Von Ingo Pietsch

Romanchegraben, Atlantik
in 3000 Metern Tiefe
Die Dunkelheit war erdrückend und unheimlich.
Seit knapp einer Stunde befand sich das französische Tiefsee-U-Boot Neptune IV auf Abtauchfahrt.
Brigitte und Hugo hatten sich bewusst dicht an der steil abfallenden Kante des Romanchegrabens gehalten, um nicht zu sehr vom Kurs abzukommen.
Für das kleine U-Boot war diese Tiefe kein Problem, konnte es doch bis zu 8000 Meter tauchen. An dem U-Boot hing ein Kommunikationskabel, das allerdings die Manövrierfähigkeit einschränkte. Alle Bilder und Videos wurden fast in Echtzeit zum Transportschiff übertragen.
Brigitte und Hugo schwitzten um die Wette – trotz der Außentemperatur, die am Gefrierpunkt lag. Die Heizung war defekt und die beiden hatten sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Auch wenn die Versuchung groß war, waren sie dennoch nur Kollegen.
Die schroffen Felswände waren nackt. Schon längst gab es hier unten keine Pflanzen mehr. Ohne Sonnenlicht, das niemals bis in diese Tiefe vordrang, konnte solches Leben nicht gedeihen.
Auch Tiere gab es kaum zu sehen. Hier und da paddelten Garnelen vor dem Unterwasserglas herum. Sie waren weiß und wahrscheinlich blind. Sie reagierten jedoch auf die vom U-Boot verursachte Strömung und flüchteten davor.
Falls es tatsächlich größere Tiere wie Wale in dieser Tiefe gab, hielten diese Abstand.
„Es ist so langweilig. Ich hätte mir ein Buch mitnehmen sollen“, meinte Hugo gähnend. „Es gibt hier nicht das Geringste zu sehen.“
Brigitte empfand genau das Gegenteil. Sie war schon oft genug getaucht, um den Fahrten jedes Mal etwas Schönes abzugewinnen. Schließlich war es nicht jedem vergönnt, in solche Tiefen vorzudringen.
Tatsächlich hatten sie auf Felsvorsprüngen schon menschliche Hinterlassenschaften, etwa Schuhe oder anderen Abfall gesehen. Ein Beweis dafür, dass der Mensch selbst die entlegensten Winkel des Planeten nicht verschonte.
Brigitte knipste mit ihrer Digitalkamera zusätzlich Fotos von allem, was auch die Außenkameras aufnahmen.
Sie arbeiteten für eine französische Umweltorganisation, die gerade damit beschäftigt war, der illegalen Entsorgung von Atommüll nachzugehen.
Ein Mitarbeiter des Entsorgungsunternehmens hatte einige Fässer mit Peilsendern ausgestattet, damit sie später aufgespürt werden konnten.
Das Gerät vor Brigitte zeigte wie bei einem Navi den genauen Standort des einzigen verbliebenen Peilsenders an, der noch intakt war. Vor ein paar Tagen waren es noch mehr gewesen, doch sie waren nach und nach verstummt.
Ob der Druck in dieser Tiefe oder das kalte Wasser dafür verantwortlich war, ließ sich nicht erklären.
„Hast du vielleicht gedacht, wir finden hier Spuren von Atlantis?“, fragte die Rothaarige mit dem blassen Teint.
„Na ja, warum nicht? Wir befinden uns jenseits der Säulen des Herakles.“
„Das sind doch alles nur Märchen. Was sagt denn der Geigerzähler?“
Hugo beugte sich vor und kam Brigitte sehr nahe. Er trug nur ein verschwitztes Hemd, unter dem sich sein durchtrainierter Oberkörper deutlich abzeichnete. Und er roch trotz der Transpiration verführerisch nach Moschus. Doch daraus würde nichts werden, denn Hugo stand auf Männer.
„Alles im grünen Bereich. Was allerdings merkwürdig ist. Die Firma lädt seit Jahren ihren Müll hier ab. Und da wir …“, er sah Brigitte an.
Brigitte starrte auf ihr Gerät: „500 Meter.“
„Und da wir nur 500 Meter vom Peilsender entfernt sind, müsste da doch irgendetwas sein“, beendete er den Satz.
Mit einem Ruck setzte das U-Boot auf dem Meeresboden auf.
Im Scheinwerferlicht sahen sie, wie Sand und Schlick aufgewirbelt wurden.
Nachdem sich die Sicht wieder gebessert hatte, schickten sie die Scheinwerferkegel auf die Suche. Sie reichten aus Energiespargründen nur 100 Meter weit.
Doch das genügte: Dort lagen Dutzende Fässer mit dem schwarz-gelben Strahlenwarnzeichen. Sie waren zum Teil durch den Druck zerquetscht und deformiert worden. Einige wiesen Risse auf oder waren aufgeplatzt.
Sie steuerten das U-Boot näher heran, nahmen Wasserproben und fuhren die Greifarme aus, um einen der Behälter in Augenschein zu nehmen.
Nie ließen sie dabei die Instrumente aus den Augen. Von den Fässern ging jedoch keine unmittelbare Gefahr aus.
Als sie das Fass mit den Roboterarmen drehten, stellten sie fest, dass es leer war.
„Das wird immer merkwürdiger“, meinte Hugo.
Brigitte steuerte das U-Boot weiter über das Trümmerfeld hinweg, während sie weitere Fässer untersuchten.  Mit demselben Ergebnis. Wohin war der Müll verschwunden?
„Jacques, siehst du auch, was wir sehen?“, fragte Hugo in sein Headset.
