Von Jochen Ruscheweyh

Das Problem mit Kimberley ist, dass ich nie genau weiß, wann sie etwas ernst meint, und wann sie mein Bein zieht, wie man auf der Insel zu sagen pflegt.
Und so überraschte mich die mit mir Vermählte eines regnerischen Freitags, als wir uns kurz vor Perth mit dem Ziel Highlands befanden, um uns nach einer permanenten Bleibe umzusehen, mit den Worten: „Darling, ich finde, ein Cottage ist nicht standesgemäß genug. Unser Clan hat seit jeher größere Herrenhäuser bewohnt. Und sich darum zu kümmern ist schon immer Aufgabe von husbands gewesen. Also come on, tu es!“
„Aber Kimberley“, hielt ich dagegen, „dafür spreche ich nicht gut genug Schottisch. Denk nur an die Fastfood-Sache neulich.“
Ihr kehliges Lachen dröhnte beinahe so wie der Motor des in die Jahre gekommenen Mini, mit dem ich und meine – wie sie sich selbst gerne spaßhaft nannte – Chubby Elb nebst Gepäck uns die A9 hochquälten: „Hambara! Darling, du bist einfach so fuckin’ funny! How the hell komm man darauf, einen Hambara zu bestellen?“
„Ihr könnt eure Burgen doch anscheinend nicht vernünftig aussprechen, Edinbara, Fraserbara, Newbara, was liegt da also näher als … ?“
Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, der noch feuchter als das Rannich Moor daherkam und sagte: „Aber auch wenn du die most fuckin’ funny person bist, die ich kenne, musst du uns trotzdem ein home suchen. Und damit wirst du gleich anfangen.“
Mit einer Elfe verheiratet zu sein, bedeutet, sich auf das Maximum an Unvorhergesehenem einzustellen. Und so wunderte es mich kaum, dass der Mini rasch an Geschwindigkeit verlor und vor einer roten Telefonzelle am Rand der Single Track Road zu stehen kam, die so deplatziert wirkte, als hätte Alasdair Gray sie an diese Stelle geschrieben.
„Get out!“
Ihre Stimme nahm wieder diesen Ton an, bei dem es unklug ist, ihrem Wunsch nicht Folge zu leisten.

Zu zweit in einer schottischen Telefonzelle zu stehen, kommt dem Kampf gleich, beim Edinburgher Tattoo einen guten Platz zu ergattern: ein ständiges push&press, das dazu führte, dass sich meine Nase immer tiefer in Kimberleys rote Locken grub. Seltsamerweise verströmten diese nicht den moosig waldigen Duft, der ihnen sonst anhaftete, sondern einen eher kalkigen Geruch nach Keller, Mörtel und Bruchstein, der in mir aber dennoch den unwiderstehlichen Drang auslöste, Kimberley zu küssen.
Aber als ich ihr einen meiner westfälischen Romantismen ins Ohr flüstern wollte, war das Einzige, was meinen Mund verließ, das gurrende Glucksen eines Moorhuhns. Kimberley bog sich – soweit dies in der Zelle möglich war – vor Erheiterung über die mir verpasste Vox Lagopus Lagopus und erklärte: „Sorry, Darling, wir balzen später weiter, erst musst du telefonieren!“
So wie ich einen Augenblick zuvor Kimberleys Lippen, so suchte nun der Telefonhörer meine Hand, während die Wählscheibe sich einem wohltemperierten Oujiboard gleich in Bewegung setzte.
Ohne dass ich willentlich etwas dazu beigesteuert hätte, hörte ich mich auf das Melde-Hello in breitestem Aberdeener-Schottisch antworten: „Mein Name tut nichts zur Sache, aber nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich Ansprüche an Ihrer Immobilie anmelde, deren Ursprung viele Jahre zurückliegt.“
Noch bevor die Verblüffung vollkommen von mir Besitz ergreifen konnte, senkte sich die Gabel von allein, der Hörer entglitt meiner Hand und landete wieder dort, von wo aus er sich auf den Weg gemacht hatte, während sich das Wechselfach mit Münzen füllte.
„Na, geht doch!“, sagte Kimberley und stapelte mit einer einzigen Handbewegung drei identisch hohe Türme unterschiedlicher Pence-Werte.
Eine Meile später fand ich meine Contenance wieder: „Ich fasse es nicht, du hast mich einen anonymen Anruf machen lassen.“
„Darling, das siehst du falsch“, war ihre Antwort, „wir haben tatsächlich Ansprüche, und da wir verheiratet sind, sind es auch deine Ansprüche. Und“, fügte sie mit ihrem breiten Elfen-Lächeln hinzu, „ich freue mich, dass du dies auch so siehst.“
Da es für Angeheiratete meist wenig Sinn macht, Clan-Interna zu hinterfragen, beließ ich es dabei und genoss stattdessen die salzig frische Firth of Tay Brise, die durch die leicht geöffneten Fenster ins Wageninnere wehte.

