Von Florian Ehrhardt
hegoak ebaki banizkio
nerea izango zen
ez zuen aldegingo
„Scheiße Mikel, du weißt doch auch, dass endlich etwas passieren muss!“ Feine Spucketropfen fliegen mir aus Ikers hochrotem Gesicht entgegen.
„Du hast ja Recht“, winde ich mich, „aber denkst du, das ist der richtige Weg?“
„Wir wissen beide, dass es nur einen Weg zur Freiheit gibt!“
„Und du glaubst, dass wir den erreichen, wenn wir die olympischen Spiele angreifen?“, frage ich zögerlich. Die Julihitze hat selbst aus dem Keller einen Glutofen gemacht.
„Befehl ist Befehl“ Er zuckt mit den Schultern. „Und außerdem: Franco ist seit über 15 Jahren tot und was hat es uns gebracht? Sie nennen uns demokratisch und selbstbestimmt und trotzdem können wir keine Entscheidung ohne Madrid treffen! Sie spucken uns jeden Tag ins Gesicht, während unsere Brüder für den gerechten Kampf im Knast verrotten!“
„Warum richten wir uns dann gegen Olympia und nicht gegen Madrid?“
Iker schnaubt wütend. „Ey, dafür dass du so viel nachdenkst, verstehst du ziemlich wenig. Die Eröffnungsfeier ist die größtmögliche Bühne, die sie uns geben könnten! Über 60.000 Menschen in einem Stadion! Scheiße, mit jedem einzelnen, den wir dort erwischen, kommen wir unserem Ziel einen Schritt näher!“
Ich versuche wieder, mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. „Aber denkst du nicht, dass wir unseren eigenen Kampf sabotieren, wenn wir die Spiele der Freundschaft angreifen?“
„Spiel der Freundschaft? Welche Freundschaft? Die Freundschaft mit unseren Feinden?“ Iker schnaubt verächtlich. „Hitler hat damals auch von den Spielen des Friedens gesprochen und ein paar Monate später sind seine verfickten Bomber über Gernika geflogen!“
Die Erwähnung des Luftangriffs lässt das Blut in mir kochen. Großmutter Ainhoa war damals die einzige Überlebende aus der Familie. Manchmal dringen die Schreie aus ihren Albträumen durchs ganze Haus, wenn sie in der Nacht wieder und wieder versucht, ihren kleinen Bruder Aitor aus den Flammen zu retten. „Sollten wir dann nicht lieber die deutsche Delegation angreifen? Die Katalanen sind doch genauso geknechtet wie w—”
„Diese Diskussion ist beendet, Soldat!“ Er kommt mir etwas näher und sieht mir in die Augen. „Ich weiß wirklich nicht, wer auf die Idee gekommen ist, dass du den Zünder in der Hand halten sollst.“
Ich schlucke.
„Und wir wissen beide, dass ich es tun würde, wenn ich könnte. Aber du bist ein junges, unbeschriebenes Blatt.“
„Noch“ antworte ich unsicher.
„Stimmt“ Er legt mir die Hand auf die Schulter. „In drei Tagen wirst du ein Nationalheld sein. Gora ETA!“
Stolz strecke ich meine Brust heraus. „Gora ETA!“
bainan honelan
ez zen gehiago txoria izango
Iker hatte doch Recht. Barcelona ist keinen Deut besser als der Rest von Spanien. Bei dem Gedanke, dass sie diese ganzen hässlichen, viel zu modernen Gebäude mit unseren Steuergeldern gebaut haben, kommt mir die Galle hoch. Ich hätte fliegen können, aber das wäre zu gefährlich gewesen. Zu viele Sicherheitschecks. Überall Kameras. Stattdessen habe ich acht Stunden in diesem Bus ohne Klimaanlage ausharren müssen.
Eine Gruppe betrunkener Deutscher läuft mir entgegen: „Hey, Amigo!“, lallen sie mir zu, „you want to drink to ze real German unification wis uss?“
Ich schlucke meine Wut herunter und tue so, als ob ich die Besoffenen nicht verstehen könnte, bis sie sich verziehen. Ich hätte meine Fähigkeiten im Nahkampf gerne ausprobiert, aber ich bin für ein größeres Ziel hier. Warum ist diese Stadt selbst am Abend noch so heiß? Und warum sind gefühlt eine Million Menschen auf der Strandpromenade unterwegs, während ich doch nur Ruhe haben möchte, um meine Gedanken zu ordnen? Die freie Bank sieht aus wie ein Königsthron. Ich setze mich und blicke aufs Meer, während mein Kopf das Gespräch mit dem Kontaktmann immer und immer wieder abspult.
„Du wirst ein Held sein“, hat er wie Iker gesagt, nachdem er mir erklärt hat, was ich zu tun habe.
„Ich möchte keinen Ruhm für mich“, habe ich stolz erwidert. „Ich möchte Freiheit für unser Volk.“
„Du tust das Richtige.“
„Ich weiß.“
„Es könnte das letzte sein, was du tust.“
„Ich weiß.“ Meine Entschlossenheit hat sich gestählt angefühlt.
