Von Agnes Decker

Anna? Unsinn. Cordula ließ den Motor an, wendete schwungvoll und bog auf die Bundesstraße ein. Aus dem Radio erklang ein klassisches Stück mit vielen Streichern. Irgendwas Bekanntes. Cordula drehte leiser, bis die Musik gerade noch zu ahnen war. Doch das sonst so  bekannte wohlige Gefühl stellte sich nicht ein. Im Gegenteil. Der Nacken war hart und schmerzte. Kein Wunder. Wieviel bescheuerte Menschen es gab, die nicht klar ausdrücken konnten, was sie wollten. Dann das unerfreuliche Gespräch mit Eleonore, der in den letzten Wochen eine Menge Fehler unterlaufen waren, und ein Fall, den sie selber falsch eingeschätzt hatte und jetzt noch mal von vorne aufrollen musste. 

Und zu allem noch der Anruf, mitten im Meeting. Frau Koller, mal wieder. Natürlich hatte Cordula das Gespräch angenommen. Irgendwie hatte sie anders geklungen als sonst, die Koller. Unsicher. „Sie müssen sofort kommen, Frau Bund.“ 

Ob es wirklich so dringend war, nicht warten konnte, hatte Cordula gefragt und sich als Rabenmutter gefühlt. 

Ja, es sei dringend und sie solle Anna mitbringen. Sie würde ungern am Telefon darüber sprechen, hatte Frau Koller gesagt. 

Anna. Aber die war doch in der Schule. Oder? Bevor Cordula fragen konnte, war das Gespräch beendet.

Anna war nicht an ihr Handy gegangen, ihr AB anscheinend ausgeschaltet. Klar, Anna war in einer schwierigen Phase, aber es war jetzt schon das dritte Mal, dass jemand aus der Schule anrief. Und überhaupt, Cordula brauchte ihren Job und es gab genug Kollegen, die ihre Position in der Kanzlei mit Handkuss übernehmen würden. Egal, sie musste wissen, was los war. Sich kümmern. 

Natürlich sprang auch diese  Ampel auf Rot.  Cordula bremste. Die Musik verklang. „Kleine Nachtmusik“, jetzt fiel es ihr ein. Sie hob ihren Arm und schnüffelte. Sauer und stechend. Sie sollte duschen, sich umziehen. Warum nur war Anna nicht in der Schule? „… Russland einen schweren Anschlag… Sie schaltete das Radio aus. 

Grün. Endlich. Gottlob war wenig Verkehr. Cordula überholte einen LKW und beschleunigte das Tempo. Als sie kurze Zeit später in die heimische Einfahrt einbog, sah sie, dass die Eingangstür offenstand. Hektisch stieg sie aus, schlug die Tür des SUV zu und lief die Treppe hinauf.

Chaos im Flur. Chips- und Bonbontüten auf und eine Plastiktüte, aus der Undefinierbares quoll. Jacken, Schuhe. 

„Anna! Anna!“ Keine Antwort. Im Haus war es still. 

Cordula raste durchs Erdgeschoss. Auch in der Küche sah es chaotisch aus. Auf dem Herd stand ein Topf mit dem Rest angebrannter Ravioli. Das Induktionskochfeld war mit Tomatensoße überschwemmt, in der noch ein paar Nudelstücke schwammen. Auf der Arbeitsplatte ein Holzbrett und ein angeschnittenes Brot in einem Meer von Krümeln. Verdammt. Dabei hatte sie erst gestern mit Anna…

 „Annaaaaa!“ Nichts.

Ob sie schlief? Sie schlief viel in letzter Zeit. Vielleicht hätte sie sie doch auf der alten Schule lassen sollen. Ihr helfen, die Situation dort klären, statt ihr schon wieder einen Neuanfang zuzumuten? Dabei hatte sie doch nur gewollt, dass ihr Mädchen wieder glücklich war. Oder, dass endlich alles normal würde. So wie früher.

