Von Kai Braddick

Das Fleisch briet schon einige Minuten in der Pfanne. Das Knacken und Brodeln des Fettes erfüllte die kleine, enge Küche und trug einen wohligen Geruch in den Raum. Ihr Gaumen kitzelte leicht, als sich das Aroma des Fleisches auf ihn legte. Glasig und leicht gebräunt, brutzelte das unverschämt große Steak vor sich hin.

Anke goss etwas Öl nach. Nicht zu viel. Alles sollte perfekt sein.

Heute. Zum letzten Mal.

Bilder huschten über ihr Gemüt, verdunkelten ihre Gedanken für einen winzigen Moment und schienen die Zeit einzufrieren. Sie schüttelte sie ab, wie Schnee auf dem Kragen eines Mantels; noch gelang ihr das mit Leichtigkeit.

Ein Schmunzeln huschte über ihre dünnen, schmalen Lippen. Fettkügelchen rannen über die stählerne Oberfläche und vermischten sich mit dem braunen Saft des Fleisches. Zischend verteilte sich die Flüssigkeit in der Grillpfanne.

Der Duft war unglaublich. Würzige Aromen vermischten sich mit dem Duft des frisch Gebratenen, Zwiebeln und diverse Kräuter rundeten das Ganze ab. Genauso, wie er es am liebsten mochte.

Etwas pochte an ihre Schläfe. Eine leise Migräne, die sich darauf vorbereitete in ihrem Kopf zu explodieren?

Nein, das konnte sie auf keinen Fall zulassen. Nicht heute!

Sie griff in die Tasche ihrer Schürze und holte eine kleine Schachtel hervor. Knistert brach die Aluminiumschicht, als sie eine der gelben Tabletten herausdrückte. Sie schob sich das runde Ding in den Mund und schluckte es, ohne Wasser, herunter. Anke spürte, wie sich die Pille mühsam durch ihren Rachen wand.

Eine Prise Salz hier und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer dort. Wundervoll. Ein Gedicht. Das würde ein Gaumenschmaus werden. Für sie.

Die selbst gemachten Pommes badeten goldgelb im Fett. Sie entnahm sie mit einer Kelle und legte die kleinen goldbraunen Stäbchen auf ein Küchentuch, um sie dann Minuten später wieder in die Fritteuse gleiten zu lassen.

Jetzt musste sie nur noch den Salat zubereiten. Das Messer aus glänzendem Stahl schnitt durch die Tomaten wie durch Butter. Sie wog es nachdenklich in der Hand. Es lag angenehm leicht zwischen den Fingern. Der Griff fühlte sich weich und geschmeidig an. Das Messer verlieh ihr eine Macht, vor der sie fast schon ein wenig zurückschreckte.

Damit würde es auch gehen. Sie hielt kurz inne. Nein, zu viel Blut. Die Schweinerei wäre viel zu groß.

Klappernd setzte sie ihre Arbeit fort und hackte große Zwiebeln, Paprika und Gurken. Sie strich das Gemüse von dem Holzbrett, in eine große Schüssel, legte zwei Löffel dazu und machte sich ans Dekorieren. Essig und Öl würde sie extra auf den Tisch stellen. Das war wichtig.

Sie deckte den Tisch mit besonderer Sorgfalt. Dies sollte ja schließlich ein besonderer Abend werden. Sie hatte extra sein Lieblingsessen gemacht, Steak mit Pommes und Salat, obwohl sie selber nicht gerne Fleisch aß.

Zwei Teller stellte sie auf den Tisch, den sie mit einer frischen Tischdecke bezogen hatte. Messer rechts, Gabel links, ein Weinglas oberhalb des Porzellans.

Trotz des Medikaments pochte ihre Schläfe. Sollte sie etwa Zweifel bekommen?

Die kleinen Demütigungen hatte sie immer ertragen. Weil sie ihn liebte, weil sie schon so lange zusammen waren und weil ihre Mutter ihr immer gesagt hatte, sie würde sowieso niemand Besseren finden und ja, sie hatte ihre Mutter dafür gehasst.

Ständig hatte er sie veralbert, sie so behandelt als sei sie dumm. Sie hatte es heruntergeschluckt, es als Liebelei abgetan und sich selber belogen.

