von Raina Bodyk

Ich glaube, mein Opa wurde schon als CSU-ler geboren. Patriotisch und aufopferungsvoll setzte er sich für „seine“ Partei ein. Vor vier Monaten kam er beinahe überirdisch strahlend vom Parteitag zurück. Als ich ihn neugierig fragte, was denn los sei, sprudelte er seine Neuigkeit heraus:

Endlich! Mein Freund Markus traut sich was von ungeheurer Größe. Bayern soll aufhören, die anderen Bundesländer mit zu finanzieren und die Kleinländerei, wie ich es mal nennen will, hört dann ebenfalls für uns auf.“

„Aber das geht doch nicht, Opa!“ Ich war zwar erst dreizehn und verstand nicht viel von Politik, interessierte mich, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber durch das ständige Schimpfen und Nörgeln meines Großvaters über „die da oben in Berlin“, die unser schwerverdientes, bayrisches Geld an andere Bundesländer verschenkten und wollten, dass wir unsere herrliche Natur mit Windrädern verschandeln, war ich über dieses Thema bestens informiert.

„Und wie das geht, Bua! Die Partei wird einen Volksentscheid veranlassen. Jeder echte Bayer, der etwas auf sich hält, wird zustimmen! Wir werden aus dem Bund ausscheiden und einen eigenständigen Staat ausrufen.“

 

Opas Vorhersage war goldrichtig. Mit 92,4 % wurde der Beschluss angenommen. So kam es, dass am 5. Mai sein Spezi Markus, ein Mann wie ein Baum, einhellig zum Oberhaupt des neuen Staates ernannt wurde. Markus kannte seine Bayern und ihre lang erträumte Sehnsucht, wieder zu einem „Kini“, einem neuen Märchenkönig Ludwig II. aufsehen zu dürfen.

„Freunde, ich denke, unser neuer Staat sollte ein Königreich sein. Alles soll wieder so prunkvoll werden wie zu Ludwigs Zeiten. Erinnert ihr euch noch an die malerischen Uniformen und die Madeln, die sich so gern beim Walzer in die Soldaten verliebten? Das waren herrliche Zeiten.“

Ein nicht enden wollender Jubel hallte durch den Ballsaal von Schloss Nymphenburg, der neuen, würdigen Residenz des Herrschers.

Ich brauchte keine Wette eingehen, wer auf den Thron gesetzt werden würde. Scheinbar ganz von selbst erschallten auch gleich die ersten Hochrufe: „Es lebe König Markus I., hoch, hoch, hoch.

Ein Blick zur Seite zeigte mir einen hochzufriedenen, ja euphorischen Großvater.

Ich persönlich stellte mir einen Märchenkönig allerdings etwas romantischer, weniger deftig vor, der sich weniger mit gschmackigem Schweinsbraten und Weißbier fotografieren ließ. Aber eigentlich war mir das alles gehupft wie gesprungen.

Opa hatte mich erst nicht mitnehmen wollen, aber so eine Gaudi wie eine Krönung hätte ich um nichts verpassen wollen. Endlich war mal was Richtiges los! Ich wusste ganz genau, wie ich den Opa rumkriegte. Einfach so richtig traurig und enttäuscht gucken, dann wurde er weich wie Butter. Konntest dich drauf verlassen!

Psst. Der König hatte das Wort ergriffen: „Liebe Bürger*Innen des Königreichs Bayern. Wir alle können sehr stolz auf unsere neue Unabhängigkeit sein. Eure Entscheidung hat das möglich gemacht. Wir werden der Welt beweisen, wie erfolgreich ein unabhängiges Bayern sein kann. Ohne Parteiengezeter, ohne Hindernisse, die einem zwischen die Beine geworfen werden. Keine Kompromisse mehr!“

Frenetischer Beifall: „Keine Kompromisse mehr! Es lebe König Markus!“

„Als erste Amtshandlung habe ich vor, im nächsten Jahr eine eigene, bayrische Olympiade zu veranstalten.“