****

Nach einem ausführlichen Bed&Breakfast eröffnete uns unser Flurnachbar, er werde bei seinem nächsten Aufenthalt seine Jagdausrüstung einpacken, es scheine ja nur so vor Hühnervögeln in dieser Gegend zu wimmeln.
Statt zu antworten verwickelte Kimberley den untersetzten Waliser in eine komplexe Unterhaltung über den National Trust for Scotland, bei der ich bereits nach dem dritten Satz nicht mehr folgen konnte.
„Bring schon mal unser laguage zum Wagen, Darling!“, rief sie mir zu, um sich dann wieder der Frage zu widmen, was der Wegzug vom Charlotte Square symbolisch für die Organisation bedeutete.
Auf halbem Weg nach draußen wog unser leichtes Reisegepäck plötzlich so schwer wie die Niederlage bei Culloden in meinen Händen, dass ich es einfach abstellen musste. Ich spürte Kimberleys Blick in meinem Nacken, der mich geradewegs auf den alten Wandapparat im Korridor zuleitete. Mit der Zielgerichtetheit eines Blind Harry wählte ich eine mir unbekannte Nummer und erkundigte mich idiomatisch perfekt, ob denn bereits Maßnahmen zur Räumung der Immobilie getroffen worden wären.

Auch wenn ich nicht im Geringsten wusste, wem ich gerade mit Nachdruck einen Auszug nahegelegt hatte, saß ich mit gehobenem Selbstbewusstsein auf dem Beifahrersitz, als Kimberley sich ob der beengten Verhältnisse des Mini hinter das Lenkrad quetschte.
„I am so proud of you, honey!“, lächelte sie mir zu, und der Stolz auf mich, ihr – frei übersetzt – westfälisches Honigbienchen, war ihr tatsächlich im Gesicht abzulesen. Was sie aber nicht davon abhielt, unkommentiert von der geplanten Reiseroute abzuweichen.
Wo zur Hölle sollte uns die B9099 hinbringen?
Ich sollte keine Gelegenheit dazu erhalten darüber nachzudenken, denn sie hielt mir eine Augenbinde hin: „Put this on, darling!“
Als ich mir das Textil anlegte, erfasste mich ein Schwindel, der so allumfassend war, dass ich das Gefühl hatte, durch die Karosserie des Wagens gesogen zu werden.
Nach einer Weile dumpfen Hin- und Herwabberns ließ meine westfälische Skepsis mich die Binde an einer Seite ein Stück herunterziehen: Ich besaß Hühnerflügel und sank langsam aus einem Wolkenmeer hinab auf die Zinnen eines überdimensionalen Castles!

