Von Brigitte Weirather

Eins, zwei, eins zwei, eins zwei….

kraftvoll und gleichförmig kraule ich durch das eiskalte Wasser

 

im Zweierzug, den ich mir für die Open Water Bewerbe angeeignet habe

 

das Schwimmen ist jetzt im Spätherbst in Coney Island

verboten, doch niemand wird mich anzeigen oder strafen

 

der Vergnügungspark und der Strand sind vollkommen ausgestorben, nicht einmal vereinzelte Spaziergeher mit oder ohne Hundebegleitung habe ich angetroffen, bevor ich mich ins Wasser begab

 

trotz des herrlich milden Wetters und der voraussichtlich letzten Sonnenstrahlen in dieser Jahreszeit

 

ich trage eine neue Badehose, erstmals seit fast zehn Jahren, es ist mir sehr wichtig, gepflegt auszusehen, ich bin frisch rasiert und war gestern beim Friseur

 

ich merke, wie sich meine Muskeln durch die Kälte verhärten, spüre die Konturen meines Körpers, fühle mich lebendig und kraftvoll, wie schon lange nicht mehr…….

 

Shit! Zu diesem Thema fällt mir nichts ein. „I am sorry, und der Ehering“, was soll ich mit dieser Vorgabe?!

 

Entweder schlage ich Puzelbäume um dasThema, damit etwas Originelles entsteht, oder es wird eine von mindestens 20 Geschichten über gescheiterte oder beinahe gescheiterte Eheversprechen. 

 

Meine Story wird ohnehin nicht ankommen: Zu schlecht formuliert, schlechte Dramaturgie, unglaubwürdig, missverständlich, zu düster.

 

Ach was soll´s. Auf ein Neues:

 

Im Nachhinein weiß ich, daß ich die Zeichen hätte erkennen müssen. Ich hatte aber nicht genau hinsehen wollen, oder hatte die Vorfälle nicht richtig interpretiert.

 

Es war ja nicht so, dass ich mir um Andreas niemals Sorgen gemacht hätte. Schon als Kind hatte ich mich oft gefürchtet, mir ausgemalt, dass ihm etwas zustoßen könnte. Ich hatte Angst, ein Auto würde ihn überfahren, oder er könnte aus dem Baumhaus fallen, oder ertrinken. 

 

Anlässlich seiner Auseinandersetzung mit Edi, war ich überzeugt, er würde aus dem Fenster springen, und als er statt dessen barfuß und halbnackt ins Freie lief, sah ich ihn schon im Schnee erfrieren.

 

Später befürchtete ich, er würde harte Drogen nehmen und an einer Überdosis sterben.

 

Manchmal wachte ich auch nur auf, schweißgebadet, mit der Überzeugung, dass Andreas tot sei…..

 

Nein! Fällt unter die Kategorie „Puzelbäume“.

 

Neuer Versuch:

 

Während ich so daliege, etwas ungemütlich, leicht frierend und über die Grabrede nachdenke, die Isa gerade zu meinem Ableben hält, fällt mir auf, dass sich mein ganzes verflossenes Leben in Begräbnisse einteilen lässt. 

 

Vor und nach jedem Begräbnis war ich ein anderer Mensch, fast jedenfalls.

 

„Sie war eine wunderbare Freundin, großzügig, witzig….“ Sie spricht ganz offensichtlich nicht von mir, die ich oft als „spassbefreit“ beschrieben worden war. 

Ich suche das Gesicht meines Bruders, der meinen Vater stützt. Er hasst es, wenn Menschen nach ihrem Tod „geschönt“ werden, egal ob durch Beschreibung oder mittels Make up. Ich kann seinen Gesichtsausdruck jedoch nicht ……

 

Ich kann nicht schon wieder eine Geschichte über Tod, Selbstmord, Unfall, Verzweiflung, Trauer, abliefern. Meine unfreiwilligen Leser tun mir leid!

 

Also weiter:

 

Mir ist total langweilig. Oskar muss noch in der Wohnung bleiben, obwohl die roten Punkte weg sind und er kein Fieber mehr hat und nicht mehr im Bett liegen muss. 

 

Er hatte die Masern, was sehr ansteckend ist, hat unser Doktor gesagt. Aber nur für die anderen Kinder, für mich nicht. Weil ich hatte die Masern schon und deshalb bin ich immun. Das ist so etwas wie unbesiegbar, hat er gesagt. 

 

Mamas Herz braucht wieder ganz viel Ruhe, deshalb müssen wir leise sein und können nur Sachen spielen, die nicht Gift für sie sind. 

 

Alles was ich am liebsten spiele ist giftig für Mama. Zirkuskünstler zum Beispiel, da habe ich nur meine Strumpfhose an, keine Hauspatschen und springe ganz hoch und drehe mich ganz schnell aber einmal bin ich ausgerutscht und mein Kopf ist so am Küchentisch angeschlagen, dass alles voll Blut war und die Mama hat mir ein großes Pflaster auf die Stirn geklebt und das ist noch lange drauf geblieben. Es hat aber fast nicht wehgetan. „Künstlerpech“ hat der Papa gesagt, der damals noch bei uns gewohnt hat, und gar nicht böse war. 

 

Aber für das Herz von der Mama war das richtig giftig und es ist ihr deswegen viel schlechter gegangen. 

Oder „Pferdereiten“, da reitet Oskar auf mir durch die Wohnung, und ich werde mit Zucker gefüttert, weil ich bin das Pferd vom Oskar und der bekommt von der Mama den Zucker. 

Ich gebe dem Oskar natürlich die Hälfte von den Zuckerwürfeln. Die sind in einer kleinen Schachtel im Kasten. Aber wir dürfen die nicht selbst wegnehmen. Deshalb muss die Mama extra aus dem Bett aufstehen und das ist viel zu anstrengend für sie. Obwohl ihr das auch gefällt, wenn der Oskar auf mir reitet. Ich bin nämlich ein schönes Pferd, mit glänzender Mähne, weil die Mama spült mir die Haare mit Essig, wenn es ihr gut geht.

 

„Purzelbaum! Ganz eindeutig Kategorie „ Purzelbaum“!

I am sorry! I am really really sorry!  

 

Übrigens: Den Ehering seines Vaters hat Oskar in die Pfandleihe gegeben. Hat ihm später sehr leid getan.