Von Agnes Decker

Evangelina stieg die steile Treppe hinunter. Marias Schnorcheln und das tiefe Atmen des kleinen Luigi wurden leiser und verstummten schließlich. Wie gerne hätte sie die beiden mit einem Kuss auf die Stirn geweckt, ihre warmen Körper an sich gedrückt und ihnen nachgeschaut, wenn sie den steilen Weg hinunter zum Schulbus liefen.

Evangelina seufzte. Es war 4.00 Uhr. Sie musste sich beeilen. Bei dem Wetter war es  besser, den früheren Bus zu nehmen. Madonna, dann würde sie Paulo heute wieder nicht sehen. Durch den heftigen Wintereinbruch war er jede Nacht mit dem Räumdienst unterwegs. Sie gaben sich nur noch die Tür in die Hand. Er würde einen Espresso trinken und dann ins noch warme Ehebett fallen. Evangelina gähnte. Das frühe Aufstehen fiel ihr von Tag zu Tag schwerer.  Außerdem hatten das Knirschen und Wummern der Schneefräse sie mehrmals aus dem Schlaf gerissen, den sie so dringend brauchte.

Aus der Küche quollen Wärme und der Geruch nach Holzfeuer und frisch aufgebrühtem Kaffee. Ihre Mutter saß auf dem Sofa neben dem Kamin. Der Kopf war auf die Brust gesunken und ein Speichelfaden hing in ihrem Mundwinkel. Evangelina nahm ein Tuch, das zum Trocknen hing, und wischte ihn weg. Das Feuer tauchte das Gesicht der Mutter in ein weiches, warmes Licht. Plötzlich sah man ihre Zerbrechlichkeit und dass sie einmal eine wunderschöne Frau gewesen sein musste. Evangelina strich ihr zart über die Wange.

Wie jeden Morgen hatte Mamma geheizt und die Kaffeemaschine stand dampfend und zischend auf dem Herd. Evangelina  drehte das Gas ab und goss sich ein. Der Espresso war heiß und stark. So wie sie ihn liebte. Essen würde sie später. Es blieb immer genug übrig. Sie zog Mantel, Schal und Fellmütze an, schlüpfte in die Stiefel mit den Spikes und verließ das Haus, den Rucksack im Gehen über die Schulter werfend. 

Es schneite immer noch. Links und rechts der gefrästen Spur waren weiße Mauern entstanden. Noch eine solche Schneenacht, dann würden sie auch die Fenster in der oberen Etage verdecken. Die Kälte war schneidend. Evangelina zog den Schal vors Gesicht, bis nur noch ihre Augen herausschauten, und stapfte, so schnell es ging,  bergabwärts. Von unten hörte sie Frauenstimmen. Der Schnee hatte sämtliche Geräusche gedämpft und sie verstand erst, als sie näherkam, worüber gesprochen wurde. Wie verdreckt die Gäste die Zimmer hinterließen, dass die verteilten Kondome schon nach drei Tagen aufgebraucht waren und, was die wohl alles damit… und wer mit wem… Luzias aufgeregtes, schrilles Geplapper überlagerte die Gespräche der anderen Frauen. Evangelina kannte sie alle, was in einem Dorf mit 200 Seelen kein Wunder war. 

Als vor ein paar Monaten erzählt wurde, dass man in Cortina dringend nach Hilfskräften suchte, hatte sie sich sofort gemeldet. Paulo war nicht sehr angetan, besonders wegen der Betreuung der Kinder. Aber sie brauchten das Geld. Von ihrer kleinen Landwirtschaft konnten sie schon lange nicht mehr leben. Gottlob hatte ihre Mutter sofort Hilfe angeboten. Kleine Mamma. Ohne sie würde vieles nicht funktionieren. Eine warme Welle schwappte vom Bauch aus nach oben und machte ihre Kehle eng. 

