Von Anni Spreemann

Ich liege verstreut auf dem harten kalten Boden. Meine Gliedmaßen wurden auseinandergerupft, wie die Federn eines Huhns. Mein Herz hat man mir entrissen und dennoch kann ich sehen, hören und denken. Seltsamerweise spüre ich keine Angst. Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Später als erwartet, aber er kam. Ich muss immerzu an die anderen denken. Sie werden sich Sorgen machen, weil ich nicht zurückkomme. Weil meine Worte kein Licht mehr in ihre Dunkelheit bringen. Mein Herr steht neben mir und schaut auf mich herab. Er zieht seine dreckigen Latexhandschuhe aus und betrachtet mein Innerstes. „Wir werden morgen weiter machen“, murmelt er und geht. Lässt mich erneut zurück. Das grelle Licht verschwindet, und die gewohnte Dunkelheit umhüllt mich. Ich kann nicht schlafen und vermisse die anderen.

Zwei Tage zuvor

Ich lehne an der kalten Wand, die mir vor Tagen alle Wärme aussaugte. Silberfische krabbeln über den Boden. Einige sind klein wie ein Stecknadelkopf, andere dick wie ein frischer Kerzendocht. Sie wirken träge. Doch sobald das Licht angeht, huschen sie wie aufgescheuchte Tauben davon. Es ist noch früh. Die Fensterscheiben sind schwarz. Ich bin mit 80 anderen auf 20m² zusammengepfercht. Wir warten auf unseren Herrn. Die einzige Möglichkeit, die hiesige stickige, feuchte Luft gegen frische einzutauschen. Ich gehöre zu den Glücklicheren. Außer am Wochenende darf ich täglich raus. Andere haben Pech. Sie wurden vergessen und gammeln vor sich hin. Staubbedeckt und ohne Luft sind sie stehen sie stumm im Raum. 

Wenn ich meine Arbeit unbeschadet erledige, darf ich hierher zurückkommen. Es ist gefährlich da draußen. Ich habe schon oft beobachtet, wie andere meiner Art gestorben sind. Hoffentlich geht der Kelch noch oft an mir vorüber. 

Ich verweile in der Ecke. Ohne Erlaubnis traut sich keiner an meinen Platz. Sie respektieren mich. Ich war der Erste und werde der Letzte sein. Hoffentlich. Ich bin erfahrender als die anderen. Ich kenne das Gefühl, über porösen Asphalt zu schlittern. Er kratzt tiefe Wunden, die nie wieder verheilen. Ich kenne das Geräusch, wenn Teile von mir wie dünnes Holz zerbrechen. Die Trauer, wenn ein Part meiner selbst für immer im Müll landet. 

„Er hat mich vergessen“, wimmert der kleine Puky neben mir. „Im Sommer hat er mich jeden Tag rausgeholt, doch jetzt habe ich seit einem Monat nicht mehr die Sonne gesehen.“

„Sei froh“, brummt Max der Sportliche. „Graue Wolken verhüllen die Sonne. Überall sind schlechtgelaunte Menschen. Jetzt ist es da draußen besonders gefährlich. Als es mich erwischt hat, ließ er mich den ganzen Tag einfach am Straßenrand stehen. Es hat geregnet. Ich fühle mich schon ganz steif und eingerostet. Hier ist es wenigstens trocken.“

„Aber es ist so dunkel“, sagt Puky. „Du bist ein Kinderrad. Sobald es wieder wärmer wird, wirst du draußen fahren“, sage ich tröstend.

„Meinst du wirklich?“

„Ganz bestimmt“, sage ich und spüre, wie das Kinderrad gegen mich fällt. Sein kleiner Lenker verhakt sich in meine Speichen. Ich überlege, welche Geschichte ich ihm erzählen soll, damit die Zeit schneller vergeht, doch ein dünner Lichtstrahl, der durch die Kellertür dringt, lässt mich verstummen. Es folgt Schlüsselklappern. Das Licht geht an. Für einen Moment bin ich blind. Fahrräder werden weggeschoben. Die Person kommt auf mich zu. Mein Herr! Mein Fahrer! Er bahnt sich einen Weg in meine Ecke. Endlich hat mich erreicht und entfesselt mich. Mit einem Klicken befestigt er seine schwere Tasche und schiebt mich hinaus. Meine Räder rollen und treiben das Dynamo an, sodass mein Licht freudig zu flackern beginnt. Gleich wird es hell genug sein, um zu strahlen. Alle schweigen. Ich spüre ihren Neid, dass ich raus kann, ihre Angst, ob ich zurückkomme, ihre Hoffnung, dass ich neue Geschichten mitbringe. Im Fahrstuhl werde ich untersucht. „Du brauchst neue Bremsklötze“, stellt er fest. Und neue Reifen, füge ich still hinzu. Der Gummi ist so dünn, dass der hintere Schlauch eiert. Ein spitzer Stein und ich bin platt. Kaputt. Unbrauchbar. Hoffentlich bemerkt er es bald. Er redet viel mit mir. Durch ihn habe ich die Welt kennengelernt. Ein paar Mal sind wir auch schon in Brandenburg gewesen. Bäume wurden zu Wäldern, Rasenstücke zu Wiesen. Als das gelbe Feld die blaue Decke über mir berührte, verstand ich, wie riesig diese Welt eigentlich ist. Draußen vor der Haustür lauert die Nacht. Die kahlen Bäume sind in gelbes Straßenlicht getaucht.

