Von Ina Rieder 

 Ich lag abseits im Halbschatten in einer abgelegenen Bucht und war vollkommen allein. Der einstündige Fußmarsch über steiniges, dürres Gelände hatte sich gelohnt. Es war atemberaubend schön hier. Die Sonne stand hoch, das türkisblaue Meer schimmerte golden. Das Rauschen des Meeres vereinte sich mit dem Zirpen der Zikaden. Der feine Duft von Salz und Salbei hing in der Luft.

Ich las in einem Krimi. Meine Augen wurden schwer. Kurz bevor ich eindöste, erregte eine Bewegung zu meiner Rechten meine Aufmerksamkeit. Ich war sofort putzmunter, setzte mich auf und entdeckte einen jungen Mann, der über einen Felsen kletterte. Ich schätze ihn Mitte zwanzig, etwa in meinem Alter. Er fuhr sich durch volles schwarzes Haar, drehte sich in meine Richtung und plötzlich trafen sich unsere Blicke. Ich war wie elektrisiert. Ein breites Grinsen, das meine Mundwinkel zum Zucken brachte, zog sich über sein Gesicht. Er winkte mir zu und kam zu mir herüber.

„Hi, ich bin Paros.“

„Delia.“

„Freut mich. Schöner Name!“

„Danke“, sagte ich und schaute verlegen auf meine rot lackierten Zehnägel.

„Darf ich mich setzen?“

„Eh, ja.“

„Wie bist du hierhergekommen?“, wollte er wissen.

„Zu Fuß.“

„Vom Dorf aus? Wow, eine weite Strecke!“

„Ja, aber es ist wunderschön hier.“

„Ich habe meine Sachen hinter dem Felsen da.“ Der junge Mann drehte sich nach rechts und deutete in die besagte Richtung. „Bin mit dem Geländewagen hier. Ich kann dich nachher gerne mitzurücknehmen.“

Ich überlegte kurz und wägte ab, ob ich das Angebot mit einem Wildfremden mitzufahren, annehmen sollte. Da wurde mir bewusst, dass außer uns ohnehin keine Menschenseele weit und breit zu sehen war.

Wenn er mich umbringen wollen würde, dann könnte er es auch gleich hier tun. Was soll schon passieren?

Ich hörte Mutters Stimme „Delia, du liest zu viele Krimis!“ in meinem Ohr und lachte amüsiert.

„Habe ich etwas Lustiges gemacht?“

Paros sah mich mit seinen großen, dunkelbraunen Augen verwundert an.

„Nein, ich habe nur an etwas Absurdes gedacht. Ich nehme dein Angebot gerne an.“

Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich erzählte ihm von meinem Vater, der im Nachbardorf aufgewachsen war, von Großmutter, der letzten griechische Verwandten hier, die vor einem Jahr gestorben war. Er wiederum berichtete mir, dass er eigentich in Thessaloniki lebte, den Sommer über aber bei seinem Onkel verbrachte, der zufällig der Besitzer des Hotels war, indem ich wohnte. Wir plauderten über Gott und die Welt. Zwischendrin erfrischten wir uns im kühlen Nass. Mir kam es so vor, als würde ich ihn schon ewig kennen. Unsere griechischen Wurzeln schienen sich ineinander zu verflechten.

Eine Stunde später folgte ich Paros und kletterte über die Klippe, die zu einer weiteren kleinen Bucht führte. Er hatte nur einen ledernen Beutel und ein Handtuch dabei. Beim Vorbeigehen schnappte er sich beides lässig und steuerte seinen Geländewagen an.

Am Auto angelangt, öffnete mir Paros galant die Türe. Auf dem Beifahrersitz lag ein neonfarbener Notizzettel. Ich nahm ihn hoch und setzte mich.

„Meine Einkaufsliste,“ erklärte er mir mit einem Augenzwinkern.

Nachdem ich mich angeschnallt hatte, fiel mein Blick auf schöne, geschwungene Lettern.