Ich meine, seine kräftige Umarmung immer noch zu spüren. „Gora ETA, Bruder!“
Ein leises „Hey“ reißt mich aus meinen Gedanken.
Ich drehe mich langsam nach rechts und blicke in die strahlendsten Augen, die ich jemals gesehen habe. „H-Hey“, stammele ich zurück.
„Du bist mir vorhin schon aufgefallen.“
„Wirklich?“
Sie nickt langsam. „Klar.“
Ich mustere sie. Sie ist zwei, vielleicht drei Jahre jünger als ich, gerade Anfang zwanzig. Zu jung für eine Agentin, die mich gerade enttarnt hat, oder? „Ich wusste nicht, dass ich so auffällig bin“, sage ich langsam, prüfend.
„Naja, nicht unbedingt auffällig, aber halt…süß“, lächelt sie und streckt mir ihre Hand entgegen: „Maria.“
„Iago“, antworte ich. Dafür, dass ich meinen Decknamen erst gestern bekommen habe, geht die Lüge erstaunlich leicht über die Lippen.
„Freut mich!“, sagt sie, ohne meine Hand loszulassen. „Bist du auch wegen Olympia hier?“
„Nein, Seemann auf Landgang“, lüge ich wie vereinbart weiter.
„Oh“, erwidert sie etwas leiser. „Du siehst so sportlich aus, ich habe dich schon für einen Athleten gehalten“, kichert sie.
„Seemänner müssen auch athletisch sein“, lächle ich und schaue wie im Traum auf ihre perfekt manikürte Hand zwischen meinen leicht verdreckten Fingernägeln.
„Stimmt, sieht man dir an.“
„Und du bist für Olympia hier?“, frage ich leise.
„Ganz genau, bin extra aus Madrid angereist!“
Ich zucke leicht zusammen. So schön sind die Frauen der verfickten Madrilenen? Und warum flirten sie so viel besser als unsere eigenen Frauen?
„Ist was?“, fragt sie besorgt und hebt eine Augenbraue, „oder habe ich etwas falsches gesagt?“
„Nein,“ beschwichtige ich sie, „ich frage mich nur, warum du aus Madrid gekommen bist, um mit mir zu flirten.“
„Tu ich das?“, fragt sie, um dann sofort abzulenken: „Wo kommst du denn her?“
„Galicien“, brumme ich.
„Schön wild!“, kichert sie wieder. „Mein Opa kommt aus Vigo und war auch Seefahrer, vielleicht kennst du ihn ja!“
„Ich kenne keine Seemänner aus Vigo“, erwidere ich.
„Schade. Ihr hättet euch gut verstanden. Er ist manchmal genauso schüchtern und wortkarg wie du. Vielleicht gefällst du mir deshalb so.“
Ich starre aufs Meer. Das Rauschen der Wellen hat etwas Hypnotisches.
Sie lässt meine Hand immer noch nicht los und lehnt sich an meine Schulter.
Ich lege einen Arm um sie. Es fühlt sich an wie die natürlichste Bewegung der Welt.
Der ganze Trubel um uns herum fühlt sich plötzlich leise und weit weg an. Ich schließe die Augen.
„Ich mag dich“, sagt sie ein paar Minuten später leise, fast flüsternd.
Ich weiß, dass sie keine Antwort erwartet hat und gebe ihr keine.
„Wie lange bist du in Barcelona? Bitte sag mir nicht, dass du morgen wieder ablegst!“
„Morgen bin ich noch hier“, seufze ich.
„Sehr gut! Gleicher Ort wie heute?“
„Wann?“
„Ich kann erst nach der Eröffnungsfeier. 23 Uhr?“
„Passt“, sage ich mit dem Wissen, dass ich sie nie wieder sehen werde.
Sie lächelt mich weiter an: „Aber vielleicht findest du ja eine Bar mit Fernseher, ich stehe in der ersten Reihe beim Chor der Freundschaft!“
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, während ich an den Sprengstoff unter der Bühne denke. „Wie schön!“, krächze ich.
Sie haucht mir einen Kuss auf die Wange. „Bis morgen!“
eta nik
txoria nuen maite
Zwei Stunden bis zum Beginn der Eröffnungsfeier. Ich blicke auf die Karte für die Ehrentribüne, die ich in meinen zitternden Händen halte und sich schon jetzt unter den Sturzbächen aus Schweiß aus meinen Fingern verbiegt.
„Bist du endlich soweit?“, ruft der neue Kontaktmann durch die Badezimmertür des schäbigen Motels am Stadtrand. Er ist genau so namenlos wie der andere. Wie viele gibt es von ihnen noch? Wie viele beobachten mich? Und ist das kleine Ding in meiner linken Hosentasche der einzige Fernzünder?
„Gleich!“, rufe ich. Der Smoking ist viel zu eng und kratzt an allen Stellen.
„Jetzt! Dein Fahrer steht in drei Minuten vor der Tür!“
Ich werfe einen letzten Blick in den Spiegel. Ich habe oft von dem Tag geträumt, an dem ich als streng dreinblickender Freiheitskämpfer in die Geschichte eingehe. Merkt man mir an, wie sehr es unter der entschlossenen Miene brodelt?
Iker hatte Recht: Ich werde ein Held sein. Aber für wen?
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