Von Clara Sinn

Habs ja völlig 

vergessen, durchfuhr es sie plötzlich ganz heiß und unschuldsbewusst, dass ich ja glücklich bin!

Sie hatte sich Vanillekipferl gekauft und die Flaschen weggebracht zum Container. Stand da, noch in voller Montur, dabei, sich die Mütze vom Kopf abzuziehen und die blöde Maske. 

Normalerweise stand sie schon mit den Gedanken an ihr Glücklichsein morgens auf.

 

Dachte daran,

wie es so weit gekommen war. Dass sie so glatt mitfloss in diesem Lebensstrom des Ich-gedeihe!

Sie hatte sich getrennt und ihr Leben ausgestattet nur mit Dingen, die sie erfreuten. Stand immer noch da, in voller Montur, dabei, sich die Mütze vom Kopf zu ziehen nebst Maske. 

Als Nächstes waren die Stiefel dran. Es war kalt geworden draußen. So spät im Jahr. 

 

Zur Sache, Schätzchen!

Es half tatsächlich. Weiterzumachen. Aus eigener Kraft. An der Oberfläche. Während in der Tiefe dieser unbeirrbare fürsorglich warme Strom des reinen Getragenwerdens aus purer Liebe unbehelligt weiter dahinfloss in seiner so unaussprechlich tröstlichen, so friedfertig erfüllenden, so freudespendend beglückenden vergessenlassenden Art.

Sie legte Jacke und Schal ab.


Ließ schon mal den Computer hochfahren.


Schaute sich bei der Gelegenheit eingehender um in diesem Leben, das sie sich da ermöglicht hatte, als sie ausgezogen war aus Vorstadtresidenz, Vermögensprestige, Versorgtsein. Auf Lebenszeit. Freilich nicht ohne Preis. Und die Routinelüge, dass es keinen kostete. Er war sich ganz sicher, die vielen Vernunftgründe würden es richten.


Sie setzte sich mit einer frischen Tasse Tee ans Schreiben. 


Es waren die Chroniken einer Selbstermächtigung in ungezählten unvernünftigen Schritten. Haare rauswachsen lassen stand da. Neben Hermès-Schuhe aussortiert. Und Gardinen aufgehängt. Das meinte, ganz alleine. Die große Kerze in Blütenform angezündet. Grundlos. Was so viel hieß wie einzig um ihres eigenen Wertes willen. 


In großen tiefen Schlucken ließ sie ihr inneres Video jetzt – zurückspulen.

 

Sie hatte diese Art 

 

Schätzileinchen

 

zu sagen. Auch 

 

in der Öffentlichkeit. 

 

Was er, zu ihrer heillosen Erheiterung, jedes Mal brav mit „Du bist un-unmöglich!“ parierte. Nicht, dass er stotterte. Es sollte eine besondere Betonung sein, eher sowas wie ein sehr langgezogenes unnnmöglich, mit einmal Atem schnappen dazwischen.

 

Das kam daher, dass sie eine ganze Kindheit lang von einem kompletten Clan nur das Püppileinchen genannt wurde und natürlich Herzileinchen und so. 

 

Weil sie doch so zierlich war. 

 

Und dies Zierliche so kostbar.

 

Immer mit die Kleinste in jeder Klasse, grottenschlecht in der blöden Leichtathletik, an Hochsprung mochte sie nicht einmal im Albtraum denken. Dafür geschicktest auf dem Schwebebalken oder beim geliebten Bodenturnen. Besonders mit dem Ball. 

 

Von ihrer Mutter hatte sie dieses gänzlich Schuldunbewusste beim Kujonieren auch der Lakaien. Per Nutz- wie Witzlosestem: „Zur Sache, Schätzileinchen!“

 

In der Nacht träumte ihr 

 

von einem Embryöchen

 

ohne Mutterschoß.

Stimmte!

Sie entschied, dem 

 

sofort beizuspringen.

 

Mutter zu sein. 

 

Die zu sein und, wenn es dazu nötig war, auch werden zu wollen, die es vermochte, diese Entzückung selbst zu steuern. Zu erhalten. Statt verfliegen zu lassen. 

 

Sie konnte das winzige Wesen deutlich wahrnehmen. Es war da. Lebendig. Hungrig. Nach Liebe. Wärme. Zugewandtheit. „Jaaa!“, rief sie ihm sofort entschlossen zu. Aus purer Freude. Mitnichten Pflicht. Wo gäbe es denn auch sowas, zu lieben als Pflicht? 

 

Konnte sich gut von diesem Nachwuchs in ihr unterscheiden. Sich gut als Mutter wahrnehmen, die bezogen war. Und als Erwachsene, die sich gut abgrenzen konnte. 

 

Lieben und Anleiten. Zur reifen Erwachsenen zu werden. 

 

Die sich selbst wandeln konnte. 

 

Zur Selbstgeliebten.

 

Die es doch noch geschafft hatte.

 

Lieben und Anleiten. Zur reifen Erwachsenen zu werden. 

 

Irgendwie fiel ihr da ihre geliebte Baby-Ratte Roberta ein. 

 

Er hatte es für eine Marotte gehalten. Aber sie hatte sie mitten auf dem Trampelpfad aufgehoben und wollte für dieses noch blinde Wesen, dem es offenbar nicht gut ging, da sein. 

 

Sie hatte es den ganzen Tag bei sich unter dem Busen im BH-Körbchen und fütterte das Giermäulchen, nach Anleitung, alle 4-6 Stunden, damit es nicht dehydrierte. Per Pipette. 

 

Freute sich über jeden Fortschritt. Dass es blind mit ihrem großem blauen Fleck am Bauch die Raufasertapete munter hochkroch. Kurz darauf war es verstorben. In der Nacht.

 

Als er dran gewesen war.

 

Er hatte sie nicht geweckt. 

 

Sie hatte sich damit getröstet, dass ihre tapfere Roberta just am Vortag die Augen geöffnet und die Welt noch gesehen hatte. Vorher. Aber etwas war in ihr zerbrochen.
Dabei. 

Da half es auch nicht, dass er diese Begonie beschafft hatte. Sie drauf zu pflanzen. Als Kennzeichen für die Stelle. Es war so gekommen, dass sie sich getrennt hatte.
Gut so.

 

Sie resettete ihre Videoschau. Dass alles in eins fiel. In diesem hehren Augenblick. Die Kindische und das Kindliche. Und das Mütterliche. Und sie dankte ihrer Roberta, die diesen unbewussten Unterschied begründet hatte. Dass sie sich hatte gebären können. Neu. In dieser Welt. 

Ein ganzes Stück stimmiger. 

 

Es stand an einzutragen, dass sie die engmaschige Glücksbeobachtung drangeben 

 

konnte. 

 

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