Haarwachs – Föhn – Gambas – Avocado – Sekt – Sprühsahne

In meiner Brust wurde es eng, im Bauch ziepte es leicht. Ich malte mir aus, wie er am Abend mit seiner Freundin – so ein attraktiver Mann war doch sicher vergeben – eine romantische Nacht verbringen würde. Die Vorstellung gefiel mir gar nicht.

***

Draußen war es bereits dunkel geworden. Über mir prangte ein sichelförmiger Mond. Laternen, die Insekten magnetisch anzogen, säumten den Weg neben der Straße.

 Ich hörte das Geräusch eines Motorrades. Kurz darauf blieb Paros auf einer Yamaha auf der anderen Straßenseite stehen und lächelte mich an.

„Bereit für ein nächtliches Abenteuer?“, fragte er und streckte mir einen Sturzhelm entgegen. Ich setzte ihn auf, schwang mich hinter ihm auf die Maschine und hielt mich an seinen Hüften fest. Wir sausten einen Serpentinenweg hoch, jagten an Dörfern und Badeorten vorbei.

In Chania, der Hauptstadt im Westen Kretas, stellte er seine Maschine am Straßenrand ab. Der unverwechselbare Geruch von gewürztem Fleisch und Pommes stieg mir in die Nase.

„Ich weiß, es sieht hier etwas schmuddelig aus. Aber glaube mir, hier gibt es das beste ‚Gyros-Pita‘ auf der ganzen Insel!“

Wir reihten uns in die Warteschlange ein und rückten schneller, als ich dachte, bis zur Durchreiche vor. Dahinter stand eine mollige Frau mit schweißnasser Stirn und karierter Schürze, die geschäftig daumendicke Fladen mit Fleisch, Pommes, Salat, Tomaten und Joghurt füllte. Paros bestellte zwei Portionen. Neben uns wurde ein Tisch frei. Wir setzten uns. Ich nahm einen herzhaften Bissen.

„Du hattest Recht, ich habe noch nie so ein leckeres ‚Gyros-Pita‘ gegessen!“

Nach dem Essen bummelten wir Hand in Hand durch die Altstadt und erreichten den venezianischen Hafen. Ich bestaunte den alten Leuchtturm und ließ mich von der Schönheit der Stadt berauschen. Meine Augen schweiften über beleuchtete Häuserfronten und belebte Gassen.

Ein idealer Ort, um sich zu verlieben.

Wir setzten uns auf eine freie Bank, mit Blick auf sanft im Wasser schaukelnden Schiffen.

„Das da …“, Paros zeigte auf eine luxuriöse Sunseeker-Yacht, „… ist das Motorboot meines Onkels. Lust auf einen kleinen Trip?“

„Du scherzt, oder? Kannst du die allein fahren? Braucht man da nicht einen Skipper?“

Er schüttelte den Kopf, schürzte die Lippen und warf mir, wie in Griechenland üblich, einen leicht schmatzenden Kuss zu.

„Komm schon! Herzlich Willkommen auf der ‚Omorfa‘.“

Für eine Millisekunde keimte ein ungutes Gefühl in mir auf, welches mein Begleiter aber mit einem charmanten Lächeln schneller als einen Wimpernschlag wieder wegscheuchte.

***

Kurze Zeit später befand ich mich mit ihm am obersten Deck der Yacht. Neben einer Sitznische entdeckte ich einen Einkaufskorb. Darin reihten sich jene Lebensmittel, die Paros auf dem Einkaufszettel notiert hatte, aneinander. Nur der Föhn und das Haargel fehlten. Mein Herz machte einen kleinen Sprung.

Ich bin dann wohl diejenige, mit der einen romantischen Abend geplant hat? Wie süß!

Ich schmolz dahin wie Wassereis in der Mittagsonne. 

  Wir brausten auf das offene Meer hinaus. Der Wind fegte durch meine Haare. Nach einer halben Stunde drosselte Paros das Tempo und die Yacht kam kurze Zeit später zum Stillstand. Sie schaukelte sanft im Rhythmus der Wellen.

Wir standen am Geländer, unsere Blicke auf die endlose See gerichtet. Mein silbernes Top glitzerte im Mondlicht. Paros nahm zärtlich meine Hand und die Welt um mich herum verschwamm. Die Himmelskörper waren zum Greifen nahe, die Unendlichkeit deckte uns sanft zu. Hin und wieder blitzten Sternschnuppen im Dunkel auf.

