Von Daniela Seitz

 

Die Gutenachtgeschichte meiner Oma über den Wächter, der die Verstorbenen durch das Tor in ein neues Leben oder durch den Brunnen zurück auf die Erde als Geist schickt. Ich hielt sie für eine Ausgeburt ihrer blühenden Fantasie. Weibliches Geschwätz, welches mir als Enkel das Mannwerden erleichtern soll.

Ich bin Leistungssportler. Mein Traum von der olympischen Goldmedaille war zum Greifen nah und das mit Anfang zwanzig.

Bis zum Abschlusstraining des Rennrodelns für das olympische Einzelrennen im Zielbereich. Ich prallte bei einem Tempo von ca. 140 km/h an die Innenbande der Bahn, mein Schlitten schleuderte hoch und warf mich an die gegenüberliegende Bande der Eisbahn. Dort schlug ich mit meinem Hinterkopf gegen einen Stahlträger der Bahnüberdachung. Mein Helm kann mich nicht vor dem Schädel-Hirn-Trauma schützen. Ich bin sofort tot.

Jetzt stehe ich hier vor einem Wächter, am Brunnen vor dem Tor in einer Strandlandschaft.

Ich bin doch gerade erst dem Teeniealter entwachsen. Ich hatte noch so viel vor. Warum passiert das gerade mir? Und jetzt soll ich nur eine Schlagzeile des Todes bei meiner einzigen Olympiade gewesen sein? Ich wische mir die Nässe vom Gesicht.

Das will ich nicht. Ich muss etwas tun. Irgendetwas. Ich muss sehen, wer meine Goldmedaille bekommt. Meine Eltern haben den Zauber, den insbesondere die Silbermedaille meiner Oma auf mich ausübte, nie verstanden. Doch Oma und ich, wir teilen diese Magie unseres gemeinsamen Traumes. Jetzt kann ich mich nicht mal von Oma verabschieden. Weitere Tropfen rodeln den Berg meiner Wange herab. Egal, sehen kann sie nur der Wächter.

„Willkommen.“

„Ich kehre als Geist zurück.“

„Du kennst deine Möglichkeiten schon?“

„Wiedergeboren werden oder als Geist Unerledigtes noch vollenden.“

„Dann kehre als Geist wieder!“

Ein Sog erfasst mich und zieht mich durch den Brunnen zurück zu dem Stahlträger, an dem ich starb. Die Olympiade läuft noch. Vielleicht kann ich sie ja beeinflussen?

Doch ein Wettbewerb nach dem anderen vergeht und ich kann nur zusehen. Das frustriert mich dermaßen, dass ich niemandem mehr, egal welche Medaille, gönne. Bei allen Jubelaktionen versuche ich, an jede Medaille heranzukommen.

Anfangs fahre ich durch meine Konkurrenten hindurch. Doch manchmal wackelt die Medaille. Aber es dauert bis zu den letzten Wettbewerben, bis die eine oder andere Medaille sich sogar vom Band löst. Geschieht euch recht. Das war meine Olympiade. Doch sie geht einfach dahin. Ohne mich. Dabei wollte ich genau wie Oma eine Medaille erstreiten.

Aber ohne Körper ist das schwierig. Eine Sehnsucht erfasst mich. Olympia ist vorbei, aber meine Oma ist noch da. Ob ich als Geist einfach beamen kann? In Sekunden um die Welt reisen. Geht das? Aber nein. Ich scheine bei Medaillen bleiben zu müssen. Denn wenn ich versuche, den Austragungsort zu verlassen, lande ich ständig bei der nächstgelegenen Medaille. Ich widerstehe der Versuchung, auch diese von ihren Bändern zu lösen.

Stattdessen konzentriere ich mich ganz auf Omas Medaille.

Ehe ich mich versehe, bin ich bei der Silbermedaille meiner Oma. Die sich nicht mehr bei Oma befindet. Wo bin ich? Bin ich bei der falschen Silbermedaille gelandet? Sofort suche ich nach dem Kratzer, der entstand, als mir die Medaille herunterfiel. Aber da ist er. Musste meine Oma unseren Traum verkaufen?

