Von Raina Bodyk

„Papa, müssen wir bald sterben?“ Marie schaut ihren Vater über den gedeckten Mittagstisch besorgt an.

„Nein! Wie kommst du denn darauf?“

„Wir mussten gestern ausrechnen, wie viele Bomben ein Kampfflugzeug braucht, um fünf Gebäude zu zerstören, wenn drei für ein Haus nötig sind. Da habe ich Angst gekriegt.“

„Marie!“ Schockiert blickt Vater Gustav seine Kleine an. „Solche Aufgaben bekommt ihr!?“

Seine zehnjährige Tochter nickt, aber ihre Aufmerksamkeit ist bereits abgelenkt. Sie fixiert die dampfende Suppenschüssel mit finsterem Blick: „Och, Mama, ich mag keinen Eintopf.“

„Aber Marie-Schatz, du weißt doch, dass heute Eintopfsonntag ist. Es ist doch schön, wenn wir das, was wir beim Essen sparen, den armen Leuten spenden können.“

„Ja, schon, aber …“

Luise sieht ihre Tochter mit hochgezogenen Augenbrauen und mehr Strenge an, als sie empfindet: „Iss!“

Marie murrt, aber fängt an zu futtern. Plötzlich bleibt ihr Löffel auf halbem Weg zum Mund stehen: „Papa, hab‘ ich dir schon erzählt, dass der Vater von Rebecca kein Professor mehr ist? Er darf nicht mehr arbeiten.  Becca sagt, dass sie vielleicht bald verreisen. Sie hat aber nicht gesagt, wohin.“

„Das freut mich für deine Freundin und ihre Familie. Vielleicht fahren sie in den Süden, wo es im Winter schön warm ist.“

„Können wir sie da besuchen?“

„Sicher. Wenn unser klappriges Auto die Strecke schafft.“ Er sieht seine Frau betroffen an. Familie Grünberg also auch …

„Ich habe in der Schule ein Bild gemalt. Einen Bauernhof mit ganz vielen Hühnern. Das habe ich Becca geschenkt, weil sie wegzieht.“

 „Gut gemacht! Darüber freut sie sich sicher und wird immer an dich denken, wenn sie es anschaut.“

Lächelnd schauen die Eltern auf die Wand hinter dem durchgesessenen, samtgrünen Sofa. Da hängen die in lebhaften Farben gemalten Meisterwerke ihrer Tochter. Die Kleine ist begabt und sie sind unheimlich stolz auf sie.

Marie kichert geschmeichelt. Die Lehrerin lobt sie auch immer ganz doll. „Fräulein Töppel hat gesagt, wir sollen mit unseren Eltern in die Ausstellung im Hofgarten gehen, damit wir lernen, gute und schlechte Bilder zu unterscheiden.“

An den starren Mienen der Eltern kann sie abzulesen, dass diese von der Idee gar nicht begeistert sind.

„Mama! Sag Papa, dass er mit uns dahingehen soll. Ich will doch Malerin werden! Fast alle aus meiner Klasse waren schon da. Fräulein Töppel hat gesagt, es sei unsere Pflicht, weil wir Deutsche sind.“

„Also schön!“ Gustav und seine Frau Luise fügen sich seufzend. Nicht, dass es noch Gerede gibt …

Gottseidank, es schellt! Sie können das leidige Gespräch abbrechen: „Das ist bestimmt Blockwart Schultz, der die 50 Pfennig für das Winterhilfswerk einsammelt.“

 

***

 

Marie tänzelt aufgeregt zwischen ihren Eltern hin und her. Zum ersten Mal darf sie eine Ausstellung besuchen. „Schau mal, Papa“ und zeigt auf ein Plakat mit einer steinernen Skulptur.