„Du siehst atemberaubend aus“, flüsterte er und strich eine lose Strähne meines Haares aus dem Gesicht.

Plötzlich zuckte ich zusammen. Ein dunkler Schatten hatte sich am Deck unter uns über dem Wasser bewegt. Ein kalter Schauder lief über meinen Rücken.

„Was ist los? Gefallen dir meine Berührungen nicht?“

„Doch, aber da ist irgendetwas!“

Er lachte. „Ja, ziemlich viel Meer und seine Bewohner. Keine Angst, ich bin doch bei dir.“

Paros nahm mich von hinten liebevoll in den Arm. Während er meinen Hals küsste, starrte ich noch eine Weile in die Dunkelheit, doch der Schatten war verschwunden.

„Komm, lass uns auf den heutigen Abend anstoßen.“

Er löste sich von mir. Ich sah ihm dabei zu, wie er die Sektflasche entkorkte und zwei Gläser füllte. Kurze Zeit später saßen wir auf der Sitznische, die eher einem geräumigen Sofa glich.

„War eine gute Idee von mir, oder?“

Ich nickte, legte meinen Kopf auf seiner Schulter ab und lauschte in die Nacht. Zum Rauschen des Meeres gesellte sich ein Knarzen, das von einer dunklen Nische irgendwo gegenüber zu kommen schien. Ein leises Wispern drang an mein Ohr, als wollten mir die Wellen zuflüstern, dass wir beobachtet wurden. Meine Sinne schärften sich. Ich richtete mich auf.

Doch dann spürte ich Paros Atem an meiner Wange. Unsere Blicke trafen sich erneut. Sie waren wie ein stilles Einverständnis für das, was folgen sollte. Seine Lippen umschlossen, die meinen, und wir sanken gemeinsam in einen Liebestaumel, der mich alles rundherum vergessen ließ.

„Brauchst du eine Decke?“, fragte er mich, als ich später splitterfasernackt neben ihm lag und leicht zitterte.

„Ja bitte“, sagte ich. „Warte!“

„Was ist?“

„Da ist es wieder, dieses eigenartige Knarzen.“

„Da ist nichts!“

Ich stand auf, schlüpfte in Top und Hose und ging auf die dunkle Nische, in der sich luxuriöse Sonnenliegen stapelten, zu.

„Warte, wo willst du hin?“

Paros holte mich ein, versperrte mir den Weg. Er legte beide Arme auf meine Schultern.

„Beruhige dich. Wir sind hier mutterseelenallein. Nur du und ich, eine Flasche Sekt und mit der Sprühsahne habe ich noch einiges vor.“

Er sah mich grinsend an. Irgendetwas an seinem Ton ließ mich stutzen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, machte mich von ihm los, um den ominösen Geräuschen auf den Grund zu gehen. Ein jähes Poltern ließ mich zusammenzucken. Eine der Liegen hatte sich selbständig gemacht, war direkt vor meine Füße gefallen. Dahinter tauchte plötzlich eine Gestalt mit hoch erhobenen Händen auf.

„Sorry! Wir wollten dir keine Angst einjagen. Ich sehe halt gerne dabei zu. Mehr nicht!“

„Wir? Was zum Teufel ist hier los? Moment mal, du bist doch der Typ aus dem Hotel, der mir den Tipp mit der abgelegenen Bucht gegeben hat!“

Ich drehte mich blitzartig um, sah Paros verwirrt an. Er zuckte mit den Schultern und senkte seinen Kopf. Mein Blick schweifte von einem zum anderen und plötzlich verstand ich. Meine Stimme überschlug sich beinahe vor Wut. „Fahrt mich sofort zurück, ihr perversen Arschlöcher!“

Die weiteren Erklärungsversuche der beiden ignorierte ich eisern. Zurück auf sicherem Boden fragte ich Paros: „Weiß dein Onkel eigentlich, was du auf seiner Yacht treibst?“

Eine eisige Stille legte sich über uns und ich wusste, was ich zu tun hatte. V2 (9928)