Von Miklos Muhi

Daniel nahm den Zettel vom Küchentisch, las ihn durch und verließ seine Wohnung. Auf dem Weg zum Supermarkt sang er leise das Titellied von Love Story vor sich hin.

Heute stand ein Abendessen mit seiner Freundin an. Er war sich sicher, dass nach dem Essen endlich Hoffnung auf ein Dessert für ihn bestand.

Im Supermarkt begab er sich zuerst zur Kosmetikabteilung. Daniel fuhr mit der Hand durch sein lichter werdendes Haar. Mit ein bisschen Haarwachs verschwanden die kahlen Stellen aus der Sicht. Kahlheit, so war er informiert, stellte für die Damenwelt einen möglichen Stimmungskiller dar. Sein Föhn gab vor einer Woche den Geist auf, so legte er ein brandneues Model zusammen mit dem Haarwachs in seinen Einkaufskorb.

An der Fleischtheke holte er sich Rinderrippen, die er vorhatte, nach den Video-Anweisungen eines Sternekoches, dessen Kanal er sich abonniert hatte, zuzubereiten. Die dafür nötigen Gewürze fand er schnell und nahm die am edelsten anmutenden Verpackungen aus den Regalen.

Fleisch und scharfe Kräuter brachten laut Experten das Blut der holden Weiblichkeit in Wallung.

In der Gemüseabteilung legte er reife Avocados in seinen Einkaufskorb. Deren Ruf als Aphrodisiaka begegnete ihm online schon öfters.

Bei den Getränken nahm er eine edle Flasche Sekt aus dem Regal. Die Ergebnisse seiner Online-Recherchen zum Thema luststeigernde Drinks ließen den Schluss zu, dass der prickelnde Tropfen die beste Vorspeise zum erhofften Dessert werden würde.

Sprühsahne stand am Ende der Liste. Mehr brauchte er laut Ratgebern, die er zur erotischen Verwendung von Milchspeisen gefunden hatte, nicht.

An der Kasse beschleunigte sich sein Herzschlag. Panik breitete sich in ihm aus. Wenn man erkannte, was er mit den gekauften Waren vorhatte, könnte man ihn schon wieder auslachen.

Doch die Kassiererin erledigte kommentarlos ihre Arbeit und nannte die zu zahlende Summe. Daniel holte mit einem Seufzer der Erleichterung seine EC-Karte aus der Tasche und bald war alles beglichen.

*

Zu Hause angekommen packte er alles in der Küche aus, holte seinen Laptop und suchte das Video zur Zubereitung der Rinderrippen mit Avocadocreme.

Die Arbeit war im wahrsten Sinne des Wortes schweißtreibend. Das Endergebnis sah dem aus dem Video erstaunlich ähnlich und duftete köstlich.

Daniel räumte auf und putzte die Küche in Eile. Bald war es an der Zeit zu dinieren, sobald er seine Haare gerichtet hatte.

*

Kurz vor halb sieben abends deckte er den großen Wohnzimmertisch und trug das kunstvoll hergerichtete Essen zusammen mit zwei Champagnerflöten hinein. Er öffnete den Sekt und schenkte ein. Die Dose mit der Sprühsahne stellte er seitlich auf den Tisch.

Nur selten trug er seinen einzigen, schon in die Jahre gekommenen und viel zu engen Anzug. Trotzdem lächelte er. Lange würde er das unbequeme Kleidungsstück nicht zu tragen haben.

»Schatz, es ist angerichtet«, sagte er und schritt Richtung Kleiderschrank. Er sperrte die schwere Tür auf und öffnete sie mit einer weiten Geste.

In der Mitte des Schrankes stand ein Umarmungskissen* mit dem Motiv eines verführerisch lächelnden Anime-Mädchens. Behutsam nahm er es auf den Arm, platzierte es auf den Stuhl an einem Ende des Tisches und setzte sich ihr gegenüber.

»Frohen Jahrestag, meine Liebe«, sagte er.

 

* https://de.wikipedia.org/wiki/Dakimakura

Version 3, 3295 Anschläge