Ausstellung
Entartete Kunst
19. Juli bis 30. November 1937

„Was ist entartet?“

Gustav drückt sein Gesicht seufzend in das füllige Haar seiner Tochter.“ Weißt du, Schatz, eigentlich ist Kunst für jeden etwas anderes. Trotzdem will unser Führer uns hier zeigen, dass es auch eine entartete Richtung gibt, also minderwertige oder schändliche Bilder. Er ist selbst Maler und weiß, was wertvolle Kunst ist: zum Beispiel romantische Landschaften, pflügende Bauern, Arbeiter und besondere Gebäude. Die Ausstellung soll uns zum guten Geschmack erziehen.“

„Und den hat der Führer?“

„Natürlich! Er sagt, ein echtes Kunstwerk bildet nichts Hässliches oder Böses ab. Vor allem soll man alles so malen, wie es in Wirklichkeit aussieht und nicht so, dass man nicht erkennen kann, was dargestellt ist. „

„Das versteh ich. Richtige Bilder mag ich auch am liebsten. Es ist gut, dass der Führer den Malern sagt, was sie machen sollen, damit sie ganz viel verkaufen können.“

Gegen so viel geschäftstüchtige Logik gibt es kein Argument und die drei marschieren, einander an den Händen haltend, vergnügt in die erste Halle.

Das Kind bleibt sofort erschreckt vor einem schwarz-weißen Bild stehen: „Guckt mal, das ist so traurig. Die Männer haben nur ein Bein oder nur einen Arm. Da sitzt einer im Rollstuhl.“

Die Mutter erklärt ihr: „Das sind ehemalige Soldaten, die im letzten Krieg schwer verletzt wurden. Dix, so heißt der Maler, will uns zeigen, dass Krieg sehr grausam ist und dass es nie mehr einen geben darf.“

Marie denkt angestrengt nach: „Das ist gut, dass er das tut. Warum will der Führer nicht, dass er das zeigt?“

„Es ist zu schrecklich. Die Leute sollen in diesen schweren Zeiten nur Schönes sehen, damit sie von ihrer Armut oder Arbeitslosigkeit abgelenkt werden. Aber du hast recht, man sollte sich immer daran erinnern, etwas Böses nicht zu wiederholen.“

Marie zieht die Eltern weiter. Mit weit aufgerissenen, faszinierten Augen dreht sie den Hals nach rechts und links, kann die vielen Eindrücke gar nicht so schnell aufnehmen. Ganz verstanden hat sie das mit der entarteten Kunst nicht. Sie findet das meiste richtig beeindruckend: Fröhliche Gesichter, aus bunten Kreisen und Dreiecken zusammengesetzt. Ein Brautpaar, das durch ein Sonnenblumenfeld fliegt. Gesichter, nur durch wenige Striche dargestellt. Wunderschöne blaue Pferde. Häuser, überwuchert von riesigen Ranken.

Aber auch verzerrte Grimassen, schreiende Menschen, die dem Mädchen Furcht einflößen.  Manche Gemälde haben gar kein Motiv, bestehen nur aus Farben – mal hell leuchtend wie die Sonne, mal finster und beängstigend. Manches sieht sogar so aus, als wäre es von Kindern gemalt.

Das Mädchen ist hingerissen, wie viel Gefühl aus den Bildern spricht. Sie sind ganz anders als die, die sie bisher angeschaut hat.

Sie entdeckt etwas Neues und ruft den Eltern zu: „Kommt mal her! Ich habe ein Bild mit lauter Lutschern gefunden.“

Gustav und Luise sehen sich amüsiert an. Was soll das jetzt heißen?

Marie zieht sie zur gegenüberliegenden Wand. „Hier. Das ist ganz toll. Da stecken lauter rote Lutscher in bunten Vierecken. Aber wenn man richtig hinguckt, sieht man Häuser, eine Mauer und dort einen Turm. Die Lutscher sind Rosen. Da steht es: ‚Paul Klee: Rosengarten‘. Er hat ein Geheimnis gemalt. Man muss ganz genau hingucken, sonst sieht man es nicht. Das versuch ich zuhause auch mal. Aber es sieht schwer aus.“

Gustav schaut seine Frau gerührt an. Beide freuen sich, dass ihre Tochter so ein echtes Gespür hat.

