Von Martina Zimmermann

Es war wieder so ein trostloser Tag. Grau in Grau, nicht nur das Wetter, sondern meine Laune und Verfassung waren genauso trostlos. Ich beschloss, mich aufzuraffen; mein Hund musste schließlich auch raus. „Komm, Kalle, los geht’s“, sagte ich zu dem Dackel, der genaugenommen so motiviert war wie ich. Ich leinte ihn an, dann verließen wir beiden die Wohnung. Nachdem wir einige Minuten unterwegs waren, ging es mir besser. Die Bewegung tat mir gut und die frische Luft schien mich zu beflügeln. Wir liefen in einem angenehmen Tempo durch unser Wohngebiet und ich beschloss den Weg einzuschlagen, der hinaus aus der Stadt über die Felder führte. Dort hatte ich immer das Gefühl von Freiheit und Kalle konnte auch ohne Leine laufen und das liebte er.

Als wir um die nächste Ecke bogen, sah ich einen Zettel am Boden, der mit dem Wind geradewegs auf mich zugeweht kam. Er blieb direkt vor meinen Füßen liegen. Ich bückte mich, um ihn aufzuheben und einen Blick darauf zu werfen. Als ich das Papier in der Hand hielt, sah ich sofort, es handelte sich um einen Einkaufszettel. Gerade als ich ihn spontan zerknittern wollte, um ihn im nächsten Mülleimer zu entsorgen, stoppte meine Hand bei dem Vorgang. 

 

Der Zettel war mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Frau geschrieben worden. Beim zweiten Hinsehen bemerkte ich die filigrane Schrift. So zart und jetzt bemerkte ich auch den Geruch. Mir war, als ob ich das Parfüm dieser Dame riechen könnte. „Jetzt spinne ich“, sagte ich zu mir selbst und schaute meinen Dackel dabei an. Dieser erwiderte meinen Blick, als wenn er dachte, was soll das jetzt, gehen wir nicht weiter? Aber ich stand wie festgenagelt an der gleichen Stelle und vor meinem geistigen Auge erschien eine Frau. Ich stellte sie mir vor. 

So zart und gebrechlich, genau wie ihre Schrift. Gleichzeitig hatte sie etwas Elfenhaftes an sich. Ihre Bewegungen glichen einer Fee, die schwebte. So leichtfüßig war sie. Ich stellte mir vor, wie sie mich anstrahlte wie die Sonne. Dabei vernahm ich ihren Duft, der mich an eine Sommerwiese erinnerte. Beflügelt von meiner Fantasie, begann ich, den Inhalt des Einkaufszettels wahrzunehmen. Diese Elfe schien genau meinen Geschmack zu teilen. Als ersten Punkt hatte sie Sekt aufgeschrieben. Ich konnte es mir sofort vorstellen, wie sich dieses prickelnde, köstliche Getränk in zwei Gläser ergoss und wir sie erhoben. Ich sah ihr dabei tief in die Augen und sie verzauberte mich mit ihrem charmanten Lächeln; dann führte sie ihr Glas an ihre vollen Lippen, um daran zu nippen, während ich ebenso einen Schluck davon kostete, ohne sie aus den Augen zu lassen. 

Ich musste schlucken, so real war diese Vorstellung, während ich immer noch da stand, den Zettel in der Hand haltend. Kopfschüttelnd über mich selbst, versuchte ich mich zusammenzureißen, um endlich weiterzugehen und Kalle auszuführen. Doch irgendeine Stimme in mir trieb mich dazu, weiter auf das Papier zu schauen. 

Als Zweites hatte meine Grazie Gambas notiert. Ich stellte mir vor, wie wir uns gegenseitig, mit voller Hingabe zueinander, diese Meeresfrüchte in den Mund schoben. Wie ich diese ganz zärtlich an ihre sinnlichen Lippen führte und dabei zusah, wie sehr sie diese Köstlichkeit genoss. Ihre Zunge danach über ihre Lippen leckte, um den Geschmack nachzuempfinden, mich dabei nicht aus den Augen zu lassen. Sie machte mich rasend, diese Frau. Ich wollte sie unbedingt für mich gewinnen. Was für ein Wesen musste sie sein? Fast wie von einem anderen Stern, dachte ich, und schaute auf die nächste Position auf ihrer Liste. 

Sprühsahne stand dort. Ich konnte es nicht fassen, wie schnell meine Fantasie weiter mit mir durchging. Konnte es etwas Besseres geben? Diese Frau wollte verführen, das stand fest. Und ich musste sie finden. Denn ich war es, der verführt werden wollte. Wer auch sonst? Für mich war klar, das war mein Auftrag. Aber wie sollte ich es bewerkstelligen?

 

Auf der Liste befand sich als nächster Punkt Avocado. Sie teilte ihre Vorliebe auch hierbei mit mir. Ich konnte es nicht glauben. Schon sah ich mich mit ihr an einem schick gedeckten Tisch bei Kerzenschein. Wir beide genossen unser Dinner und schauten uns dabei unentwegt in die Augen. Abschließend standen noch zwei weitere Produkte auf der Liste. Haarwachs und ein Föhn. Für mich passte alles zusammen. Eine Frau, die sich pflegt, die großen Wert auf ihr Äußeres legt, dachte ich. Vielleicht hat sie langes weiches Haar, welches ihre zierliche Figur umspielt und sie noch feenhafter erscheinen ließ? 

