Von Dagmar Droste

Er sah sie. Sein Blick fiel auf ihre langen, schlanken Beine, die in High Heels steckten und direkt an ihm vorbeistöckelten. Sie war nicht alleine. Natürlich nicht! Wer war er wohl? Einen feinen Zwirn trug er. Er überragte sie fast um eine Kopflänge, obwohl sie nicht klein war. Sie hatte keinen Blick für ihre Umgebung, sah ihn nicht, hätte ihn auch nicht wiedererkannt …

 

                                                        ***

 

„Heute Abend im Club“, rief Mark im Herausgehen seinen Kollegen lachend zu.

 

„Was ist mit Frauen?“, wandte sich Sascha fragend an ihn.

 

„Es ist für alles gesorgt“, entgegnete er jovial und verließ das Büro.

 

Er fuhr mit dem Aufzug von der dreiundzwanzigsten Etage in die Tiefgarage, stieg in seinen gelben Lamborghini und nahm den Weg zu seiner Wohnung durch die Innenstadt.

 

Sein Leben hatte sich im letzten halben Jahr sehr verändert. Börsengeschäfte machten es möglich. Er grinste, „so schwierig war das nicht gewesen“.

 

Als Banker hatte er den Durchblick. Durch einen Aktiencoup konnte er Sascha zeigen, wer hier das Alphatier war. Seine Karriere nahm Fahrt auf, Sascha blieb zurück, musste nun für ihn arbeiten. Mark bezog ein üppiges Gehalt und Gewinne brachten ihm eine Million Euro auf sein Konto. Geld, das er ausgab, floss nach. Leben war angesagt!

 

Das Tempo der Großstadt entsprach seinem dekadenten Lebensstil, ebenso seine großzügige, stylisch gestaltete Penthaus Wohnung.

 

Er entledigte sich der Kleidung, die auf dem Boden verteilt den Weg ins Bad zeigte und betrachtete sich im Spiegel. Was er sah, gefiel ihm: „Schlank, groß, durchtrainierter Körper, knackig, potent …“, ein süffisantes Lächeln umspielte seinen Mund, „schnell noch zu Carina die Stirnfalte unterspritzen lassen“.

 

Die Clubbesitzerin kannte seine Vorlieben und die seiner Kollegen. Sie hingen häufig hier ab, und immer sorgte sie für ansehnliche Frauen, die man auch zu einem Event mitnehmen konnte. So war auch heute Abend „der Tisch gedeckt“.

 

„Happy Birthday, lieber Mark, happy Birthday to you“, grölten die Kollegen und Konfetti flog.

 

„Für dich, Mark, im Namen der Kollegen bedanke ich mich für die Einladung“, richtete Sascha förmlich das Wort an ihn und überreichte ihm einen Gutschein.

 

„Hey, das ist ja scharf, ein Wochenende mit Begleitung in Dubai“, lachte Mark laut auf, „mal sehen welche Bitch ich mitnehme“.

 

„Es ist für alles gesorgt!“, grinste Sascha spöttisch.

 

Ein mit brennenden Wunderkerzen bestücktes Geschenkpaket wurde hereingefahren, und ihm entstieg mit lasziven Bewegungen eine langbeinige, spärlich bekleidete Brünette. Anna!

 

Erotisierende, knisternde Spannung lag in der Luft. Begehrliches Raunen.

 

Der Champagner floss, als Anna amerikanisch versteigert wurde. Fünfhundert Euro waren gesetzt und in Hunderterschritten ging es weiter. Anna räkelte sich aufreizend um die Bieter, wurde von einem zum anderen gereicht und ihre Vorzüge wurden durch lustvolles Betatschen lautstark mit einem neuen Gebot honoriert. Letztendlich erhielt Mark den Zuschlag. Anna hatte knapp dreitausend Euro gebracht, ein kleines Geburtstagstaschengeld für das Wochenende mit ihr in Dubai.

