Von Susanne Rzymbowski

 

Ich habe viel von ihm gelesen und mir die spektakulärsten Bilder ausgemalt, und habe ich mich endlich dazu entschlossen, ihm gegenüberzutreten.

Ich habe mir extra Urlaub genommen, um ein paar Tage dranhängen zu können, denn ich weiß nicht, was diese Begegnung in mir auslösen wird.

 

Nun stehe ich also vor ihm, zwischen all diesen Leuten, nach meiner langen Reise.

 

Bin ich enttäuscht?

 

Ich weiß es nicht, aber er wirkt so gänzlich anders, als ich vermutet habe.

Seine Größe erscheint mir nach heutigen Maßstäben eher ein wenig mickrig. Von seiner Haltung ganz zu schweigen. Für die würde er wirklich keine Punkte bekommen.

Er wirkt eher weich, dabei habe ich eine Härte in ihm vermutet, eine stählerne Kraft, die er doch ausstrahlen muss.  Mehr Charisma habe ich mir gewünscht und eine Stärke die unangefochten nur so aus ihm herausplatzen soll.

Für jeden erkennbar!

Denn hat er nicht wahnsinnige Strecken zurückgelegt, bei Wind und Wetter, sich niemals aufhalten lassen? Schritt für Schritt ist er gegangen, beharrlich, immer seinem Ziel entgegen.

Und nun ? – Wollig weich könnte man meinen. Nichts Drahtiges an ihm.

Ich kann es einfach nicht glauben.  

Er, das unangefochtene Vorbild und immer bereit zu helfen – so klein, so zart, so weich?

Was gibt es nicht für unzählige Geschichten über ihn, die ihn nimmermüde bei seiner Arbeit schildern. Nicht zu vergessen seine vielzitierte Ernsthaftigkeit bei all seinem Handeln.

Das muss doch Spuren hinterlassen haben!

Eis und Schnee waren seine Heimat, da hoch droben. Und seine Spuren längst verweht in dieser Unwirklichkeit.

Nein, nichts dergleichen ist bei ihm zu erkennen, so wie er nun vor mir steht, fast schon verloren in dieser großen Halle, so dass ich ihn beinahe übersehen hätte.

Sind es doch nur Gerüchte, die ihn im Lauf der Jahre in diese Höhen gehoben haben? Fast könnte man es meinen.

Wie ist es möglich, dass diese doch recht kleine Statur so viel Kraft aufgebracht und so vielen Menschen das Leben gerettet hat?

Was hat ihn dazu bewogen, sich so für andere, die ihm doch fremd waren, unter Einsatz seines eigenen Lebens, einzusetzen?

 

Er muss über ein Urvertrauen verfügt haben, sich selbst und anderen gegenüber. War das der Schlüssel zu Größe?

 

Wo ist nur mein Urvertrauen geblieben? Wann habe ich es verloren oder vielmehr: Habe ich es jemals besessen?

 

Ich frage mich, ob es die Ausbildung im Hospiz gewesen ist, die ihn auf solche Leistungen vorbereitet haben. Und wer war sein Lehrer?

Kann man das Retten anderer überhaupt erlernen?

 

Und wen versuche ich zu retten? Doch eigentlich nur mich. Habe ich verlernt, an andere zu glauben?

 

Aber vielleicht ist er auch seinem Instinkt treu geblieben, der ihn in seinem Handeln geleitet hat.

Verfügen wir eigentlich noch über Instinkt? Und wenn ja, wohin führt uns dann der Weg?

 

Ich kann nicht aufhören, ihn anzuschauen, aus meiner sicheren Distanz. Ich suche nach Erklärungen für ihn.

 

Welche Spürnase ist da am Werk gewesen? Welche Intelligenz hat ihn geleitet? Wie und woher kommt diese bloß?

 

Ich stehe vor ihm, immer noch, ohne ein einziges Wort herauszubringen, stehe einfach nur da und schaue, schaue ungläubig auf ihn herunter.

 

Ein Tippen auf meine Schultern, lässt mich zusammenschrecken.

 

„Das Museum schließt in 5 Minuten“

 

Ich kann nicht anders, steige über die Balustrade, hocke mich vor ihn, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein und streichele seinen tollkühnen Kopf, so, als ob das etwas ändern wird.

 

Vor ihm steht ein Schild mit der Aufschrift:

 

Rettungshund Barry

geboren 1800 auf dem Grossen Sankt Bernhard  

verstorben 1814 in Bern