Von Siegfried Reitzig
Nur noch ein einziger Schritt, dann würde Johannes in die Tiefe gezogen,
aber wohin?
Er wusste es nicht.
Würde er sterben?
Er hoffte, zu überleben.
Gab es eine Rückkehr?
Er wagte kaum, es zu hoffen.
Drei Wochen zuvor:
Endlich waren sie eingezogen in ihr neues Heim.
Johannes und seine Frau Inga mussten lange auf diesen Tag warten, denn der vorherige Eigentümer war unter mysteriösen Umständen spurlos verschwunden. Sogar Aktenzeichen XY hatte über den Fall berichtet, allerdings ohne Erfolg.
Zunächst sah es so aus als ob die Immobilie des verschollenen Wissenschaftlers für sehr lange Zeit leer stehen würde und so dem Verfall preisgegeben wäre.
Aber als seine Kinder das Haus durchsuchten, fanden sie in einem Ordner mit der Aufschrift „Wichtig“ eine Generalvollmacht, in der ihr Vater genau für den Fall seines ungeklärten Verschwindens den ältesten Sohn alle Vertretungsrechte – auch über den Tod hinaus – eingeräumt hatte.
Selbst an eine notarielle Beglaubigung war gedacht, und auch, wenn die Familie absolut nicht verstehen konnte, welche Gründe für diese detaillierte Vorsorge der Anlass gewesen sein könnten, begann der älteste Sohn nach 2 Jahren, den Nachlass des Vaters zu regeln.
So erfolgte auch das Angebot des Hauses zum Verkauf und Johannes war von Anfang an interessiert.
Da der vorherige Besitzer ein Astronom mit Forschungsaufträgen der Universität war, hatte er unter dem Dach eine leistungsstarke Sternwarte installieren lassen. Sein Spezialgebiet war die Erforschung der sogenannten „Schwarzen Löcher“ und deren fantastisch anmutenden Eigenschaften.
Diese Thematik war seit Jahren auch die Leidenschaft von Johannes, der nun hoffte, durch den Kauf dieses Hauses in den Besitz einer professionellen Sternwarte zu gelangen.
Nun hatte es tatsächlich geklappt, Johannes und Inga bezogen das neue Heim und waren hochzufrieden.
Obwohl Johannes mit Gartenarbeit wenig im Sinn hatte und sich lieber auf den Dachboden zur Beobachtung des Himmels zurückzog, erforschte er doch an schönen Tagen den Garten seines neuen Anwesens. Dabei entdeckte er hinter Bäumen und Büschen einen kleinen Teich mit einer merkwürdig anmutenden Oberfläche, die scheinbar kein Licht reflektierte und eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Johannes ausübte.
Gerade wollte er sich dem Gewässer nähern, um es genau zu untersuchen, als ihm der Stacheldrahtzaun und die Warnschilder auffielen.
„Betreten verboten! LEBENSGEFAHR !“
war zu lesen, und am Pfosten so eines Schildes entdeckte Johannes ein angebrachtes Metallkästchen, ähnlich eines Briefkastens. Der Behälter ließ sich leicht öffnen, und darin befand sich ein kleines Notizbüchlein.
Er las:
Protokoll einer Entdeckung
Ich, Ernst Wieland, befinde mich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und beschreibe im Folgenden, was ich in meinem Garten in der Steinstraße 25 im August 2024 vorgefunden und untersucht habe.
Der Leser dieser Zeilen sei gewarnt – wenn er nicht vorsichtig ist, befindet er sich in Lebensgefahr!!
Nach sorgfältiger Abwägung der von mir gemachten Beobachtungen, bin ich sicher, ein „Schwarzes Loch“ entdeckt zu haben!
So etwas dürfte es auf der Erde gar nicht geben, aber ich habe folgende Beweise gefunden.
- Die Oberfläche meines Gartenteiches verschluckt jedes Licht – auf der Oberfläche wird nichts gespiegelt und sie erscheint immer schwarz und matt.
- Gegenstände, die hineingelangen, verschwinden sofort und geräuschlos und tauchen nicht wieder auf.
Ich habe nicht nur verschieden große Gegenstände hineingeworfen, sondern auch mit ferngesteuerten Autos und einem Mähroboter experimentiert – alles ist auf Nimmerwiedersehen untergegangen!
Ebenso sind diverse Drohnen beim Überfliegen der Fläche zuverlässig hineingestürzt.
- Wenn sich Tiere dem „Teich“ nähern, werden sie unwiederbringlich in das Loch gezogen, sobald sie einen bestimmten Abstand unterschreiten – es gibt dann kein Entrinnen mehr.
Das gleiche passiert mit ferngelenkten Fahrzeugen, ab genau dieser Entfernung vom „Ufer“ versagt die Steuerung.
Das ist für mich der Nachweis des „Ereignishorizontes“ eines Schwarzen Loches!
Ich habe diesen gefährlichen Kreis vorsichtig mit roter Farbe markiert und einen Zaun außen herum gebaut.
- Als ich eine große Uhr mit einem Sekundenzeiger auf einem Brett über die Linie schob, war deutlich zu sehen, dass die Zeit dem Überschreiten viel langsamer lief – ein Beweis für die „Zeitdilatation“ eines Schwarzen Loches!
Was wäre aber, wenn ein Mensch – etwa ich selbst – den „Ereignishorizont“ überschreitet und auf die „andere Seite“ des Schwarzen Loches gelangt?
Ich wäre der erste Mensch im Universum, der das erlebt, wenn auch das weitere Leben von sehr kurzer Dauer sein könnte…
Ich befände mich möglicherweise in einem Tesserakt und wäre der erste Mensch, der die 4. Dimension erlebt…
Wenn mir eine Rückkehr gelänge, bekäme ich einen einzigartigen Blick in die Zukunft, denn im Schwarzen Loch wäre ich um ein vielfaches langsamer gealtert, als der Rest der Welt…
Ich wäre weltberühmt…
Ich fühle mich fast unwiderstehlich vom Schwarzen Loch angezogen!
Morgen werde ich es wagen, und den Ereignishorizont übertreten!
Die restlichen Seiten des Büchleins waren leer, und Johannes stand wie versteinert vor dem vermeintlichen Gartenteich. Er hatte schon verschiedene Bücher über die Phänomene der „Schwarzen Löcher“ gelesen, unter anderem von Stephen Hawking.
Wenn dieser Ernst Wieland recht hätte, wäre das eine absolute wissenschaftliche Sensation und er – Johannes Klein – würde durch diese Entdeckung weltberühmt werden.
Er spürte deutlich die magische Anziehung der schwarzen Fläche, durchschritt eine Öffnung im Stacheldrahtzaun und stand nur noch einen einzigen Schritt vom rot markierten Ereignishorizont entfernt!
„Kommst du bitte zum Essen, Jo!?“ rief Inga laut aus dem Haus
Johannes drehte sich langsam um und ging zurück zu seiner Frau.
Das Büchlein von Ernst Wieland nahm er mit und beim Essen würde er Inga Unglaubliches zu erzählen haben!
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