Von Marianne Apfelstedt

Ein Blick aufs Handy zeigte Michael, dass es Zeit wurde sich für sein Date fertigzumachen. Die neueste Flamme Natascha, war zwar reichlich naiv, aber dafür überzeugte sie mit überirdischen Rundungen. Er hatte sie erst vor drei Tagen im Coffeeshop kennengelernt und gleich ein Date klargemacht. Das Bett war frisch bezogen und der Schampus kaltgestellt. Während das Badewasser einlief, suchte er seinen Duft für den heutigen Abend aus, sinnlich und sexy. Der Föhn lag griffbereit auf dem Ablagebrett, für das Styling der schwarzen Locken. Er entspannte im wohl temperierten Badewasser und tauchte unter, um sich den Schaum aus den Haaren zu spülen.

In diesem Moment jagte ein Düsenjäger über Frankfurts Randbezirke. Der Überdruck vibrierte im alten Gemäuer, vibrierte an der Wand, an der das Regalbrett mit dem Föhn befestigt war. Der Föhn rutschte langsam vom Regal und plumpste ins Badewasser. Leider war der Föhn eingesteckt. 

 

***

 

„Ja, packen sie den ganzen Kram ein. Wird alles eingelagert. Die Familie wohnt in der Schweiz und wird sich später darum kümmern. Die kommen erst zur Beisetzung.“

 

Die Hinterlasenschaft von Michael Engel wird verpackt. In einem der Kartons ist ein faustgroßes Loch. Beim Einräumen der Schachteln in den Transporter rutschen das Handy des Verstorbenen und mehrere Socken auf das Pflaster. 

 

Eine Flaschensammlerin sammelt die Socken auf, das Handy bringt sie ins Pfandhaus.

 

***

 

Simone betritt das Pfandleihhaus am Bahnhof und wendet sich hilfesuchend an den älteren Herrn hinter der Ladentheke. „Ich suche ein günstiges Smartphone.“

 

„Na da haben Sie aber Glück. Ich habe ein gut erhaltenes Samsung Galaxy s8“.

 

***

 

Nachdem Simone ihre Simkarte eingelegt hat, schaltet sie das Handy ein. Arya springt auf das Sofa, reibt ihren Kopf an Simone und fordert nachdrücklich Aufmerksamkeit.

 

„Hast bestimmt Hunger. Komm wir füllen deinen Napf auf.“ Schmunzelnd beobachtet sie, wie die Tigerin ihr Futter verschlingt. Zurück im Wohnzimmer nimmt sie wieder das Handy zur Hand. Mit der Anleitung aus dem Internet richtet sie das neue Smartphone ein.

 

„Was machst du mit meinem Handy?“

 

Vor Schreck landet das Handy auf dem Teppichboden. Simone sieht sich um. Woher kommt die Stimme?

 

„Du! Ich sitze jetzt direkt neben dir.“

 

Simone springt auf, sie sieht nichts. Langsam umrundet sie das Sofa, auch darunter ist nicht zu sehen. Argwöhnisch beobachtet sie die Couch.

 

Arya springt auf ihren Lieblingsplatz. Plötzlich dreht sie den Kopf nach rechts. Ihre Pupillen verengen sich, das Fell sträubt sich, doch dann fängt sie unglaublich laut zu schnurren an. Simone bekommt eine Gänsehaut, jemand ist im Raum. Arya schnurrt nur so laut, wenn sie gestreichelt wird.

 

„Wer ist da? Warum kann ich Sie nicht sehen? Wer hat Sie in meine Wohnung gelassen?“

 

„Hey, ich habe zuerst gefragt! Wo hast du mein Handy her?“

 

„Ich rede nicht mit Unbekannten, die ich nicht mal sehen kann.“ Simone stellt sich zwischen die beiden Bücherregale an die Wand. Mit den Händen tastet sie vor sich durch die Luft.