„Ja“, kam Jacques von oben. „Macht weiter.“
„Oui. Fahr weiter.“
Es waren Hunderte von Fässern, die hier ein Massengrab bildeten.
Langsam näherten sie sich einem Abgrund. Und was ihnen jetzt erst auffiel, war, dass die Fässer bewegt worden waren: gedreht, gezogen, aufgerissen.
Jetzt schwitzten die beiden nicht mehr wegen der Hitze, sondern vor Angst.
„Nein, sag es nicht! Ich will gar nicht herausfinden, was das war. Wir tauchen unverzüglich auf!“ Brigitte war schon damit beschäftigt, einen Kurs zu programmieren. Das U-Boot entfernte sich wieder von der Klippe und gab den Blick frei auf einen aufgerissen Walschädel und schließlich auf dessen komplettes Skelett. Dann entdeckten sie ein weiteres und noch eines. Sogar auf Skelette von viel zu großen Haien fiel ihr Blick. Es war ein richtiger Friedhof.
„Sind die hier gestorben oder wurden sie aufgefressen?“
„Hör auf, solche Panik zu verbreiten!“, sagte Brigitte zitternd.
Plötzlich ruckte das U-Boot herum. Es wurde hin und her geschüttelt und kam gleich darauf wieder frei.
Jedes noch so kleine Leck konnte ihren sofortigen Tod bedeuten.
„Pierre, kannst du uns noch hören?“, fragte Hugo. Aber die Verbindung war tot. Das Datenkabel abgetrennt.
„Das U-Boot lässt sich noch steuern. Aber wir können keine Hilfe rufen. Wir verschwinden jetzt!“
Hugo nickte schnell.
Als sich die Neptune IV neu ausrichtete, kam ihnen ein Hai entgegen. Auf die Entfernung wirkte er normal, aber je näher er kam, desto deutlicher wurde ihnen bewusst, dass er mindestens so groß wie ein Bus, wenn nicht sogar noch größer war.
„Leuchte ihn an, vielleicht können wir ihn blenden.“
Mit zitternden Fingern strahlte Brigitte das Ungetüm an.
Die Frage war, wie lange es den Hai, diesen Megalodon, davon abhielt, das U-Boot weiter anzugreifen.
Die Strömung ließ die Neptune IV erbeben und Metall kreischte, als eine Flosse des Hais die Bordwand streifte.
Der Hai begann, eine Runde zu schwimmen und kam wieder näher.
„Mon Dieu, das ist der Vorhof zur Hölle!“ Hugo machte ein Kreuz auf seiner Brust.
Als hätte Gott tatsächlich sein Flehen erhört, schlug der Geigerzähler bis zum Anschlag aus.
Die rückwärtigen Kameras erfassten am Abgrund Bewegungen. Ein rötlicher, gigantischer Arm tastete sich zwischen Fässern und Gebeinen voran. Ihm folgten weitere mit riesigen Saugnäpfen besetzte Tentakeln.
Brigitte drehte das U-Boot und sie fuhren langsam rückwärts von der Kluft schräg aufwärts davon.
Der Megalodon schwamm unbeirrbar weiter auf sie zu, aber einer der Krakenarme wickelte sich um den Hai und hielt ihn fest.
Wenn sie nicht schnell genug von hier wegkamen, würde sie entweder der Krake, der Hai oder die Radioaktivität, die vom Kraken ausging, töten.
Sie entfernten sich immer weiter von dem unbeschreiblichen Schauspiel.
Der Krake war vollständig aus der Tiefe aufgetaucht und Brigitte und Hugo konnten sehen, dass seine Augen mindestens so groß waren wie Treckerreifen.
Der Hai wand sich unter dem eisernen Griff und biss um sich.
Der Krake war mit Narben übersät und wenigstens ein Arm war nur noch zur Hälfte vorhanden.
Durch heftiges Hin- und Herwinden gelang es dem Megalodon, den Griff zu lockern und biss dem Kraken einen weiteren Arm ab. Blut verfärbte das Wasser und Brigitte und Hugo konnten gerade noch so erkennen, wie der Krake den Hai mit mehreren Tentakeln festhielt. Doch der Hai war so stark, dass er den Kraken mitriss.
Das U-Boot entfernte sich immer weiter. Im restlichen Lichtkegel war gerade noch zu sehen, wie der Hai von dem Kraken über den Abgrund gezogen wurde und beide in der Tiefe verschwanden.
Brigitte und Hugo wurde übel. Dafür wurde der Geigerzähler immer leiser, je mehr sie aufstiegen, bis er schließlich verstummte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit atmeten sie auf.
Der Krake schien sie nicht zu verfolgen.
Hugo hatte seine Arme schützend um Brigitte gelegt, und so blieben sie einfach liegen, bis sie die Oberfläche erreicht hatten.
In einiger Entfernung schaukelte das Trägerschiff auf den Wellen. Die Männer an Bord winkten ihnen zu.
Brigitte atmete tief durch. „Wir haben es geschafft!“
Doch Hugo sprang auf: „No, no, no! Nur das nicht!“
Sie hatten den Kraken mit ihrem U-Boot an die Oberfläche gelockt.
Riesige Tentakel tasteten sich am Schiff empor, wickelten es ein und versuchten es nach unten zu ziehen.
Die Crew kämpfte mit Bootshaken und Harpunen vergebens dagegen an, aber der Krake war so stark, dass er das Schiff entzwei brach. Das Wasser brodelte so lange an der Stelle, bis nichts mehr vom Schiff und der Mannschaft zu sehen war.
„Ma chère, wir haben den Kraken entfesselt!“ Das war das einzige, was Hugo dazu einfiel.

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