Von Matthias Herrmann

Eckhardt ist Gründungsmitglied der Unterabteilung ZETTEL´S TRAUM, eines Zweiges von NOTES OF BERLIN. NOTES OF BERLIN ist ein Blog, der verschrobene und seltsame Notizen, Zettel, Sprüche und Suchanzeigen aus der Hauptstadt ins Netz stellt. 

ZETTEL´S TRAUMzwar kokettiert die Unterabteilung durch die Namensgebung mit Arno Schmidts gleichnamigen Monumentalwerk, in der Realität beschränkt sie sich aber auf das Sammeln, Sichten, Feiern und gelegentliche Posten von Einkaufszettel aller Art.

Eckhardt fungiert als Schriftführer der Unterabteilung; er hat sich hauptsächlich in dieses Amt wählen lassen, nicht weil er das Protokollführen so schätzt, sondern um den Kontakt mit Uschi, der Unterabteilungsleiterin, zu vertiefen. Leider bislang erfolglos. 

Heute erwartet Eckhardt allerdings großes. Heute wird er in der Achtung der Vorsitzenden wachsen und ihr endlich eine Regung des Interesses, der Sympathie ihm gegenüber entwinden. 

 

„Ich bin mehr als der kleine Schriftführer, den du in mir siehst, große Vorsitzende!“ 

 

Eine Sitzung bei ZETTEL´S TRAUM gestaltet sich folgendermaßen: Die Teilnehmenden stellen reih um die Einkaufszettel vor, die sie im Laufe der letzten vier Wochen aufgeklaubt haben. Da ist dann Susi, die immer wieder fremdsprachige Zettel präsentiert oder Alois, der sich auf Dialektformen spezialisiert hat. Oder Gertrude, die sich für die Rechtschreibfehler begeistern kann. An so einem eigenen Profil mangelt es Eckhardt bislang, doch das soll sich nun ändern. Endlich ist er an der Reihe. Er sieht es als gutes Vorzeichen, dass Uschi ihn in diesem Moment fragt: „Eckhardt, was haben Sie uns denn Schönes mitgebracht?“ 

Da Uschi das „Hamburger Sie“ bevorzugt, ist diese Form der Anrede auch in der Unterabteilung von NOTES OF BERLIN die bevorzugte Ansprache, was auch in der Satzung entsprechend vermerkt ist. Das gilt bei allen Zusammenkünften, außer den jährlichen Treffen des Gesamtvereins, wo munter drauflosgeduzt werden darf! Was der Schelm Eckhardt auch weidlich ausnützt, um sich an Uschi ranzuwanzen: „Du, Uschi, soll ich das in unser Protokoll aufnehmen?“ oder: „Du, Uschi, möchtest du noch eine Tasse Kaffee?“

Doch zurück zu hoffentlich Eckhardts großem Auftritt. Man sitzt an einem runden Tisch. Sieben einfache Mitglieder, er der Schriftführer und die Vorsitzende. Eckhardt meint einen anschwellenden Trommelwirbel zu hören, der sich wie ein Klangteppich über das Vereinslokal legt. Und zündet da nicht ein Blitzlichtgewitter, als er den Zettel auf den Tisch knallt. 

Und alle lesen: „Einkaufszettel: Haarwachs, Fön, Gambas, Avocado, Sekt, Sprühsahne“! Die folgende Stille ist mit Händen greifbar. Man starrt angestrengt auf den Papierfetzen. Wabert da über den Köpfen nicht ein großes „Na, und?“? Doch bevor dieses raumgreifend werden kann, schnappt sich Eckhardt den Zettel, dreht ihn um und wir lesen auf der Rückseite: „Kaffee, Pumpernickel, Butter, Erdbeermarmelade, Lenor“! Oh, steigt da statt dem „Na, und?“ ein großes Schulterzucken gepaart mit einem Stirnrunzeln auf? Ja, schüttelt die Vorsitzende nicht sogar schon den Kopf? Doch Eckhardt bleibt ruhig! Er wendet den Zettel vor und zurück. Hält ihm jedem unter die Nase. Mit einer Da-ihr-Vereinsmeier-heute-zeige-ich-es-euch-allen-Attitüde! Und gerade als Uschi das Wort ergreifen will, greift er in die Brusttasche seines Oberhemdes und zieht einen zweiten Zettel hervor und knallt ihn auf den Tisch. Was lesen wir? Wiederum: „Einkaufszettel: Haarwachs, Fön, Gambas, Avocado, Sekt, Sprühsahne“! 