 

„Du kannst aufhören vor dir herumzuwedeln, ich sitze immer noch hier auf dem Sofa. Also, ich bin Michael Engel. Woher hast du mein Handy?“

 

“Das habe ich beim Pfandleihhaus am Bahnhof gekauft. Wieso kann ich dich nicht sehen?“

 

„Naja, ich bin vor kurzem gestorben. Da oben an der Pforte haben sie diskutiert, ich war wohl nicht immer ein netter Zeitgenosse, darum wollte mich der Pförtner direkt nach ganz unten schicken. Der Erzengel Michael hat ein Veto eingelegt, wegen Namensverwandschaft und so, deshalb bin ich jetzt auf Bewährungsprobe hier. Wenn ich einen Menschen glücklich mache, darf ich nach oben, sonst gehts nach unten.“

 

„Ich will dich hier nicht, los verschwinde! Bin schon glücklich genug.“ 

 

„Sorry, du hast mich jetzt an der Backe, bist mein Ticket nach oben.“

 

Simone beschließt, diesen Engel zu ignorieren, mal sehen, wer den längeren Atem hat. Sie steckt in der Küche eine Fertigpizza in die Mikrowelle und gießt sich einen Verbenen Tee auf. Mit der Pizza setzt sie sich an den Küchentresen und beißt in die Margarita.

 

„Was wollen wir nach dem Essen machen, Disko oder Kneipe? Was machst du, wenn du Spaß haben willst?“ 

 

Simone schweigt und kaut verbissen weiter.

 

„Ok, lass mich mal überlegen. Magst du lieber Männer oder Frauen als Partner?“

 

Simone verschluckt sich und bekommt einen Hustenanfall, japsend trinkt sie vom Tee.

 

Dieser Idiot! Männer sind doch alle gleich.

 

„Spinnst du? Meine Vorlieben gehen dich gar nix an, zumindest habe ich keine Vorliebe für Geister.“

 

Mist, das war wohl ein Fettnäpfchen, hilfreich das sie nicht weiß, dass ich ihre Gedanken höre, das bringt mir sicher einen Vorteil.

 

„Sorry, ich wollte dir nicht zu nahetreten. Komm schmeiß dich in schicke Klamotten, dann zeig ich dir die Stadt.“

 

„Kannst du allein machen. Ich schau jetzt den Tatort, dann geh ich schlafen, weil ich morgen um 6.00 Uhr im Laden sein muss.“

 

Sie stellt den Fernseher laut und ignoriert den ungebetenen Gast.

 

Ausgerechnet so eine verschlossene Auster muss ich erwischen. Dann werde ich mich mal aufs Beobachten verlegen. Eigentlich ist sie ja recht hübsch mit den blauen Augen, die funkeln, wenn sie wütend wird. Auf jeden Fall suche ich ihr einen Partner.

 

Am nächsten Morgen beäugt Simone misstrauisch ihre Wohnung. Kein aufdringlicher Geist zu hören.

 

War bestimmt nur ein Traum.

 

Nach dem Duschen schlüpft sie in Jeans und T-Shirt. Im Bäckerladen ist schon jede Menge zu tun. Auf dem Weg durch die Backstube nimmt sie die noch warmen, duftenden Croissants mit zur Ladentheke. Die Zeit vergeht wie im Flug, während der Mittagspause setzt sie sich hinter das Haus auf die Gartenbank.

 

„Hier ist es gemütlich.“

 

Oh nein, der Quälgeist schon wieder.

 

Simone verdreht die Augen „Verschwinde, wenn jemand sieht, wie ich mich mit der Luft unterhalte schicken sie mich ins Irrenhaus.“

 

„Musst ja nicht mit mir reden, wenn jemand kommt. Wie lange musst du arbeiten?“

 

Bevor Simone antwortet schaut sie sicherheitshalber um die Ecke, „16.00 Uhr.“

 

„Prima, bis später!“

 

***

 

Kaum hat sich Simone eine bequeme Jogginghose und ein T-Shirt angezogen, klingelt es an der Tür. 

 

„Einmal Pizza Vegetaria, macht 9,50€“

 

Überrumpelt kramt Simone 10 € hervor und gibt sie dem Pizzaboten.

Ich habe doch keine Pizza bestellt, aber bei dem Duft bekomme ich mächtigen Hunger.

