Von Ulli Lenz

Sie blinzelte, doch der weiße Schmetterling tanzte noch immer vor ihrem geistigen Auge. Seine Flügeln waren seltsam durchlöchert, aber keineswegs kaputt: Sie sahen vielmehr aus wie ein zarter Scherenschnitt. Irgendwie erinnerten sie an Tortenspitze, dieses Papier, dass man unter einen Kuchen legt.

„Ist dir klar, was das bedeutet?“, fragte ihr Mann. „Greta, wir müssen uns auf das Schlimmste gefasst machen!“. Greta blickte ihn abweisend an, dann schaute sie wieder aus dem Seitenfenster. Sie fühlte sich wie betäubt und fröstelte. Draußen zog die ihr so vertraute Landschaft vorbei, doch sie registrierte sie kaum, sondern versuchte den unsichtbaren Schmetterling zu fokussieren.
„Aber der Hausarzt hat gemeint, dass sein Gerät gar nicht dafür eingestellt ist. Dass es sein kann, dass doch alles passt.“, meinte sie ein wenig später hoffnungsvoll. Besorgt warf Alex ihr einen kurzen Seitenblick zu. Seine Handknöcheln traten weiß hervor, so fest hielt er das Lenkrad umpackt. „Greta, wir müssen realistisch bleiben…“, versuchte er nochmals, sie darauf vorzubereiten, was kommen könnte. Doch eigentlich wollte er selbst nicht darüber nachdenken, was das bedeuten würde und verstummte.
„Wir müssen zuerst in den Norden der Stadt, meine Mutter ist bei einer Weihnachtsfeier.“, nahm er eine Weile später das Gespräch wieder auf.
„Eine Weihnachtsfeier am Vormittag?“, fragte Greta. Sie blickte hinter sich in den Wagen, wo die beiden Kinder herumalberten.
„Stören sie da nicht?“, fragte sie zweifelnd. „Willst du sie mitnehmen?“, gab er zurück. Nein, das wollte sie nicht.

 

Ihre Schwiegermutter erwartete sie auf dem Parkplatz des Kaffeehauses. Die Kinder hüpften freudig aus dem Auto und rannten auf die Oma zu. Durch das Fenster des Lokals konnte man eine große Runde fröhlicher Menschen sehen. Für Greta fühlte sich dieses Bild seltsam unreal an. Viel unrealer als der kleine weiße Schmetterling, der immer noch graziös mit seinen schönen Flügeln flatterte.
„Seid ihr euch sicher, dass es so schlimm steht?“, fragte Alex‘ Mutter zum Abschied besorgt. Greta zuckte mit den Schultern, ließ den Kopf hängen und sagte leise: „Ich weiß es nicht. Ich kann nichts fühlen. Gestern schon nicht.“
„Das kommt doch öfter mal vor!“, versuchte die Schwiegermutter zu ermutigen. Sie umarmte Greta unbeholfen, und Greta floh ins Auto, um zu verstecken, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.

 

Im Krankenhaus erwartete sie bereits der vom Hausarzt informierte Facharzt im Untersuchungszimmer, und schüttelte ihnen mit ernstem Gesicht die Hand. Greta registrierte, wie kalt ihre Hände im Vergleich zu seinen waren.
Die anschließende Untersuchung war kurz. Viel zu kurz. Als er mit dem Sessel zurückrollte und Greta ins Gesicht blickte, waren Worte eigentlich nicht mehr notwendig. „Es tut mir leid“, sagte er leise, und nickte der Krankenschwester zu, die den Telefonhörer bereits in der Hand hielt. Greta stiess ein fassungsloses „Nein!“ aus, bevor sie die Hände vors Gesicht schlug. Die Wärme schien sie vollends zu verlassen. Sie fühlte sich schrecklich leer und kraftlos. Alex half ihr beim Aufstehen und hielt sie dann fest. Aus seinem Inneren drang ein Schluchzen zu ihr durch.
„Eine Psychologin wird jeden Moment da sein, und sich solange um sie kümmern, wie sie es möchten. Gemeinsam mit ihr werden wir das weitere Vorgehen besprechen.“, informierte der Arzt, und drehte sich dann respektvoll weg, um ihnen und ihren Gefühlen Raum zu geben.
Die Tür öffnete sich gleich darauf, und eine dunkelhaarige Frau im Arztkittel kam herein und stellte sich als ihre Psychologin vor.
„Sie müssen eines wissen“, sagte sie gleich zu Beginn, „es ist nicht ihre Schuld.“
„Das weiß ich.“, antwortete Greta überraschend patzig, nicht ahnend, dass sich genau dieses Wissen in einigen Tagen verflüchtigen und in bohrende Fragen und schlechtes Gewissen verwandeln würde. „Aber ich weiß nicht, wie ich das unseren Kindern erklären soll!“, fügte sie hinzu. Sie sah hintereinander die Psychologin und anschließend ihren Mann an, um dann endlich in lautes, hemmungsloses Schluchzen auszubrechen.