Was ist hier los? Eine Posse! Doch bevor das Unverständnis wie eine Flutwelle über ihm zusammenschlägt, greift sich Eckhardt den Zettel und dreht ihn – in einer Geste, die später von einigen Mitgliedern als triumphalistisch beschrieben wurde – um! Und wir lesen: „Wattestäbchen, Teewurst, Filter 102, Sebamed, Mandarinen“. Augenblicklich herrscht Stille. Nur Eckhardts heftiges Atmen ist zu vernehmen. Sie starren auf die zwei Zettel. Mit der einseitig-identischen Beschriftung. Anerkennendes Nicken. Auch Daumenhoch-Zeichen werden gesichtet. Man erkennt: Da ist unserem Eckhardt ein echter Coup geglückt! Doch der Spaß ist ja nicht vorbei. Denn jetzt, als sich die ersten zum Gratulieren erheben, zieht Eckhardt einen dritten Zettel hervor und knallt ihn auf den Tisch: „Einkaufszettel: Haarwachs, Fön, Gambas, Avocado, Sekt, Sprühsahne“ und auf der Rückseite: „Penatencreme, Schultheiß, Maggi, Tesa, Tempo“!

Ja, was ist denn hier los! 

„Da legst di nieda!“, schreit Alois. Und die Susi kichert hysterisch. Die Mitglieder sind nicht zu halten. Sie stürzen sich auf die drei Zettel, betasten sie, halten sie gegen das Licht, riechen daran, streichen ehrfürchtig darüber. Sagenhaft, was unser Eckhardt da aufgetan hat!

Uschi spürt, dass hier nun Führung angesagt ist. ZETTEL´S TRAUM darf nicht zu ZETTEL´S TRAUMA abgleiten. Bei aller Begeisterung! Kurzerhand unterbricht sie die Sitzung. „Sammeln Sie sich, Herrschaften. Etwas frische Luft wird uns allen guttun.“

 

Anschließend dankte sie Eckhardt für diesen seinen Fund und erklärte: „Bei aller Begeisterung: Wir wissen nicht, was es damit auf sich hat. Handelt es sich hier um eine Verrücktheit? Möglicherweise eine Fälschung? Wir sollten es herausfinden. Die Sitzung ist geschlossen!“ 

Eckhardt wollte sich noch aufregen: „Aber, wie kannst du, wie können Sie von einer Fälschung sprechen?!“

Doch Uschi rauschte nach ihren letzten Worten ab. So endete der Abend für Eckhardt zwiespältig. Ein Verdacht: Alles nur eine Chimäre? Nein, er hatte doch die Originalzettel bei Kaufland gefunden! Und er dachte zum ersten Mal: „Vielleicht ist Uschi ja nur eine Schnepfe! Eine neidische Schnepfe!“ Und von diesen abschließenden Überlegungen irgendwie beschwingt, machte sich Eckhardt auf den Heimweg. 

 

„Das trifft sich gut. Ich arbeite gerne mit Senioren. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt“, erklärte die Filialleiterin.  

Der erste Vormittag war anstrengend. Stundenlang auf den Beinen, das war Eckhardt nicht mehr gewohnt. Schick war der Kittel: Frisch gewaschen, sogar gestärkt und schneeweiß dazu. 

„Sie sammeln draußen auf dem Parkplatz die Einkaufswägen ein. Machen Sie sauber. Sollten Sie Ware finden, bringen Sie sie mir ins Büro. Wir behandeln das wie Fundsachen. Nur gegen einen Eigentümernachweis geben wir sie raus.“

 

In Nachhinein war ihm nicht klar, ob sie ihm schon beim Betreten des Supermarktes aufgefallen war in ihrem dunkelblauen Trenchcoat, der Sonnenbrille, den weißen Sneakers und dem Trolley, den sie an ihren Einkaufswagen gehängt hatte. Als er sich nach ihrem Einkauf anbot, beim Umpacken in ihren VW Polo zu helfen, lehnte sie ab: „Ich komme schon klar.“ 

„Ich mache das gerne. Das ist mein Job“, erwiderte Eckhardt. 