 

„Ich dachte, nach dem langen Arbeitstag hast du bestimmt Hunger. Nachdem du weder Wurst noch Fleisch zu Hause hast, habe ich lieber eine vegetarische Pizza bestellt. Du hast unser Handy vergessen, glücklicherweise kann ich ja telefonieren.““

 

„Schmeckt echt lecker war ne gute Idee. Ich liebe Pizza.“

 

Vielleicht war der Geist doch nicht so übel, auch mal schön wenn zu Hause nicht nur Arya wartet. 

 

***

 

Einige Wochen später, nach Partys, Ausstellungen und einigen Events in Frankfurts City. In einer Cocktailbar, die am Samstagabend jede Menge Nachtschwärmer beherbergt.

 

Wieso habe ich mich überreden lassen, ich war noch nie in einer Bar. Ich fühl mich wie ein rosa Kaninchen im Löwenkäfig. Aber die Musik ist wirklich gut. Wusste gar nicht, dass es hier so leckere Cocktails gibt.

 

Simone saugt genüsslich mit geschlossenen Augen am Strohhalm und spürt, wie die aromatische Kokosmilch ihre Kehle hinunterrinnt. Als sie den Strohhalm loslässt, bleibt ein Tropfen an den ungeschminkten Lippen hängen, den sie mit der Zunge ableckt. Sie öffnet die Augen und blickt in grüne Katzenaugen.

 

„Schau mal der Blonde da drüben schaut zu uns her. Der will mit dir Flirten, schenk ihm ein Lächeln,“ hört sie ihren Quälgeist nah an ihrem Ohr flüstern.

 

Simone zieht die Stirn in Falten und lächelt gezwungen. Suchend blickt sie die Theke entlang. Der Blonde prostet ihr von weitem zu. Jetzt steht er auf und kommt tatsächlich zu ihr herüber. 

 

„Hi ich bin Tim. Was trinkst du? Ich lade dich ein.“

 

Die Barkeeperin zwinkert Simone zu. „Das war ein Uma Thurmanns Kiss.“

 

„Prima, dann einen Kiss für die niedliche Lady und für mich einen Cuba Libre.“

 

***

 

Zwei Kisses später in einer Seitengasse. 

 

„Bist du noch nicht fertig? Ihhhh, doch nicht auf mich!“

 

„Tschschsch, Schuldigung, hups….“

 

„Wähl mal die Taxizentrale, ist gespeichert im Handy. Halt still, ich bestell dir ein Taxi. Du schaffst das nie bis nach Hause.“

 

***

 

Spät am nächsten Nachmittag, nach mehreren Aspirin und zwei Tassen Kaffee sitzt Simone mit noch immer brummendem Schädel auf dem Sofa.

Nie wieder Cocktails, oder gleich nie mehr Alkohol.

 

„Ich glaube du brauchst eine Verschnaufpause. Ich mach einen Ausflug ohne dich in die City. Bis später!“

 

Tja, den hübschen Tim hat sie definitiv vergrault. Macht nix. Nächstes Wochenende gehen wir auf eine Halloween Party, dort gibt’s bestimmt jede Menge Auswahl für meine Auster.

 

**

 

Simone ist gerade dabei die leeren Körbe auszuklopfen und die Theke zu wischen, als vor dem Bäckerladen ein Motorrad anhält. Als sie fertig ist legt sie die Schürze in den Wäschesack und schlüpft in ihren Parka.

 

„Ich geh gleich vorne raus,“ ruft sie nach hinten in die Backstube. Schwungvoll öffnet sie die Ladentür und bleibt überrascht auf der Treppe stehen. 

 

„Hallo Cocktail Lady, ich warte auf dich. Lust auf eine Spritztour?“

 

Simone grinst wie ein Lebkuchenpferd. Als sie in grüne Katzenaugen blickt, durchströmt sie ein Schauder und ihr wird ganz leicht ums Herz. Vergnügt hüpft sie die Stufen der Ladentür hinunter.

 

„Du fährst Motorrad, wenn du keine Cocktails mixt?“

 

Die Barkeeperin lächelt Simone strahlend an, streicht sich die rabenschwarzen kurzen Haare hinters Ohr und setzt Simone einen Helm auf.

 

Neben der Ladentür flirrt die Luft, ganz kurz ist ein junger Mann mit schwarzen Locken zu sehen, der zufrieden lächelnd den beiden Frauen auf dem Motorrad hinterhersieht.