Von Rosa Pessl

17:56 Uhr. Die Menschentraube an der U-Bahn-Haltestelle Karlsplatz wird immer größer. Endlich fährt die U1 ein. Langsam wälzt sich die Traube in die U-Bahn. “Bitte steigen Sie nicht mehr ein!”, schallt es aus den Lautsprechern. Die U-Bahn setzt sich in Gang und lässt zwei Dutzend Menschen verärgert zurück. Am Stephansplatz leert sich die U1 zu einem erträglichen Maß. Sechs Männer und vier Frauen mit schwarzen Aktentaschen unter ihrem Arm geklemmt, steigen zu und verteilen sich auf die einzelnen Waggons. Die U-Bahn fährt los.

“Nächste Haltestelle: Westbahnhof”, tönt es durch die Lautsprecher. Doch die U-Bahn fährt am Westbahnhof vorbei. Ein Raunen geht durch die Menge. Plötzlich bremst die U-Bahn und bleibt ruckartig mitten im Tunnel stehen. Das Licht erlischt. Es ist stockdunkel. Nur die Displays einiger Handys leuchten wie Glühwürmchen in einer Sommernacht.

“Mei..e Da…n und …. kkkkrrrrrrk … tech… Pa… krrrk”, die Lautsprecherdurchsage gibt Unverständliches von sich. “Entschuldigung, haben Sie die Durchsage verstanden? Wissen Sie was los ist?”, wird René von einer älteren Dame gefragt, die ihm gegenübersitzt. Doch René hört sie nicht. Viel zu sehr ist der Mittdreißiger in den Chat mit seinem Freund vertieft.

Rene: Sehen wir uns heute?
Walter: Ich kann heute nicht. Meine Frau …
Rene: Ach immer sie.
Walter: Du weißt es!
Rene: Was …?
Walter: Es hätte nie so weit kommen dürfen …
Rene: Was?
Walter: Das letzten Freitag…
Rene: Ach ja?
Walter: Ich kann es mir nicht erlauben!
Rene: Was?
Walter: Es geht nicht, versteh doch…
Rene: Walter, ich liebe dich!

“Krrrkrrrrkkkrrr Dam.. und Herrrkrrrk.. Jemand kkkkrrrrk Notbremkr gezogen. Sobald krrrrrrk Grund kkkkrrk ..finden, kkkkrrrrrrkkk die Farkkrrrr fort. Danke kkkkkrrrrkkkk…”, krächzt der Lautsprecher. Sonja stört sich nicht daran. Sie strahlt verschmitzt lächelnd auf das Display ihres Handys.

Veronika: Na, wie war dein Wochenende?
Sonja: Heiß!
Veronika: Ihr habt es tatsächlich gemacht?
Sonja: Ja, klar!
Veronika: Hätte ich nicht gedacht, dass du das durchziehst!
Sonja: Wieso? Es war verdammt geil.
Veronika: Mann oder Frau?
Sonja: Mann!
Veronika: Was hat Albert dazu gesagt?
Sonja: Er fand es geil, auch mal zuzusehen.
Veronika: Wo habt ihr den Mann kennengelernt?
Sonja: Über 3nder …

Fünf Reihen weiter hinten sitzt Marie. Im Schutz der Dunkelheit bahnen sich Tränen den Weg aus Maries Augen über ihre Wangen. Ungehindert tropfen sie auf ihr Handy, während sie vornübergebeugt tippt.

Marie: Komme gerade vom Arzt.
Lisa: Und?
Marie: Ja!
Lisa: Sch***. Bist du dir wirklich sicher?
Marie: Ja, 100pro.
Lisa: Wer?
Marie: Jörg!
Lisa: Auch das noch. Weiß er es schon?
Marie: Ja, er hat mich begleitet.
Lisa: Und …?
Marie: Mensch Lisa. Er ist verheiratet …
Lisa: Ich weiß! Und dein Lehrer …
Marie: Er will, dass ich es wegmache …
Lisa: Und du???
Marie: Meine Eltern bringen mich um …

“Krrrkrk. Krrrkrkkkrk …”, der Lautsprecher hat sich endgültig in wirres Gekrächze und Gestöhne verfangen. Eine ältere Dame berührt Maries Handgelenk. Die Sechzehnjährige erschrickt. “Entschuldigen Sie”, meint die Dame schuldbewusst, “wissen Sie, was los ist?”

Marie wischt verstohlen ihre Tränen weg und versucht die Dame zu beruhigen: “Nein, aber keine Angst”, stammelt sie, “mein Vater fährt die Bahn heute. Das macht er schon seit 20 Jahren. Der weiß, was er tut.”

Maries Vater Johannes sitzt im Führerhaus der U-Bahn. Ein kleiner Lichtfunke strahlt ihn an. Ängstlich blickt er um sich und versucht so unauffällig wie möglich zu tippen. Zu sprechen wagt er nicht.

Johannes: Beeilen Sie sich, bitte!
Major Lichtner: Bleiben Sie ruhig. Wir sind auf dem Weg!
Johannes: Sie haben nur mehr fünf Minuten!
Major Lichtner: Lassen Sie das Licht in der Bahn aus!
Johannes: Um 18:18 kommt der Befehl. Dann geht es los!
Johannes: Meine Tochter ist unter den Fahrgästen!
Major Lichtner: Johannes, sobald ich JETZT schreibe, machen Sie sofort alle Türen auf und dann schalten Sie die Lichter ein. Haben Sie verstanden?

18:16: Johannes stiert auf das Display seines Handys. Er antwortet nicht. Im Dunkeln des Tunnels meint er Gestalten zu sehen, die sich an die Bahn heranpirschen. Sein Herz pocht. Seine Kehle schnürt sich zu.

Zwei Minuten später schrillen die Handys von 11 Menschen wie im Chor – auch das Handy von Johannes. 28 Zeichen strahlen ihm entgegen: “Im Namen Gottes! Erlöst sie!” Wenige Sekunden später erreicht ihm die Nachricht von Major Lichtner “JETZT!” Johannes zögert und sieht zu seiner Aktentasche. Ein Dolch mit eingraviertem Kreuz-Emblem lugt hervor.

Major Lichtner hakt nach: Denken Sie an Ihre Tochter!!!

Johannes schüttelt seinen Kopf. Seine Hand bewegt sich zu seiner Aktentasche, möchte den Dolch greifen.

Major Lichtner: Retten Sie Ihre Tochter!!!!

“Ihre Tochter…” hämmert es in Johannes Kopf. Seine Hand gleitet von der Aktentasche ab und fährt über die Tasten seines Cockpits. Dann drückt er zwei Knöpfe. Die Türen springen auf. Das Licht erstrahlt. Noch bevor sich die Fahrgäste orientieren können, stürmen bis auf die Zähne bewaffnete Männer die Waggons. “Polizei!! Lassen Sie die Dolche fallen. Sofort …”

19:30 Abendnachrichten

“In den frühen Abendstunden stürmte die Spezialeinheit Cobra die Wiener U1. Nur knapp konnte ein blutiges Massaker durch Mitglieder der Sekte “Jünger der reinen Liebe” verhindert werden. 10 Sektenmitglieder wurden festgenommen. Dass niemand verletzt wurde, ist nicht zuletzt dem beherzten Eingreifen des U-Bahnfahrers zu verdanken. Die Sekte sieht sich als Behüter der reinen Liebe, die aus ihrer Sicht nur zwischen Mann und Frau in aufrechter Ehe praktiziert werden kann …”

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