 

Während Alex bei den Kindern im Auto blieb, stieg Greta aus und ging in den Supermarkt. Sie waren eine Filiale Kilometer vor dem Heimatort angefahren, um keine Bekannten zu treffen. Die Autofahrt war still verlaufen, selbst die Kinder waren leise gewesen. Vielleicht hatten sie den Schmerz bemerkt, der ins Auto zugestiegen war.
Wie ferngesteuert lief Greta durch das Geschäft, wartete, bis sie beim Gebäck an der Reihe war, suchte im Kühlregal nach der richtigen Milch und Käse, und stellte sich dann bei der Kasse in die Schlange. Die anderen Menschen schienen ihr nichts anzumerken. Fetzen banaler Gespräche waberten um sie herum. Greta konnte nicht glauben, wie normal die Welt um sie herum agierte. Sie musste sich ständig  klarmachen, dass niemand es bemerken konnte.
Der kleine weiße Schmetterling saß still im Augenwinkel und hielt seine Flügel geschlossen.

„Sie können es ja gar nicht sehen.“, dachte sie und fühlte sich völlig fehl in dieser alltäglichen Situation. Am liebsten hätte sie alle Umstehenden angebrüllt: „Seid endlich still! Seht ihr denn nicht, dass ich ein totes Baby im Bauch trage?“

 

Die Nacht im Krankenhausbett war furchtbar. Die ungewohnten Geräusche hinderten sie zusätzlich zu ihren lauten Gedanken in den Schlaf zu finden.Wenn man nur den Kopf abstellen könnte! Ihr war kalt, so entsetzlich kalt. Sie selbst schien diese Kälte auszustrahlen. Ob sich der Tod in ihr so kalt anfühlte?
Der Schmetterling bewegte ruhig seine filigranen Flügeln auf und ab.  
Greta sah sie sich selbst, als sie am Vortag im Bett lag, die Hände auf ihrem Bauch, und sie plötzlich das Gefühl beschlich, ihr Bauch wäre leer. Oder der Augenblick, als der Hausarzt ihr zuliebe mit Ultraschall nach dem Kind sah, und sie erkannte, dass das markante Blinken des Herzens ausblieb. Sie hörte abermals, wie ihre Schwester am Telefon aufschluchzte, als sie erfuhr, was geschehen war, sah wie ihre Mutter mit sich kämpfte, um für sie stark zu bleiben.
„Es dauert ein bis fünf Tage, bis die stille Geburt von den Medikamenten ausgelöst wird.“, hörte sie die Stimme des Arztes erneut in ihrem Kopf. Wieder flackerte der Gedanke in ihr auf, dass es besser für sie wäre, das tote Kind sofort aus ihr rauszuschneiden. Aber mit jeder Minute, die verstrich, wurde klarer, dass sie die Geburt brauchen würde um zu begreifen, dass die Schwangerschaft vorbei war.
Auf jeden Fall war die Entscheidung, am gleichen Abend ins Krankenhaus zurückzukehren, um diese kleine Pille zu schlucken, die ihr verstorbenes Kind auf die Welt drängen sollte, richtig gewesen. In sieben Tagen war Weihnachten, und die Kinder sollten ein halbwegs normales Weihnachtsfest bekommen. Ihr Kopf spielte ihr wieder das Schluchzen ihres vierjährigen Sohnes vor, als sie versucht hatten ihm und der zweijährigen Schwester beizubringen, was passiert war.
„Kriegen wir jetzt kein Baby?“, hatte er weinend gefragt. „Wir können das Baby doch nicht allein im Krankenhaus lassen!“
Die Kälte unterhalb der Bettdecke schien sich noch zu verstärken. Irgendetwas in ihr krampfte sich zusammen, und sie zog ihre Beine an, soweit ihr großer Bauch es erlaubte. Schon seit einigen Stunden hatte sie immer wieder diese Schmerzen, und eine leise Angst beschlich sie, dass noch mehr mit ihr nicht in Ordnung sein könnte.