Evangelina passierte die Gruppe, grüßte kurz und ging weiter. Sie wollte alleine sein, mit sich und ihren Gedanken. Außerdem ging ihr Luzia mit ihren anzüglichen Sticheleien gewaltig auf die Nerven. Die Frauen verschwanden hinter ihr im dichten Schneegestöber. Sie schob den Ärmel ihres Mantels hoch und den dicken Fellhandschuh ein Stück zurück. 4.30 Uhr. Der Bus fuhr – bei geräumten Straßen und guten Sichtverhältnissen –  eine Stunde bis nach Cortina. Heute wohl eher die doppelte Zeit, falls er überhaupt durchkam. Evangelina begann mit den Füßen auf den Boden zu stampfen. Langsam kroch die Kälte durch die Kleiderschichten nach oben. 

Das helle Licht der Scheinwerfer und ein dreimaliges Hupen rissen sie aus ihren Gedanken. 

„Buongiorno, mia Bella“, rief ihr Giovanni zu, als sie einstieg. Dabei lachte er über das ganze Gesicht. 

„Buongiorno, Giovanni“, antwortete sie und lächelte zurück. Schön, ja schön war auch sie gewesen, früher, bevor die Sorgen kamen. Evangelina ließ sich schwer in den Sitz fallen. 

Sie hörte noch – wie aus weiter Ferne – die Stimme des Busfahrers, der eine Frau nach der anderen begrüßte und das schwerfällige „Wuh, wuh, wuuuh“, mit dem der Anlasser gegen die eisige Kälte kämpfte. Dann fiel sie in einen unruhigen Schlummer.

Als sie die Augen wieder aufschlug, hatten sie das Olympiadorf erreicht. Wie ein Trailerpark lag es am Rand der Stadt, eingebettet zwischen verschneiten Tannenhängen und den bleichen Zacken der Dolomiten, die man um diese Zeit nur erahnen konnte. Noch waren sie mit der Nacht verschmolzen, aber schon bald würde die aufgehende Sonne sie erglühen lassen. Ein beeindruckendes Schauspiel für die Gäste aus der ganzen Welt. Auch Evangelina empfand immer noch eine tiefe Ehrfurcht bei diesem Anblick. 

Jetzt hatte sie allerdings keinerlei Zeit mehr, sich in Traumbilder zu verlieren. Sie schulterte ihren Rucksack, wünschte Giovanni noch einen schönen Tag und eilte den anderen Frauen hinterher.

An der Sicherheitsschleuse hatte sich eine Warteschlange gebildet. Es ging nur langsam vorwärts. Die Kontrollen waren gründlich. Die Gäste sollten sich wohl fühlen und die Spiele reibungslos ablaufen. Es hatte vor Jahren einen Anschlag auf die Olympiade in München gegeben , bei es zu einer Geiselnahme kam und bei dem viele Menschen ums Leben gekommen waren, hatte man ihnen bei der Einstellung berichtet und auch zu anderen olympischen Spielen, zuletzt vor zwei Jahren in Paris hätte es Drohungen gegeben. 

„Il tuo zaino, per favore, Signora.” Evangelina zuckte zusammen. Der Sicherheitsbeamte streckte seine Hand aus. Sie reichte ihm den schon geöffneten Rucksack, den er sorgfältig durchsuchte. Mit einem Nicken gab er ihn zurück. Sie hing ihn wieder über die Schulter und steckte die Berechtigungskarte in den Schlitz. Die Sicherheitsschleuse öffnete sich und sie betrat das Gelände. 

Im Umkleideraum wechselte sie ihre klamme Kleidung gegen die blaue Uniform mit den türkisen und gelben Elementen. Als sie den Speisesaal betrat, schallte ihr ein Mix verschiedener Sprachen entgegen. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. AthletInnen in ihren jeweiligen Nationalmannschafts-Trainingsanzügen liefen mit Tabletts durch die Gänge, suchten nach Plätzen oder standen an den langen Buffetreihen und warteten. Die Mischung verschiedener Sprachen und Kulturen schaffte eine ganz eigene, dynamische Atmosphäre. Evangelina liebte  dieses Pulsieren. Hier fühlte sie sich lebendig, ein wenig so wie die junge Evangelina von damals, als ihr noch die ganze Welt offenstand. Sie stellte sich vor, sie wäre selber eine dieser AthletInnen – würde in einem dieser Trainingsanzüge durch die Halle gehen, die Haare zu einem festen Zopf gebunden, den Blick geradeaus. 

