Anne Zeisig

Hans-Jürgen öffnete langsam die Schublade der Wäschekommode im Schlafzimmer. Er fühlte sich wie ein Einbrecher, der ein verbotenes Terrain ‘betrat’, einen Intimbereich, in dem es ihm nicht erlaubt war, herumzustöbern.

 

Warum tat er das?

‘Weil ich fünfundziebzig bin? Und meine Manneskraft nachgelassen hat? Weil Marlies und ich fünfzig Jahre verheiratet sind? Und die Erotik lange versiegt ist? Weil ich eine gewisse Eifersucht entwickelt habe?’

 

Seine knöcherne Hand fuhr langsam in die zarte, seidene Wäsche seiner Frau, welche sich farblich wohlsortiert präsentierte: Helles Mint lag neben Himmelblau. Und Grautöne teilten sich den Stapel mit schwarzen Dessous. Hans-Jürgen nahm ein Teil heraus und hielt es gegen die Deckenlampe. Ein Etwas aus schwarzer Spitze, in der sich das Licht geheimnisvoll streute. Er hielt es an seine Nase und atmete lustvoll den Duft ein, der ihn an Lavendel erinnerte, als er und Marlies vor fünfzig Jahren die Hochtzeitsreise in der Toskana verbracht hatten.

Langsam setzte er sich auf das Ehebett und ließ die Wäsche auf seinen Schoß sinken.

 

„Ich habe keine Ahnung, warum meine Frau solch aufreizende Wäsche trägt“, sagte er leise zu sich selbst, als könne ihn jemand im leeren Haus hören.

Dabei hatte er die Antwort doch parat. Wagte aber nicht, sie auszusprechen.

Wunderte sich allerdings, dass er diese Reizwäsche noch nie gesehen hatte.

„Hatten wir auch nie nötig“, sage er mit erstickter Stimme und einem ‘Kloß im Hals’.

 

Er war nicht begeistert gewesen, dass Marlies diese Reise ohne ihn angetreten hatte.

„Wir sind bisher IMMER gemeinsam verreist!“, rief er gequält. Und wollte schließlich nicht als der altmodische Depp dastehen, ihr das zu verbieten.

 

‘Was verheimlicht Marlies mir?’, dachte er und sah sie vor sich, wie aufgekratzt sie gewesen war, als sie mit ihren vier Freundinnen zu einer Städtetour aufgebrochen war.

Italien!

Vatikanstadt-Besuch!

Zugegeben: Rom wäre nicht so Seins gewesen. Aber nun die Abende alleine, da kommen Gedanken …

Er legte die Lingerie zurück in die Schublade und besah sich das nächste, ein wahllos herausgegriffenes Stück, genauer.

Drehte und wendete es.

Wo war vorne?

Wo war hinten, bei diesem Etwas-Stoff mit Bindfaden daran?

Endlich glaubte er, die entsprechende Position gefunden zu haben, welche der Anatomie eines weiblichen Unterkörpers entsprach.

 

„Sowas tragen Nutten!“, entfuhr es ihm laut und er erschrak über seine Reaktion, und auch darüber, wie ihn dieses ‘Fast-Nichts’ erregte, weil er sich vorstellte, wie der String die Vulva seiner Frau niemals bedecken könne, sondern sie erotisch in Szene setzte vor seinem Blick und der Gier, sie zu besitzen.

Er stöhnte auf.

Vor Erregung? Oder vor Schmerz?

Wütend warf er den Slip in die Lade, schloss sie laut mit einem Ruck, ließ sich rücklings aufs Bett fallen und starrte an die Decke.

Dort oben lief ein Sex-Thriller vor seinem inneren Auge ab!

Marlies rekelte und wälzte sich stöhnend aufbäumend unter einem multiplen Orgasmus mit einem Kerl im Bett herum, den sie in der Hotelbar kennen gelernt hatte!

Oder noch schlimmer!

Sie war mit einem Geliebten nach Rom gereist und die Freundinnen dienten lediglich als Alibi.

„Am Ende halten die Frauen alle zusammen“, knurrte er und ‘sah’, wie die Satinbettdecke knisternd zu Boden glitt und neben roter Spitzenwäsche zu Liegen kam.

 

Und die Freundinnen? Falls sie seine Frau doch begleitet haben?

Anstatt auf Marlies zu achten, haben die sich die erstbesten Männer geangelt, um ihrem Sex-Trieb nachzugehen, denn das sind allesamt ausgehungerte Witwen, die nur darauf gewartet haben, dass sie endlich bei einer ‘Matratzengymnastik’ Befriedigung erlangen mit einem feurigen Italiener!

 

„So sind die Weiber!“, schnaubte Hans-Jürgen.

Und lachen darüber, dass er, der Ehemann, im Bett ‘nichts mehr reißen’ kann. Frauen erzählen sich doch die intimsten Dinge!

Ob Potenzpillen eine Option für ihn wären? Aber was würde der Herzschrittmacher dazu ‘sagen’? Oder sein Kardiologe?

Hans-Jürgen nahm sich vor, sofort morgen bei dem Doktor für einen Termin anzurufen.

 

In dem Moment klingelte sein Handy.

Marlies: „Scha-hatzi! Okay, ich habe zu tief ins Glas geschaut“, hörte er die nuschelnde Stimme seiner Frau, “aber außer Trinken kannste hier im Hotel auch nix machen. Ich hocke gaaaaanz alleine an der Bar in dieser Vorstadtpension, weil die Mädels alle schon in den Kojen liegen. Haben sich mit ihren Hochhackigen allesamt Blasen an den Fersen eingehandelt.“

 

„Ich soll dir glauben, dass duuuuu alleine an der Bar stehst?“

 

„Ich si-hitze. Ob-wohl ich ja Sneaker tra-hage. Die Beque-men. Aber der Bar-ho-hocker! Der ist SEHR hoch! Da muss ich aufpassen.“

 

„Du sitzt nicht an der Bar, Marlies! Du liegst im Bett! Aber nicht alleine“, konterte Hans-Jürgen wütend.

Und blickte auf die Wäsche-Kommode, deren Inhalt frivol vor seinem inneren Auge einen Table-Dance vorführte.

 

Er hörte, wie Marlies kicherte. „Hast du auch ein paar Bie-hier-chen zuviel getrunken?“ Es entstand eine kurze Pause. „Sooo blau bin ich nun nicht, um zu wissen, wo ich mich befinde, Hans-Jürgen!“

 

„Ich hatte noch keine Zeit, mir ein Bier zu gönnen!“, rief  Hans-Jürgen, „ich sitze auf dem Bett und an Schlaf ist nicht zu denken!“ 

 

„Mein Ärmster“, säuselte sie. „Fehlt dir meine Schnarchgeräuschkullisse?“

 

„Warum rufst Du überhaupt an?“, fragte er schroff, „wo du mich doch längst vergessen hast!“

 

Es entstand eine kurze Pause.

 

Marlies hauchte in den Hörer. „Ich habe fol-gen-des vergessen. Wenn unser Töchterlein morgen vorbei kommt, dann sage ihr bitte, dass ihre Unter-w-wäsche frisch ge-wa-haschen in der Kommode in unserem Schlafzimmer liegt!“

 

„Kommode?“

 

„Obere Schu-hub-la-de-de-de.“

 

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