Der Wind pfeift durch meine Speichen. Sprühtröpfchen benetzen das Gestell und die Schutzbleche. Ängstlich betrachte ich die spitzen Steine, die noch vom letzten Frost auf den Gehwegen liegen. Das Gewicht meines Fahrers verteilt sich auf Sattel und Lenker. Seine Füße drücken gegen die Pedale. Jeder Tritt beschleunigt unser Tempo. Mein Frontlicht zerschneidet den düsteren Morgen. Wir verlassen den Fußweg und sind auf der Straße. Seit 16 Jahre sind wir ein Team. Erst war es die Schule, dann die Uni und jetzt die Arbeit. Normalerweise lenkt er mich sanft an allen Unebenheiten vorbei, umklammert den Lenker beim Pflasterstein, damit ich nicht den Halt verliere. Wir verschmelzen zu einer Einheit und rasen auf der grünen Welle durch Berlin. 

Doch heute ist es anders. Irgendetwas stimmt nicht. Trotz der Rennstrecke, welche durch die aufgehende Sonne immer mehr an Farbe gewinnt, sind wir zu langsam. Geradezu zaghaft. An jeder Ecke zieht er an den Bremsen. Wir werden zu spät zum Fahrradparkplatz ankommen. Dann wird das neue Blumenrad meinen Platz am Zaun besetzen. Es ist ein Jahr alt und denkt, ihm gehöre die Welt, weil es noch kein Kratzer hat. 

„Lahme Ente“, spottet ein Damenrad beim Überholen. Ich grolle. Normalerweise müssen selbst die E-Bikes vor uns weichen. Die nächste Ampel kommt. Es ist rot. Vor uns stehen drei Räder. Ich möchte den Lenker drehen und zur Startlinie rollen. Der Erste sein und die schnelle Fahrt genießen. Doch bei Grün ist der Tritt in die Pedale weich, kraftlos. Als die roten Rücklichter meiner Brüder und Schwestern kleiner werden, würde ich gerne frustriert schnaufen. Die nächste Ampel ist grün und ich habe keine Lust mehr zu schleichen. Ich konzentriere mich auf meinen Fahrer und beschwöre ihn. Ich will getreten werden. Hart. Fest. Schnell. Ich will endlich über die Straßen gleiten, als würde ich fliegen. Die Fahrradampel springt auf gelb. Er bremst. Nicht schon wieder. Die Autos haben noch grün. Absichtlich lockere ich die Bremsen, um über die Straße zu kommen. Mein Fahrer zieht an den Bremszügen, und ich habe keine Wahl. Das glatte Hinterrad stoppt und ich gerate ins Rutschen. Mein Fahrer springt ab. Plötzlich bin ich viel zu leicht, und hüpfe nach vorne. Hätte er mich nicht festgehalten, läge ich auf der Fahrbahn. Es ist rot. Ein Lkw biegt ab und berührt fast das Vorderrad. Sein heißer Motor fährt so nah an mir vorbei, dass die Wassertropfen auf meiner Metallstange verdampfen. Ich fühle mich wie eine Maus, dessen Herz 600-mal pro Minute schlägt. „Sachte, ich habe heute den Helm vergessen“, murmelt mein Fahrer und ich begreife. Mein Blick fällt auf das weiße Rad am Straßengeländer. Ich kenne es. Das blaue Rad war an mir vorbeigezischt. Das linksabbiegende Auto hatte ihn nicht gesehen. Ein Quietschen. Ein Rumsen. Ein Schrei. Laute Stille. So laut, dass man das menschliche Röcheln hörte. Nun steht es hier weiß angemalt und ist mit Blumen und Friedhofskerze dekoriert. Da ich meinen zerkratzten schwarzen Lack behalten will, zwinge ich mich zur Ruhe.

Wie jeden Tag begleitet uns der Linienbus ein Stück. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er wird auf der geraden Strecke langsamer, obwohl er es normalerweise nie tut. Auch mein Fahrer scheint etwas zu spüren und stellt das Treten ein. Die Fahrgäste sehen auf mich herab. Jede Faser meines metallischen Körpers lädt sich elektrisch auf. Plötzlich blitzt ein Auto hinter dem Bus hervor. Mein Vorderrad berührt den silbernen Lack. Er verbiegt sich als sei er aus Gummi. Der Lenker knackt als würde man über dünnes Eis fahren. Erschlafft schlage ich auf dem Asphalt auf. Es immer das Auto, das gewinnt. Meine Zeit als Fahrrad ist zu Ende.

Vielleicht.

Inzwischen wurde ich auseinandergenommen. Erfolglos hat mein Fahrer die verbogenen Teile aneinandergesteckt. Abwechselnd flucht und seufzt er. Oft schmeißt er das Werkzeug weg und verschwindet auf unbestimmte Zeit. Nun ist es Abend. Er lässt mein zerstückeltes Ich aufgefächert liegen. Ich ahne, dass er aufgeben wird. Irgendwann aufgeben muss. Er wird sich ein neues Rad kaufen und mich beseitigen. Dorthin, wo man mich vergisst. Für immer. Hätte ich Augen, würde ich weinen. Hätte ich einen Mund, würde ich schreien. Doch liege still und warte.

Eine Woche später.

„Wie neu“, brummt mein Fahrer und nickt zufrieden. Um mich herum liegen Kartons und Plastikfolien, in denen viele neue Teile für mich steckten. Die Kette ist geölt, der Luftdruck perfekt. Nichts klappert. Ich strahle. Heute Abend werde ich bei den anderen im Keller stehen und ihnen eine spannende Geschichte erzählen.  

V2