Ich warte lange ab. Beobachte die drei Männer, die ein- und ausgehen. Bis ich irgendwann endlich verstehe, was passiert ist. Ich warte in einem Raum voller Diebesgut. Nichts hier gehört diesen drei Männern rechtmäßig. Dies wird mir klar, als zwei der Männer eine Menschenstatue aus Bronze in den Raum schleppen. Die Statue ist dann wohl von innen hohl.

„Und wir haben wirklich schon einen Abnehmer?“, fragt der eine Mann den anderen.

„Ja, aber der Käufer möchte abwarten, bis sich der Trubel wegen des Diebstahls gelegt hat. Also muss die Statue weiter nach hinten. Die werden wir frühestens in einem Monat wieder los.“, antwortet der andere.

Schnaufend tragen die zwei die Statue in eine Ecke des Raumes und verlassen lachend den Raum.

Ich schaue mir die weiteren Räume an. Das Diebesgut ist in einem versteckten Raum, der hinter einem Pfandhaus liegt. Die Gegend kenne ich nicht. Ich weiß nicht, wie ich zu meiner Oma gelange. Als ich probeweise versuche, die Straßen entlang das Pfandhaus zu verlassen, lande ich wieder im Raum bei Omas Silbermedaille.

Verdutzt probiere ich es weitere Male, aber es scheint auch keine andere Medaille in der Nähe zu sein, zu der ich wechseln könnte. Oder soll ich bei genau dieser einen Medaille bleiben? Das heißt dann wohl warten.

Das tue ich im Verkaufsraum des Pfandhauses. Dort ist wenigstens Abwechslung geboten. Insbesondere als ein Polizist dort auftaucht. Aber ich habe mich zu früh gefreut. Er ist in privater Angelegenheit dort unterwegs und hinterlegt einen Ring.

„Verkaufen Sie ihn bitte nicht. Ich komme wieder und werde den Ring wieder auslösen.“, erklärt er dem dritten Mann, der im Verkaufsraum tätig ist.

„Und wann genau kommen Sie wieder?“, fragt er den Polizisten.

„Vermutlich in zwei Wochen.“, erklärt der Polizist.

An mir nagt immer noch die Frage, ob die Silbermedaille gestohlen ist. Wenn ich einen Weg finde, den versteckten Raum dem Polizisten offenzulegen, dann findet er für mich heraus, ob die Medaille verkauft oder gestohlen wurde.

Verlassen kann ich die Medaille nicht. Als wäre nicht meine noch zu erstreitende Medaille, sondern Omas Silbermedaille meine unerledigte Sache gewesen. Zumindest tue ich etwas, wenn ich versuche, die Diebe zu entlarven. Ich überlege.

Mein Tod wurde durch ein Metall verursacht. Der Stahl, gegen den mein Kopf schlug. Die beste Eigenschaft von Metallen ist ihre wandelbare Verformbarkeit. Und auch wenn der Mensch dafür Feuer braucht. Ich bin ein Geist. Ob Metall mir das Eingreifen erleichtert? Die Medaillen sind ja auch aus Metall und haben reagiert.

Meine Gedanken schweifen zur Bronze-Statue. Sie hat Beine und Füße. Ob ich die Statue bewegen kann? Vielleicht kann ich in den Verkaufsraum laufen, indem ich die Bronzebeine so verforme, dass das Laufen möglich wird? Ich muss lachen, als ich mir die Panik der Menschen vorstelle, die einer laufenden Bronzestatue gegenüberstehen.

Aber es muss der Polizist sein. Er wird sofort wissen, dass ihm da Diebesgut entgegentritt. Hoffe ich jedenfalls. Aber er wird außerdem in der Lage sein, Verstärkung anzufordern, wenn die drei Männer durchdrehen. Ob er das überleben wird? Er erwartet nur seinen Ring, nicht eine Todesfalle. Kann ich irgendwie zu ihm gelangen? Ich konzentriere mich auf ihn, doch es passiert nichts. Einfach zur nächsten Polizeistation spazieren oder beamen klappt auch nicht.