 „Hi, Evangelina!“ Lorenzo, der schmächtige Küchenhelfer aus dem Nachbardorf – winkte sie zu sich. „Hast du schon gehört? Heute kommt eine Delegation aus dem Internationalen Olympischen Komitee. Alles muss perfekt sein.“ 

Perfekt. Sie sah an sich hinunter. Gottlob war ihre Uniform sauber und sie hatte gestern noch die Haare gewaschen und die Nägel zurecht gemacht.

„Si“, anwortete sie und fuhr fort, Geschirr auf den Rollwagen zu stapeln. 

Neben ihr knallte ein Tablett auf den Tisch. 

„Scusi!“ rief eine junge Frau im kanadischen Anzug und lächelte entschuldigend. Evangelina nickte, räumte Teller und Müslischalen ab. Die Athletin hatte kaum etwas angerührt. Avocado, Lachs, frisches Obst – alles landete halbvoll im Abfallcontainer. Evangelina spürte einen Stich. Zuhause reichte es gerade einmal für ein paar Äpfel und Orangen.

Gegen Mittag kam die Delegation. Männer und Frauen in dunklen Mänteln, mit glänzenden Schuhen. Einer von ihnen blieb stehen, als er sah, wie ein offensichtlich kaum angerührter Teller mit Obst im Müll verschwand.

„Wie hoch ist die tägliche Lebensmittelverschwendung?“ fragte er.

Malso, mal so.”Der Küchenchef zuckte mit den Schultern. 

Evangelina hörte sich selbst sprechen, bevor sie nachdenken konnte. „Sehr hoch, Signore – jeden Tag füllen wir mehrere Container.“

Der Mann sah sie überrascht an. „Und was geschieht damit?“

„Es wird entsorgt.” 

„Warum wird es nicht gespendet?“

Ein Sicherheitsbeamter trat näher. „Signora, bitte zurück an Ihre Arbeit.“

Doch der Blick des Mannes blieb an ihr hängen. „Wie heißen Sie?“

„Evangelina Rossi.“

Er nickte knapp und ging weiter. Sie hörte noch, wie er sagte, dass man sich ebenfalls darum kümmern solle, dass die Kondome nicht als Souvenirs in den Koffern der Gäste landeten. Dann waren sie weg. 

Am Abend war Evangelina erschöpfter als sonst. Der Schnee hatte aufgehört, aber die Kälte war geblieben. Im Bus war es stiller als am Morgen. 

Nur Luzias Stimme war zu hören: „Du hast mit einem von ganz oben gesprochen. Pass auf, Evangelina. Solche Leute mögen keine klugen Putzfrauen.“

Evangelina sah aus dem Fenster. Die Dolomiten glühten im letzten Licht, majestätisch und gleichgültig. Sie dachte an den Mann mit den glänzenden Schuhen. Vielleicht hatte er zugehört. Vielleicht hatte er nur sein Image poliert. Sie wusste es nicht.

Zwei Tage später hing ein Aushang im Personalraum: „Neues Nachhaltigkeitsprojekt. Überschüssige und brauchbare Lebensmittel werden ab sofort in Kooperation mit der Caritas an lokale Familien verteilt.“

An diesem Abend brachte sie einen Beutel mit frischem Brot, Obst und Joghurt mit nach Hause. Mamma sah sie erstaunt an. „Woher?“

„Von der Arbeit. Es bleibt viel übrig.“

Als alle schliefen, stand sie noch einmal auf und trat vor die Tür. Die Nacht war klar. Über den Bergen spannte sich ein Himmel voller Sterne. Evangelina zog den Schal enger und atmete tief ein. 

Am nächsten Morgen würde sie wieder im Speisesaal stehen, Teller stapeln, Sprachen hören, Träume vorbeiziehen sehen. Aber sie hatte gesprochen. Einen Satz nur.

Drinnen hustete Mamma im Schlaf. Evangelina ging zurück ins Haus, legte Holz nach und stellte den Wecker auf 3.45 Uhr.

Vier Stunden bis zum nächsten Tag.

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