Cordula blieb vor Annas Zimmer stehen, atmete tief, dann klopfte sie an. Als sich nichts rührte, drückte sie vorsichtig die Klinke herunter. Es war nicht abgeschlossen, wie sie es erwartet hatte, und auch der übliche Empörungsschrei: „Was willst du? Lass mich in Ruhe!“, fiel aus. Das Zimmer war leer. Der Fußboden war unter zerknautschten Shirts, Slips und allem möglichen anderen Kram kaum zu erkennen.  Auf dem zwerwühlten und nach Schweiß und süßlichem Parfüm riechenden Bett lag ein Blatt Papier. Cordula nahm es in die Hand: „Hatte schon Gespräch mit Frau Koller. Alles geklärt. Und, geh nie mehr unaufgefordert in mein Zimmer!!!!“

Was? Sie hatte doch grade eben noch mit der Klassenlehrerin telefoniert. Das konnte nicht sein. Log Anna? Oder Frau Koller? Was war passiert? Und wo war sie, verdammt nochmal, wo war Anna? 

Hinter Cordulas rechtem Auge begann es zu pochen. Bloß keine Migräne. Bitte. 

Im Schlafzimmer schälte sie sich aus Kleidung und Unterwäsche. Das Gesicht, das sie aus dem Spiegel anschaute, war blass mit dunklen Rändern unter den Augen –  fremd, als würde es nicht zu ihr gehören. Mit zitternden Händen warf sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und wusch sich mit dem Waschlappen schnell unter Achseln. Das Pochen wurde stärker. Was war passiert? Wo war Anna?

Kurze Zeit später verließ sie, die feuchten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengenommen, das Haus. Es war nicht weit – nur eben durch den Park, der sich hinter der Häuserzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite erstreckte. 

Am Schultor hing ein buntes Plakat:

„Sportfest der AGS 

11.00 bis 15.00 Uhr 

Sportplatz Merianring

anschl. Preisvergabe in der Aula“

Deshalb war niemand hier. Aber, warum hatte sie das nicht gewusst? Das mit dem Sportfest? Cordula überquerte den Schulhof. Vor dem Gebäude standen zwei Streifenwagen. 

Die Eingangstür stand offen. Zögernd betrat sie das Gebäude. Ihre Schritte hallten im leeren Flur. Cordulas schluckte. Das Pochen war heftiger geworden. Vorsichtig massierte sie die Augenbraue und die Stirn. Manchmal half es.

Zwei Mädchen kamen ihr entgegen. Aha, es gab also noch mehr, die nicht beim Sportfest waren. Beide waren stark geschminkt, trugen bauchfreie Tops und enge Jeans. Dass so etwas erlaubt war. Sie gingen rasch an ihr vorbei, ohne sie anzuschauen. Cordula hörte sie hinter ihrem Rücken leise sprechen. Hübsche Mädels, anders als Anna, mit ihrer schwarzen, abgeschabten Lederjacke, den zerschlissenen Jeans mit den handtellergroßen Löchern am Knie und den schwarzen T-Shirts mit Aufdruck, meist dem Name einer der Bands, die sie bevorzugte. Cordula seufzte. Früher war sie auch so wie die anderen Mädchen… Wie lange war das her? Zwei Jahre? Drei? Wie schnell sie sich an die neue Anna gewöhnt hatte, so wie man sich an einen Fleck auf der Tapete gewöhnt oder ein Loch im Teppich. Erst hier und im Vergleich mit den anderen Mädchen fiel ihr auf, dass Anna etwas Ungepflegtes, Unattraktives hatte. Aber sie würde nichts mehr sagen. Nicht mehr gegen diese Wand aus Ablehnung anreden. Es machte keinen Sinn. Je mehr sie sich aufregte, desto mehr zog Anna sich zurück. 

Die Tür zum Lehrerzimmer, oder wie es seit Neuestem hieß: „Arbeitsraum für Lehrkräfte“, stand weit offen. 

„Guten Tag, Frau Bund, gut, dass Sie gekommen sind. Wo ist denn Anna?“ Außer Frau Koller war niemand im Raum. Ohne Cordulas Antwort abzuwarten, wies sie mit der Hand auf einen leeren Stuhl. „Setzen Sie sich bitte.“

Cordula nahm Platz. Ihr Magen war flau. 