Sie blickte ihn über den Rand der Sonnenbrille an. Er sah sehr dunkle Augenringe. 

„Na, gut, dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn sie den Wagen zurückbringen. Sie können den Euro behalten.“  

„Danke.“ 

Nachdem alles verladen war, verabschiedete er sich und manövrierte den Einkaufswagen zur Sammelstelle. Dort griff er nach dem zerflederten Prospekt mit den Angeboten der Woche, hob ihn hoch, wollte ihn gerade zusammenknüllen, als ein Zettel herausfiel und er las: „Einkaufszettel: Haarwachs, Fön, Gambas, Avocado, Sekt, Sprühsahne!“ 

Uff! Uff! Er konzentrierte sich ganz auf das beschriebene Stück Papier in der Hand und drehte es langsam um: Und tatsächlich! Ja! Ja! Da war sie wieder: Die beschriftete Rückseite! Milch, Uhu, Gulasch, Spätzle, Rotkohl!

 

Zwei Tage später war die Frau mit dem Polo wieder da. Er hatte das Auto schon von weitem erkannt. Sie trug diesmal zur Sonnenbrille noch ein Kopftuch. Er musste sich zwingen, sich nicht sofort auf sie stürzen und mit seinen Fragen zu bestürmen. 

Als sie fertig war, an der Kasse gezahlt hatte, begrüßte er sie auf dem Parkplatz, wie eine alte Bekannte, aber es war nicht klar, ob sie ihn erkannte. Er brachte wieder den Wagen weg. Und wieder lag ein Zettel im Wagen. Vorderseite: Einkaufszettel: Haarwachs, Fön, Gambas, Avocado, Sekt, Sprühsahne. Rückseite: Leberwurst, Tilsiter, Bircher-Müsli, Rote Grütze, Hüttenkäse. Sein Herz klopfte. Sein Hirn raste. Ja, was war denn da los?

 

„Darf ich Sie etwas fragen?“ 

Inzwischen waren 14 Tage vergangen. Er hatte sieben Zettel eingesammelt und streckte sie ihr jetzt wie die Karten eines Spielquartetts entgegen. Sie nahm die Sonnenbrille ab, blickte abwechselnd auf die Zettel und in das Gesicht von Eckhardt. 

 

„Darf ich Sie etwas fragen?“ fragte sie.

„Bitte?“

„Haben Sie kein eigenes Leben?“

Und Schnitt! Das war´s! Damit hatte sie ihn. Diese eine Frage, die man nicht vergisst, die unser Leben auf Anfang setzt. Eckhardt wurde rot. Er nickte wie betäubt, vergaß sich zu verabschieden. Schwirrte ab.

Bei ZETTEL´S TRAUM erzählt er nichts, setzte allerdings seine Mitgliedschaft auf passiv, bat um eine Auszeit, die ihm Uschi gewährte. Den Mini-Job behielt er. 

 

Inzwischen war es November geworden. Das Weihnachtsgeschäft lief gerade an, er kam in seiner Daunenjacke schon ziemlich ins Schwitzen, als er den weißen Polo bemerkte. Und sie, wie sie sich mit ihren Einkäufen abmühte und den leeren Einkaufswagen stehen ließ. Er sammelte ihn ein. War ja klar: Da lag er wieder, dieser Zettel! Er nahm ihn heraus, wollte ihn zusammenknüllen. Das war Geschichte, oder? Na, ein letztes Mal: Er drehte den Zettel um. 

 

„Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Sehen wir uns am Sonntag um 16 Uhr bei Loretta am Wannsee?“

 

Die Geschichte war rasch erzählt: Sie hieß Gudrun und sie pflegte Thomas, ihren Mann. Sie ließ ihn den Einkaufszettel schreiben. Doch etwas war durch den Schlaganfall in seinem Gehirn eingerastet. Wie bei einer Schallplatte mit Kratzer, die immer dasselbe Tonfragment abspielt, schrieb er immer denselben Text, den sie auf der Rückseite mit den tatsächlich zu kaufenden Dingen ergänzte. 

 

„Es macht ihn glücklich, den Zettel zu schreiben. Wenn ich nach Hause komme, fragt er: Hast du alles bekommen? Und ich antworte dann jedes Mal: Ja, Thomas, ich habe alles bekommen.“ 

 

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