Von Matthias Herrmann

 

„Ich kann das nicht“, brach es aus Erich heraus. Ludmilla war seine Vertraute. Sie Polin. Er Russe. Die Osteuropa-Fraktion des Meister-Eckhart-Gymnasiums. Sie hatten sich in der Mensa verabredet.

„Das kannst du nicht mehr absagen, Erich“, erklärte Ludmilla.

„Könntest nicht du das übernehmen?“

 Ludmilla schüttelte den Kopf: „Tut mir leid. Aber nein.“

 

Die Stelle als Sternwartenwart hatte die Schulleiterin Jana Steinfurth unter der Hand an Erich Müller vergeben. Denn es war nicht so, dass sich Erich in Astronomie besonders gut ausgekannt hätte. Nein, Jana wollte ihn an der Schule halten, denn einerseits erinnerte er sie an ihren Vater Kurt, der wie Erich Müller Ende der Achtziger Jahre aus Russland übergesiedelt war, andrerseits hatte Erich über dreißig Jahre sehr solide Hausmeisterdienste geleistet, war allseits beliebt bei Kindern, Eltern und Kollegium und durfte einfach nicht fallen gelassen werden, nur weil das Schulamt meinte, mittels externem Facility-Management Kosten sparen zu können.

„Danke, Frau Direktor“, hatte Erich gesagt und eine Verbeugung angedeutet, als sie ihm den Plan angetragen hatte. Jana wollte ihn schütteln: ´Mensch Erich, was soll diese Unterwürfigkeit? Wir leben in einer Demokratie! Wir sind alle gleich! ´

Aber sie wusste, dass sie ihn damit nicht erreichte. Denn seitdem sie Schulleiterin war, hatte sie ihn beispielsweise jedes Jahr zum Weihnachtsessen des Kollegiums eingeladen, doch nie hatte er sich an die Tafel dazugesetzt, sondern sich immer in der Küche rumgedrückt, den Caterern geholfen oder das dreckige Geschirr abgewaschen. Und wenn etwas übrig blieb vom Kaiserschmarrn, den Bratkartoffeln oder dem Lammkaree, dann hatte er das in einer Tupperbox in seine Dienstzimmerwohnung mitgenommen.

Sein kleines Reich befand sich direkt über dem Schuleingang im mächtigen Torturm, den die Kuppel der Sternwarte krönte. Es war ein kleiner Raum. Nur ein Waschbecken eine Kochnische, Tisch mit zwei Stühlen, Schrank und Klappbett. Ansonsten besaß er das Gewohnheitsrecht, die Schultoilette und die Duschen in der Umkleide der Turnhalle nutzen zu dürfen.

Die Sternwarte war schulräumlich betrachtet maximal entfernt vom Sprachlabor im Keller, für das Ludmilla Severin zuständig gewesen war. Denn auch sie war im Zuge der Umstrukturierungsmaßnahmen versetzt worden. Von den Tonbändern, Schallplatten und Kopfhörern, die sie wartete und reinigte, in die Nachmittagsbetreuung, wo sie für das Einsammeln und Ausgeben der Smartphones und Handys der Schülerschaft zuständig war. Eine unschöne Tätigkeit, die ihr von den Kindern den Spitznamen Handyhexe eingebracht hatte.

Ja, und auch Ludmilla wurde von Jana Steinfurt regelmäßig zu den Events des Kollegiums eingeladen, doch auch Ludmilla nahm nie daran teil, entschuldigte sich damit, dass sie sich um ihren kranken Mann Stanislav kümmern müsste. Und jede Minute, die sie nicht bei ihm wäre, würde ihm schaden.

 

Die Anmeldung im Schulsekretariat zur Blutmond-Nacht verlief leider zäh. Jana Steinfurt wollte mit dem Event das naturwissenschaftliche Profil ihrer Schule schärfen, auch gewissem Getuschel vorbeugen, in dem ihr unterstellt wurde, als promovierte Kunstgeschichtlerin verstehe sie mehr von Astrologie als von Astronomie.