Na gut, eins nach dem anderen. Ich habe wenigstens zwei Wochen Zeit, zu üben. Wenn ich die Statue nicht bewegen kann, gibt es auch keine Todesfalle für den Polizisten.

                                                             ****

Es rumpelt lautstark in dem Pfandhaus, als ich gerade durch die Tür trete. Eigentlich wollte ich nur meinen Ring auslösen, doch der Krach hört nicht auf und so gehe ich direkt in Richtung einer Tür, die nach hinten führt. Den aufgelösten Verkäufer, der mich auffordert, im Verkaufsbereich zu bleiben, beachte ich gar nicht. Und als ich die Tür öffne, steht sie da. Die Statue des „Dionadair“*, nach der fieberhaft gefahndet wird.

Was danach kommt, ist unerklärlich und geht viel zu schnell. Mein Partner hat im Auto gewartet und gesehen, dass ich nicht im Verkaufsraum blieb. Daher stieg er aus und war schon bei der Tür, als die Hölle über mich hereinbrach.

Der Verkäufer griff mich mit einem Messer an, als ich meinen Partner verständigen wollte. Und eigentlich hätte das Messer mich tödlich am Bauch treffen müssen, doch da sprang der „Dionadair“* zwischen mich und den Verkäufer.

Wirklich! Die Statue sprang! Zumindest schrie mein Partner dies, während die Statue mich mit sich auf den Boden riss und auf den Verkäufer drauf fiel. Leider machte die Statue dadurch den Weg frei für zwei weitere Männer, die hinter der Statue standen und auf mich und meinen Partner schossen. Mein Partner erwischte einen, wurde aber von dem anderen erschossen.

Da ich mich am Boden hinter der Statue versteckte, änderte der letzte seine Position. Dies gab mir Zeit, meine Waffe zu ziehen. Ich schoss, ohne nachzudenken, und erwischte den letzten. In meinem offiziellen Bericht ist die Statue einfach nur umgefallen. Ich stand nah genug an der Tür, so dass dies glaubhaft ist. Aber was zur Hölle ist da passiert? Ich glaube den entsetzten Augen meines Partners kurz vor seinem Tod. Er hatte keine Angst vor der Schießerei!

                                                                                       ****

Gerade noch beschützte ich die Polizei, da zieht mich eine Kraft durch den Brunnen in den Pavillon des Wächters. Vor mir steht der ehemalige Wächter.

„Sag nichts. Jetzt bin ich der Wächter und muss auf den nächsten Wächter warten? „Und du gehst jetzt durch das Tor und wirst in ein nächstes Leben wiedergeboren?“, fragte ich.

„Ganz genau!“

„Muss ich die Strandlandschaft beibehalten?“

„Nein, du kannst mit Metall alles hier gestalten, wie du es möchtest.“

Na dann kann ich keine natürliche Umgebung kreieren. Aber wenn der Strand mein Ding wäre, dann wäre ich nicht bei der Winterolympiade gestorben. Ich brauche Bewegung in meiner Umgebung.

Also ändere ich die Landschaft in eine lange Zugschiene. Die erschossenen Diebe, die hier gleich auftauchen werden, dürfen mir einen Zug bauen. Der Polizist darf sofort entscheiden, was er tun möchte.

Vielleicht wird das meine Methode als Wächter. Wer Böses tut, muss erst noch was aus Metall bauen. Wer gut war, darf tun was er möchte.

Mit einer Art Fernseher stelle ich zufrieden fest, dass meine Oma ihre Silbermedaille von der Polizei zurückerhält! Sie war also doch gestohlen!

„Du kannst gehen. Ich habe den Bogen raus“, sage ich und winke den alten Wächter ungeduldig durch das Tor.

V2 9887 Zeichen ohne Anmerkungen

Anmerkungen: * „Dìonadair“ bedeutet auf Gälisch Beschützer

Der georgische Rennrodler Nodar Kumaritaschwili starb am 12.02.2010 ähnlich wie in der Geschichte beschrieben beim Abschlusstraining vor der Eröffnungsfeier der Olympiade.