„Verdammt, Kimberley!“, rief ich, als sich meine Krallen in das spröde Mauerwerk bohrten. „Balmoral? Das ist nicht dein Ernst, oder?“

Also gut, was wusste ich über die mondäne Sippe, die diese wunderbare Festung in ihr privates Psycho-Ferien-Neuschwanstein verwandelt hatte, außer, dass sie sich nicht in die britische Innenpolitik einmischte und die herzensgute Diana in die Magersucht und die Arme unterschiedlicher Liebhaber getrieben hatte?
Ich sinnierte noch so vor mich hin, als mir der Zinnen-Wind ein sopranes Flüstern entgegentrug und die Luft plötzlich so hochprozentig roch, als badete ich in einer Whisky-Brennblase.
„Ich bin Ayona, Kimberleys andere Cousine“, eröffnete mir das rotwangige Etwas mit den verbogenen Elfen-Schwingen, das schräg neben mir an einer Zinne Halt suchte. „Deine moralisch-elfenkosmische Unterstützung bei eurem Burgen-Deal.“

Info Dump ist unter Elfen eine verbreitete Unart, und so erklärte mir Ayona in der gefühlten Länge des Hadrian Walls, aus welcher Seitenlinie des Adams-Clan sie stamme, in welcher Verbindung sie zu Claudia, Kimberleys anderer Cousine stehe, dass jene eine Streckenelfe, sie hingegen eine Gerstenelfe sei und dass ein weitverbreiteter Irrtum darin begründet liege, dass des gälischen nicht mächtige Glasgower Geschichtsschreiber Elfen Spirit fälschlicher Weise mit Angel Spirit übersetzt hätten und so alle Welt denke, dass ein gewisser Prozentsatz von Fasswhisky verdunste. Dabei bestünde eine Hauptaufgabe ihres Zweigs der Familie darin, eben jenen besagten Teil – den Elfen Spirit – aus den Fässern zu saugen. Wie zur Demonstration hob sie ihr Kleid, zeigte mir ihren Fass-Rüssel und ließ ihn kreisen.
„Hör zu, Ayona“, begann ich.
„Du muss Ay zu mir sagen, das sagen viele.“
„In Ordnung, Ay, also, ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie ich die Bagage hier vom Hof kriegen soll, wie man bei uns zu Hause in Westfalen sagt. Ich glaube, die Nummer mit den anonymen Anrufen ist inzwischen durch. Aber wenn ich das hier nicht hinbekomme, dann wird mich niemand aus dem Adams-Clan jemals ernst nehmen.“
Ayona zog ihre rechte Schwinge nach vorne und bog sie wieder in die richtige Form. „Wie kommst du darauf?“
„Ay, eure gesamte Geschichte ist vollgestopft mit Kerlen, die überlebensgroß über die Hügel marschieren und den Briten in den Hintern treten. Das setzt mich irgendwie unter großen Erfolgsdruck bei dieser Immobiliengeschichte.“
Ayona zog ihre gerichtete Schwinge in die Länge, und ließ sie flutschen, dass es bis in den Innenhof schnalzte.
„Hast du schon mal drüber nachgedacht, dass du vielleicht eine ganz andere Lektion lernen sollst?“
„Welche denn?“
„Na, darauf musst du schon selbst kommen, ich habe zwar eine Menge Dampf im Kessel, aber ich bin nur eine Gerstenelfe und kein James Watt. Und wenn das jetzt kein Wink mit dem Steinzaun war, dann weiß ich es auch nicht. Und jetzt komm mit.“
„Wohin?“
„Ich bohre uns ein Fass Royal Lochnagar unten im Tiefkeller an. Dann lässt es sich besser denken.“
„Ay, ich glaube, ich weiß, was du meinst, du musst alleine bohren. Ich muss zurück zu Kimberley.“
„Ay, Ay, Sir!“, deutete sie einen Knicks an und ließ dazu ihren Fassrüssel kreisen.

****

Kimberley und ich sitzen auf der Terrasse unseres kleinen Cottage in der Abendsonne und entschuppen Lachse.
Manchmal können die Dinge so einfach sein, wenn man den richtigen Zugang dazu bekommt. Kimberley wollte nie ein Balmoral, ein Dalkeith House oder einen Falkland Palace, sondern einfach nur, dass ich mich aus meiner westfälischen Lethargie befreie und mich selbst auf die Haussuche mache.
Nun gut, sie hätte das auch einfach sagen können. Aber so sind Elfen nun mal, sie stoßen dich lieber mit der Nase darauf.

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