„Wie viele sind es denn bis jetzt?“, fragte Jana Steinfurth deshalb jeden Mittag die Schulsekretärin Dagmar Pelzig, um in den letzten Tagen immer die gleichbleibende Antwort zu erhalten: „Elf Mann.“

„Also nur Männer. Väter?“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Sie sagten: Elf Mann hätten sich angemeldet.“

Statt zu antworten, starrte Dagmar Pelzig ihre Chefin nur an. Ausdruckslos. Und diese fragte sich, was sich hinter der Stirn der Schulsekretärin abspielte. Überlegte sie erstens: „Lass mich mit deinem Genderscheiß in Ruhe!“ Oder zweitens: „Was interessiert die Leute dein Blutmond?“ Oder dachte Dagmar Pelzig gar nichts?

 

Erich hingegen dachte weiterhin mit Gruseln und Grausen an das bevorstehende Blutmond-Event. Da die Sternwarte wie sein Zimmer sehr beengt war, würden immer nur drei Sternengucker gleichzeitig an das Fernrohr gelassen werden. Das bedeutete für ihn, dass er wie ein Türsteher die Besucherströme dirigieren und lenken müsste. Er würde mit den Menschen sprechen müssen:

„Halt.“

„Weiter!“

„Nein, es ist zu voll.“

„Haben Sie etwas Geduld.“

„So, die nächsten, bitte.“

„Nicht drängeln!“

Es war eine Horrorvorstellung, die ihm schlaflose Nächte bereitete. Und da sich auch niemand aus dem Lehrkörper bereit erklärte, etwas zu dem astronomischen Ereignis zu sagen – „Ich bitte sie Frau Steinfuhrt außerhalb der Dienstzeit.“ „Der Samstagabend gehört der Familie.“ „Nein, also: Das ist der Sahnestückchentag der Woche!“ – hatte Jana Steinfurth kurz überlegt, ob sie eine Kollegin dienstverpflichten sollte. Doch nach reiflicher Überlegung war sie davon abgewichen.

„Ich will kein böses Blutmondblut provozieren“, dad-jokte sie in sich hinein, um dann

eine Anfrage in die KI zu werfen, die ihr einen kleinen Audiovortrag zum Thema ausspuckte. Erich Müller müsste nur den Play-Button antippen, um den kleinen Audiovortrag abzuspielen. War das zu viel verlangt?

 

Die Hoffnung auf einen wolkenverhangenen Gewitterhimmel hatte sich für Erich zerschlagen. Der Blutmond war da, nicht zu übersehen. Und sage und schreibe achtundzwanzig Besucher warteten jetzt auf Einlass, wollten das Himmelsereignis in glasklarer Schärfe von der Schulsternwarte aus begutachten.

Die erste Dreier-Gruppe wurde aufgerufen, drückte sich in die enge Kuppel. Schon näherte sich die erste Teilnehmerin dem Fernrohr, dass ihr einen atemberaubenden Blick auf den Blutmond erlauben würde. Erich merkte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Jetzt lag es an ihm! Nur an ihm! Seine Finger zitterten, als er versuchte den Abspielbutton für die Blutmond-Informationen auf dem Tabletcomputer zu betätigen. Doch was war das? Was gab es da zu kichern?

„Hähähä!“, tönte es aus der dunklen Ecke von dort hinten. Ja, was war denn das? Ein Schmatzen. Ein Schlürfen. Das immer näher kam!

„Iiiiih!“, kreischten die Besucher. Und plötzlich: „Hilfe! Hilfe!“ Da kam etwas Zottiges, lichtverschluckend Schwarzes auf sie zu. Schwankend. Faulig müffelnd. Mit rotglühenden Augen. Gefletschten, riesigen weiß-fauligen Fangzähnen! Guttural rülpsend!

„Höhöhö!“

Hämisches Gelächter. Und dann: Klatsch! Ranziger Butterschleim spritzt unseren Astrofans ins Gesicht.

Nur noch Schreie.

Nur noch Rennen.

Nur noch Panik.

Kinder. Eltern. Erziehungsberechtigte. Alle durcheinander. Vereint in einem großen: „Rette sich, wer kann!“

Dann: Stille!

Nur eine Frauenstimme: „Ist das heiß! Hilf mir doch mal raus hier, Erich.“

 

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