Von Beate Fischer

Er war eingenickt. Nein, nicht nur eingenickt. Er hatte tief und fest geschlafen. Von jetzt auf gleich hatte ihn eine Müdigkeit überfallen, die selbst den stärksten Mann aufs Kreuz gelegt hätte.

 

Im Traum war er wieder einmal einsam gewesen. Er war durch die Wälder geirrt und hatte vor sich hin geweint. Die Hirsche, die Rehe und diese schwarzen Schweine mit den wilden Augen hatten ihm verständnislos nachgeschaut. War ja klar, sie waren nicht alleine. Sie hatten jemanden, mit dem sie ihr Essen, ihr Lager und ihre Gedanken teilen konnten – sofern sie welche hatten. Denn das bezweifelte er manchmal schon. Diese Geschöpfe waren nicht so klug wie er. Ehrlich gesagt, hielt er sie für dumm. Sie konnten sich nicht einmal vernünftig unterhalten, brachten kaum ein verständliches Geräusch zustande. Muh, machten manche. Oder Mäh. Oder Kikeriki. Es war schwierig, aus ihnen schlau zu werden. Eine Gebrauchsanleitung hätte nicht geschadet.

Manche hatten durchaus ein wenig Verstand. Aber mit diesem weichen Felltier namens Katze, war er ständig unterschiedlicher Meinung und der gezähmte Wolf wollte alle paar Tage sein Rudel zum Essen einladen. Auf Augenhöhe konnte er sich nur mit dem Pferd unterhalten. Doch es wollte sich nie mit ihm zusammen niederlegen und ihre Themen waren doch zu unterschiedlich. Er vermisste ein Gespräch, den Austausch unter Gleichen. Schließlich gab es fundamentale Fragen zu diskutieren und zu klären. Wein oder Bier? Grillen mit Holzkohle oder Buchenholz? Brust oder Keule?

 

Mühsam kämpfte er sich in die Realität zurück, richtete sich auf und rieb seine Schultern. Er hatte wohl schlecht gelegen. Die Muskeln waren total verkrampft. Auch an der Hüfte zog es. Mein Gott, wie peinlich. In seinem Alter sollte er doch wohl besser drauf sein. Er war viel an der frischen Luft, ernährte sich gesund und achtete auch sonst auf sich. Schließlich war er für all dies verantwortlich.

 

Er ließ den Blick über seinen Garten schweifen. Unter seiner Pflege gediehen die verschiedensten Pflanzen. Hier streckte eine Pappel ihren schlanken Körper in den klaren Himmel, dort breiteten die Farne ihre vielfingrigen Arme aus. An der Kokospalme schaukelten gewaltige Nüsse und dicht über dem Boden wuchsen diese prallen, süßen, roten Beeren, die er allem anderen vorzog.

Seine Lieblingsbeschäftigung war es, den Dingen Namen zu geben. Er hatte schon recht große Fortschritte gemacht, seit er hier eingezogen war. Doch bei diesem kleinen Geschmackswunder hatte er die Namensgebung bewusst hinausgezögert. Sie sollte einer der Höhepunkte seines Schaffens werden. Jetzt war es vielleicht an der Zeit.

„Bodenbeeren“, murmelte er vor sich hin. „Strauchbeeren.“ Er schüttelte den Kopf. Das klang nicht elegant genug. Die Blüten glichen kleinen Rosen. Die Früchte dufteten verführerisch.

„Rosenbeeren.“ Das gefiel ihm. Rosenbeeren passte.

„Nenn‘ sie doch Erdbeeren. Schließlich hängen sie ziemlich tief. Ich will mir gar nicht vorstellen, was meine Wirbelsäule dazu sagt, wenn ich stundenlang am Pflücken bin. Da lob‘ ich mir die da drüben. Die wachsen fast in den Himmel. Himbeeren würd‘ ich die nennen.“

Er sprang auf. Woher kam diese Stimme? Aua, und was war das für ein hässlicher Schmerz an seinen Rippen?

„Hier. Hinter dir. – Schönen Tag auch. Ich bin die Eva.“

Adam starrte verdutzt auf das Wesen, das ihm auf zwei Beinen gegenüber stand. Sie schien fast sein Ebenbild zu sein. Hände wie seine. Augen, Ohren, Nase, wie er sie schon so oft in seinem Gesicht im Wasserspiegel betrachtet hatte. Haare bis über die Schultern. Die Brust allerdings üppiger als seine. Geradezu einladend ausladend. Er schluckte. Tiefer ließ er seine Augen im Moment lieber nicht wandern.

„Adam,“ stellte er sich schüchtern vor.

„Klar, ist ja sonst niemand hier.“

„Wo kommst du denn so plötzlich her?“

„Frag nicht, ich will gar nicht dran denken. Das gehört sicher nicht zu meinen schönsten Erinnerungen. Zum Glück hab ich es nur im Halbschlaf mitbekommen. Die Narkose hat der alte Herr da oben ganz gut drauf. Dir brummt bestimmt auch noch der Schädel.“

Er nickte verwirrt. Sollte das seine Gefährtin sein? Das Gegenüber, das er sich immer gewünscht hatte? Diejenige, mit der er sein Essen, sein Bett und seine Gedanken teilen wollte? Er hob den Kopf und blinzelte. Eine kleine Vorwarnung wäre nicht schlecht gewesen. Dann hätte er noch die Hütte aufgeräumt.

 

„Mann, hab ich einen Kohldampf.“

Eva rieb sich den knurrenden Magen.

„Wie wär’s mit einem Beerensalat? Nein, lieber eine heiße Suppe aus Kartoffeln und Rüben. Oder Fisch? Dürfen wir das?“

Sie sprang durch das hohe Gras in Richtung des Teichs davon. Adam starrte ihr nach.

„Warte, ich komme“, rief er und trabte hinterher, denn am Ende ihres Rückens hatte er zwei wippende Aspekte entdeckt, die ihn überzeugten, ihr überallhin zu folgen.

 

Version 2