 

Um 5:00 Uhr morgens kam die Nachtschwester ins Zimmer. Als Greta ihr besorgt von den Krämpfen erzählte, stutzte diese. „Könnten es schon Wehen sein?“, fragte sie. Überrascht setzte Greta sich auf und kontrollierte dann gemeinsam mit der Schwester die Abstände der Krämpfe. 10 Minuten. Wie konnte ihr das entgangen sein? Panisch rief sie Alex an. Die Vorstellung, er könnte zu spät kommen, und sie müsste diese Geburt alleine überstehen, ließ sie verzweifeln.
Als er eine Stunde später da war, war sie überwältigt von seiner Umsicht. Er hatte die Babydecke von zuhause mitgebracht. Tränen rannen ihre Wange herab, als sie den Stoff an ihre Brust drückte. Er hatte für das Baby ein Stück zuhause mitgebracht! Die Namensliste hatte er auch eingepackt, und den Fotoapparat.Den Fotoapparat? Durfte man sein totes Kind fotografieren? Aber Alex meinte schlicht: „Ich will es einfach. Ich will einen Beweis, dass wir drei Kinder haben.“

 

Die Hebamme im Kreissaal war jung, aber erstaunlich einfühlsam. Ob sie schon einen Namen für ihr Kind ausgesucht hätten?
„Wir wissen nicht…  Wir wollten uns überraschen…“. Alex‘ Stimme erstarb.
Die Hebamme nickte verständnisvoll. „Gibt es noch Fragen, die sie zur Geburt haben?“, wollte sie wissen. Greta räusperte sich. „Wie wird mein Kind aussehen?“, fragte sie dann, denn sie traute sich nicht zu fragen: „Muss ich Angst davor haben, mein Kind anzusehen?“

Als die Geburt sich zuspitzte, war Greta am Verzweifeln. Sie litt unter Schüttelfrost, und konnte sich trotz Decken und Alex‘ Nähe nicht wärmen. Die Schmerzen der Wehen waren unvorstellbar, und schließlich nahm sie das angebotene Schmerzmittel an. Im Hirn breitete sich ein nebelartiges Gefühl aus, und sie war dankbar, ihre Empfindungen nun wie durch Watte wahrzunehmen. Trotzdem waren die Wehen nach wie vor unerträglich. Warum konnte sie diesmal die Schmerzen nicht ertragen? Erst hinterher würde ihr klarwerden: Im Innersten wusste sie, dass dies die letzten Momente mit ihrem Kind waren. Ihr Körper weigerte sich, es loszulassen. Er arbeitete nicht mit den Wehen, sondern gegen sie. Denn hätte sie es erst einmal losgelassen, würde sie es nie mehr zurück bekommen.

 

Endlich gewannen die Wehen die Kampf. Lautlos trat ihr Sohn in die Welt ein, die er längst schon verlassen hatte.

 

Irgendwann war die eisige Kälte nicht mehr da – wann, konnte sie später nicht mehr sagen. Mit ihr war auch der kleine, weiße Schmetterling verschwunden. Er hatte eine tiefe Leere in ihr hinterlassen. Eine Lücke in ihrem Herzen. Und sie wußte, sie würde nie mehr gefüllt werden können.