Von Nils Dürr

Fröhlich aufgeregt spazierten die vier jungen Frauen durch den Wald. Die Sonne stand hoch am Himmel, während die Bäume einen angenehmen Schatten spendeten. 

Wie jeden Sommeranfang waren Yulia, Tatjana, Zara und Kataryna unterwegs zu ihrem geheimen Lieblingsort.

Yulia spöttelte „Nur gut, dass Kataryna heute nicht im Dienst ist, sonst würde uns ihre Polizeieinheit bestimmt orten per GPS“. Gespielt finster dreinblickend gab Kataryna ihr einen Klaps auf den Hinterkopf und kicherte.

Seit dem Sommer vor so vielen Jahren, als sie alle gerade in der 5. Klasse waren, kannten sie diesen Ort, nutzten ihn als Geheimversteck und hatten hier eine tiefe Freundschaft aufgebaut.

Am See angekommen, stiegen sie schnell aus ihren Sachen.  

Die Badeanzüge hatten sie schon vorher untergezogen. Nur die Badekappen wurden jetzt noch verteilt. Vor einigen Jahren war es zu einer lustigen Tradition geworden, dass sie alle Badekappen trugen, wenn sie hier waren. Jedes Jahr durfte eine andere von ihnen diese aussuchen. Zara hatte diesmal welche besorgt.

„Wow,“ staunte Yulia, „wo hast du denn was aus Italien, von Arena besorgen können?“

„Kleine Überraschung von mir“, antwortete Zara. 

Sie nahm sich die grüne Badekappe, reichte eine dunkelblaue an Kataryna, gab Yulia eine hellblaue und streckte Tatjana noch eine rosarote hin. 

Kataryna kicherte und deutete auf Tatjana. „Haste wieder die olle Schwimmbrille dabei?“

Sie freuten sich auf das kühle Nass. Und natürlich auf ihr besonderes Picknick. Vor einigen Jahren hatte Tatjana den grandiosen Einfall gehabt, eine Art schwimmenden Tisch zu entwerfen. Hier konnten sie Karten spielen, etwas essen und das Leben einfach in vollen Zügen genießen.

Die Stimmung der vier jungen Freundinnen war überschwänglich. So ließ sich das Leben genießen. Selbst in einem von Propaganda aufgeheizten Land. Auch, obwohl Krieg war.

Tatjana goss großzügig den Sekt in ihre Gläser. „Zara Schätzchen, was ist denn mit dir los? Biste eine Abstinenzlerin geworden?“ prustete Tatjana, als Zara dankend ablehnte. Ihre Freundin errötete leicht und nuschelte etwas unverständliches.

Yulia knuffte sie freundschaftlich in die Seite. „Na komm, mach nicht so ein Gesicht. Iss mal was von dem Kaviar hier. Habe extra deine Lieblingssorte mitgebracht!“

Plötzlich brach Zara in Tränen aus. Es schüttelte sie regelrecht durch. Große Tränen quollen aus den großen, dunklen Augen.

Verdutzt sahen sich die anderen drei Freundinnen an. Zögerlich streckte Tatjana eine Hand aus und berührte die schluchzende Freundin an der Schulter. „Was ist denn los mit dir, Süße? War doch nicht bös‘ gemeint.“

Zara holte tief Luft. Ihre Schultern bebten noch leicht. Fast unhörbar hauchte sie: „Ich bin schwanger.“

Schlagartig trat Stille auf der Lichtung mit ihrem geheimen Badeteich ein. Fast schien es, als ob selbst die umliegenden Bäume den Atem anhielten, um zu lauschen.

Kataryna räusperte sich. „Aber das sind doch wunderbare Nachrichten. Die erste aus der Gang, die schwanger wird. Mensch, herzlichen Glückwunsch!“ Mit diesen Worten nahm sie die noch immer leicht zitternde Freundin fest in den Arm.

Jetzt drängten sich auch die anderen Freundinnen um Zara. Neugierig, wollte Yulia wissen: „Wie weit biste denn schon? Und was sagt dein Freund?“

Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus. Vergebens schien Tatjana unauffällige Zeichen machen zu wollen, hier die Fragen abzubrechen. Doch Yulia bemerkte es nicht.

„Oder hat der etwa das Weite gesucht?“ fragte sie misstrauisch.

Erneut brach Zara in Tränen aus, und wieder zogen sich breite, feuchte Linie durch ihr Gesicht.

„Sei mal ein bisschen nett“, herrschte Kataryna. „Immerhin ist Zara unser Küken.“

„Schon gut“, erklang da eine brüchige Stimme. „Sie weiß es nicht. Ihr alle wisst es noch nicht. Alexej hat gestern Abend seine Einberufung zum Militär bekommen. Sie wollen ihn rüber schicken, in diesen schrecklichen Krieg.“

„Mir ist kalt“, sagte Yulia. Die anderen nickten. Die Stimmung war gekippt. Es war, als ob es im schönsten Sommer plötzlich einen eisigen Winterhauch gab, der nach ihren Herzen griff.

