J.W. Anders

Ein Polizeiwagen auf dem Seitenstreifen. Mein Blick huscht zur Tachonadel: Ich fahre auf den Strich, was ich darf. Jetzt nur nicht hektisch werden! Ich weiß genau, was man beachten muss, wenn Bullen am Weg stehen: Hände ans Lenkrad, Augen geradeaus! Sätze – tausendmal vorgebetet und in Fleisch und Blut übergegangen. Dieser Morgen hat schon so mies begonnen, wie es nur ein Montag kann: Gekeife ums Badezimmer, trödelnde Töchter und ich muss sie diese Woche zur Schule fahren. Ich bin spät dran. Mal wieder. Und jetzt auch noch Polizeikontrolle.

Im Schritttempo weiter. Die Luft im Innenraum ist zum Schneiden dick. Ich darf den Schweiß nicht von der Oberlippe wischen.

Durch die Windschutzscheibe starren mich die ‚Ordnungshüter‘ an. Ihr Blick klebrig, gleichzeitig unnachgiebig. Dabei mache ich DAS harmlose Gesicht und mein Ford ist auch nicht weniger verkehrstüchtig als die Karre vor mir. Natürlich werde gerade ich aus der Schlange gewunken. Mann, ich hab keine Zeit für diesen Scheiß. Wenn ich zu spät komme, bin ich draußen, der Chef kennt da nix. Nein, nein, NEIN! Könnte ich doch nur mit der Faust aufs Lenkrad hämmern, doch ich verbeiße es mir. Keine hastige Bewegung – eine weitere überlebenswichtige Regel.

Einer der Bullen stellt sich breitbeinig neben die Fahrertür. Fäuste in der Hüfte. Behutsam nehme ich eine Hand vom Lenkrad und lasse die Seitenscheibe herunter.

„Papiere!“ Dieser befehlsgewohnte Ton, ich könnte kotzen.

Die Papiere liegen offen auf dem Beifahrersitz. Ich muss weder in meine Jacke greifen noch ins Handschuhfach. Alles vorsichtshalber, ich kenne die Geschichten, viel zu gut. Der Bulle mustert mich gründlich: Haare, Augen, Nase, Lippen. Sein Gesichtsausdruck ist steinern. Er riecht nach kaltem Rauch und schlechter Laune. Ich weiß, was kommen wird, bevor es passiert. Scheiß-Tag! Ein weiterer Scheiß-Tag in dieser beschissenen Welt.

„Aussteigen!“

Langsam, nur langsam! Bewegung im Zeitlupentempo. Nur nichts tun, was falsch interpretiert werden kann. Ich löse den Sicherheitsgurt, greife nach dem Türöffner. Ein Gedankenblitz: ihm die Fahrertür vor den Bauch knallen. Doch das hätte nur einen negativen Effekt. Die kriegen einen immer, und dann hat man keine Chance mehr.

Dem Bullen bin ich wohl zu lahm. Er reißt die Tür auf, greift nach meinem Arm und zerrt mich aus dem Ford. Er stößt mich gegen die Karosserie. Ich verschlucke das Stöhnen. Folge seiner Aufforderung und lege die Hände aufs Dach, spreize die Beine. Er schlägt mir mit dem Stock in den Schritt und ich zucke zusammen.

„Stillhalten!“, schnauzt er.

„Widerstand gegen die Staatsgewalt!“ Der zweite Bulle hakt seinen Schuh um meinen Knöchel. Ein kurzer Ruck. Meine Welt kippt.

Ich stürze auf der Seite. Ungebremst. Ziehe einen Arm unter den Oberkörper, versuche mich zu drehen. „Ich hab nichts getan.“ Falsch, total falsch. Egal, wie besonnen ich bin, ich kann nichts richtig machen. Für die Bullen bin ich verdächtig. Einfach weil ich existiere. Scheiße, ich hab mir mein Äußeres nicht ausgesucht.

Der erste Bulle drückt mir sein Knie in den Nacken. Lehnt sich mit der Hand auf meinen Hinterkopf. Mein Nasenrücken knirscht. Meine Wange gequetscht auf dem Asphalt, körnig, feucht vom Regen der letzten Nacht.

Dieses kantige Knie – volles Gewicht auf meinem Nacken. Das Knochenknirschen hallt in meinen Ohren. Ich kann das Stöhnen nicht länger unterdrücken.

Die Schuhe des zweiten Bullen in meinem Blickfeld. Schwarz, harte Kappen, dicke Sohlen. Sie rühren sich nicht.

„Ich kriege keine Luft“, will ich rufen. „Bitte, ich kriege …“ Unverständliches Krächzen.

„Klappe halten!“ Das Knie gibt nicht nach. Die Schuhe bewegen sich nicht. Diese Scheißbullen sind Monster, aus dem finstersten Alptraum gekrochen. Machen das Leben zur Hölle.

Meine Wange brennt, mein Nasenrücken ist platt, ich kriege keine …

„Luft“, presse ich durch die Enge in der Kehle.

Auf dem Asphalt tanzen Sterne. Sind keine Hoffnung, nicht in dieser verdammten Welt.

Warum hilft niemand? Hilfe! Gott, wo bist du, wenn man dich braucht?

Die Schuhe rühren sich nicht. Meine Nase knackt.

„Ich kann nicht …“

Die Sterne drehen sich um mich, immer schneller, immer greller. Meine Augäpfel – scheinen zu platzen. Meine Lunge – in Flammen. Ameisen in Armen und Beinen.

„Atmen.“

Das Knie gibt nicht nach, die Hand drückt fester. Scheißbullen. Ziehen ihre Machtspiele durch.

„Ich kann nicht …“ Keine Worte, nur heißeres Stöhnen.

Schuhe rühren sich nicht. Uniformhose mit Bügelfalte. Makellos.

Kälte kriecht durch Kleidung. Liege in Pfütze. 

Kann nicht schlucken. Geh hier drauf.

„Ich krieg k…“ Spucke rinnt. Worte streiken.

Rote Schlieren. Kopf pulsiert. Mit jedem Herzschlag.

Ich will nicht …

Will nicht sterben. Nicht heute. Will noch sagen … Will sagen, dass …

Schmerz. Überall Schmerz. Glüht durch jede Körperzelle. Falsche Hautfarbe. Falsche Nase, Haare. Falsches Ich. Falsche Welt.

Bitte, bitte, bitte! Mach, dass es aufhört!

Bitte! Ich hab nix … Ich muss …

Nacken knackt. Kehle auf Asphalt, eingedrückt.

Sterne flüchten. Alles grau. Dunkelgrau!

Ich kann nicht … Bitte!

Keine …

„Luft!“

 

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