Von Christiane Labusga
Das Haus hatten sie mitsamt der Einrichtung bei einer Versteigerung erworben. Der Vorbesitzer hatte keine Nachkommen. Seinen Namen erfuhren Hannah und Peter erst nach dem Termin beim Notar aus dem Grundbuchauszug. Wilhelm Fürst, der kein sehr fürstliches Leben geführt hatte, wie das Paar bemerken musste, als es begann, das Haus auszuräumen.
Nur wenige der Möbel waren in einem Zustand, dass sie noch verwertbar waren, geschweige denn, dass die beiden sie behalten wollten. Aber Peter wollte nicht einfach von einem Unternehmen alles ausräumen lassen, dazu war er viel zu neugierig und abenteuerlustig. Und irgendetwas an dem Haus reizte ihn ganz ungemein.
Sie zogen ein, sobald sie die Küche und eines der größeren Zimmer bewohnbar gemacht hatten. Dass überhaupt nichts Merkwürdiges passierte, machte Peter zwar etwas nervös, enttäuscht war er aber immer noch nicht. Gab es doch noch viele Zimmer mit großen Schränken und Truhen, und ein Sekretär voller Schriftstücke wartete auch noch auf ihn.
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Doch alles entpuppte sich als harmlos. Zwar hatte der Vorbesitzer offensichtlich einen merkwürdigen Hang zur Völkerkunde gehabt und jede Menge Figürchen und Masken gesammelt, aber alles auf sehr schlichten und, wie seine handschriftlichen Aufzeichnung darüber deutlich machten, äußerst laienhaftem Niveau.
Schließlich gab es nur noch einen Raum, der fensterlose an der Nordwand, der ausgeräumt werden musste. Als Hannah und Peter einen gerahmten Kunstdruck vom Floß der Medusa (gefühlt in Originalgröße), der um 90 Grad gedreht hochkant an der Wand lehnte, beiseite schoben, entdeckten sie dahinter eine Tür. Sieben schwere Eisenschlösser verriegelten sie, und sieben starke Bänder fassten die breiten Dornen.
„Wow!“
„Aber Peter, dahinter kann doch gar nichts sein. Da ist doch schon der Garten. Eine Tür im ersten Stock, aus der man in den Garten fällt.“
„Nee, nee. Wer sich so viel Mühe macht mit dem Absperren, der will was verbergen dahinter.“
„Du meinst Leichen? Wie in meinen Thrillern?“
„Ha, ha, Käpt‘n Blaubärs Gruselkabinett, ha, ha.“
Hannah ist beleidigt: „Du denkst wohl an Vampire und Zombies. Die sind aber noch unwahrscheinlicher als meine Serienkiller.“
„Ja,“ Peter kratzt sich verträumt den Kopf. „Vielleicht hast du recht. Wenn ich es bedenke, Wilhelm Fürst könnte doch glatt ein Nachfahre von Gilles de Rais sein, oder? Wilhelm Fürst. Ja, ja. Oder sogar sein Wiedergänger.“
„Wahrscheinlich sollte da mal ein Balkon hin. Und dann hat man den Ausgang zur Sicherheit so doll verriegelt.“
„Glaub ich nicht. Das Loch hätte man doch einfach zumauern können. Da steckt mehr dahinter.“
„Ja, aber erst morgen. Heute will ich davon nichts mehr wissen!“
„Wohl lieber aufs Sofa und den nächsten Mord genießen? Du bist unersättlich blutrünstig, meine kleine Vampirin.“
Am nächsten Morgen war Peter gleich hinters Haus gegangen. An der Nordwand war nichts von der Tür zu bemerken. Alles glatt verputzt. Also war es eine Scheintür, wie in den Spukhäusern in Amerika? Peter setzte sich gleich an das Laptop und vertiefte sich in die Geschichte dieser Häuser. Aber bald war ihm klar, dass das Haus bis auf diese Tür viel zu normal war, um mit den Spukhäusern auch nur entfernt etwas zu tun zu haben. Alle Treppen führten solide irgendwohin, alle Fenster ließen sich öffnen und es gab keine Erkerchen und Türmchen, zu denen es keinen Zugang gab. Vermutlich war hinter der Tür nur die Wand. Vermutlich hatte Wilhelm Fürst die Tür irgendwo auf einem Schrottplatz entdeckt und bei seinem leichten Hang zum Marod-Morbiden als Liebhaberstück in die Wand einbauen lassen. So musste es sein, hatten ihn nicht die skurrilen Aufzeichnungen und die teils sehr makabren Masken schon als Sonderling entlarvt? Und dann noch das Bild mit dem Floß: Kein normaldenkender Mensch würde sich so ein hässliches Ungetüm in die Wohnung stellen.
