Von Ingo Pietsch

Las Vegas, 1994

Ich weiß nicht, wer mich damals geschaffen hat, aber es scheint ein tieferer Sinn dahinter zu stecken, als ich je erahnen werde.

Eigentlich brachte ich den vielen Jahrtausenden mehr Unglück, sodass ich mich doch eher nicht als Glücksbringer bezeichnen würde.

Rein äußerlich sehe ich aus wie eine geläufige Münze, denn ich kann meine Oberfläche beliebig verändern. Meine Form bleibt dabei aber immer dieselbe.

Auch fühle ich mich beständig warm an, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich wahrlich ein kleines technologisches Wunderwerk bin. Denn ich enthalte das Wissen vieler tausend Welten.

Momentan befinde ich mich in dem Geldbecher von Louise Fischer, die mit ihren Freundinnen einen Urlaubstrip in Las Vegas macht.

Sonst wurde ich in Halsketten getragen, auf Altären verehrt oder in Wanderstäbe eingebettet.

Allerdings kann ich nicht beschädigt werden. Kein Diamantbohrer oder Laserstrahl kann ein Loch in mich bohren und sogar der Versuch mich in einem Vulkan zu entledigen, ging fehl.

Ich bleibe nie lange verschollen. Als mich einst ein Pirat im tiefsten Meer versenken wollte, schnappte mich ein Fisch und dieser wiederum wurde gefangen.

Es ist wie ein endloser Kreislauf, der mich von einem zum anderen bringt.

So kam ich auch zu Louise – beim Bezahlen an der Supermarktkasse.

Hat man meinen wahren Wert erst einmal erkannt, lande ich meist in den Händen von Königen, Kaisern, Diktatoren oder anderen Herrschern.

Ich unterscheide nicht nach Gut oder Böse. Ich gebe nur mein Wissen weiter. Der bloße Kontakt mit mir erweitert den Horizont und die innere Motivation.

Dichtern, Denkern und Künstlern diente ich zur Inspiration.

Allerdings führte dies auch gegenteilig zu Hungersnöten, Epidemien und Kriegen.

Aber ich bin nur Mittel zum Zweck.

Ob ich mich dagegen schon einmal gesperrt habe?

Nein, dass kann ich nicht.

Auch wenn ich mir meiner eigenen Existenz bewusst bin, habe ich doch kaum einen Einfluss, auf das, was ich weitergebe. Zumindest momentan.

Bei Louise ist das etwas anderes. Sie ist, wie man sagt, einfach gestrickt. Glücklich verheiratet und macht sich keine Sorgen um das Morgen. Ihre Söhne sind erwachsen und schon längst ausgezogen und ihr geht es rundum gut.

Trotzdem hatte ich eine Art Gefühl ihr einen kleinen Schups zu geben.

Das kam in letzter Zeit häufiger vor und vielleicht hatte ich den Punkt erreicht, mich jetzt doch selbst zu verwirklichen und nach höherem zu streben. Wer weiß.

Louise hatte noch nie Urlaub gemacht und es sich einfach verdient.

Seit dem es technische Geräte gibt, kann ich sie beeinflussen und so war es ein Leichtes eine Reise bei einem Gewinnspiel zu organisieren.

Oder den einarmigen Banditen vor mir zu manipulieren, der nur noch eine Münze benötigt, um den ganz großen Jackpot auszuspucken.

Louise hat mich unwissentlich zusammen mit Cent- und Eurocentmünzen in einem Plastikbecher vermischt, und zieht in einer Tour an dem Hebel des Glücksspielautomaten.

Wenn man so möchte, überkommt mich ein Gefühl von Angst, in einem Pool von quasi wertlosem Metall zu landen und dann in irgendeinem Säckchen für unbestimmte Zeit zu versauern, bis ich wieder ins Weltgeschehen eingreifen kann.

Ach, was war es herrlich, als Pseudogottheit verehrt zu werden, der der Menschheit das Feuer oder das Rad gebracht zu haben.

Oh, jetzt werde ich überheblich.

Nein, das ist Stolz. Auf all das, was ich erreicht und geschaffen habe. Am Mitwirken der Geschichte einer ganzen Rasse.

Nur leider gilt das nur bis zu einem ganz bestimmten Punkt, den ein Volk erreicht hat, an dem es beginnt sich selbst zu zerstören.

Gier, Macht, Eigentum.

Alles wiederholt sich.

Aber ich werde immer da sein und aus der Asche etwas Neues aufbauen.

Doch jetzt gilt es erst einmal, Louise glücklich zu machen.

Da kommt so ein Typ auf uns zu.

Ich kann ihn natürlich nicht sehen, aber die Umgebung um mich herum analysieren.

Er scheint verzweifelt und spricht Louise an, ob er nicht einen 10 Dollarschein in Münzen wechseln kann.

In Louises Becher ist aber, auf den ersten Blick zu erkennen, kaum mehr der halbe Gegenwert enthalten.

Da Louise sowieso für heute aufhören will, tauscht sie einfach.

Oh, Mann! Hätte ich eine Stirn, hätte ich mich mir irgendetwas davor geschlagen!

Sie tauschen die Plätze und der Mann steckt gehetzt eine Münze, zum Glück nicht mich, in den Münzschacht.

Aber so ein versiffter, widerlicher Münzschacht ist bei weitem nicht das Widerlichste, in das je gesteckt wurde. Ich vibriere leicht.

Doch ehe er den Hebel ziehen kann, wird er von einer Frau gerufen.

„Jeffrey Preston Bezos! Komm sofort hierher!“

Jeffrey ist sich unschlüssig, springt dann aber doch sofort auf und eilt ihr mit schnellen Schritten entgegen.

„Du hast doch nicht unser letztes Geld in diesen Becher investiert! Wir wollten uns doch nur ein paar schöne Tage machen!“ Sie schüttete mich mit den Münzen in ihre Hand. „Na toll, ein Knopf, ein paar Dime und eine? Was ist das?“ Sie hält mich hoch und gegen das Schweinwerferlicht der Spielhalle.

Im selben Moment erklingt eine Gewinnermelodie, Sirenen gehen an und Blitzlichter zucken.

Louise hatte ein letztes Mal den Hebel betätigt und den Jackpott geknackt.

Jeffrey und seine Frau drehten sich zum Trubel um und beobachten Louise, wie sie einen Freudentanz aufführt.

„Ich hoffe, das war nicht dein Gewinn?!“, sie warf den Becher weg und betrachtet mich, wie ich im Licht glänze. „Queen of Amazon? Eine Gedenkmünze irgendeines alten Raddampfers. Das wird niemals was, mit deinem Buchhandel. Das kannst du vergessen. Niemand hat so viel Pech, wie du.“ Sie lässt mich fallen.

Schweißbäche laufen Geffrey übers Gesicht. Zu seinem Glück bückt er sich nach mir und steckt mich in seine Sakkotasche. Ihm wird ganz warm ums Herz dank mir.

So, Jeff Bezos, dann wollen wir deiner Frau und der Welt mal zeigen, wozu wir fähig sind …

Muhahahaha

 

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