Erstauntes Geraune, die meisten überwältigt, ja trunken vor Begeisterung. Der Staatsmann fuhr fort: „Wenn ich es mal so ausdrücken darf: Euch zur Freude, den anderen zur Demütigung! Die Welt soll Bayern und seine Lebensart kennenlernen! Wie oft werden wir von andern als Hinterwäldler und ewige Quertreiber beschimpft. Aber ihre Urlaube verbringen sie hier! Sie sollen uns schätzen lernen. Wir können so vieles besser als die meisten. Zeigen wir es ihnen!“

Olympiade?! Super! Begeistert stimmte ich in den tosenden Applaus ein. All die berühmten Sportler, die ich aus dem Fernsehen kannte, würden hierher zu uns kommen! Ich sah mich im Geiste schon die tollsten Autogramme sammeln.

*

König Markus und seine Berater waren sich einig, dass es ein echt bayrischer Wettbewerb sein sollte. Möglichst nur Sport, der typisch für dieses Land war.

„Na ja, aber a bisserl Gerenne und Springen muss schon auch dabei sein!“

„Selbstverständlich. Ein paar Wettbewerbe müssen wir die Ausländer schon auch gewinnen lassen. Aber wir wollen nicht vergessen, dass es uns hauptsächlich darum geht, uns denen für gute Geschäfte besonders schmackhaft zu machen.“ Einstimmiges Gelächter.

*

Im nächsten Sommer war es endlich so weit. Die Welt schaute voll Neugier und Sensationslust auf das Königreich. In den internationalen Zeitungen wurde nicht mit Spott gespart. Aber es gab auch einige Stimmen, die den Mut und die Tatkraft der Bayern bewunderten.

Wie alle Burschen trug ich zur Feier natürlich die traditionellen Lederhosen und bestickte Hosenträger. Die Mannsbilder setzten stolz ihre Hüte mit den buschigen Gamsbärten auf. Die Madeln hatten sich mit festlichen Dirndln herausgeputzt.

Zuerst gab es – selbstverständlich in Bayern – eine zünftige Brotzeit. Der König höchstpersönlich stach das erste Fass Bier an. Die Teilnehmer ließen sich in den Festzelten Brot, Weißwurst, Obazden, kalten Schweinsbraten und Brezen schmecken.

Der Großvater schlenderte mit mir zu den zahlreichen Austragungsplätzen auf der Theresienwiese. Er war genauso sportbegeistert wie ich. Ihm hatte ich als einzigem von meinem großen Traum erzählt, später bei einer Olympiade mitzumachen. Ich war nämlich ein sehr guter Läufer.

Am Nachmittag fand zur Einstimmung erst mal ein Jodelwettbewerb statt. Die Nichtbayern hatten null Chance. Dann kriegte ich mich nicht mehr ein: Ein Ungar zelebrierte einen Tarzanschrei wie Johnny Weißmüller. Er bekam Standing Ovations, hatte die Lacher auf seiner Seite, aber keine Medaille.

„Opa, warum veranstalten die hier so komisches Zeug? Das ist doch kein richtiger Sport. Das ist ja ganz lustig, aber trotzdem!“

„Tja Seppi, ich denke, der König will den Bundesdeutschen und den Ausländern zeigen, dass wir zu Recht unseren eigenen Staat gegründet haben. Wir haben unsere eigene Kultur, besondere Sportarten und Traditionen. Anders sein ist nichts Schlimmes. Wir haben vieles zu geben. Manches wird sie sicher beeindrucken und vielleicht übernehmen sie es. Wir lernen ja auch von ihnen.“

„Meinst du?“ Skeptisch fragte ich: „Meinst du nicht, dass wir uns damit eher bis auf die Knochen blamieren?“ Opa, der sonst immer zu allem eine Meinung hatte, schwieg auffällig. Ich dachte nur: „Oha!“