 

„Ja, ja Sascha lässt sich schon was einfallen“, griente er, „super Geburtstagsgeschenk, damit lässt sich was anfangen!“

 

Dubai war gut und Anna anspruchsvoll. Er erfüllte ihre Wünsche, denn schließlich war sie ihr Geld wert. Er fand es normal, dass sie nach Dubai bei ihm eingezogen war. Sie war eine „heiße“ Frau, die ihm sexuell jeden Wunsch von den Augen ablas. Ab und zu kam sie mit in den Club. Sascha fand sie geil, doch Mark machte ihm klar, dass das, was ihm gehörte, auch bei ihm bliebe.

 

Anna hatte eine zauberhafte Art zu fordern. Mittlerweile fuhr sie einen Porsche, trug Kleidung von Versace, Brillis an Ohren und Fingern und machte reichlich Gebrauch von seiner Kreditkarte.

 

„Wie hält man eine Frau wie Anna?“, ging es ihm durch den Kopf. Sie hatte ihren Preis und er war bereit, diesen zu zahlen. Sein exzessives Leben mit ihr nahm ihn so gefangen, dass er unaufmerksam einige Aktientransaktionen in den Sand gesetzt hatte.

 

Sein Konto war ziemlich geplündert und Anna wollte eine Eigentumswohnung. Er saß an der Quelle, nahm einen Kredit auf, dachte gleichzeitig darüber nach, warum er überhaupt einen Wagen fuhr, denn in der Großstadt kam er besser mit dem Taxi weiter. Er verkaufte sein Auto, um einen momentanen finanziellen Engpass überbrücken zu können. Sascha kaufte ihm den Wagen zu einem guten Preis ab.

 

Mit ihm stimmte etwas nicht. Gleichgültigkeit machte sich in ihm breit. Er war unkonzentriert, antriebslos, würde am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen. Annas „Dienste“ konnte und wollte er nicht mehr wahrnehmen. Er fühlte nichts mehr. Ihm war kalt und in ihm Leere. Anna sah er nur noch selten, denn sie hatte ihre Eigentumswohnung bezogen.

 

Es fiel ihm schwer, seinen Arbeitsalltag zu bewältigen. Der Arzt diagnostizierte Depressionen. Für seinen erfolgsorientierten Arbeitgeber war er durch seine Arbeitsunfähigkeit nicht mehr brauchbar. So schrieb ihm dieser: „Leider müssen wir in Zukunft auf Ihre Dienste verzichten, denn es muss weitergehen“. Und es ging weiter. Mit Sascha!

 

Als wenig später die Bank die vollständige Ablösung des Kredites forderte, dachte er das erste Mal an Suizid. Doch auch hier sprang Sascha ein und kaufte ihm sein Penthaus ab, in das er mit Anna zog.

 

                                                        ***

 

Er wurde aus der Klinik entlassen. Ein halbes Jahr Psychiatrie nach seinem Suizidversuch. Anna hatte ihn gefunden.

 

Wie täglich am späten Nachmittag saß Mark auf einer kleinen Erhöhung vor dem Kaufhaus. Ein Plastikbecher stand vor ihm, in den Passanten ein paar Cent hineinwarfen, als er sie sah.

 

„Sie sieht verdammt gut aus“, ging es Mark durch den Kopf, aber sein Herz erreichte sie nicht. Es war vorbei!

 

Er atmete tief durch. Er war frei! Er hatte nichts, nur sich. Das war so unendlich viel. Ein merkwürdiges Glücksgefühl durchströmte ihn. Er spürte wieder das Leben, nicht hohl, es hatte eine Bedeutung.

 

Mühsam stand er auf. Seine Knochen schmerzten. Die Kälte spürte er in jeder Faser seines Körpers. Er zog seinen alten, verschmutzten Mantel enger um seinen hageren Körper, so, als ob das die Kälte abhalten könnte, zog seine Wollmütze tief ins Gesicht und machte sich auf den Weg zur Obdachlosenunterkunft. Dort war es warm. Dort war Wärme!