J. W. Anders

Der Schweiß steht mir auf der Stirn und rinnt den Rücken hinunter. Doch ich habe keine andere Wahl. Nur mitnehmen, was man am Körper tragen kann, kein zusätzlicher Ballast. Auf dem Rettungsschiff ist nicht genug Platz, dass jeder zusätzlich Gepäck mitnehmen könnte. Keine Wertgegenstände, keine Erinnerungsstücke. Als ob noch irgendetwas von diesen alten Familienschätzen übrig wäre. Schon die Generation meines Vaters lebte von der Hand in den Mund.

Die einzige Ausnahme der Gepäckregel wird für Nahrungsmittel und Wasser gemacht – was ich nicht besitze – und nicht für einen Pelzmantel der Ururgroßtante. In ihrer Generation und der darauffolgenden war dieser offensichtlich ein viel getragenes Kleidungsstück. An den Ärmelkanten und am Kragen ist das Fell jedenfalls ziemlich abgeschabt. Um ehrlich zu sein: er macht nicht mehr viel her.

Total bescheuert, so ein Teil auf die Flucht mitzunehmen, statt noch drei Shirts oder zwei Shorts. Ich hätte versuchen können, ihn zu verramschen und mir stattdessen von dem Erlös lieber Reiseproviant besorgen sollen. Doch dass ich überhaupt einen Platz auf einem der Rettungsschiffe ergattert habe, verdanke ich diesem alten Wintermantel.

Es ist ein Wunder, dass gerade er den großen Ausverkauf des Familienerbes überstanden hat, obwohl man schon lange keine Jacken, geschweige denn Mäntel trägt. Meine Familie hing allerdings an Traditionen. So heiße ich Charles, nach dem Ehemann besagter Ururtante, und auch nach meinem Großvater. Zum Glück nennen mich alle Charly. Meine Schulkameraden hatten noch andere Namen für mich, doch das spielt keine Rolle mehr.

Als Kind habe ich manchmal mit dem alten Mottenfänger gespielt. Ich drapierte ihn über einen Stuhl und spielte Safari oder Wildtierreservat oder auch nur Bauernhof. Ich war der Einzige in meiner Klasse, der etwas besaß, das an die Viehbestände der Grünzeit erinnerte. Einmal sollte ich das gute Stück sogar zum Unterricht mitbringen und jeder durfte vorsichtig darüber streicheln. Ich zehre bis heute von dem sozialen Rang, den mir dieser Tag verschaffte.

Während offizielle Stellen noch verlautbart haben, dass dies nur die erste Rettungswelle sein wird, habe ich meine Beziehungen spielen lassen. Der Präsident hat sich sehr an dem Pelzmantel interessiert gezeigt. Er möchte aus ihm für zukünftige Generationen einen möglichst realistischen Tiernachbau gestalten lassen, denn die Haptik kommt bei unseren digitalen Erinnerungen zu kurz. Dafür hat er mir einige Privilegien versprochen.

Verrückt, dass mir dieses ehemalige Luxusteil das Überleben sichert, oder?

Auf dem Rettungsshuttle werde ich den Mantel vorsichtshalber nicht ablegen, obwohl dort nicht weniger als 30 Grad herrschen sollen. Ganz angenehme Temperaturen also, für die man keine Überkleidung benötigt. Doch ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. Er weckt Begehrlichkeiten, das sehe ich an den Blicken der anderen, die mit mir zum Hangar eilen. Wenn ich nicht aufpasse, wird man sicher Stücke abreißen oder mir das ganze Teil klauen. Und dann: Privilegien – adieu!

Ich habe das Gefühl, zu zerfließen. Jeder Schritt ist eine größere Anstrengung als der zuvor. Dabei hat es gerade mal 35, höchstens 35,5 Grad im Schatten, und das Ende Juni. Leider kein Versprechen auf ein Ende der Erderwärmung. Und was lasse ich schon zurück? Eine verdorrte Welt, braun und unfruchtbar. Insekten und anderes Krabbelgetier fühlen sich hier wohl, doch wir Menschen?

Die Arche, das ist unsere Rettungsstation im All. Nur ein Übergangsort, um zu verhindern, dass die Menschheit ausstirbt. Bevor wir auf einem anderen Planeten eine neue Heimat finden. Nein, für uns gibt es hier kein Überleben. Die Erzeugung von genmutierten Reis in Zuchthallen verschlingt Energie, die wir für die Belüftung und Kühlung der Untergrund-Siedlungen benötigten. Fataler Kreislauf.

Entgegen allen offiziellen Meldungen können nicht alle gerettet werden. Wer dieses Mal nicht dabei ist, wird seinem Schicksal überlassen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es hier weitergehen wird, wenn die Rettungsschiffe nicht zurückkehren: Es wird zu Aufständen, zu Mord und Totschlag kommen.

Der Hangar ist weiträumig mit einem elektrischen Zaun gesichert, so dass er nicht gestürmt werden kann. Mein Erbstück ist mein Passierschein. Ist mehr wert als alles, was meine Familie jemals besessen haben mag.

Ich entkomme diesem Elend.

Die derzeitige Wetterlage ist absolute Ausnahme. Als verhöhne die Welt unsere Flucht. Diesen Versuch, nach den Sternen zu greifen, nachdem unsere Altvorderen die Erde für uns ruiniert haben.

Meine Zunge klebt am Gaumen. Wenn ich nur einen Schluck Wasser hätte, einen winzigen Schluck. Doch ich werde den Mantel nicht ausziehen, auf keinen Fall. Meine Beinmuskeln brennen. Schreckliche Mattheit in meinem Kopf.

Da vorne ist der Hangar, ich kann ihn über das Flimmern der heißen Luft erkennen.

Das schaffe ich.

Der Typ rechts rückt verdächtig näher. Soll bloß wegbleiben. Ich habe mich nicht durch alle Widrigkeiten geschlängelt, um hier zu scheitern.

Nicht mehr allzu weit bis zum Kontrollposten.

Die Risse im ausgetrockneten Boden scheinen zu vibrieren. Immer weiter auseinander zu klaffen. Dieses letzte Stück Weg – die reinste Folter.

Ich schaffe es.

Mein Puls rast. Die Augen tränen.

Ich muss es schaffen.

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