 

Neben ihnen steht ein alter Herr mit Spazierstock: „Aber Mädchen, das ist doch wohl nicht dein Ernst! Dieses Gekritzel ist eine Schande für das deutsche Volk. Nur kranke Geister produzieren so was. Hast du etwa schon mal solche Häuser und Rosen gesehen? Bestimmt nicht. Deshalb ist es auch keine Kunst.“

Marie macht schon den Mund für eine vorlaute, empörte Erwiderung auf. Aber die Eltern ziehen sie schleunigst fort und entschuldigen sich bei dem Mann. Wer weiß, wer das ist …

 

Im Nebenraum drängen sich die Besucher. Gelächter und Buh-Rufe dringen nach draußen. Gustav und Luise werfen einen neugierigen Blick hinein. Jede Wand ist mit überdimensionalen Schriftzügen ‚verziert‘:

 

Seelische Verwesung – Krankhafte Phantasien von Nichtskönnern, Psychopathen, Juden und Judenfreunden – Machwerke des Wahnsinns von Schwachsinnigen und Untermenschen …

 

Die beiden sehen sich entsetzt und voll Abscheu an. Da schiebt sich die kleine Gestalt ihrer Tochter zwischen sie: „Was ist hier so lustig? Warum klatschen die Leute? Und waren schimpfen manche? Papa, hebst du mich hoch? Ich kann gar nichts sehen.“

Die Eltern ziehen sie so schnell wie möglich weg. „Das ist auch gut so. Lauter dumme Sprüche, die man gar nicht erst lesen sollte. Sieh dich lieber hier weiter um.“

Was sich Marie nicht zweimal sagen lässt. Sie wundert sich nur, dass die Gemälde so lieblos und schief aufgehängt sind. Aber das kommt sicher daher, dass so viele Leute hier durchmarschieren.

Zwischen die Kunstwerke sind einzelne Phrasen hingeschmiert, wie: ‚Ausgeburten kranker Hirne‘ oder ‚Verräter am deutschen Volk‘.

Sie will fragen, aber ein Blick in die Gesichter der Eltern genügt und sie hält lieber ihren Mund. Die beiden sehen so grimmig aus. Hat sie was falsch gemacht?

Aber nein, sie lächeln sie an und wollen gehen. Marie hat so viel gesehen, dass sie gern bereit ist, sich zu einem Erdbeereis überreden zu lassen.

 

***

Zwei Tage später kommt Marie mit einem Päckchen nach Hause. „Schaut mal, Becca hat mir dieses Bild mit blauen Pferden geschenkt, weil mir die Pferde in der Ausstellung so gut gefallen haben.“

Vater und Mutter mustern sie seltsam: „Das hat sie dir wirklich geschenkt?“

„Ja, ihr Vater hat es ihr erlaubt, weil sie in eine andere Stadt ziehen. Aber nur unter der Bedingung, dass ich es niemandem außer euch zeige. Ich soll es verstecken, bis ich groß bin.“

Bewundernd hängen die Augen der Eltern an dem wertvollen Kunstwerk.

„Da hat sie recht. Dieses wunderbare Gemälde könnte gestohlen oder beschlagnahmt werden. Aber wenn du nach der Schulzeit eine eigene Wohnung hast, kannst du es aufhängen – als Andenken an Rebecca.“

 

***

 

Die alte Dame mit dem grauen, straff geflochtenen Haarknoten blickt versonnen durch die verblassten Gardinen nach draußen. Sie hat gerade ihren 91. Geburtstag gefeiert. Ihre Urenkelin hat ihr ein selbstgemaltes Blumenbild überreicht. Sie scheint sehr begabt.

Sie selbst ist keine Malerin geworden. Ihr Talent war leider nicht groß genug. Aber die Liebe zur Kunst ist ihr geblieben.

Ihre Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit. Sie erinnert sich noch ganz genau an ihre erste Ausstellung, die sie damals so beeindruckt hat. Wie gut, dass sie damals zu jung war, um zu verstehen.

 

Beccas Bild hat sie damals im Garten unter der Birke vergraben, sicher eingewickelt.

Später im Krieg wurden sie ausgebombt. Plötzlich gab es keine Straße, keine Häuser, keine Gärten mehr. Überall nur Schutthalden. Sie konnte Rebeccas Geschenk nicht wiederfinden. Es ist nie mehr aufgetaucht, so wie sie auch nie wieder von ihrer Freundin gehört hat …

Sie faltet die mit Altersflecken übersäten Hände und schließt die feucht gewordenen Augen.