Aber dennoch, Peter wollte es wissen. Die Tür musste geöffnet werden.
Hannah hatte schon begonnen, das Floßbild auf den Flur zu schieben, es passte gerade so eben noch durch die Tür.
„Vielleicht lässt sich der Rahmen noch verkaufen, so eine große Glasscheibe kostet doch jede Menge. Falls wir den heil die Treppe runter bringen.“
„Ja, der Wilhelm war schon komisch. Vielleicht war er ja ein Kannibale. Ich muss mal schauen, woher die ganzen Masken stammen, vielleicht von Menschenfressern.“
„Ah, nein, lass‘ doch mal gut sein. Je länger wir uns mit dem Kram beschäftigen, umso länger dauert es, bis wir es uns hier gemütlich eingerichtet haben.“
„Was wollen wir eigentlich aus dem fensterlosen Zimmer machen? Früher wäre das eine klasse Dunkelkammer gewesen.“
„Ein Gästezimmer, falls uns deine Mutter mal länger besuchen möchte. – Da fällt mir ein, dass ich einen Karton mit alten Schlüsseln zu den Sachen für den Schrottsammler gestellt habe. Da waren auch ziemlich große dabei, viellei…“, aber Peter war schon an ihr vorbei die Treppe hinuntergerannt.
Tatsächlich, Peter fand die Kiste auf Anhieb. Und sieben große Schlüssel lagen darin, in einem Haufen kleinerer, aber nicht weniger alter.
Und dann stand Peter wieder vor der Tür, steckte einen Schlüssel nach dem anderen in die sieben Schlösser, machte ein Schloss nach dem anderen auf. Ob er die Scharniere erst noch hätte ölen sollen? Aber sie leisteten keinen Widerstand. Die Eichentür schwang auf. Hinter ihr Dunkelheit. Nachdem sich Peters Augen daran gewöhnt hatten und er wieder etwas erkennen konnte, sah er vor sich ein Loch, das tief hinab ging. So tief, dass er keinen Grund sehen konnte.
„Das kann nicht sein!“ Er schloss die Tür wieder. „Wir haben einen Abgrund im Haus.“
Er ging nach unten zu Hannah.
„Hinter der Tür ist nur ein alter Wasserfleck, nicht schön. Am besten wir lassen die Tür so, wie sie ist, sieht ja schon irgendwie speziell aus. Und wenn wir da ein Eltern-Gästezimmer draus machen, erzählen wir ihnen vor dem Schlafengehen noch eine gruselige Geschichte darüber. Dann haben sie sicher interessante Träume.“
„Ja, alles klar. Hauptsache, kein Schimmel.“
„Nee, alles gut, halt nur unschön. Äh, sag mal, was fällt dir zu dem Wort Abgrund ein?“
„Abgrund? Du machst ja mal wieder Sprünge. Abgrund, da gibt‘s doch den Nietzsche.“
„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“, fand das Laptop, das Peter befragte. Ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinunter.
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Auf Peters Beerdigung kommen die Freunde immer wieder auf seine merkwürdige Erkrankung zurück. Sein rätselhaftes Siechen, für das kein Arzt eine Diagnose fand, die wochenlange stumme Schwermut, abgelöst von Tagen, an denen sein wirrer, sarkastischer Redefluss nicht zu stoppen war, die rätselhaften Fieberanfälle und die Albträume, aus denen er schreiend erwachte, ohne sich an sie erinnern zu können.
„Was wirst du jetzt mit dem Haus machen, Hannah?“
„Ich werde es wohl wieder verkaufen. Für zwei ist es schon zu groß, aber wir hatten ja Kinder geplant. Und für mich alleine, mit den ganzen Erinnerungen an Peters letzte Monate, das kann ich nicht ertragen. Hoffentlich haben die nächsten Besitzer mehr Freude daran.“
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