„Frau Bund.“  Frau Kollers Blick war eindringlich, so als wolle er in ihr Inneres eindringen. „Es gab einen Vorfall, ein Junge aus der Parallelklasse wurde schwer verletzt in der Toilette aufgefunden. Alles deutet darauf hin,“ Frau Koller räusperte sich, „dass Anna damit zu tun hat.“

„Ein Vorfall. Was…?“. In Cordulas Kopf war plötzlich alles leer und leicht, wie in einer Seifenblase. Frau Kollers Gesicht verschwamm, zoomte vor und zurück. Ihre Stimme kam wie aus weiter Ferne.

„Der Junge ist mit einem Messer verletzt worden. Er liegt mit schweren Kopfverletzungen und Schnittwunden in der Klinik. Wir haben Zeugenaussagen. Mitschülerinnen haben Anna aus der Toilette kommen und weglaufen sehen.“ Die Lehrerin brach ab und schluckte. „Wir mussten die Polizei verständigen. Ich hatte gehofft, Anna wäre nach Hause gegangen und sie würden sie mitbringen.“

„Ja, nein.“ Cordula hörte sich stottern. Anna sollte…? Anna doch nicht. Ihr kleines Mädchen, das jedes Tierchen gerettet hatte. Alles liebte, was lebendig war. Selbst Spinnen, Ratten und Mäuse. „Die können doch auch nichts dafür“, hatte sie gesagt. „Und schau sie mal genau an, wie hübsch sie sind.“

„Es ist sicher nicht einfach für Sie als Alleinerziehende, das verstehe ich.“ Cordula hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Frau Koller sprach immer weiter. Jetzt legte sie ihr auch noch die Hand auf den Arm. Die Kälte drang durch ihre Bluse und verbrannte ihre Haut. Was wollte sie? Cordula zog den Arm weg.  Vorsicht. Sie musste aufpassen. Auf Anna aufpassen. Sie durften ihr nichts tun. Nicht schon wieder.

„Es ist so“, Frau Koller räusperte sich und fuhr fort: „Sie haben ja sicher gemerkt, dass Anna sich in letzter Zeit stark verändert hat.“

Verändert? Ja, Anna hatte sich sehr verändert. Cordula nickte. „Ich weiß, sie ist mitten in der Pubertät.“  

„Frau Bund, Anna ist hochaggressiv und unzugänglich. Sobald ich oder jemand anders aus dem Kollegium sie zur Rede stellt, schreit sie, wirft mit Gegenständen, läuft weg. Außerdem kam es in letzter Zeit ein paar Mal zu körperlichen Auseinandersetzungen, meistens mit Jungen. Keine harmlosen Rangeleien unter Jugendlichen. Es tut mir leid. Aber ich muss offen zu Ihnen sein. Wir wollen Anna doch helfen, nicht wahr? Ich hätte sie ohnehin jetzt zum Elterngespräch eingeladen, Frau Bund. Dieser Vorfall ändert natürlich alles. Wir mussten die Polizei verständigen. Es wäre gut, wenn Anna aussagen würde. Verstehen Sie, es ist nicht nur die Pubertät.“

Den Rest verstand Cordula nicht mehr. Anna. Hochaggressiv. Körperliche Auseinandersetzungen. Die Worte kreisten in einer Dauerschleife. Jetzt pochte und schmerzte die gesamte Schädeldecke.  Doch nicht Anna. Ihre Anna. 

Das Klingeln eines Handys holte sie zurück in den Raum. Sie sah wie durch einen Nebel Frau Koller, die  das Handy nahm und dann hineinsprach: „Ja? Um Gottes Willen. Ja, mache ich. Danke.“ Sich dann umdrehte mit bleichem Gesicht und mit brüchiger Stimme sagte: „Der Junge. Es tut mir leid. Er, er hat es nicht geschafft.“  

Dann öffnete sich die Tür zum Nebenraum und eine Frau trat ein, in Uniform und kam näher. 

Nicht geschafft, nicht geschafft, nicht geschafft, schrie es in Cordulas Kopf, und: Tut mir leid. Das Schreien wurde immer lauter. War jetzt auch außerhalb von ihrem Kopf.

Überall

Laut. Tat weh.

Cordula fiel. 

 Mitten hinein.

In die Dunkelheit.

Und in die Angst.

 

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