Anke hatte nie einen Beruf gelernt und Walter sehr früh geheiratet. Walter wollte nicht, dass sie arbeiten geht. Er war der Meinung, eine Frau müsse den Haushalt machen und Kinder bekommen.

Dann vor dreieinhalb Jahren stellten beide fest, dass sie nie Kinder bekommen würden. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht, doch Anke hatte es nie so richtig verstanden. Da fing das mit den Affären an.

Es klingelte. Anke schreckte aus ihren Gedanken hoch. Jetzt würde es beginnen.

Walter machte sich nie die Mühe seinen Schlüssel zu suchen.

Sie nahm die Schürze ab, überprüfte kurz den Sitz ihres Kleides, rückte noch einmal die Tischdecke zurecht. Dann setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf und öffnete die Tür. Sie war etwas nervös.

„Hallo Schatz, alles Gute zum Hochzeitstag.“

Sie umarmte ihn. Er hatte noch nicht mal Blumen gekauft.

„Oh Mann, das war heute? Tut mir leid. Hab ich vergessen“, murmelte er in seinen schlecht rasierten Bart, ohne einen Ton der Reue.

Er drückte sich an ihr vorbei.

„Was gibt es zu essen?“

Er warf seine Tasche achtlos in eine Ecke, wie jeden Tag und sie räumte sie weg, wie jeden Tag.

„Ich habe dir zur Feier des Tages dein Lieblingsessen gemacht. Steak und Pommes. Setz dich doch schon einmal.“

Anke ging in die Küche und ignorierte sein grummeln. Eigentlich hasste sie dieses Geräusch. Doch das würde bald ein Ende haben. Sie öffnete die Essigflasche und füllte sie. Das Gleiche tat sie mit dem Öl, doch sie goss zwei verschiedene Öle in die Flasche, von der einen nur sehr wenig. Sie schüttelte die Flüssigkeiten und roch daran. Das würde gehen.

Anke kam mit einem Tablett in der Hand ins Esszimmer. Neben den Flaschen befand sich auch noch ein großer, brauner Umschlag darauf.

Sie setzte sich und tat ihm auf.

„Was ist das?“, fragte er, während er sich Salat nahm.

„Das wirst du gleich Erfahren. Eine Überraschung.“

Sie lächelte.

Walter schnitt durch das Steak, spießte ein paar Pommes auf und schlang alles herunter. Er schmatzte dabei.

Wie sie dieses Geräusch hasste!

Walter öffnete die Flasche mit dem Öl und goss es über seinen Salat.

Sie beobachtete ihn genau, sah wie die Gabel in das Essen tauchte, einzelne Tomaten und Gurken aufnahm und in seinem Mund verschwand.

Sie verharrte einen kurzen Moment. Dann ging es los.

Walter würgte.

„Hast du dich verschluckt?“

Walter ruderte mit den Armen und faste sich an den Hals. Er versuchte zu sprechen. Seine Augen weiteten sich. Panik und Angst zeichneten sich in seinem Gesicht ab.

„Was ist denn Schatz? Schmeckt es nicht?“

Sie öffnete jetzt den Umschlag und zog ein Din A4 großes Foto heraus. Anke schob es langsam zu ihm herüber.

„Was glaubst du, wie oft du mich betrügen kannst? Was glaubst, du wie viel ich noch ertrage?“

Walter wollte nach ihr greifen. Sein Kopf hatte eine ungesunde rotblaue Färbung angenommen.

„Ich bringe dich um!“, stammelte er. Er bekam die Tischdecke zu fassen, rutschte vom Tisch und riss sämtliches Geschirr mit sich. Die Pommes, das Steak und der Salat verteilten sich auf seinem zuckenden Körper, während er sterbend am Boden lag.

„Das glaube ich nicht!“, sagte sie und beugte sich über ihn. Sie roch sein Deo und das Parfum dieser Frau, die sie nur von dem Bild kannte.

Sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben ihn.

„Ich glaube, ich habe dir aus Versehen Erdnussöl gegeben. Sorry.“

Sie lehnte sich zurück und sah ihm beim Sterben zu.

Und sie war glücklich wie lange nicht mehr.

Dann nahm sie ihr Handy und wählte langsam die Nummer des Notrufs.