Plötzlich brach es aus Tatjana hervor: „Dann haut doch ab. Man soll super nach Argentinien gehen können. Die…“

„Halt die Klappe“, fauchte Kataryna sie an. „Du weißt ganz genau, dass ich bei einem Sonderkommando der Petrograder Polizei bin, die Fahnenflüchtige aufgreift. Ich darf von diesem Kram nichts wissen.“ Mit diesen Worten sprang sie auf, raffte ihre Sachen zusammen und stürmte davon.

Einige Tage später stand Zara mit Alexej am Flughafen. Sie war nervös. Die Freundinnen hatte sie nur noch kurz gesehen, alle außer Kataryna. Es fiel ihr schwer, sich von ihrer Heimat zu verabschieden. Aber welche Wahl hatte sie, wenn sie den Vater ihres ungeborenen Kindes nicht im Krieg verlieren wollte? Sie hatte Angst um Alexej, große Angst. Und sie wollte auch nicht, dass ihr Kind einmal zur Armee musste.

Sie hoffte nur, dass sie schnell genug gehandelt hatten und Alexejs Einberufung noch nicht überall in den Rechnern auffindbar war. 

Aufgeregt warteten sie auf die Passkontrolle am Check-in Schalter, während Zara von einem Bein auf das andere tänzelte, immer wieder.

Was dauerte denn da so lange? War Alexejs Pass schon gesperrt worden für Auslandsreisen? Doch Endlich bekamen sie ihre Pässe wieder und die Bordkarten ausgehändigt. War es das etwa schon?

Am Sicherheitscheck wartete eine Überraschung. Zara sank das Herz in die Hose. Unter den Sicherheitsbeamten erkannte sie Kataryna. Das konnte doch nicht wahr sein. So kurz vor dem Ziel.

Zara versuchte, einem direkten Augenkontakt mit ihrer Freundin auszuweichen. Ihr brach der Schweiß aus. Wie sollte sie sich nur verhalten?

Plötzlich fuhr sie die Stimme ihrer Freundin barsch an: „Sie da! Kommen Sie endlich durch die Kontrolle.“

Mit weichen Knien schritt sie auf die Kontrolle zu. Was erwartete sie?

Der Alarm des Metalldetektors schrillte laut. Mittlerweile hatte Zara das Gefühl, ihre Knie würden gleich nachgeben, und der Kloß in ihrem Hals ließ sich einfach nicht mehr runterschlucken. Während plötzlich mehrere Beamtinnen auf sie zustürmten, verlor sie Alexej aus den Augen.

Jemand drehte ihr den Arm schmerzhaft auf den Rücken. Eine andere Person fuhr sie mit dem Metalldetektor ab, während eine weitere Person sie abtastete. Weitere standen bereit, einzugreifen, falls sie sich falsch verhalten sollte.

Sie schloss die Augen. So konnte dies doch nicht enden.

Dann sagte eine fremde Stimme: „Sie können passieren. War ein falscher Alarm“.

Erleichtert, blickte sie sich um. In einiger Entfernung sah sie Alexej, der ihr unsicher zulächelte.

Kataryna saß im Bad. Sie hatte Tränen in den Augen. Seit über einem Jahr hatte sie nun nichts mehr von Zara gehört. Sie hoffte, dass es dem Kind, ihr und Alexej gut ging.

Wieder starrte sie auf den Teststreifen in ihrer Hand. Es blieb dabei. Der Test zeigte 2 Striche. 

Als ob sie es nicht schon längst gewusst hatte. Eigentlich hatte sie es schon gewusst, nachdem sie die Nacht mit Ivan verbracht hatte. Sie war schwanger. Was sollte sie tun? Wer würde bei ihrer Ausreise ein Tohuwabohu veranstalten, so dass ihr Freund durch die Kontrolle konnte, ohne dass jemand erneut den Pass kontrollierte? Vor einem Jahr war auf unerklärliche Weise Alexej durch die Sicherheitskontrolle gekommen, ohne dass sein Pass einen Alarm ausgelöst hatte. Beziehungsweise sie hatte, während sich alle auf Zara konzentriert hatten, ihn ohne Passkontrolle durchgewinkt.

Zara starrte auf ihr Handy. Sie saß in der kleinen Einzimmerwohnung in Buenos Aires, wo sie jetzt mit Alexej und ihrem Baby wohnte. Jemand hatte ihr eine MMS geschickt. Diese zeigte vier Puppen in einem See. Jede hatte eine andersfarbige Badekappe auf. Die Puppen waren um einen schwimmenden Tisch gruppiert. Einem Tisch, wie Kataryna, Tatjana, Yulia und sie einen benutzt hatten, wenn sie sich an ihrem geheimen Lieblingsort trafen. Die Nachricht kam von einer fremden Nummer. In einer zusätzlichen Textnachricht hieß es: Erinnerst Du Dich? Brauche deine Hilfe. Komme Dienstag an. Flug EK247. K

 

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