Von Florian Ehrhardt

Ein leeres Blatt ist das Schlimmste, was es gibt. Das erzählen sie dir im Volkshochschulkurs Nr. 44-213b. Unter Kennern auch bekannt als „Kreatives Schreiben – jeder kann ein Schriftsteller sein“. Ein leeres Blatt als Autor? Schlimm, ja, aber sicher nicht das Schlimmste. Wenn man eine Geschichte schreibt und keine Ahnung mehr hat, wie es weitergehen soll, dann klappt man das Notizbuch oder den Computer zu und irgendwann schreibt man an einer ganz anderen Stelle weiter. Das erzählen sie dir auch im berühmt-berüchtigten Volkshochschulkurs Nr. 44-231b.

Schlimm wird es erst, wenn das Blatt leer ist, dort aber eigentlich ein ewig langer Liebesbrief stehen sollte.

 

Ich kann das Ganze nicht aufschieben. Wenn ich eine Geschichte schreiben würde, hätte ich ja wirklich noch Zeit. Aber so? Die Sache brennt mir verdammt unter den Nägeln. Aber wie schreibt man eigentlich einen Liebesbrief? Bisher habe ich das doch überhaupt nicht gemacht. Aber jetzt ist es etwas anderes. Und das wirklich Schlimmste: Es ist dringend. Eigentlich ist es schon viel zu spät. Du verlässt morgen die Stadt. Das weiß ich. Und du verlässt nicht nur diese Stadt, sondern dieses ganze verdammte Land. Und ich kann dir nicht folgen. Das macht mich wütend. Um genau zu sein, sorgt es dafür, dass es in mir drinnen so sehr brodelt dass die ganzen Schmetterlinge, die da so wunderbar durch meinen Bauch flattern, mittlerweile bestimmt schon verglüht sind.

 

Vor drei Tagen hast du mir gesagt, wann dein Flug geht. Seit drei Tagen kann ich nicht mehr schlafen. Und ich werde auch diese Nacht nicht schlafen können. Seit drei verdammten Tagen versuche ich das aufs Papier zu bringen, was ich dir sagen will. Und ich schaffe es nicht. Ich werde es auch nicht mehr schaffen. Deshalb bekommst du jetzt einfach das, was ich bisher geschrieben habe. Wahrscheinlich kann ich meine Gefühle einfach nicht besser ausdrücken. Und weil ich weiß, dass ich auch heute Nacht nicht schlafen werde, werde ich warten. Ich glaube du weißt, wo ich sein werde. Und vielleicht kommst du ja auch noch vorbei. Ich bin die ganze Nacht da.

 

Jan

 

Langsam lässt sie den Brief sinken. „Ich glaube, das ist der tollpatschigste Liebesbrief, den ich je bekommen habe.“

Ich mache ein enttäuschtes Gesicht.

Sie bemerkt meinen Blick. „Naja, abgesehen davon ist es aber auch der mit Abstand romantischste.“

Mein Herz setzt zwei Schläge aus. Mindestens.

„Denkst du etwa, ich wäre gekommen, wenn mir das, was du da geschrieben hast überhaupt nicht gefallen hätte?“ Sie lacht ihr wunderbares Lachen.

Es ist fünf Uhr morgens. Noch ist unser Dorf kalt und leise. Nur Vogelgezwitscher durchbricht hin und wieder diese wunderbare Stille.

„Hat es dir jetzt die Sprache verschlagen?“

Ich muss mich räuspern. Und bringe erstmal doch kein Wort heraus. Ihre haselnussbrauen Augen mustern mein Gesicht. „Du bist tatsächlich gekommen.“

„War das eine Frage?“

„Gegenfrage: Träume ich eigentlich?“

„Ja, du bist auf der Bank da drüben eingeschlafen, ich bin nur ein Traum!“

 

Ich mache mich aufs Aufwachen gefasst. Auf die kalte Enttäuschung. Naja, wenigstens konnte ich endlich wieder schlafen. Wenn man im Traum die Augen schließt, wacht man auf, wenn man sie wieder öffnet. Habe ich gehört. Also mache ich meine Augen zu. Atme tief ein. Traurigkeit überkommt mich – und dann spüre ich plötzlich einen stechenden Schmerz im Oberarm. „Aua!“

„Du bist doch längst wach!“

Sie hat mich gezwickt. Wir grinsen uns an.

