Von Christian Günther

 

»Wagen TS-89, für Zentrale?«, hörten wir zwei Stunden nach Dienstbeginn aus dem Funk.

Ich griff zum Gerät. »Wagen TS-89, Steiner hört! Was haben Sie für uns, Zentrale?«

»Schmelzer Straße, Atelier Johansen: Überfall, eine verletzte Person. Zeugin und Melderin vor Ort, Täter flüchtig. RTW auf dem Weg. Sonderrechte erlaubt!«

Wir fuhren auf der deutschen Alpenstraße über die Brücke an der Schmelz, den Abzweig hatten wir gerade passiert. Während Miriam unmittelbar nach der Brücke die Blaulichter und die Sirene des 3er-BMW Touring der bayerischen Polizei einschaltete, bestätigte ich den Einsatz. Wir waren auf dem Streckenabschnitt allein.

»Hoit di fest«, warnte mich die achtundzwanzigjährige Blondine mit dem langen Zopf vor dem Schlenker nach rechts. Anschließend riss die das Steuer in die entgegengesetzte Richtung, trat auf die Kupplung und bediente die Feststellbremse. Das Heck setzte zum Überholen an. Die Feststellbremse wieder gelöst, schaltete sie in den ersten Gang. Mit Vollgas retour! Driftend in die Schmelzer Straße, bergab zum Parkplatz. Dort überquerten gerade Wanderinnen und Wanderer die Fahrbahn.

Miriam nahm kein Tempo heraus. »‘s gibt bloß schnelle oder tote Fußgänger«, sinnierte sie.

»Recht host«, erwiderte ich. »Werd di empfehlen!«

Sie machten den Weg Gott sei Dank zügig frei, niemand fuhr unfreiwillig auf der Motorhaube mit. Keine halbe Minute später erreichten wir den Einsatzort und rollten vor dem Gebäude aus. Die Tür zum Atelier stand offen, davor die zermatschten Reste einer Frucht. Die Sirene stellte Miriam aus, die Lichter flackerten weiter.

»Avocado«, stellte ich fest. Obwohl laut Zentrale nur Zeugin und Opfer vor Ort waren, zückte ich vorsichtshalber meine Waffe.

Miriam folgte dem Beispiel und lugte vorsichtig durch die Öffnung. »Zwoa Leit, unbewaffnet. Sie wischt über sein G’sicht. Hod kotzt!«

»Sehr appetitlich«, fand ich beim Eintreten. »Die Polizei is da, Steiner und die Kollegin Homberg. Wer san Sie?«

»Nils Johansen.« Er musste aufstoßen. »Entschuldigung!«

»Und wos is passiert?«

Er wollte antworten, doch es kam zunächst noch ein weiterer Schwall Mageninhalt.heraus. »Bah! Ich hasse Gambas!« Der Besitzer des Ateliers war sehr klein, einssechzig zirka.

»Avocado a ned?«, tippte ich.

»Doch, die lieb ich!«

»Des schaut aber anders aus«, meinte Miriam und deutete zum Ausgang, steckte die Pistole weg. Wie mir auffiel, waren seine Haare feucht.

»Die hat sie mir vor die Stirne gedrückt!«

»Wer is sie?«

»Meine Ex!«

»Sie kenn‘ die Täterin?«, vergewisserte ich mich.

»Ja, leider! Wegen der bin ich vor ein paar Jahren hergezogen.«

»Wos hod sie genau mit Eahna g’macht?«, wollte Miriam wissen.

»Sie stand vor meiner Tür mit einer Einkaufstüte. Was drinnen war, habe ich nicht sehen können, nur die Avocado hat sie separat gehalten. Hab mir dabei nichts Böses gedacht. Als ich öffnete, patsch! Dann hat sie mich überwältigt und mir die Gambas in meinen Mund gedrückt und ihn zugehalten. Mehrfach! Ich musste schlucken. Bah! Anschließend hat sie mich ins Bad eingesperrt. Ein paar Minuten später fand mich die Kundin Burgner, die ihr Bild abholen wollte.«

»Is des g‘stohlen wor’n?«

»Na, des neda«, antwortete Frau Burgner. »Zerstört wor’n is es.« Sie deutete zur rechten Wand. »A Schmiererei, a bleede!«

»Oh!« Miriam trat zum Bild und inspizierte es. »Wos is des nua? I glaub, des könnt a Wachs sei, und Sahne, da bin i mir sicher!«

»Wie hoaßt Ihr Freindin?«, fragte ich Herrn Johansen, während draußen ein Fahrzeug hielt. Der Rettungswagen! »Oder Ihre Frau?«

»Ex-Freundin! Marianne Klaußner. Die wird niemals meine Frau.«

Vivian und ein Sanitäter betraten das Atelier. Während er zum Patienten ging, kam Vivian zu uns.

»Host oan Praktikumseinsatz?«, fragte ich die Tochter einer Kollegin.

»Der letzte vor den Prüfungen«, bestätigte sie. »Was ist hier passiert?«

 

Zwei Stunden später standen wir bei der Ex vor der Tür. Sie öffnete erst nach dem dritten Klingeln. Eine sehr große Frau, gute einsneunzig groß. Die rechte Hand war in der Tasche ihrer Jeans versteckt.

»Homberg«, stellte sich die fünfzehn Zentimeter kleinere Miriam zu ihr hochsehend vor, »und der Kollege Steiner. Sie san Marianne Klaußner?«

»Ja, hicks, des bin i, hicks«, bestätigte sie und rülpste. »Würd Eahna gern wos anbieta, hicks, aber i hob grod fertig trunka. Hicks!«

Miriam seufzte. »Also Flasche leer, guat!«

»Grad neda«, lehnte ich ab. »Mir san im Dienst.«

»Im Dienst? Was wollen’s von mir? I hob nix g’mocht.«

»Ihr Ex-Partner, der Herr Johansen, sieht des anders.«

»Mei Ex, der oida Fischkopferte? Is der no hier und ned z’ruck zur Nordsee?«

»Er hod Sie eindeutig identifiziert, dass Sie des worn heit Morgen.«

»Heit? Des konn, hicks, ned sei! I wor den ganzen Tog dahoam.«

»Hatten’s wos zum Feiern?«, schaltete sich Miriam ein.

»Is des verboten?«

»‘s is no recht früah?«

»Des is a ned verboten.«

»Dürf’n mia einikimma?«, fragte ich.

»Hom’s oan Durchsuchungsdingsdabumsta? Hicks!« Sie zog die rechte Hand aus der Tasche, ein Zettel fiel heraus. »Ups!« Sich bückend wollte sie ihn aufheben, griff jedoch mehrere Mal daneben.

So war es Miriam, die ihn an sich nahm. »Bon von Alleskauf.« Sie faltete ihn auf und las vor: »Sekt, Sprühsahne, Avocado, Gambas, Haarwachs, Föhn. Des is ois Tatwerkzeug, Frau Klaußner«, bemerkte sie schmunzelnd. »Fast ois, und kauft hom’s des Zeugs a hoibe Stund vor dera Tat. Insiderwissen hom’s g’habt. Nua: Wofür hom’s den Föhn dabei braucht?«

»Meiner is gestern kaputtgonga.«

 

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