 

Jetzt war es um mich geschehen. „Ich werde sie finden!“, rief ich auf die Straße hinaus. Mein Hund schaute mich verständnislos an. Er wollte einfach nur weiter Gassi gehen und ich stand seit gefühlt einer Stunde dort wie angewurzelt an der gleichen Stelle, den Zettel in der Hand haltend. „Weißt du, was wir jetzt tun?“, fragte ich Kalle. Dieser schaute mich neugierig an und ich antwortete: „Wir gehen nicht über die Felder spazieren. Wir werden jetzt die Straße entlanglaufen. Dieser Zettel kann nur hier in der Nähe verloren gegangen sein. Vielleicht haben wir Glück, und wir finden Hinweise auf diese Frau. Ich möchte sie so gerne kennenlernen.“ Kalle schien mich zu verstehen wie immer, wenn ich mit ihm sprach. Wir hatten diese Bindung zueinander, und dann liefen wir endlich, das Papier immer noch in der Hand haltend, die Straße hinunter.

Ich wusste nicht, wonach ich Ausschau halten sollte. Im besten Falle würde ich meine Elfe vor mir sehen. Und dann würde ich jede Gelegenheit wahrnehmen und alles geben, um sie kennenzulernen. Aber darauf wagte ich kaum zu hoffen. 

 

Wir liefen gemütlich und doch aufmerksam, auf jedes Detail achtend, auf dem Bürgersteig. Ich hatte die Straße und die Hauseingänge noch nie so genau gemustert, wie am heutigen Tage, obwohl ich schon einige Jahre dort wohnte. Ich versuchte mich zu erinnern, wen ich sah oder kannte, wenn ich im Stress hier entlangfuhr oder mit Kalle hierher spazierte. Wie blind war ich in meinem Alltag gegenüber meiner Umgebung? Wie verrückt ist das eigentlich? Ich dachte darüber nach, warum ich mir nie die Zeit genommen hatte, mich in Ruhe umzuschauen, um meine Umwelt mehr wahrzunehmen. Was hatte mich so verändert, dass ich nur noch blind mit meinen Problemen durch die Welt laufe? Es ist doch kein Wunder, dass meine Welt nur noch grau in grau ist. Warum unterhalte ich mich nicht mit meinen Nachbarn? Es würde mich bereichern und mich auf andere Gedanken bringen? Ich könnte mich auch in der Nachbarschaft einbringen. Wieso habe ich das alles nicht gemacht? 

Während ich über all diese Dinge nachdachte, die eigentlich nur durch diesen Einkaufszettel in mir ausgelöst wurden, sprang plötzlich ein Mädchen aus einem Hauseingang mit Schwung auf den Gehweg. Kalle hatte kurz gebellt, weil er sich erschrocken hatte. 

Entschuldigung“, sagte das Mädchen. „Ich hatte es wohl zu eilig und habe nicht geschaut.“

Es ist ja nichts passiert“, erklärte ich und machte eine versöhnliche Handbewegung. Das Mädchen schaute fasziniert auf meine Hand und bemerkte etwas verwundert: 

Sie haben meinen Einkaufszettel gefunden.“ Ich schaute ungläubig auf meine Hand, in der ich immer noch den Zettel hielt. 

Ja, diesen Zettel habe ich vorhin gefunden. Er wurde mir sozusagen vor die Füße geweht“. „Ich wollte gerade nach diesem Zettel suchen“, sagte es. „Meine Tante hatte mich gebeten, für sie einkaufen zu gehen. Sie kommt morgen aus dem Urlaub zurück und sie möchte ihren Freund dann gerne mit einem schönen Essen überraschen. Ich hatte ihr versprochen, einkaufen zu gehen und gerade habe ich festgestellt, dass ich den Zettel beim Aussteigen aus dem Auto verloren hatte. Was für ein Zufall, dass Sie ihn gefunden haben“, sagte sie erleichtert.

Ja, was für ein Zufall“, bestätigte ich und innerlich fiel meine Fantasiewelt von der schönen Fee zusammen. 

Aber es machte nichts. Ich gab ihr den Zettel und wünschte ihr noch einen schönen Tag.

Sie bedankte sich und fragte noch: „Suchen Sie vielleicht gelegentlich jemanden für Ihren Hund? Ich würde ihn gerne ausführen.“ 

Gerne, ich wohne dort drüben, Haus Nr. 10. Mein Name ist Peter Lustig.“

Den Namen kann ich mir merken.“ Das Mädchen lachte. „Ich wohne hier und heiße Thea Klostermann. Dann komme ich in den nächsten Tagen einfach einmal vorbei.“

Ich freue mich, Thea, bis dann.“ 

 

Kalle und ich liefen weiter und setzten unseren Spaziergang fort. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht und einer Erkenntnis, die ich durch diesen Zettel gewonnen hatte. 

In Zukunft werde ich meine Umgebung anders wahrnehmen und mich mehr einbringen. Den ersten Schritt dazu hatte ich gemacht und all das verdankte ich einem Einkaufszettel. 

 

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