Da drüben an den Tischen wurde der stärkste Mann im Armdrücken gesucht. Dieser Sport war zwar auch nicht olympisch, machte aber einen Heidenspaß. Sieger war, wer den Arm seines Gegenübers so tief runterdrückte, dass dessen Handfläche den Tisch berührte. Das übte ich auch manchmal mit Papa oder Opa. Ich konnte drücken so viel ich wollte, die zwei waren einfach stärker. Ab und an ließen sie mich gewinnen und dachten, ich sei so blöd und merk das nicht!
Zwei amerikanische Muskelpakete konnten wider Erwarten die einheimischen Kämpfer mehrfach besiegen. Ein Schock, der sich in wilden Buhrufen austobte. Fast wäre es zu einer Keilerei gekommen.

Aber dem Himmel sei Dank, die königlichen Untertanen gewannen beim Fingerhakeln alle Medaillen und waren wieder friedlich.

„Komm jetzt, Bub. Schauen wir uns das Fischerstechen an.“

„Das findet auch statt? Toll, da gibt es was zu lachen!“

„Weißt du, woher es kommt?“

„Erzähl!“

„Man nennt diesen Sport auch das Ritterturnier des kleinen Mannes. Die Fischer von den Flüssen und Seen wollten wie die Adligen Ritterturniere veranstalten. Da sie aber keine Pferde hatten, nahmen sie stattdessen ihre Boote.“

„Boote statt Pferde?“ Nee, oder? Erzählte Opa wie so oft eine erfundene Geschichte oder stimmte das?

„Schau’s dir an!“

Zwei flache Langboote auf der Isar, darauf Männer mit 2,80 Meter langen Speeren, die versuchten, die Gegner im gegenüberliegenden Boot damit runter zu stoßen.

„Siehst du die kleinen Lederpolster an den Speerspitzen? Die sollen verhindern, dass jemand verletzt wird. Es gibt mehrere Runden, Sieger sind die, die am wenigsten ins Wasser gefallen sind oder ihre Waffe verloren haben.“
Wir waren nicht die einzigen Zuschauer. Jedes Mal, wenn wieder einer unfreiwillig in den Fluss abtauchte, feixte die Menge und brüllte bedepperte Scherze.

Das Tauziehen fand ich zunächst am coolsten. Zwanzig Mann auf jeder Seite, wildes Geschrei und hin und her Zerren. Die Umstehenden feuerten die Parteien lautstark an.

Aber dann der absolute Hammer. Ich guckte hoch und sah den wildesten Burschen aus meiner Klasse, bei dem die Lehrer längst jede Hoffnung aufgegeben hatten, sich mit zwei Kühen nähern. An jeder Hand eine, schlurfte er auf die Wiese. Mir schwante Übles. Und tatsächlich, Alfons reizte die Kühe, bis sie wild auf die Menge zu rannten, genau in Richtung der Tauziehenden.

Erst lachten wir alIe über das entstehende Chaos, aber das blieb uns schnell im Hals stecken. Die Sportler sackten zu Boden, lagen kreuz und quer übereinander. Es wurde geschrien, gestöhnt, um Hilfe gerufen. Viele waren getreten worden, andere hatten sich Knochen gebrochen. Feuerwehr und Rettungsdienste kamen mit Sirenengeheul, um die schlimmsten Folgen zu verhindern.

Die Olympiade wurde abgebrochen.

 

Der König und seine Getreuen hielten Rückschau. Die meisten waren sehr enttäuscht und fühlten sich vor der ganzen Welt blamiert.

„Alle nationalen und internationalen Zeitungen nennen unsere schöne Veranstaltung lächerlich und albern. Wir seien zu dumm, um auch nur Sicherheit gewährleisten zu können. Niemand hat ein gutes Wort für uns.“

Der Herrscher nahm es gelassen: „Leute, lasst sie doch gackern! Jetzt lachen erst mal wir. Unser Stadtsäckel ist gefüllt bis zum Rand! Das sollten wir alle vier Jahre wiederholen! Sie werden alle kommen, verlasst euch drauf! Wer zuletzt lacht …“

 

 

9806 Z, V1