„Und jetzt? Was hast du für unser Date geplant?“ Sie blickt mich herausfordernd an.

„Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass ich überhaupt so weit komme. Ich dachte, du wärst schon auf dem Weg zum Flughafen.“

„Normalerweise wäre ich das auch.“

Mir klappt die Kinnlade herunter. „Du lässt deinen Flug sausen?“

Sie nickt lächelnd.

„Wow.“

„Ja.“

„Das ist der beste Moment meines Lebens und ich habe keine Ahnung was ich sagen soll.“

„Dann sag doch einfach gar nichts.“

Wir sitzen für gefühlte Stunden auf der Parkbank vor dem kleinen Springbrunnen. Irgendwann zwischen dem ersten Gurren einer Taube und Sonnenaufgang wandert mein Arm ihren Rücken entlang und findet ihre Schulter. Sie schiebt den ihn nicht weg. Ihr Kopf fällt auf meine Schulter. Eng aneinander gekuschelt schlafen wir ein.

 

Irgendwann weicht die Stille dann doch dem Lärm.

„Weißt du, eine Idee hätte ich dann doch noch, was wir heute machen könnten.“

„Mach deinen Vorschlag, vielleicht hast du ja nochmal Glück!“

„Hast du zufällig festes Schuhwerk dabei?“

Sie nickt bedächtig und scheint zu überlegen, ob das die richtige Entscheidung ist. „Hier, gleich in meinem Rucksack.“

„Sehr gut! Sag wenn du bereit bist, dann machen wir uns auf den Weg.“

Nun wird ihr Blick doch skeptischer.

„Vertrau mir!“

„Okay. Einmal noch!“

Wieder grinsen wir uns an.

 

Auf 1200 Höhenmetern grinst Lisa nicht mehr. Sie japst.

„Wie weit…“ – sie wischt sich den Schweiß von der Stirn – „wie weit isses denn noch?“

„Noch fünf Minuten!“ Die älteste Lüge der Welt.

„Das sagst du jetzt schon seit drei Stunden!“

„Wir sind erst zwei Stunden unterwegs!“

Die Mittagshitze knallt uns beiden auf den Kopf. Wir kommen nur langsam voran. Lisa war noch nie auf einem Berg, der nicht mit einer Gondel erreichbar ist. Bei mir macht sich der Schlafmangel jetzt doch eindeutig bemerkbar. Zum Glück habe ich noch an Proviant gedacht.

 

Kurz vor Sonnenuntergang haben wir es geschafft.

„Wir haben jetzt satte zehn Stunden für eine vierstündige Tour gebraucht!“

„Na und? Das ist mein erster Gipfel! WOOOOOOOHOOOOOOO!“

Ihr Urschrei scheint über das ganze hügelige Land unter uns zu gleiten. Der Gipfel, auf dem sich tagsüber die Menschenmassen nur so tummeln ist jetzt komplett leer.

„Na, wie hat dir jetzt meine Spontanidee gefallen?“ Ich lächle verschmitzt.

„Ganz super, aber möchtest du nicht vielleicht die Klappe halten? Ich möchte den Moment genießen.“

Gemeinsam sitzen wir da und warten, während sich die Sonne immer näher zum Horizont bewegt.

Dann durchbricht Lisa selbst die Stille. „Wenn ich daran denke, dass ich beim letzten Sonnenuntergang noch dachte, dass ich den nächsten Sonnenuntergang auf der anderen Seite der Erde sehen werde…unvorstellbar! Hier ist es doch viel schöner!“

„Wo du bist ist es immer schön!“

„Schleimer! Klappe!“

Wieder starren wir wie gebannt in den blutroten Sonnenuntergang.

Dann küsst die Sonne den Horizont.

Lisa murmelt: „Das ist das schönste Date meines Lebens.“ Sie presst ihre Lippen auf meine während das letzte Licht des Tages verlischt.

Ein kühler Nachtwind zieht aus dem Tal zu uns herauf. Wir schlafen weit über den Nebelschwaden einer sommerlichen Nacht ein.