das fast alle Kinder kannten. Dann ertönten weitere Lieder aus der Lautsprecheranlage. Der Physiklehrer hatte eine ganze Reihe fröhlicher Eichhörnchenlieder bei Youtube aufgenommen, die er jetzt abspielte. Einige Kinder sangen mit. Nach ein paar Worten des Direktors und einer Gedenkminute wurden die beiden ehemals so springlebendigen, fast zahmen Eichhörnchen unter den Klängen von „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein …“ beigesetzt. Während der Gärtner das Eichhörnchengrab zwischen den Haselbäumen zuschüttete, flossen manche Tränen.
Ein paar Tage nach diesem vor allem für die Kinder bewegenden Begräbnis rief der Tierarzt im Internat an und teilte dem Direktor das Ergebnis seiner Untersuchungen mit, um die er ihn gebeten hatte. Beide Tiere, die in seine Praxis gebracht worden waren, wiesen Vergiftungserscheinungen auf, die auf Nitrate schließen ließen. Alexander hatte seitdem ein furchtbar schlechtes Gewissen. Denn er konnte sich das nur erklären durch die Düngung mit Blaukorn, die er genehmigt hatte. Als er nach dem heißen, trockenen Sommer meinte, an dem Baum gleich links vom Eingang Braunfärbungen und andere Krankheitszeichen wahrzunehmen, dachte er, ihm mit einer Düngung zu helfen. Und das, obwohl ihm sein Vorgänger dessen Wahl der Haselbäume als widerstandsfähig und pflegeleicht ausführlich erklärt hatte. Der Baum ist – einmal großgezogen – sehr tolerant gegen Dürre und benötigt normalerweise auch keine Düngung.
Nun hatte er um diesen seiner Meinung nach geschädigten Baum Blaukorn ausbringen lassen. Der Tierarzt erklärte ihm, dass das zum Beispiel für Hunde bei Aufnahme sehr giftig bis tödlich sein kann. Möglichweise haben die Eichhörnchen aus kleinen Pfützen getrunken, die nach dem Ausbringen des Düngers durch das nachfolgende Wässern entstanden sind und in denen sich die Chemikalien gelöst hatten. Oder sie sind beim Verstecken von Nüssen als Vorräte für den Winter mit den giftigen Körnern in Berührung gekommen.
Im Mai des nächsten Jahres
Alexander Nusser steht am Fenster und schaut zufrieden auf die grünen Wipfel der stattlichen Haselbäume. Zwischen den Bäumen kauern Julia und Marcel nebeneinander und strecken ihre Hände aus. Was genau sie auf den Handflächen halten, kann er nicht erkennen. Aber – oh Wunder! Ganz vorsichtig nähern sich den Kindern zwei Eichhörnchen, schrecken zurück und kommen wieder, mehrmals. Bis sich eines Julia nähert und blitzschnell etwas von ihrer Hand nimmt. Dann kommt auch das zweite und stibitzt ebenso schnell etwas aus Marcels Hand.
Glücklich dreht sich der Direktor um und setzt sich an seinen Schreibtisch. Es war goldrichtig, dass er sich mit dem NABU in Verbindung gesetzt hatte. Die Mitarbeiter dort hatten viel Verständnis gezeigt und ihn an kompetente Pflege- und Auffangstationen für kranke und verletzte Wildtiere vermittelt. Vor einem Monat konnten dann vier Eichhörnchen im kleinen Haselbaumpark des Internats angesiedelt werden.
V1 / 9655 Z.
